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  Rundbrief Nummer 40  
San Francisco, den 02.06.2002


Abbildung [1]: Irgendwo schmurgelt immer was Feines

Aber zurück zum Ausgangspunkt unserer Reise: In Tokio kann man vor allem zwei Dinge: einkaufen und essen. Wir waren eine Woche lang dreimal am Tag essen, ohne dieselbe Kneipe zweimal aufzusuchen. Dabei ist Essen gehen als Tourist gar nicht so einfach, denn die Speisekarten sind meist nur auf japanisch ausgehängt. Und selbst wenn man wie wir recht fließend Hiragana und Katakana lesen kann und viele japanische Gerichte beim japanischen Namen kennt, hilft das meist nichts, denn die Karten sparen nicht mit Kanjii-Zeichen, von denen man etwa 3000 können muss, um einigermaßen Zeitung lesen zu können. Wir können etwa 80 Kanjii -- und das reicht bei weitem nicht, um auch nur die Speisekarte einer Sushi-Spelunke zu verstehen.

Auf Nachfrage beim Ober (auf japanisch natürlich) stellt sich aber dann manchmal heraus, dass es irgendwo eine englische Speisekarte gibt oder eine Sushikarte mit Bildern drauf. Das stellte sich am ersten Abend als Rettung heraus, denn auf etwas zu deuten und dann zu sagen "Davon bitte zwei", das können wir. Notfalls kann man den Ober auch mit nach draußen ans Schaufenster schleppen und die auf die dort präsentierten Plastikessensattrappen deuten. Während Abbildung 4 die Auslage einer Wirtschaft mit ziemlich europäischem Essen zeigt, könnt ihr in Abbildung 5 das Schaufenster eines Ladens sehen, der die Plastikteilchen an die Gastronomie verkauft. Ein einziges dieser täuschend echt nachgemachten Sushiteilchen kostet mehr als 5 Euro, ein Bierglas mit Plastikbier und -schaum über 30!

Abbildung [4]: Restaurant mit Plastikessen-Schaufenster

Abbildung [5]: Geschäft für Plastikessen

Eines Abends irrten wir in der Innenstadt herum, konnten aber die im Reiseführer empfohlene Spelunke nicht finden und suchten schließlich kurzerhand eine gutaussehende Sushibar aus. Dazu muss man sagen: Wenn man in Tokio eine U-Bahn oder eine Kneipe betritt, ist man bis auf ganz seltene Ausnahmen der einzige Weiße dort. Aus San Francisco sind wir schon sehr daran gewöhnt, dass immer eine bunte Mischung aus Leuten herumlungert, in Japan ist uns gleich am ersten Tag aufgegangen, dass wir weit und breit die einzigen Westler waren. Japan besteht zu fast 100% aus Japanern. Als wir die Bude betraten, hangen nur Japaner in Anzügen rum, die nach Feierabend (typisch: nur Männer und im Anzug) gern essen und zur Entspannung nach einem harten Arbeitstag mit den Kollegen einen heben gehen. Alle waren geschockt, als wir reinschlichen. Wir kamen uns vor wie im Zoo. Und das in Downtown Tokio, das muss man sich mal vorstellen! Ich wette, dass sich in den letzten Jahren in diese Bude kein Westler verirrt hat. Wir bekamen einen Tisch etwas abseits vom Geschehen und fragten den jungen Ober auf japanisch, ob er denn eine englische Speisekarte hätte. Der lachte und sagte nur ein Wort: "Nothing!". Ah, ja.

Wir bestellten vorsichtshalber ein Bier und schlossen messerscharf, dass es in diesem Laden wohl eine Sashimi-Kombination (nur roher Fisch ohne Reis) geben müsse. Begeistert nickte der Ober. Wir bestellten zwei, aber nachdem er uns entsetzt ansah, dann doch nur eins. Kurze Zeit später kam er damit angefahren und das waren wirklich abgefahrene Fische -- einer davon ein Süßwasserfisch, von denen man eigentlich wg. Lebensmittelvergiftungsgefahr kein Sashimi essen sollte, aber wir putzten es natürlich weg. Wir hörten die Angestellten schon tuscheln, aber alle waren begeistert, als wir von einer Bedienung zwei angebotene Gabeln ablehnten und mit den auf dem Tisch liegenden Stäbchen aßen. (Eigentlich lachhaft, ich kann selbstverständlich sogar daumengroße Entenstücke mit (!) Knochen oder eine Schüssel trockenen Reises mit Stäbchen essen.) Auch lobte ich das Sashimi mit "Oishii desu!" ("Das ist sehr wohlschmeckend!"), worauf wir hörten, dass eine Bedienung den kurzen Satz ihren Kollegen freudig ein paarmal wiederholte.

Abbildung [6]: Die Notiz, die der Kellner in der Sushi-Spelunke brachte

Abbildung [7]: Michael schreibt frech auf japanisch zurück, dass er noch ein Bier möchte.

Dann kam der Ober mit einem Stift und ein paar Zetteln, auf derem obersten (von jemand anderem, wahrscheinlich einem englischkundigen Gast geschrieben) stand, dass, wenn wir noch was wollten, es vielleicht aufschreiben sollten (Abbildung 6). Wir lachten und ich schrieb auf japanisch "Bitte ein Bier" (in japanischem Krickelkrackel) und das warf alle völlig um, wir bestellten und aßen noch ein Tempura und wollten schon zahlen, da kam noch eine Platte mit Rindfleischröllchen um etwas wie Kartoffelsalat auf Kosten des Hauses und wir erzählten in unserem sehr gebrochenem Japanisch, dass wir aus Deutschland kämen und nicht etwa in Japan arbeiteten, wie vermutet wurde. Alle waren begeistert, ich glaube wir haben vorbeugend für gutes Wetter in den deutsch-japanischen Beziehungen gesorgt, als Vorarbeit für die bald eintreffenden Fußballrowdies -- da werden sich die Japaner noch umschauen, das gibt eine Katastrophe, die haben keine Ahnung, was da auf sie zukommt!

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