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Angelika/Mike Schilli |
Der große Recall des Staatsanwalts
Supreme Court
4th of July
Wordle
Wassersprudler mit Schweißergas
Versunkene Kanonenplattform
Der Gemüseladen um die Ecke
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Michael Ich interessiere mich ja normalerweise nicht für Politik, außer vielleicht, wenn es was zu lachen gibt. Allerdings ist uns das Lachen in San Francisco aufgrund lokaler Gutfühlpolitik in den letzten Jahren vergangen. Wenn man sich kein Fahrrad mehr kaufen kann, weil es sofort gestohlen wird, oder kein Auto mehr auf der Straße parken, weil unbehelligte Diebe teilweise am hellichten Tag den Katalysator absägen, hört irgendwann der Spaß auf (Der Rundbrief hatte berichtet Rundbrief 11/2021).
So wie uns ging es vielen anderen auch, als wir zusehen mussten, wie der, wie in Amerika üblich, vom Stadtvolk für vier Jahre gewählte Staatsanwalt für San Francisco namens Chesa Boudin sich einfach weigerte, von der Polizei eingefangene Verbrecher anzuklagen, und selbst Wiederholungstäter, einer sehr radikalen politischen Ideologie folgend, einfach wieder und wieder laufen ließ. Aber irgendwann waren selbst die gutmütigsten Bürger von San Francisco dermaßen angefressen, dass sie per Unterschriftensammlung die Absetzung des untätigen Staatsanwalts einforderten, schon nach nur zwei Jahren seiner auf vier Jahre veranschlagten Amtszeit. Dieses "Recall" genannte Verfahren existiert im Bundesstaat Kalifornien für allerlei politische Ämter, auch der ein oder andere unserere Governeure musste sich schon so einem vom Volk forcierten Misstrauensvotum stellen. Die dafür notwendigen Unterschriften erzürnter Bürger waren schon im November zertifiziert, nun ging es am 7. Juni 2022 zur tatsächlichen Recall-Abstimmung.
Häufen sich solche Volksabstimmungen, was leider in Kalifornien der Fall ist, gehen allerdings viele Bürger aus Überdruss gar nicht mehr zur Wahl. Boudin wurde im Jahr 2019 bei insgesamt 41% Wahlbeteiligung mit nur wenigen Stimmen Vorsprung ins Amt gehoben. Beim Recall im Juni 2022 waren allerdings weite Teile der Stadtbevölkerung so verärgert über die Fehlleistungen des Staatsanwalts, dass sich sogar 46% aufrafften und ihre Stimme abgaben. 90% davon wählten per Briefwahl, 10% schleppten sich zu einem der vielen über die Stadt verteilten Wahllokale.
Wie aber mittlerweile leider quer durch die Politik üblich, führt heutzutage keine Partei mehr sachliche Wahlkämpfe oder kann auch nur ein demokratisch erzieltes Wahlergebnis akzeptieren. Wöchentlich fand ich neue Flugblätter im Briefkasten, hauptsächlich von Boudins fanatischen Anhängern, in denen mir in dramatischer Weise erklärt wurde, dass wer für den Recall stimme, ein Republikaner sein müsse! Das ganze Verfahren sei von Milliardären finanziert, die teilweise mit Republikanern im Kongress verbandelt wären! Lustigerweise ist San Francisco eine der linkslastigsten Städte der USA, mit etwa 5% Republikanern und 63% Demokraten, da ist "Republikaner" ein Schimpfwort, das kaum jemand auf sich sitzen lässt.
Außerdem muss man erwähnen, dass hier in den USA praktisch jeder Wahlkampf durch reiche Bürger gesponsert wird, die Werbespots im Fernsehen und Internet finanzieren und Geld für spektakuläre Bühnenauftritte mit vielen Luftballons zuschießen. Auch Boudins Anti-Recall-Wahlkampf wurde übrigens durch reiche Bürger finanziert, die seine Politik unterstützten. Aber zur Wahlurne schritten am Wahltag natürlich die Bürger, jeder mit nur einer Stimme, egal ob arm und reich.
Mit Spannung verfolgten wir am Abend die Auszählung der Stimmen, und relativ schnell stellte sich heraus, dass Boudin mit Pauken und Trompeten aus dem Amt befördert worden war. Ein Blick auf die Karte (Abbildung 6) zeigt, dass die lila eingefärbten reichen Althippieviertel (Bernal Heights, Haight-Ashbury, Noe Valley) sowie das lateinamerikanische Mission-Viertel den Staatsanwalt behalten wollten. Die Einwohner der grüngefärbten Viertel, die ihn feuern wollten, setzen sich zusammen aus reichen Schnöseln (Pacific Heights, Marina, Seacliff) und asiatischer Arbeiterklasse (Sunset, Richmond, Excelsior), was aufgrund der höheren Bevölkerungszahl den Ausschlag gab.
In seiner Abtrittsrede schob Boudin die Schuld auf reiche Republikaner, die den Recall mit dreimal soviel Geld finanziert hätten wie seine eigenen Anhänger. Dass er schlicht eine Fehlbesetzung für den Job des Staatsanwalts war, kam ihm nicht in den Sinn. Denn verliert man heutzutage eine Wahl, sucht man nicht die Schuld bei sich selbst. Schließlich hat man die Wahrheit gepachtet und alle anderen sind Betrüger oder schlicht irre. Schon erstaunlich, dass demokratische Prinzipien bei der Generation "Ich!-Ich!-Ich!" gar nicht mehr gefragt sind, egal ob links oder rechts.
Der Recall fand ein überraschend breites Presseecho, und obwohl es nur eine Stadtwahl war, berichteten überregionale Nachrichtensender wie CNN oder auch die große Tageszeitung New York Times ausführlich darüber. Sie alle wollten einen politischen Trend im Ergebnis erkennen. Die Zeitschrift "The Atlantic" brachte gar einen Zehnseiter mit dem Titel "How San Francisco Became a Failed City", geschrieben von einer in San Francisco aufgewachsenen Schriftstellerin, die den Niedergang der ihr einst so geliebten Stadt protokollierte. Lesenswert!
Angelika Die deutschen Journalisten haben sich ja bereits die Finger wund geschrieben, über die jüngsten Entscheidungen des amerikanischen Supreme Courts. So solltet ihr bereits bestens informiert sein. Aber nicht alles, was geschrieben wurde, gab die Sachlage korrekt und auf Fakten basierend wieder. Aber einig sind wir uns alle, dass die Entscheidungen bahnbrechende Folgen haben werden oder bereits haben. In aller Munde ist, dass das seit fast 50 Jahren USA-weit bestehende Abtreibungsrecht fiel. Der Fall "Roe versus Wade" war damals 1973 vom Supreme Court zu Gunsten der Klägerin Norma McCorvey (im Verfahren "Jane Roe" genannt) entschieden worden.
Die höchsten Richter legten damals fest, dass das allen Frauen der USA zustehende Recht auf Privatsphäre auch die Entscheidung mit einschließt, ob sie eine Schwangerschaft fortsetzen oder abbrechen wollten, und dies keine staatliche Strafverfolgung zur Folge haben durfte. Dieses Recht auf Privatssphäre ist im 14. Zusatzartikel (14th Amendment) der amerikanischen Verfassung festgelegt. Genauer gesagt leitet es sich von der sogenannten "Due Process Clause" ab, die besagt, dass der Staat seinen Bürgern nicht willkürlich Leben, Freiheit und Besitz entziehen darf.
Im Juni diesen Jahres entschied nun der Supreme Court in einer 6:3- Entscheidung, dass sich aus dem Recht auf Privatssphäre kein für alle Bundesstaaten einheitlich geltendes Recht auf Abtreibung ableiten lasse, sondern die einzelnen Bundesstaaten darüber entscheiden müssen, ob und wie sie dieses Recht gewähren wollen. Es ist also sowohl möglich, Abtreibungen komplett ohne Ausnahmen zu verbieten, aber andererseits auch zuzulassen, oder das bis dato bestehende Recht auch auszuweiten, je nachdem, was der Bundesstaat festlegt. In Kalifornien zum Beispiel, wo sich durch den Richterspruch nichts geändert hat bezüglich des Rechts auf Abtreibung, arbeitet unser Gouverneur Gavin Newsom gerade daran, dass das Recht auf Abtreibung per Zusatzartikel in die kalifornische Verfassung aufgenommen wird. Im November entscheiden die kalifornischen Wähler darüber, ob sie ihre Verfassung diesbezüglich ändern wollen. In Alabama hingegen sind jetzt Abtreibungen ohne Ausnahmen verboten, auch bei Vergewaltigung und Inzest.
Schon seit "Roe versus Wade" 1973 entschieden wurde, bekämpften Anti-Abtreibungsgegner das Recht auf Abtreibung in den USA, vehement und oft auch mit Gewalt. Ich erinnere mich gut an diverse Anschläge auf Kliniken, die Abtreibungen durchführten. Rechtsexperten befürchteten von Anfang an, dass die Herleitung des Rechts auf Abtreibung über das von der Verfassung gewährte Recht auf Privatssphäre auf wackeligen Füßen stand, und zwar auch die Fachleute, die die Entscheidung generell begrüßten. Allerdings war der Supreme Court bis dato sehr zurückhaltend, etablierte Rechte wieder rückgängig zu machen. Wenn ihr die letzten Anhörungen im Senat verfolgt habt, immer wenn ein neuer Richterstuhl am Supreme Court zu besetzen war, ging es immer auch darum, bei den Kandidaten abzuklopfen, ob sie Fälle wie "Roe versus Wade" als Präzedenzfall akzeptierten. Übrigens bestätigten Umfragen immer wieder, dass eine Mehrheit der Amerikaner (ca. 60%) wollte, dass "Roe versus Wade" nicht angetastet wird. Ich habe ja schon im letzten Rundbrief geschrieben, dass ich immer mehr das Gefühl habe, dass wir uns alle rückwärtsentwickeln. Es gibt ja wirklich genug Probleme, die zu lösen sind, und wir begeben uns wieder in einen Kulturkampf, der schon lange gelöst schien.
Übrigens gibt es schon lange Bestrebungen, einige fundamentale Änderungen bezüglich des höchsten amerikanischen Gerichtes vorzunehmen, um der zunehmenden Politisierung des Gerichts entgegen zu treten. Viele möchten umsetzen, dass die Richter nicht mehr auf Lebenszeit berufen werden. Die Gründerväter wollten eigentlich verhindern, dass Politik zu stark in den Vordergrund rückt beim Supreme Court. Deshalb gilt, dass Supreme-Court-Richter nicht gewählt, sondern berufen werden und es keine zeitliche Begrenzung gibt, wann sie ihren Posten zu räumen haben. Man wollte das Gericht so weniger anfällig für politische Strömungen machen.
Leider haben stark zunehmende Lebenserwartungen gerade das Gegenteil bewirkt, denn mittlerweile behalten die Frauen und Männer am Supreme Court im Schnitt fast 30 Jahre ihre Roben an, prägen also über Jahrzehnte nicht nur das höchste Gericht, sondern auch durch ihre Entscheidungen das Leben in den USA. Nur zum Vergleich: Bis in die frühen 70iger Jahre lag der Durchschnitt der Amtszeit der Richter bei 15 Jahren. Der Verfassungsrichter John Paul Stevens hingegen saß zum Beispiel noch mit 90 Jahren auf der Richterbank und war insgesamt 34 Jahre am Supreme Court tätig. Natürlich steht es den Richtern frei, in Rente zu gehen oder aus anderen Gründen aufzuhören, aber viele klammern sich an das Amt, bis ihre letzte Stunde schlägt. Nur wenige gehen freiwillig in Rente.
Die rühmlichen Ausnahmen sind Stephen Breyer, der gerade mit 83 Jahren in den Ruhestand gegangen ist und Anthony Kennedy, der mit 82 aufhörte. Nun ist das auch nicht gerade das typische Rentenalter, aber Stephen Breyer, der als einer der liberaleren Richter am Supreme Court galt, wollte sicherstellen, dass Präsident Biden seinen Ersatz nominierte, damit der Posten wieder an eine Person ging mit mehr moderatem oder liberalerem Hintergrund, was auch geschah. Ketanji Brown Jackson wurde am 30. Juni 2022 eingeschworen, nachdem sie der Senat, in dem zur Zeit die Demokraten noch eine knappe Mehrheit haben, nach den vorgeschriebenen Anhörungen bestätigt hatte.
Allerdings ist es in letzter Zeit häufig vorgekommen, dass die Tätigkeit eines Richters am Supreme Court endete, weil er oder sie verstarben. Antonin Scalia starb plötzlich mit 79 Jahren, und Ruth Bader Ginsberg mit 87 Jahren. Beide waren bis zu ihrem Tod aktiv am Supreme Court. Viele, die den Rechtsruck des Gerichts mit Sorge verfolgten, appellierten übrigens immer wieder an Ruth Bader Ginsburg, die auch zum liberaleren Flügel des Gerichts zählte, doch in den Ruhestand zu gehen, damit Präsident Obama ihren Nachfolger berufen könnte. Ginsburg war schwer an Krebs erkrankt und hatte immer wieder Rückfälle. Aber sie ließ sich nicht umstimmen und das Schicksal nahm seinen Lauf. Ginsburg starb im Jahr 2020, als Trump Präsident war, der daraufhin die konservative Richterin Amy Coney Barrett nominierte, die vom Senat bestätigt wurde. Die Zusammensetzung des Gerichts sähe deutlich anders aus, wenn Ginsburg nicht diese eklatante Fehlkalkulation begangen hätte.
Die Amtszeit zu begrenzen findet übrigens durchaus Zustimmung in der amerikanischen Bevölkerung, und zwar parteiübergreifend. Auch viele Rechtsexperten sprechen sich dafür aus. Der gängigste Vorschlag ist, die Amtszeit der Richter auf 18 Jahre festzusetzen, was dazu führen würde, dass ein amtierender Präsident im Schnitt zwei Richter pro Amtsperiode benennen könnte. Uneinig sind sich die Experten allerdings, ob es dafür eine Verfassungsergänzung geben müsste. Die amerikanische Verfassung erwähnt nicht direkt eine Begrenzung der Amtszeit und die Formulierung, wie lange Richter im Amt bleiben sollten, ist sehr schwammig und offen für Interpretationen: "The judges, both of the supreme and inferior courts, shall hold their offices during good behaviour" (Die Richter der übergeordneten und der untergeordneten Gerichte sollen ihr Amt innehalten, solange sie sich gut verhalten). Eine Ergänzung (Amendment) der Verfassung wäre allerdings ein sehr langwieriger Prozess. Sie bräuchte eine 2/3 Mehrheit in beiden Häusern, also im Senat und Repräsentantenhaus, und dann müssen auch noch drei Viertel der Bundesstaaten der Ergänzung zustimmen.
Übrigens gibt es bei den Senatoren oder Abgeordneten des Repräsentantenhauses in den USA ebenfalls keine Begrenzung der Amtszeit oder ein festgelegtes Rentenalter. In diesen Institutionen halten immer mehr über-80-Jährige äußerst wichtige Positionen inne. Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, ist zum Beispiel 82 Jahre alt, und tritt im November erneut an, um ihre Position zu verteidigen. Der Republikaner Mitch McConnell, der 80 ist, sitzt seit 1985 im Senat, und ist zur Zeit dort Minderheitsführer. Oder Diane Feinstein, die seit 1992 kalifornische Senatorin ist, und mittlerweile 89 Jahre alt ist, aber noch nicht ans Aufhören denkt. Über Feinstein mehren sich Berichte, dass sie an Demenz erkrankt und dem Amt nicht mehr gewachsen ist.
Nun mag es sicherlich vereinzelt sehr fitte über 80-Jährige geben, aber vielleicht sollte man doch einmal die nächste Generation ans Ruder lassen. Präsident Biden hatte ja auch groß versprochen, dass er nur eine Amtszeit als Präsident anstrebt, aber jetzt munkelt man, dass er doch noch einmal antreten will im Jahr 2024, dann wäre er ebenfalls über 80. Ein eklatanter Fehler, meines Erachtens. Hoffentlich redet ihm diese Idee noch jemand aus. Ich kann ja eh nicht verstehen, wie man sich um so einen Knochenjob reißen kann. Aber wenigstens darf der amerikanische Präsident per Verfassung nur maximal acht Jahre regieren.
Aber nun zurück zum Supreme Court: Eine weitere Idee ist, mehr Richter an das oberste Gericht zu berufen, um für mehr Ausgewogenheit zu sorgen. Hier nennt man diesen Vorstoß etwas salopp "Packing the court." Die amerikanische Verfassung schreibt die Anzahl der Richter am Supreme Court nämlich ebenfalls nicht vor. Die Zahl hat historisch immer wieder geschwankt, von 5 bis zu 10 Richtern. Seit 1869 liegt sie allerdings bei 9. Der amerikanische Kongress kann die Anzahl festsetzen, somit wäre eine Änderung diesbezüglich leichter durchzusetzen, wenn die entsprechenden Mehrheiten im Senat und Repräsentantenhaus vorliegen. Viele bezweifeln aber, dass dies viel bringen wird, und befürchten eher, dass es dann ein ewiges Hin und Her gibt, je nachdem, welche Partei die Mehrheiten hat, und sich das Ganze noch mehr in ein politisches Kasperltheater verwandelt.
Nachtrag von Michael: Wer sich übrigens über das Thema "Roe vs. Wade" auf deutsch fundiert informieren möchte, dem sei der Artikel von Thomas-Fischer empfohlen, einem der wenigen Schreiber im Online-Spiegel, die noch fundiert berichten, und nicht bloß mit bunter Frisur und reißerischen Glossen Aufmerksamkeit um jeden Preis erregen wollen.
Angelika Am vierten Juli ist in den USA Feiertag. Man feiert, dass die USA 1776 ihre Unabhängigkeit von England erklärten, keine Steuern mehr nach England überwiesen und sich von nun an selbst verwalteten. Die meisten amerikanischen Feiertage fallen auf einen Montag. Der Unabhängigkeitstag ist aber immer an das Datum des 4. Julis gebunden. Dieses Jahr fiel der vierte zufällig auch auf einen Montag, was allen ein langes Wochenende bescherte. Der Unabhängigkeitstag ist auch der Feiertag, an dem es nicht nur Paraden, sondern in jeder noch so kleinen Stadt Feuerwerke gibt. Privat wird traditionsgemäß ebenfalls geknallt und Raketen werden in die Luft geschossen, also wie in Deutschland zu Silvester. Allerdings ist der amerikanische Westen zur Zeit von starker Trockenheit geplagt und deshalb war es in vielen Kommunen dieses Jahr offiziell verboten, privat zu knallen, um die Feuergefahr zu senken. San Francisco hatte ein offizielles Feuerwerk, das wie immer im Nebel verschwand. Auch das hat Tradition am vierten Juli.
Die private Knallerei verbot die Stadt vorab strikt, wobei das viele nicht daran hinderte, es trotzdem zu tun. Es ging zu wie im Wilden Westen und zwar fast die ganze Nacht. Mir hat ja die Knallerei noch nie gefallen. Ich war immer froh, wenn das an Silvester schnell vorbei war und keiner einen Finger verloren hatte. Michael hingegen war früher als Knallmeister bekannt. Wenn man aber schon mehrfach lodernde Waldbrände in Kalifornien erlebt hat, bibbert man den ganzen Abend, und hofft, dass bloß nicht alles in Flammen aufgeht. Dieses Jahr gab es gleich mehrere Brände, alle durch illegale Raketen oder Knallerei verursacht in der Stadt. Einer war gleich bei uns um die Ecke auf dem Twin-Peaks-Hügel, und wir sahen die Rauchschwaden von unserem Balkon aus. Gott sei Dank konnte die Feuerwehr alles schnell löschen, aber das hätte auch böse ins Auge gehen können.
Angelika Hier bei uns ist seit einiger Zeit das Wordle-Fieber ausgebrochen. Jeder spielt das Spiel, und eine gängige Frage ist: "Hast du heute schon das "Wordle" herausbekommen?" Was ist da los? Hinter "Wordle" verbirgt sich ein Online-Buchstabenspiel. Die Aufgabe in jeder Spielrunde ist es, ein Wort mit fünf Buchstaben in maximal sechs Versuchen zu erraten. Man startet mit einem beliebigen Wort, das aus fünf Buchstaben besteht. Die Software gibt dann an, ob das zu erratende Wort die gewünschten Buchstaben hat.
Ist der Buchstabe im Wort vorhanden und an der richtigen Stelle, wird er grün angezeigt. Gelb unterlegt wird der Buchstabe dann, wenn er im Wort ist, aber an der falschen Position. Grau bedeutet, dass es den Buchstaben nicht in dem zu erratenden Wort gibt. Josh Wardle, ein in New York lebender Brite, machte das Spiel salonfähig fürs Internet. Schon Ende des Jahres 2021 erfreute es sich großer Beliebtheit. Dann kaufte die New York Times ihm das Spiel im Januar 2022 ab, und der Boom begann.
Es gibt pro Tag nur ein Wort zu erraten. Natürlich sind schon längst deutschsprachige Versionen auf dem Markt. Wir spielen das englische "Wordle" mit meinen Viertklässlern jeden Tag zusammen in der Schule. Ein super Trick, spielerisch Rechtschreibung zu üben und den Wortschatz zu vergrößern. Ich bin immer wieder erstaunt, was für Wörter meine Schüler kennen. "Wordle" kann ich auch wärmstens empfehlen, um Englisch zu lernen. Michael schrieb natürlich gleich ein Programm, das das Wort im "Wordle" automatisch knackt. Da fehlen einem die Worte.
Michael Wie berichtet (Rundbrief 05/2020) hörten wir schon zu Corona-Zeiten auf, Blubberwasser im Supermarkt zu kaufen, und stellten auf einen Sprudelmaschine um. Nun verlangen die Gauner der Firma Sodastream allerdings zwanzig Dollar für die CO2-Kartuschen, deren Gas schon nach einem Monat nicht mehr blubbert. Im alten Rundbrief hatte ich schon erwähnt, dass findige Bastler auf Youtube demonstrieren, wie man den Sprudler auf größere Gasflaschen umstellt, die es in Läden für Schweißerbedarf zu kaufen gibt.
Allerdings gab es nun während der Corona-Zeit Engpässe bei der CO2-Herstellung, und die Läden für Schweißerbedarf verkauften keines mehr an Privatkunden. Kaum zwei Jahre später sprudelt die Produktion nun aber wieder. Also erwarb ich neulich beim Schweißerladen "Airgas" eine Gasflasche mit fünf Pfund CO2, und schloss sie ruck-zuck mit dem schon vor Corona bei Amazon gekauften Adapterkabel an. Sprudelt wie blöd! Nach meinen Berechnungen wird die Gasflasche bei unserem relativ geringen Bedarf pumpen, bis das Universum sich in einen glühenden Feuerball verwandelt, folglich werde ich nie mehr Kartuschen kaufen müssen.
Den Amazon-Adapter könnte man auch selbst billiger aus Teilen vom Baumarkt zusammenschrauben, aber auf die paar Kröten kam's mir nicht an, und bei pneumatischen Systemen gehe ich lieber auf Nummer sicher. Die Gasflasche habe ich übrigens bei dem Airgas-Laden beim Kauf des Gases ebenfalls dazu erworben, aber erst hinterher festgestellt, dass es sie auf Amazon viel billiger gibt! Anfängerfehler! Egal, Hauptsache es sprudelt.
Will man die leere Gasflasche übrigens irgendwann wieder mit neuem CO2 befüllen, macht das der Schweißerladen nicht etwa mit einer Tankstation wie bei Propangas, bei der man den eigenen Tank zur Wiederbefüllung mitbringt. Nur Narren kaufen diese überteuerten vorgefüllten Blue-Rhino-Propangastanks. Beim CO2 hat man aber keine Wahl, der Schweißerladen verkauft nur bereits befüllte, und damit gebrauchte Gasflaschen! Die eigene, blitzblanke, neu gekaufte, muss man dann eintauschen, womöglich gegen Klemptnermeister Röhrichs auf Baustellen rumgeschubste Flasche mit tausend Macken! Aber wie gesagt, wahrscheinlich nicht mehr in diesem Leben. Falls doch, wird der Rundbrief natürlich live vor Ort berichten.
Michael Einer unserer Lieblingswanderwege führt am Pazifikstrand unterhalb der ehemaligen Artelleriestellung Fort Funston vorbei. Dort ragen militärische Befestigungen aus Beton aus dem zweiten Weltkrieg aus dem Sand. Das Ganze gibt der Gegend so einen apokalyptischen Anstrich, und erinnert mich immer an den ersten Film aus der Serie "Planet der Affen", in der Charlton Heston als einer der wenigen Überlebenden eines Atomkriegs auf so ein aus dem Sand ragenden Überbleibsel stößt. Er realisiert, dass das Relikt die Freiheitsstatue ist, und die Menschheit es tatsächlich geschafft hat, den Planeten in die Luft zu jagen, und er schreit "You maniacs! You blew it up! Damn you!". Was für ein Film! Heutzutage kommt ja nur noch technisch aufgeblasener blödsinniger Schrott aus Hollywood.
Für ein paar billige Lacher tue ich bekanntlich alles, und so habe ich eine Szene aus diesem Film nachgespielt, in der Charlton Heston wie wahnsinnig lacht, genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte, mit Kamerafrau Angelika am Pazifikstrand. Mein Hirn ist bekanntermaßen löchrig wie ein Sieb, und so kam naturgemäß etwas völlig anderes heraus, aber unterhaltsam ist es allemal!
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Michael kopiert Charlton Heston in 'Planet of the Apes'. |
Aber zurück zu den Bunkerruinen am Strand: Bei dem aus dem Sand herauslugenden Betonhalbkreis in Abbildung 16 handelt es sich um ein Segment eines sogenannten Panama-Mount, einer kreisförmigen Plattform aus Beton, auf der Soldaten ein Riesentrumm Kanone auf Rollen in verschiedene Himmelsrichtungen ausrichten. Im vorliegenden Fall ballern die Kanoniere in Richtung angreifender Schiffe auf See, und die Stellung deckt volle 180 Grad entlang der Küstelinie ab. Die Waffennarren unter euch können sich auf der Website des Militärmuseums die Schwarz-Weiß-Bilder von anno dunnemals anschauen, als das Ganze noch im Bau beziehungsweise in Betrieb war.
Die Befestigung war, mitsamt aufsitzender Kanone, ohne Zweifel mal ganz oben auf der Düne verankert, und ist irgendwann im Lauf der Jahre runter auf den Strand gepurzelt. Ebbe und Flut wechseln sich hier im Pazifik zweimal täglich ab und spülen jedes Mal enorme Mengen Sand herum, sodass die Plattform mal ganz versinkt, und manchmal weit aus dem Sand herausragt.
Oben auf der Düne steht übrigens immer noch ein alter Betonbunker (Abbildung 17) aus dem zweiten Weltkrieg, und der hängt dermaßen schepps im Sand, dass ich mich immer frage, wann der wohl als nächstes runterkracht. Die für Strände zuständigen Behörden in Kalifornien sind ja normalerweise schreckhafte Angsthasen, die jegliche Gefahrenregionen sofort absperren, aber der Bunker ist immer noch frei zugänglich und oft turnen Übermütige darauf herum. Hochmut kommt vor dem Fall!
Angelika Aus diversen amerikanischen Filmen kennt jeder den Laden um die Ecke (in den USA "Corner Store" genannt), in dem der Kunde zu fast jeder Tages-und Nachtzeit noch schnell ein paar Dinge einkaufen kann, die gerade ausgegangen sind. Von Bier über Knabersachen, Milch und Süßigkeiten, aber auch Mehl und Klopapier gibt es meist ein interessantes Sortiment an Dingen.
Bei uns im Viertel auf der Church Street gibt es einen wunderbaren kleinen Laden dieser Art, aber der ganz besonderen Sorte, denn in dem Geschäft "Church Produce" findet man frisches Gemüse und Obst, super Brot, aber auch Milchprodukte, Nudeln und Kaffee von kleinen Röstereien. Wir sind immer wieder erstaunt, wie gut der Laden sortiert ist. Denn hier finden wir auch unsere geliebte italienische Mortadella, auf die man in den USA nur selten stößt. Das Obst und Gemüse ist immer von hervorragender Qualität und dabei erschwinglich.
Die Angestellten sind immer super freundlich und geben ihren Kunden das Gefühl, dass sie einen schon lange kennen. Da der Laden sich zwar in unserem Viertel befindet, aber doch 15 Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt liegt, verbinden wir einen Einkauf dort oft mit unserem täglichen Spaziergang. Wir hoffen, dass sich "Church Produce" halten wird, denn in San Francisco einen kleinen Laden zu betreiben, ist oft eine große Herausforderung. Aber die Leute im Viertel lieben den Laden, und er ist immer gut besucht.
Grüße aus San Francisco:
Angelika und Michael
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