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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 121  
San Francisco, den 20.08.2017
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Abbildung [1]: Michael fährt das Mietfahrrad Probe.

Michael Seit San Franciscos kriminelle Gehwegcamper in unsere Garage eingebrochen sind und mein Fahrrad geklaut haben (Rundbrief 12/2014, Rundbrief 02/2016), habe ich dem Fahrradbesitz abgeschworen. Hin und wieder juckt's mich allerdings schon, eine kleine Spritztour zu unternehmen, mal schnell runter in den Stadtteil Mission zu brausen, um mexikanisches Essen zu holen oder nur mal so am Abend kurz vor Sonnenuntergang zum Vergnügen herzumzudüsen und Fotos von ulkigen Menschen in peinlichen Situationen zu schießen.

Abbildung [2]: Einige Stellplätze sind immer leer, damit ankommende Kunden ihren Drahtesel einstellen können.

Das GoBike-Programm war mir ein Begriff aus San Franciscos Finanzdistrikt, wo hier und da ein Dutzend bekorbter Omafahrräder vor Abschließeinrichtungen ähnlich dem Kofferkuliautomat am Flughafen stehen, die man angeblich nach dem Bezahlen eines Jahresmitgliedbeitrages freisetzen und damit herumfahren kann. Ausprobiert hatte ich das Angebot nie.

Letzte Woche rollten dann direkt vor unserem Mietshaus mir-nichts dir-nichts plötzlich Bauarbeiter an, stellten Parkverbotsschilder auf, und fingen an, einen infernalen Lärm zu erzeugen. Bevor die Nachbarn erraten konnten, was dann da wohl gebaut wurde, war die Installation fertig, und siehe da: Eine große Litfassleinwand pries ein sogenanntes "Bike Sharing" an, und ein halbes Dutzend Fahrräder standen bereits zur sofortigen Nutzung bereit.

Abbildung [3]: Mit der Smartphone-App bezahlt der Kunde und entriegelt sein Leihfahrrad.

Der Fahrradkuli steht ohne Schmarrn 10 Meter von unserer Haustür entfernt und frisst drei Parkplätze auf, worüber die Nachbarn im Nachbarschaftsforum "Nextdoor" (Rundbrief 09/2014) voll ausflippten, wohl auch weil die Stadt den Deal mit der vom Autobauer "Ford" geponserten Verleihfirma "Motivate LLC" heimlich still und leise abgewickelt und die Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Egal, unsere beiden Autos stehen ja in der Garage, und ich dachte mir, dieses neumodische Ding muss ich jetzt gleich mal ausprobieren. Also installierte ich die Telefon-App, bezahlte 3 Dollar für eine Einzelfahrt, wählte ein Omafahrrad aus und drückte den App-Knopf zum Entriegeln. Die App zeigte nun einen 5-ziffrigen Code aus den Zahlen 1-3 an ("31131" glaube ich), den ich über die drei Zifferntasten am Dock (Abbildung 4) eingab, worauf das schwere Schloss schnackelte und das Fahrrad heraussprang. Ich düste etwa 20 Minuten damit herum, runter in den Stadtteil Mission und dann ächzend wieder den Berg hoch. Alles in allem ein gelungener Start.

Abbildung [4]: Am Fahrrad-Dock muss der Kunde den Code eingeben, damit dieses das Fahrrad entsperrt.

Insgesamt wird "Ford GoBike" in den nächsten Monaten 2.000 Fahrräder in der Stadt San Francisco installieren und nochmal 1.500 in der East Bay. Eine Einzelfahrt von einer Station zur nächsten darf höchstens 30 Minuten dauern, dann kostet sie 3 Dollar. Behält der Radler das Fahrrad länger, kostet jede weitere Viertel(!)-Stunde nochmal 3 Dollar. Der Trick, mit dem die Firma trotz niedrigen Preisen (wahrscheinlich) dennoch schwarze Zahlen schreibt, ist, dass die Fahrräder nie länger als 30 Minuten auf der Straße sind, anschließend stehen sie wieder in einer Station und neuen Kunden zur Verfügung.

Ein Tagespass kostet 10 Dollar, ein 3-Tages-Pass 20 Dollar, berechtigt aber jeweils nur zu einer unbegrenzten Anzahl von 30-Minuten-Kurzfahrten. Wichtig: Alle halbe Stunde muss das Fahrrad also wieder an einer der etwa 100 über die Stadt verstreuten Parkstationen eingestellt werden. Und man kann nicht irgendwo in ein Museum oder einen Laden gehen, um dort einzukaufen, denn man kann das Fahrrad ja nicht absichern, und das Absperren mit einem mitgebrachten Schloss ist explizit in den Nutzungsbedingungen nicht erlaubt. Das Programm hilft also nur Leuten, die schnell mal 1 oder 2 Kilometer von A nach B radeln wollen, wobei sowohl bei A als auch B eine Fahrradstation in der Nähe ist. Da man auch jährlich 149 Dollar zahlen kann, bietet sich das vielleicht für Pendler an, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einer Haltestelle mit Fahradstation fahren, dort ein Fahrrad entriegeln und zu einer Fahrradstation fahren, die einen Straßenblock vom Zielort entfernt ist. Vorausgesetzt, es führt eine Straße mit Radweg dorthin, denn als Radfahrer in San Francisco muss man höllisch aufpassen, dass man nicht über den Haufen gefahren oder von der aufschwingenden Tür eines geparkten Autos erfasst wird. Also: Helm mitbringen und auch aufsetzen!

Obamacare überlebt

Abbildung [5]: US-Bürger protestieren gegen die geplante Abschaffung von Obamacare (Foto: stephenmelkisethian).

Angelika Jeden Tag empfangen wir neue Hiobsbotschaften aus dem Weißen Haus. Es kommt uns so vor, als befänden wir uns in einer schlechten Fernsehshow. Doch trotz des täglichen Dramas herrscht politischer Stillstand. Obwohl die Republikaner über solide Mehrheiten im Repräsentantenhaus und Senat und über einen republikanisachen Präsidenten verfügen, geht nichts vorwärts, weil die Republikaner untereinander so zerstritten und die eigenen Flügel in der Partei so extrem sind, dass Kompromisse aussichtslos erscheinen.

Das ist auf den ersten Blick gut für die Bevölkerungsgruppen, die weder Trump gewählt haben noch der republikanischen Politik nahe stehen. Aber auf der anderen Seite geht alles den Bach runter. Selbst aus dem Versprechen, die Infrastruktur zu verbessern, ist noch nichts geworden, obwohl eine breite Mehrheit das für notwendig erachtet. Wer jeden Tag wie ich die Löcher in Kaliforniens Highways umfahren muss, um sich keinen platten Reifen zu holen, weiß, wovon ich spreche.

Trump hatte fest vor, Obamacare zu kippen, aber trotz massiven Feilschens und Drohens liegt die Sache jetzt auf Eis. Statt dessen wollen die Republikaner jetzt das amerikanische Steuersystem reformieren, was Experten für eine totale Utopie halten. Das amerikanische Steuersystem ist eines der komplexesten der Welt (ich übertreibe nicht!) mit vielen Sonderabschreibungen und Schlupflöchern. Es wäre also durchaus sinnvoll, es zu vereinfachen. Allerdings haben die Republikaner keine bessere Idee als Steuererleichterungen, und zwar hauptsächlich für die Superreichen und Firmen. Eine richtige Reform bräuchte aber Steuererleichterungen, müsste Schlupflöcher schließen und mehr Steuern erheben, um den Staatshaushalt aufzubessern, sowie eine gerechtere Umverteilung der Steuerlasten zu erreichen.

Abbildung [6]: Demokratische Politiker setzen sich ein für die Beibehaltung von Obamacare (Foto: stephenmelkisethian).

Aber ich schweife ab. Ich wollte ja eigentlich von der gescheiterten Gesundheitsreform berichten. Warum ist diese nicht durchgegangen, obwohl die Republikaner über eine Mehrheit verfügen? Zunächst einmal ist es immer einfacher, etwas zu kritisieren, als mit etwas Neuem daher zu kommen. Sieben Jahre lang haben republikanische Politiker zwar über Obamacare gewettert, sich aber nie die Mühe gemacht, einen ernsthaften Gegenvorschlag zu entwickeln.

Als sie dann endlich zum Zug kamen, schusterten sie etwas zusammen, das durch die Hintertür wieder Steuerentlastungen für die wohlhaberenden Amerikaner bedeutet hätte, denn Steuern, die mit der Einführung von Obamacare auf höhere Einkommen und Vermögen erhoben worden waren, sollten wieder eingestampft werden. Von dem Verlust der Krankenkasse für Milionen Amerikanern ganz zu schweigen. Wie das? Viele wissen nicht, dass unter Obamacare das staatliche Krankenversicherungsprogramm "Medicaid" in 32 Bundesstaaten stark erweitert wurde. Ich habe schon einmal über die staatlich gesponserte Krankenkasse für die Ärmsten der Armen geschrieben (Rundbrief 03/2005). Washington hatte die einzelnen Bundsstaaten unter Obama mit starken Finanzspritzen gelockt, falls sie einwilligten, mehr ihrer einkommensschwachen Bürger über Medicaid krankenzuversichern. Denn Medicaid finanziert sich durch Steuern des jeweiligen Bundesstaates und des Bundes. 32 Bundesstaaten nahmen das Angebot an und lockerten ihre Bedingungen, sodass nun mehr Bürger mit geringen Einkommen Medicaid erhalten. 11 Millionen Bürger wurden unter dieser Regelung landesweit zusätzlich krankenversichert. Ist man unter Medicaid versichert, zahlt der Versicherte in der Regel keine Krankenkassenbeiträge und ist auch von Praxisgebühren befreit.

Abbildung [7]: Ein Obamacare-Anhänger möchte keine Trumpcare (Foto: johnmflores).

Kalifornien weitete sein Medi-Cal-Program (in Kalifornien heißt Medicaid Medi-Cal) besonders großzügig aus. Dort waren 2016 insgesamt 12.2 Millionen Kalifornier durch das staatliche Medi-Cal-Programm krankenversichert. Eine Rekordzahl, wenn man bedenkt, dass Kalifornien nur 30.25 Millionen Einwohner hat. 2016 erhielt ein 4-Personen-Haushalt die staatliche Versicherung in Kalifornien, wenn das Einkommen 33.534 Dollar oder weniger betragen hat. Einzelpersonen dürfen nicht mehr als 16.395 Dollar im Jahr verdienen, um Zugang zu Medi-Cal zu erhalten. Das entspricht 138% der Armutsgrenze (FPL = Federal Poverty Level). Allerdings gelten in Kalifornien höhere Einkommensgrenzen für Schwangere (Einkommen zwischen 138% und 213% der Armutsgrenze) und Kinder unter 19 (Haushalte mit Einkommen bis zu 266% der festgesetzten Armutsgrenze).

Den Republikanern war das Medicaid-Versicherungsprogramm schon lange ein Dorn im Auge und so planten sie, nicht nur Obamacare zurückzurollen, sondern gleich noch starke Kürzungen dieses Sozialprogrammes vorzunehmen. Die nun gescheiterten Gesetzesvorschläge sahen vor, den Geldhahn für die Erweiterung der Medicaid-Programme zuzudrehen, d.h. die Bundesstaaten hätten keine zusätzlichen Gelder mehr erhalten, um weiterhin einen höheren Anteil ihrer Bürger über Medicaid zu versichern. Außerdem war vorgesehen, dass jeder Bundesstaat einen festen Betrag für seine Medicaid-Programme per Medicaid-Berechtigten erhalten sollte.

Zur Zeit gilt, dass ärmere Bundesstaaten oder Bundesstaaten mit höheren Gesundheitsausgaben mehr erhalten. Kalifornien erhält zur Zeit zum Beispiel 64.1% aus Washington während Wyoming nur 51.1% bekommt. Genau diese geplanten Einschränkungen des Medicaid-Versicherungsprogramms führten aber unter anderem dazu, dass die republikanischen Senatorinnen Susan Collins aus Maine and Lisa Murkowski aus Alaska gegen den gesamten Gesetzesentwurf stimmten. Auch John McCain sagte zum guten Schluss nein. Also bleibt zunächst alles beim Alten. Problematisch ist nur, dass Obamacare tatsächlich dringend Nachbesserungen braucht, damit die Krankassenbeiträge nicht in schwindelerregende Höhen steigen und der Versicherungsmarkt nicht zusammenbricht. Trump kündigte aber an, dass er es gerade darauf ankommen lassen will.

Öffentliche Bücherschränke

Abbildung [8]: Kostenlose gebrauchte Bücher im öffentlichen Bücherschrank bei uns um die Ecke.

Angelika Bei uns um die Ecke auf der Chattanooga Street steht vor einem Haus ein Holzkästchen, das wie ein Vogelhäuschen aussieht. Hier laben sich aber nicht Vögel im Winter, sondern lesehungrige Nachbarn, es handelt sich nämlich um eine öffentliche Bücherbörse.

Wer sein ausgelesenes Buch nicht ins Altpapier werfen oder im Bücherregal verstauben lassen will, kann es in den Kasten stellen und ein gleichgesinnter Leser nimmt es später mit. Jeder darf kostenlos Bücher einstellen und mitnehmen. Naiv dachte ich: Da hatte aber einer unserer Nachbarn eine ganz reizende Idee, bis ich bei meiner Recherche im Internet heraus fand, dass es diese sogenannten öffentlichen Bücherschränke mittlerweile in vielen Ländern, also auch in Deutschland gibt.

Abbildung [9]: Na, wer hat denn da eine deutsche DVD reingelegt?

Den Trend habe ich wohl verschlafen. In den USA startete ihn Todd Bol aus Hudson in Wisconsin. Er stellte das erste Vogelbücherhäuschen in seinem Vorgarten im Jahr 2009 auf. Mitllerweile hat er einen gemeinnützigen Verein mit dem Namen "Little Free Library" gegründet. Die Website des Vereins zeigt an, wo es in den verschiedenen Ländern und Städten öffentliche Bücherschränkchen gibt, vorausgesetzt, die Besitzer des Schränkchens haben sie dort registriert. Handwerklich Ungeschickte können über den Verein auch fertige Bücherkästen bestellen.

In letzter Zeit haben Michael und ich des öfteren deutsche Bücher und DVDs in das Bücherschränkchen auf der Chattamooga Street eingestellt, was immer zu einigen spannungsreichen Tagen führt: Wer wird sich der deutschen Bücher erbarmen? Michael würde natürlich am liebsten eine Kamera installieren, um zu sehen, wer sich unsere deutsche Lektüre nimmt. Unsere DVD-Serie "München 7" lag lange im Schränkchen herum, aber eines Tages war sie dann doch weg und bei uns fing wieder das Spekulieren an. Auf jeden Fall sind diese öffentlichen Bücherkästen eine klasse Idee.

Router oder Rooter?

Abbildung [10]: Das ist ein Rooter ("Ruh-ter"). Der Name einer amerikanischen Klempnerfirma, die sich seit 82 Jahren auf verstopfte Rohre spezialisiert.

Michael Manchmal höre ich jemandem zu, der ganz normal spricht, und urplötzlich denke ich, ich spinne, weil mein Gegenüber ein Wort ganz offensichtlich falsch ausspricht. Bei Kanadiern geht mir das oft so, die sprechen eigentlich ganz passables amerikanisches Englisch, und auf einmal rutscht ihnen ein falsches Wort rein: Hat der gerade "aboot" statt "about" gesagt? Zack! Bloßgestellt! Entlarvt als Nicht-Amerikaner, zum Totlachen!

Neulich berichtete der Sprecher der deutschen Tagesschau über einen Hackerangriff auf Geräte in Computer-Netzwerken und ich denke, ich falle vom Sofa, weil er "Rooter" statt "Router" sagt. Dabei weiß doch jedes Kind, dass man das Wort "Rau-ter" ausspricht, ein "Ruh-ter" ist eigentlich kein Wort, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich um eine Art Bohrer handelt, mit dem man Abflüsse reinigt indem man zur Wurzel (Root) der Verstopfung vordringt, wie das die Firma "Roto-Rooter" in Amerika seit 82 Jahren auch erfolgreich tut.

Abbildung [11]: Das ist ein Router ("Rau-ter"). Er leitet Pakete durchs Netzwerk.

Diese falsche Aussprache scheint in Deutschland gang und gäbe zu sein. Scheinbar findet man es dort schick, der absurden britischen Diktion zu folgen, statt der naturgegebenen amerikanischen. Wahrscheinlich sagt man in Deutschland auch "Tomahto" statt "Tom-ay-to", und "Gärrätsch" statt "Gar-ah-sch", und "frustrayyyy-ting" statt "frus-trating", völlig übergeschnappt, die Leute! Gut, britisches Englisch hat einen festen Platz in Comedy-Serien, es sorgt einfach für Erheiterung, wenn irgendein Schnösel so affektiert wie Austin Powers daherredet, aber im Alltag wirkt es doch nur albern. Da mal drüber nachdenken, meine deutschen Englischlerner!

Skateboard-Tricks: Der Ollie

Abbildung [12]: Ein Ollie, gesprungen von einem erfahrenen Skateboarder (Quelle: Wikipedia)

Michael Im Rundbrief 10/2016 habe ich euch schon von meiner neu erwachten Leidenschaft erzählt, mit dem Skatboard durch San Francisco zu sausen. Dazu müsst ihr nun noch wissen, dass ich in meiner Jugend in den späten 1970ern in Deutschland zwar mit einem Skateboard und Karacho die Hügel in Augsburgs Stadtteil Kriegshaber runtergebraust bin, allerdings hatte ich nie Kontakt zu richtigen Skateboard-Gangs, in denen ich irgendwelche Tricks hätte lernen können. Der Sport war in Deutschland damals einfach zu exotisch.

Beim urbanen Skateboardfahren in Amerika geht es vor allen Dingen darum, größere Stadtstrecken zu überwinden, also von A nach B zu kommen und dabei etwaige Hindernisse wie Randsteine, Behindertenrampen oder Treppenabsätze möglichst schwungvoll und elegant zu überwinden. Kids in Kalifonien lernen schon im Vorschulalter, wie man über einen hohen Randstein abfährt, ohne dass das Board mit der Vorderkante auf der Straße steckenbleibt und der Fahrer mit der Kinnlade bremst. Der Trick dabei: Das Brett (Deck) eines Skateboards wölbt sich vorne und hinten nach oben, und wenn man den Fuß hinten draufstellt und runterdrückt, hebt sich die Vorderseite des Boards und man fährt horizontal über den Randstein auf die Straße ab. Die Vorderräder bleiben in der Luft bis die Hinterräder über die Kante runterfallen. Das sieht sehr cool aus, besonders wenn man dabei unbeeindruckt schaut, so, als machte man das 100 Mal am Tag.

Abbildung [13]: Ein simpler Trick, und das Skateboard eines Könners hebt sich ohne Zuhilfenahme der Hände einen Meter in die Luft.

Der umgekehrte Fall, bei dem der Fahrer von der Straße am Randstein hoch auf den Gehweg springt, erfordert jahrelange Übung, bis man den sogenannten "Ollie" beherrscht. Dieses Manöver galt lange Zeit als völlig unmöglich und wurde erst 1978 erfunden, also lange nachdem es Skateboards gab, und zwar von einem Amerikaner namens Alan "Ollie" Gelfand. Der fand heraus, dass man ein Skateboard bis zu einem Meter hoch horizontal in die Luft katapultieren kann, und zwar ohne externe Hilfsmittel oder die Hände einzusetzen. Der Fahrer tritt beim Ollie mit voller Kraft auf den hinteren Teil des Boards, bis dieses auf dem Boden aufschlägt, um gleichzeitig den Vorderfuß am Brett entlang Richtung Boardspitze gleiten zu lassen. Diese Doppelbewegung bäumt das Board zunächst vorne auf, um es sofort danach wieder waagrecht auszurichten, und zwar in ziemlicher Höhe über dem Erdboden. Richtig gute Fahrer springen so nicht nur Randsteine hoch, sondern können oft scheinbar mühelos über Bierkisten, gespannte Seile oder Parkbänke fliegen.

Abbildung [14]: Skateboardanfänger Michael stürzt sich todesmutig den niederen Randstein hinunter.

So gut bin ich natürlich noch lange nicht! Ich hatte mir vor einiger Zeit im Versandkatalog eine 40cm hohe Skateboardrampe bestellt, aber als ich diese in unserer Tiefgarage aufgebaut hatte, befürchtete ich, mir damit alle Knochen zu brechen, und in meinem Alter muss man schließlich morgen früh wieder zur Arbeit und kann nicht in der Notfallaufnahme rumhängen! Also bestellte ich auf Ebay spezielle Niedrigrampen, mit denen Autorennfahrer ihre tiefergelegten Boliden vor dem Rennen auf die Waage schieben. Es kostete mich einige Überwindung, aber mit Ellbogen- und Handschützern überfuhr ich die am höchsten Punkt 5cm hohe Rampe unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Privatsphäre unserer Tiefgarage schließlich zum ersten Mal.

Abbildung [15]: Die Eingangssequenz zur Serie "Californication" zeigt ein paar Skateboardfahrer in Strandnähe.

Inzwischen habe ich mich sogar leicht gesteigert, wenn ich morgens zur Werksbushaltestelle oder abends zum ein paar Straßen weiter gelegenen Supermarkt sause, kann ich schon die die tiefergelegten Randsteine rauf- und runterfahren. Den Ollie muss ich noch üben, aber das wird schon noch.

Millionen, Milliarden und Billionen

Abbildung [16]: Sagt der Amerikaner "Billion", meint er "Milliarde".

Michael Was sind 1.000 Millionen? In Deutschland ist das eine Milliarde. Der Amerikaner, generell Übertreibungen eher zu- als abgeneigt, sagt "a billion". Facebook hat zum Beispiel vor einigen Jahren 17 Milliarden Dollar für Whatsapp bezahlt, die amerikanischen Zeitungen schrieben "17 billion Dollars". Soweit so gut, halt ein anderes Wort für Milliarde, wäre da nicht das deutsche Wort "Billion".

Wenn eine Milliarde also "billion" auf Amerikanisch heißt, was ist dann eine deutsche Billion auf amerikanisch? Eine deutsche Billion, also eine Million Millionen, eine Zahl mit 12 Nullen, nennt der Amerikaner "a trillion", was aber, nun wird es ganz verrückt, wiederum eine völlig andere Zahl als die deutsche Trillion ist!

Eine deutsche Trillion sind nicht etwa 1.000 amerikanische "trillions", wie der Unterschied zwischen "Billion" (deutsch) und "billion" (Amerikanisch) suggerieren würde sondern nochmal 1.000 mal so viel, also eine Million davon! Wir lernen heute im Rundbrief: 1.000 deutsche Billionen sind eine Billiarde, und erst 1.000 Billiarden ergeben eine deutsche Trillion. Also passen in eine deutsche Trillion eine Million amerikanischer "trillions". Und, nochmal zur Wiederholung, 1.000 amerikanische "billions" ergeben eine deutsche Billion. Wenn der Spiegel in Abbildung 17 fragt, ob Amazon, Apple, Google oder Facebook als erstes die "Billion-Dollar-Mauer" erreichen, wundert sich der Amerikaner vielleicht, denn die Unternehmen sind nach deren Sprachgebrauch jeweils bereits etwa "600 billions" wert.

Abbildung [17]: Welches Unternehmen erreicht als erstes die Marke von 1.000 Milliarden?

Ihr wundert euch vielleicht, warum ich die Zahlen als Amerika-spezifisch bezeichnet habe und nicht einfach auf einen Sprachunterschied zwischen Deutsch und Englisch hingewiesen habe: Unsere speziellen Freunde am anderen Ende des Ärmelkanals, die skurrilen Briten, beanspruchen auch auf dem Zahlenmarkt eine Extrawurst: Ihre "billions" und "trillions" folgen den deutschen Maßstäben, nicht den amerikanischen. Eine britische "billion" ist als Zahl also tausendmal so hoch wie eine amerikanische "billion".

Abbildung [18]: Russ Hanneman aus "Silicon Valley" hasst die Türen seines Millionär-BMWs und fordert milliardärgerechte Lamborghini-Flügelüren.

Zurück zum Alltag: Die von giftigen Sozialneidern wie Bernie Sanders so gehassten "Billionaires" sind also lumpige Milliardäre. In der Comedy-Serie "Silicon Valley" auf HBO ist so gar von "Rebillionizing" die Rede: Ein von Rückschlägen geplagter Venture-Capitalist ist in der Sendung vom Milliardär zum gewöhnlichen Millionär abgestürzt. Sein Oberklasse-BMW kotzt ihn an, denn er würde lieber stilvoll einem Lamborghini mit Flügeltüren entsteigen. Er will unbedingt wieder in die Milliardärsränge aufsteigen, und arbeitet fieberhaft an seinem Plan, zu "remilliardärisieren".

Waimanalo

Abbildung [19]: Zwei Strandläufer in Hawaii.

Angelika Hawaii ist ja mittlerweile so etwas wie unsere zweite Heimat und wir versuchen jedes Jahr, dort wenigstens eine Woche Urlaub zu machen. In der Regel fliegen wir nach Oahu und bleiben dann in Kailua an der östlichen Seite der Insel, denn dort gibt es einen super Strand und keine Hotelbettenburgen. Dieses Jahr war aber unser Lieblingsquartier nicht frei, und wir entschlossen uns, einmal etwas Neues auszuprobieren.

Abbildung [20]: Unter der Woche ist nicht viel los am Strand.

Da wir uns auf Oahu mittlerweile sehr gut auskennen, wussten wir von dem kleinen unauffälligen Ort Waimanalo, der sich am östlichen unteren Zipfel der Insel befindet, also noch vor Kailua liegt wenn man aus Richtung Honolulu kommt. Auch hier gibt es keine Hotels, sondern nur ganz vereinzelt Ferienhäuschen zu mieten, die oft im Garten des Vermieters stehen. Touristen kann man in dem Ort an einer Hand abzählen und bei 5.450 Einwohnern fallen die nicht weiter auf.

Abbildung [21]: Gartenhäuschen für Urlauber.

Der Ort sieht an einigen Stellen etwas "verhaut" (Originalton Michael) aus. Aber ein paar etwas heruntergekommene Häuser und ein paar Obdachlose, die an einer Stelle am Strand campieren schrecken uns so schnell nicht ab, da sind wir aus San Francisco anderes gewohnt. Es gibt eine Tankstelle, eine Post, den japanisch angehauchten Supermarkt "Shima's", in dem es sehr gutes Poke an der Pokebar zu kaufen gibt, eine Shrimpbude, einen Co-Op, der hawaiianische Produkte verkauft und noch einige weitere kleine Geschäfte.

Abbildung [22]: Ein wirklich gutes vegetarisches Gericht.

Neben dem etwas deplazierten McDonald's an der Hauptstraße machte vor 2 Jahren im August 2015 ein veganes Restaurant auf mit dem schönem Namen "Ai Love Nalo" (also "Ich liebe Nalo") auf, wobei sich hinter "Nalo" die Abkürzung füe Waimanalo verbirgt. Enthusiastische, freundliche Menschen kochen hier, ohne Tierprodukte zu verwenden und unterstützen hawaiianische Bio-Bauern. Das Essen war spitzenklasse. Ich aß ein mediteran angehauchtes Gericht, die "Medi Bowl", und schwärme immer noch von dem Rote-Beete-Hummus und Michael labte sich an einem Portobello-Pilz-Burger.

Aber wir fahren ja nicht nur nach Hawaii um zu essen. Der pazifische Ozean und die Strände sind der Höhepunkt eines Hawaii-Urlaubs. Und Waimanalo hat einen der besten Strände der Insel vorzuweisen. Er ist buchtartig und 9 km lang. Der Sand weiß und staubfein und das Wasser türkisfarben und hat super Wellen zum Boogie-Boarden für Anfänger. Der Strand ist vor allen Dingen wochentags fast menschenleer. Am hinteren Ende des Waimanalo Beachs befindet sich die Militärbasis "Bellows Air Force". Der "Bellows Beach Park" auf der Militärbasis ist nur am Wochenende für die Normalbevölkerung zugänglich. Eigentlich ungewöhnlich auf Hawaii, denn Hawaii kennt keine Privatisierung von Stränden. Jeder Strand muss öffentlich zugänglich sein. Da der Strand in Waimanalo aber so riesig ist, zog es uns eh nicht in die Ecke der Militärbasis. Auf jeden Fall ist Waimanalo ein Geheimtipp.

Metzgerei Lucca

Abbildung [23]: Die Metzgerei "Lucca" in unserem Viertel ist eine der letzten Fachgeschäfte.

Angelika In einer sich mit irrer Geschwindigkeit verändernder Stadt ist es beruhigend, wenn nicht alles dem Baggerzahn oder Kettenwahn zum Opfer fällt. Bei uns im Viertel, an der Ecke Valencia und 22nd Street, befindet sich der italienische Delikatessenladen LuccaRavioli Co.), in dem es seit 1925 leckere italienische Wurstwaren und Lebensmittel zu kaufen gibt.

Abbildung [24]: So richtig uritalienisch preist der Laden seine Spezialitäten auf handgemalten Schildern an.

Der Laden ist klein, verfügt aber über eine lange Wurst- und Käsetheke, die sich durch den ganzen Laden zieht. Hinter der Theke stehen Verkäufer in weißen Kitteln und mit weißen Häubchen auf dem Kopf, die ihr Handwerk noch verstehen. Der Fan italienischer Leckereien kommt hier dann auch ganz auf seine Kosten: Salami, Schinken, Käse, selbstgemachte Pasta, Olivenöl, Grappa, alles was das Herz begehrt. Wir kauften dort neulich eine super leckere Zungenwurst, was den Verkäufer gleich in Verzückung versetzte, weil sich wohl der Mehrzahl der Amerikaner allein beim Gedanken an Zungenwurst der Magen umdreht.

Abbildung [25]: Am Samstag nachmittag herrscht reger Betrieb.

Wir verspeisten sie gleich auf dem guten Brot von Josey Baker, superlecker! Wie Michael im Rundbrief 09/2014 schon mal berichtet hat, ist Josey Baker ein hipper Bäcker in San Francisco und heißt tatsächlich mit Nachnamen "Baker", also Bäcker. Er bäckt richtiges gutes Brot, wie wir es aus Deutschland kennen. Solche Geschäfte erinnern an das alte San Francisco vor zwanzig Jahren, das heute vom Aussterben bedroht ist. Ich hoffe, dass uns Metzger Lucca noch lange erhalten bleibt.

Grüße aus der Stadt im Wandel:

Angelika & Michael

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Letzte Änderung: 22-Feb-2019