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  Rundbrief Nummer 59  
San Francisco, den 15.02.2006


Abbildung [1]: Grabsteine von Anno Tuck und Tobak

Halt, das stimmt nicht ganz. Denn drei Friedhöfe blieben wegen ihrer historischen Bedeutung bestehen. Dazu gehört der für Kriegsveteranen reservierte "San Francisco National Cemetery" auf dem Gelände des Presidio, der ehemaligen Militärbasis in der Nähe der Golden Gate Bridge. Nur in Ausnahmefällen wird hier heute noch beerdigt. Nummer zwei ist der zur alten Mission Dolores gehörende Friedhof, auf dem viele Indianer (in Amerika "Native Americans" genannt), die beim Bau der Mission halfen, ihre letzte Ruhestätte fanden. Und dann gibt es noch das "San Francisco Columbarium", ein einzigartiges, neoklassizistisches Gebäude von 1897, das Urnen beherbergt und früher Teil eines Friedhofs namens "Odd Fellows" war.

Abbildung [2]: Im Columbarium von San Francisco

Heute steht nur noch das Columbariums-Gebäude am Ende einer kleinen Stichstraße im Stadtteil Richmond. Dort kann man sich immer noch ein Plätzchen für seine Asche reservieren. Und obwohl das Columbarium das schwere Erdbeben von 1906 und die Zwangsumsiedlung der Friedhöfe überlebte, verfiel es in den Jahren 1934 bis 1979 zunehmend, bis die Neptune Society (ein Einäscherungsunternehmen) es übernahm und liebevoll restaurierte. Jede Urne findet in einem etwa 40x40 cm großen Kasten mit entweder einer Glastür oder einer Kupfertür Platz. Die Kästen sehen wie in die Wand eingelassene Regale in Wandelgängen aus. Viele der Nischen beinhalten mittlerweile nicht nur die Urne mit der Asche, sondern auch kleine Erinnerungsstücke, die die Vorlieben des Toten widerspiegeln. Wenn ihr also zu den Menschen gehört, die Friedhöfe faszinieren und ihr euch einmal wieder in San Francisco aufhaltet, schaut am Columbarium vorbei.

Will man nach seinem Ableben nicht verbrannt werden und hat auch keine Nische im Columbarium reserviert, bleibt einem als Einwohner San Franciscos nur einer der 17 Friedhöfe in Colma. Colma ist umgeben von der San-Bruno-Gebirgskette sowie dem Freeway (Autobahn) 280. Außer den Friedhöfen gibt es in Colma ein paar typische amerikanische Einkaufszentren und Autohäuser. Colma zählt ungefähr 1.300 Einwohner und beherbergt fast 2 Millionen Grabstätten. Zum Vergleich: In San Francisco leben heute etwa 750.000 Menschen.

Abbildung [3]: Vorne: Jüdischer Friedhof. Hinten: Italienischer Friedhof.

Abbildung [4]: Chinesischer Friedhof

Die verschiedenartigen Friedhöfe spiegeln die Kulturenvielfalt von San Francisco und der Umgebung wider. Unter den 17 Friedhöfen sind nämlich u.a. ein italienischer, ein griechisch-orthodoxer, ein jüdischer, ein katholischer, und ein chinesischer zu finden. Als Michael und ich an einem schönen Samstag die unterschiedlichsten Friedhöfe besuchten, überraschten uns die parkähnlichen Anlagen. Schilder wiesen darauf hin, dass das Sonnenbaden im Friedhof nicht gestattet sei und der jüdische Friedhof war wegen des Sabbats ganz geschlossen.

Aber auf den Friedhöfen meinten wir fast, wir wären in einer anderen Welt. Nur die Ausfallstraßen sowie der Toys-R-Us und der Target-Supermarkt im Hintergrund belehrten uns eines Besseren. Auch über die pompösen Mausoleen staunten wir nicht schlecht. Normale Gräber in Amerika haben übrigens keine Grabeinfassung oder -bepflanzung. Nur der Grabstein und ein paar Blümchen schmücken das Grab, das ansonsten vom Friedhofsrasen umgeben ist. Oft ist der Stein eine kleine in den Boden eingelassene quadratische Platte und die Blumen sind aus Plastik. Das macht die Pflege natürlich leichter und passt zur pragmatischen Art der Amerikaner. Und man kann -- typisch für Amerika -- mit dem Auto durch den Friedhof bis ans Grab fahren.

Abbildung [5]: Quadratische Grabplatten für Otto Normalverbraucher

Abbildung [6]: Ein Mausoleum für Leute mit mehr Zaster

Der neueste Schrei sind aber so genannte grüne Beerdigungen (green burials), die angeblich umweltfreundlicher sind. Die Toten werden nicht einbalsamiert und entweder in einer einfachen, biologisch abbaubaren Holzkiste oder nur in einem Leichentuch unter dem grünen Hügel beerdigt. Der Eingriff in die Landschaft soll möglichst gering sein, d.h. es gibt keine großen Grabsteine, die das Grab kennzeichnen oder die traditionelle Friedhofsanordnung. Angehörige, die später das Grab besuchen möchten, können es mit Hilfe eines zu diesem Zweck vom Friedhofsunternehmen ausgehändigten GPS-System orten.

Nun haltet ihr das Ganze vielleicht für eine amerikanische Erfindung, aber angeblich sind die Engländer bezüglich grüner Beerdigungen Vorreiter. Solche Beerdigungen treffen aber natürlich den Nerv der esoterisch angehauchten und umweltfreundlichen Althippies in Kalifornien. So wundert es mich nicht, dass im Landkreis Marin, der nördlich von San Francisco liegt, bereits ein solcher Friedhof existiert. Der Fernwood Cemetery, neuerdings auch Forever Fernwood genannt, ist nicht der erste amerikanische Friedhof, der grüne Beerdigungen anbietet. Schon 1998 kam Billy Campbell, ein Arzt, in der Stadt Westminster im Bundesstaat South Carolina auf dieselbe Idee. Die Betreiber von Fernwood streben aber nicht nur nach einem alternativen Friedhof, sondern nach einer Art Naturschutzgebiet, das später von der breiten Öffentlichkeit für Wanderungen etc. genutzt werden kann. Deshalb dürfen nur heimische Pflanzen die sowieso unsichtbaren Gräber zieren. Aber nun zurück ins Leben.

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