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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 126  
San Francisco, den 23.09.2018
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Abbildung [1]: Unser Honda Fit fährt ein Ausweichmanöver.

Michael Einer meiner Arbeitskollegen ist ein passionierter Hobbyrennfahrer, der am Wochenende auf offiziellen Rennstrecken die Sau rauslässt. Eines Tages schlug er vor, ich solle doch mal an einem sogenannten Sicherheitstraining teilnehmen, bei dem man lernt, sein Auto herumzuschleudern ohne dass man die Kontrolle darüber verliert. Das Training wurde vom "Golden Gate Chapter" des "BMW-Club of America" durchgeführt, und zwar auf einem alten Flugplatz etwas außerhalb der Stadt Marina in der Nähe von Monterey. Nun fahre ich zwar keinen BMW, sondern einen Acura Integra Baujahr 1998, aber man brauchte keinen BMW zum mitmachen. Der Spaß kostete etwa $200 pro Person, und ich dachte, Angelika hätte sicher auch Freude dran, also schrieb ich uns beide ein. Angelika wollte allerdings lieber mit ihrem Auto, einem 2011er Honda Fit, teilnehmen, und ich hatte Bedenken, ob mein Integra die Inspektion schaffen würde, weil in den Bedingungen "darf kein Öl verlieren" stand, also willigte ich grummelnd ein.

Abbildung [2]: Letzte Instruktionen vom Rennleiter kurz vor dem Start.

Der Kurs fand am Sonntag statt, also fuhren wir am Samstag die 100 Meilen runter nach Marina, blieben über Nacht in einem Motel und fuhren morgens um acht zum Testgelände. Wir kamen uns ziemlich untermotorisiert vor, denn bei der Fahrzeugsinspektion parkte neben uns ein Lotus Elise und viele Teilnehmer fuhren BMW-Boliden der Modelle M3 und M5. Aber zumindeste lachte uns niemand aus!

Während einer kurzen Einführung erfuhren wir, dass es extrem wichtig sei, etwaige Ängste zu überwinden und genug Gas zu geben, damit das Auto auch in die Extremsituationen einträte, deren Beherrschung das Ziel des Kurses sei. Nichts sei schlimmer, als auf Sicherheit zu fahren und dabei nichts zu lernen! Nun, das musste man mir natürlich nicht zweimal sagen.

Video: Unser Honda Fit auf dem Hindernisparcour.

Etwa zwei Dutzend Ausbilder nahmen sich der Teilnehmer an, indem sie jeweils ins Auto sprangen, um auf dem Beifahrersitz mitzufahren, während die Fahrer durch einen Parcour aus Plastikhütchen rasten. Falls die Reifen dabei nur mäßig quietschten und der Fahrer keinen Kegel umfuhr, brüllten Sie "Schneller, du bist zu langsam!" und falls mal einer der Fahrer total die Kontrolle verlor und seitwärts in eine Reihe von Kegeln rammte, gab es stehende Ovationen.

Die erste Übung war ein Bremsmanöver, und ich war erstaunt, wie schnell ein Auto mit ABS aus 50km/h zum Stillstand kommt, wenn man voll auf die Bremse latscht. Im Straßenverkehr kann man so etwas ja nie ausprobieren, weil es viel zu gefährlich ist, aber auf einem leeren Flugplatzgelände mit viel Platz, bei dem man im schlimmsten Fall einen Gummikegel umfährt, lässt sich's entspannt schleudern. Weiter kamen Ausweichmaneuver bei etwa 50km/h mit leichtem Schleudern und quietschenden Reifen, eine Fahrt im Kreis, bei der man den Radius nur durch Gasgeben und ohne Nachlenken einstellt, und schließlich eine Slalomstrecke, bei der wir lernten, das Auto bei jedem Kegel an die Haftgrenze der Reifen zu führen, bis es fast außer Kontrolle geriet.

Abbildung [3]: Eine Auszeichnung, weil wir in unserer Gruppe die meisten Fortschritte gemacht haben!

Das war so ein Riesenspaß, das kann man sich gar nicht vorstellen. Angelika war anfangs noch etwas gehemmt, fuhr aber am Ende des Ganztageskurses auch mit quietschenden Reifen durch den Parcour und die Ausbilder zeigten sich so erfreut, dass sie uns gleich den Sonderpreis "Most Improved" von allen Fahrern in unserer Gruppe verliehen (Abbildung 3).

Ich kann den Kurs nur jedem Autofahrer wärmstens empfehlen. Die Begeisterung der Ausbilder (übrigens alles Freiwillige) war absolut ansteckend, und der Adrenalinschub, wenn das Auto die Kontrolle verliert, ist ein unvergessliches Erlebnis. Und wer die Maneuver geübt hat und somit jederzeit abrufen kann, um einer Gefahrensituation auszuweichen, ist im Vorteil. Das könnte sich schließlich irgendwann als extrem nützlich erweisen.

Salinas

Abbildung [4]: Feldarbeiter kommen in Salinas in Touristenmotels unter.

Angelika Da unsere Autorallye schon morgens um 8 Uhr losging und 150 Kilometer von San Francisco stattfand, kamen wir eine Nacht in der kalifornischen Stadt "Salinas" unter. Wer ein Fan des amerikanischen Autors "John Steinbeck" ist, hat vielleicht schon einmal von Salinas gehört. Der Autor wurde dort 1902 geboren und viele seiner Werke wie "Früchte des Zorns" beschäftigen sich mit Salinas und den Migrantenarbeitern, die auch heute noch in der Landwirtschaft in und um Salinas auf den Feldern arbeiten. Salinas hat nur etwa 150.000 Einwohner, wird aber wegen seiner Landwirtschaft auch "Die Salatschüssel der Welt" ("the salad bowl of the world") genannt. In Salinas wohnen auch relativ viele illegale Einwander, wobei es oft keine genauen Zahlen gibt, da illegale Einwanderer nicht gerade gerne ihren Immigrationsstatus publik machen. Jeder in Kalifornien weiß aber, dass auf den Feldern Leute arbeiten, die keine Papiere haben. Der Salat würde wahrscheinlich um einiges teurer sein, wenn dem nicht so wäre oder gleich auf den Feldern vergammeln, wenn die illegalen Arbeitskräfte verschwinden würden wie Trump und Konsorten es sich wünschen.

Abbildung [5]: Abendessenausgabe für die Feldarbeiter auf dem Motelparkplatz.

Wir kamen in Salinas in einem ländlichen Motel unter, so wie man es überall in Amerika findet, denn es gab kaum noch eine Unterkunft. An dem Wochenende waren scheinbar Gott und die Welt unterwegs. Wir hatten schon auf "Yelp" gelesen, dass in den Motelräumen auch Arbeiter untergebracht werden, die auf den umliegenden Feldern arbeiten. Störte uns natürlich nicht. Als uns an der Rezeption der Angestellte fragte, ob wir ein Zimmer im zweiten Stock und im Gebäude, das weiter weg von der Straße lag wollten, sagten wir natürlich ja, denn es ist nichts schlimmer in amerikanischen Motels, als wenn einem der Nachbar auf dem Kopf herum trampelt, da die Gebäude fast immer äußerst dünnwandig gebaut sind. Beim Endladen des Gepäcks fiel uns schon auf, dass bei einigen Zimmern die Türen offen standen, und als wir natürlich neugierig hineinlugten, sahen wir in Motels eigentlich äußerst unübliche Stockbetten. Vor den Zimmern waren feinsäuberlich ein Haufen Arbeitsschuhe aufgereiht. Unser Zimmer hatte natürlich keine Stockbetten, aber wir dachten uns unseren Teil.

Als wir dann später von einem kurzen Spaziergang zurück kamen, erschraken wir etwas, denn plötzlich stürmten wie von der Tarantel gestochen ein Haufen junger Männer aus ihren Zimmern. Wir dachten schon, dass es brennt. Es stellte sich dann aber heraus, dass die Männer sich alle in einer Einerreihe auf dem Parkplatz aufstellten, um geduldig vor einem weißen Pick-up Truck auf die Ausgabe des Abendessens zu warten. Böse Zungen behaupten, es handle sich um moderne Sklaverei.

Möbel schleppen mit App: Lugg.com

Abbildung [6]: Unser altes Sofa suchte ein neues Zuhause.

Angelika Nachdem ich nach jahrelangem Hinreden an Michael endlich vor anderthalb Jahren ein neues Bett bekam (Rundbrief 12/2016), dachte ich mir, das hat gut geklappt, jetzt muss es auch noch ein neues Sofa sein. Denn unser altes hatten wir auch schon fast 20 Jahre, und es war ein wenig in die Jahre gekommen und auch die Form gefiel mir nicht mehr so gut. Also probesaßen wir diverse Sofas in Möbelläden und fanden dann wieder bei dem kanadischen Möbelhaus EQ3 das passende Modell. Die Wartezeit für das gute Stück betrug wieder schlappe 6-8 Wochen, denn das Sofa wurde im kanadischen Winnepeg für uns gebaut und mit dem feinen Leder, das wir uns ausgesucht hatten, bezogen. Als uns dann die Lieferfirma informierte, dass unser Sofa für den großen Auftritt in unserem Wohnzimmer bereit stand, fingen wir etwas das rotieren an, denn wohin mit dem alten?

Wer schon einmal versucht hat, ein altes Sofa wegzugeben, weiß wovon ich spreche. Unser Sofa war zwar schon älter, aber doch noch in gutem Zustand. Der Stoff war an einer Seite etwas ausgeblichen und nicht mehr ganz so satt rot wie im Neuzustand, aber das Sofa war weder durchgesessen noch kaputt, also viel zu schade für den Sperrmüll. Wir dachten, spenden wir das Sofa einfach bei Goodwill (Rundbrief 03/2003) für einen guten Zweck, aber das war nicht so einfach wie gedacht. Goodwill ist eine große gemeinnützige Organisation, die alle möglichen Sachspenden annimmt, und will sogar Sofas haben. Die Firma arbeitet angeblich mit einem Drittanbieter zusammen, der Sofas abholt, allerdings ging dieser nie ans Telefon oder hörte seinen Anrufbeantworter nur sporadisch ab, denn als er uns endlich nach Wochen zurückrief, waren wir das alte Sofa bereits losgeworden. Auch die Organisation "Salvation Army" nimmt Sofas an und holt diese sogar ab. Allerdings war der nächste verfügbare Abholtermin erst vier Wochen später, und wir wollten dann doch nicht vier Wochen lang zwei Sofas in der Wohnung herum stehen haben.

Also bemühte sich Michael auf "Nextdoor" (Rundbrief 09/2014), dem Nachbarschaftsportal, das Sofa an den Mann zu bringen. Ein älteres Ehepaar hatte auch Interesse und kam zum Probesitzen vorbei, realisierte dann aber, dass unser Sofa zu groß für ihre Wohnung war. Die Maße hatten wir natürlich angegeben, aber das hatten die Beiden wohl geflissentlich übersehen. Also setzte Michael eine Kleinanzeige auf craigslist.org und siehe da, ein gerade nach San Francisco gezogenes Paar aus Singapur zeigte Interesse. Aber die wohnten am anderen Ende der Stadt, wie sollten sie das Sofa von unserer Wohnung in Noe Valley dorthin bekommen? Klar, man kann sich einen Kleintransporter bei der Firma U-Haul ausleihen, was allerdings den Nachteil hat, dass man das Sofa selber zum Transporter schleppen und den Kleintransporter eigenhändig durch die Stadt kutschieren muss.

Abbildung [7]: Mit der App von Lugg bestellt man Möbelpacker im Handumdrehn.

Aber im Zeitalter des Internets ist natürlich schon wieder jemand auf die geniale Idee gekommen, den geeigneten Service dafür anzubieten. Die Firma heißt lugg.com ("to lug" heißt übersetzt "schleppen"), und sie gibt es seit 2015, mittlerweile in mehreren Städten in den USA. Die Idee ist, dass wenn jemand möglichst schnell ein paar Möbel innerhalb einer Stadt von A nach B transportieren möchte, aber weder einen ganzen Möbelwagen braucht oder nicht selber zum Möbelpacker werden möchte, installiert er die App aufs Handy und tippt ein, von wo nach wo der Transport geht. Im nächsten Schritt wählt der Kunde, ob er einen Pickup Truck mit einem sogenannten "Lugger" (also Möbelschlepper) oder zweien braucht oder einen etwas grösseren Kleintransporter. Die billigste Variante für nur ein Möbelstück mit nur einem Möbelschlepper kostete von uns quer durch die Stadt $33 Grundpreis plus $0.85 pro Arbeitsminute. Für zwei "Lugger" erhöht sich der Preis auf $45 plus $1.45 per Arbeitsminute. Wie bei dem Fahrservice "Uber" oder "Lyft" (Rundbrief 03/2013) benutzen die "Lugger" ihr eigenes Fahrzeug. Brillant ist, dass das Ganze schnell geht. Man kann innerhalb von einer halben Stunde den Möbeltransporter vor der Tür stehen haben, aber natürlich auch weiter im Voraus buchen. Also der nächste große Ikeaeinkauf, der dann doch nicht ins Auto passt, ist gerettet, denn Ikeas eigener Transportservice braucht meist wesentlich länger.

The Idee für "lugg.com" hatte Jordan Brown, der für eine kleine Startup-Firma im Gesundheitswesen in Salt Lake City arbeitete und oft auf das Möbeltransportdilemma gestoßen war. Brown entwickelte die App und zog dann nach San Francisco, um "lugg.com" zu starten. Mittlerweile gibt es den Service in San Francisco, Sacramento, Seattle, San Diego, Los Angeles, im Silicon Valley und in Orange County.

Bei uns klappte alles gut. Die "Lugger" schleiften unser Sofa zwar etwas über den Boden, dass mir gleich angst und bange wurde und hatten natürlich wieder keine Sackkarre dabei (das scheint ein gängiges Phänomen auch bei professionellen Möbelpackern zu sein), aber Michael ist in dieser Beziehung gut ausgerüstet. Auf der App konnten die neuen Besitzer das Sofa auf dem Weg in ihre Wohnung verfolgen, und nach einer halben Stunde kam es dort wohlbehalten an. Unser rotes Sofa hat jetzt ein neues Zuhause.

Salesforce Tower

Abbildung [8]: Skyline von San Francisco mit dem dicken Salesforce-Tower (ganz links), fotografiert von unserem Balkon.

Angelika Dass wir schon seit über 20 Jahren in San Francisco leben, merken wir auch daran, wie sich die Skyline von San Francisco über die Jahre verändert hat. Unsere Wohnung bietet ja einen tollen Blick auf die Stadt und die Wolkenkratzer haben sich über die Jahre stetig vermehrt, sodas die beliebte Transamerica Pyramid fast verschluckt wird von den neuen gläsernen Türmen. Der neue sogenannte Salesforce Tower, der im Mai eröffnet wurde, überragt alles. Ironischerweise gab es die Firma Salesforce vor 20 Jahren noch gar nicht, als wir nach San Francisco zogen. Und jetzt erhielt der Wolkenkratzer gleich den Namen der Firma, die die meisten Büros im Gebäude angemietet hat und das ist, ihr habt richtig geraten, "Salesforce". Der Wolkenkratzer ist mit 326 Metern nicht nur das höchste Gebäude in San Francisco, sondern auch das zweithöchste westlich des Mississippis. Damit überragt er jetzt die Transamerica Pyramid mit 66 Metern, die bis dato das höchste Gebäude in San Francisco war und den Titel seit 1972 innehatte.

Der Salesforce Tower verfolgt uns wirklich auf Schritt und Tritt in der Stadt, und man erschrickt fast, wenn plötzlich die etwas klobig aussehende Spitze hervorlugt wie aus dem Nichts. Abends leuchtet die Spitze dann in allen möglichen Farben dank der Lichtshow, die aus 11000 LED-Lichtern des Video-Künstlers Jim Campbell besteht. Fast gespenstisch sieht es aus, wenn die Spitze aus dem Nebel hervorragt und zu schweben scheint. Die Adresse des Salesforce Towers ist 415 Mission St., mitten in Downtown San Francisco und direkt neben dem neuen Transbay Transit Center, dem regionalen Busumschlagplatz.

Abbildung [9]: Beim in San Francisco üblichen Nebel schaut oft nur die Spitze des Salesforce-Towers heraus.

Die Lage ist nicht ganz ungefährlich, denn der Baugrund besteht aus weicher Erde und Sand, denn der Wolkenkratzer ist nur einen Steinwurf entfernt vom Ufer der San-Francisco-Bucht. Wenn es ein Erdbeben gibt, kann weicher Untergrund allerdings zum Problem werden. Weiche Erde kann im Falle eines Erdbeben einsacken und Gebäude leicht zum Einsturz bringen. Deshalb waren hohe Wolkenkratzer bei der Bevölkerung von San Francisco lange Zeit nicht gerade beliebt, aber der Mangel an Wohnungen und Bürogebäuden hat einen richtigen Bauboom ausgelöst. Es gibt in San Francisco mittlerweile 160 Gebäude, die höher als 73 Meter sind und weitere sind schon in Planung. Alle befinden sich in Downtown in unmittelbarer Nähe voneinander, was im Erdbebenfall ebenfalls risikoreich ist. Natürlich ist angeblich alles mit neuester Technologie erdbebensicher gebaut, aber letztendlich ist das Ganze eben nicht im realen Leben getestet worden, sondern auf dem Papier oder im Computer. Erdbeben sind immer unkalkulierbar. Und die Tatsache, dass der Millennium-Wolkenkratzer, der sich nicht weit weg vom Salesforce Tower befindet, seit Jahren sinkt und bereits eine messbare Schieflage hat, beruhigt die Nerven auch nicht gerade.

Eiskugeln vom Hipsterladen

Abbildung [10]: Das Speiseeis vom Hipsterladen ist zwar teuer schmeckt aber sehr gut.

Michael Wenn in San Francisco ein neuer Laden aufmacht, zum Beispiel einer, der Speiseeis verkauft, kann man ihn normalerweise während des ersten Betriebsjahres wegen Überfüllug nicht betreten. Von mir so genannte Internet-Lemminge schwärmen nämlich wie die Motten um solche Läden herum und selbst wenn die Warteschlange um den Straßenblock rumgeht, stellt sich der Millennial-Depp erst recht noch hintenan. Was ist schon eine vergeudete Stunde in einer so sinnlosen Existenz wie der eines Hipsters in San Francisco!

Abbildung [11]: Noch vor einem Jahr standen die Lemminge vor diesem Laden stundenlang an.

Dem Laden "Smitten Ice Cream" auf der Valencia-Street bei uns um die Ecke erging es ähnlich. Erst war das Eisgeschäft Teil einer mobilen Foodtruckkarawane, zog dann in einen Laden auf der Hipstermeile ein, worauf man dort keinen Fuß mehr auf die Erde bekam, aber jetzt im circa zweiten Betriebsjahr ist die Hipsterkarawane zu neueren Schleckerläden weitergezogen und man kann einfach zu Smitten reingehen, ein Eis verlangen, sogleich bezahlen und nach 5 Minuten schlecken. Die Eisverkäufer dort machen das Eis nämlich ganz frisch, wenn man es bestellt, mit Hilfe gefährlich zischender Maschinen, die, glaube ich, flüssigen Stickstoff oder ähnliches Teufelszeug einsetzen, um ein paar Speiseeiskugeln zu produzieren. Die Waffeln schmecken ebenfalls sehr gut, und deswegen holen wir uns ab und an eine Portion.

Abbildung [12]: Jede Eisportion bereiten die Angestellten frisch zu, wenn der Kunde sie bestellt. Foto: Martin Hapl

Den einzig schalen Nachgeschmack hinterlässt allerdings der Preis, denn eine Portion (Waffel und ordentliche Kugel) kostet $7. Vielleicht werde ich demnächst wirklich alt, aber zu meiner Jugendzeit kostete eine Portion Waffeleis erst 10 Pfennig, dann 20 und heute vielleicht einen Euro oder zwei. In San Francisco kostet aber alles mittlerweile Fantasiepreise. Offiziell steht die Inflationsrate zwar bei nur wenigen Prozent im Jahr, aber wer hier lebt kann ein Lied davon singen, dass sich die Preise für Alltagsgüter innerhalb der letzten 10 Jahre bestimmt verdoppelt, wenn nicht verdreifacht haben. Die Gehälter der Gutverdiener sind ebenfalls entsprechend gestiegen, also beklagt sich keiner.

Mir tun nur die Touristen leid, die aus Deutschland mit angesparten Euros anreisen und sich verwundert die Augen reiben, wenn sie feststellen, was wir für verrückte Preise für Dinge zahlen, die man in Europa in ähnlicher Qualität zu einem Bruchteil erstehen könnte. Nun, der Markt wird's, wie immer, richten, irgendwann normalisiert sich jeder Überschwang, und vielleicht zieht dann die Hipsterkarawane einfach woanders hin und San Francisco wird wieder zu dem verschlafenen Hippienest, das es einmal war. Historisch belegt ist allerdings, dass solche Transformationen Jahrzehnte dauern können, kurzzeitig spekulieren würde ich darauf nicht.

Hawaii 2018: Ka'ena Point

Abbildung [13]: Zwei Wanderer auf dem Weg nach Ka'ena Point auf der Nordwestseite Oahus.

Michael Jedes Jahr nach Hawaii, wird das nicht irgendwann langweilig? Für uns irgendwie nicht, denn auch nach etwa 15 Trips haben wir noch nicht alle Ecken erkundet. Zwar waren wir mittlerweile jeweils mindestens einmal auf jeder der sieben öffentlich zugänglichen Inseln des Archipels, und sind in den letzten Jahren nurmehr nur auf der Hauptinsel Oahu abgehangen, aber selbst dort haben wir noch lange nicht alles erforscht.

Abbildung [14]: Die Nordwestseite der Insel war schon immer von Strandpennern besetzt.

Eine von diesen weißen Flecken auf unserer Landkarte war bisher die Nordwestspitze der Insel, an der man zuerst durch den leicht rustikalen Ort Waianae fährt, dann weiter hoch, vorbei an einigen Siedlungen ansässiger Strandpenner, zum etwas abgelegenen, hauptsächlich von Einheimischen frequentierten, aber atemraubenden Keawaula-Strand, bis die Küstenstraße abrupt endet und nur noch ein steiniger verschlungener Pfad in ein Naturschutzgebiet führt.

Abbildung [15]: Auch der Trend zum Zweit- und Drittauto bei den Strandpennern ist nicht zu übersehen.

Abbildung [16]: Sogar ein die Klippen heruntergefallenes Auto kann man auf dem Wanderweg zum Kaena Point besichtigen.

Die Reiseführer kriegen sich gar nicht mehr ein mit ihren Hinweisen, dass dort reihenweise Autos aufgebrochen würden, aber das ist total lachhaft, vor allem, wenn man aus San Francisco kommt, der Welthauptstadt der Kleinkriminellen. Man lässt halt absolut nichts im Auto, dann bricht es auch niemand auf, fertig ist der Lack.

Auf den ersten paar hundert Metern auf dem verschlungenen Küstenpfad sahen wir dann auch noch den ein oder anderen geparkten geländegängigen Pickup-Truck, deren Besitzer auf schmalen Pfaden die Klippen runter zum Angeln gestiegen waren. Auch ein Auto war zu sehen, das anscheinend vom Pfad abgekommen und auf den Felsen am Wasser zerschellt war.

Nach einem Kilometer geht's wegen einer abgebrochenen Stelle wirklich nur noch zu Fuß weiter, und nach weiteren zweien findet der erstaunte Wanderer einen gigantischen Zaun, der anscheinend von Naturfreunden zu dem Zweck errichtet worden ist, Albatrosse, eine vom Aussterben bedrohte Vogelart, vor ihren natürlichen Feinden, einer Art Marder, zu schützen.

Abbildung [17]: Tourist auf Steinbrücke.

Im Brutgebiet der Albatrosse sahen wir denn auch tatsächlich ein erstaunlich großes Jungtier in einem Nest im Gras sitzen, ähnlich der heutzutage "Millennials" genannten jungen Erwachsenen, die wegen Trägheit und mangels Einkommen mit 25 immer noch bei Muttern wohnen.

Abbildung [18]: Ein von Naturfreunden gebauter Zaun schützt die Albatrosse vor Mardern.

Abbildung [19]: Am Ende des Weges, an der Nordwestspitze der Insel, wartet ein ehemaliges Militärgelände, das heute ein Vogelschutzgebiet ist.

An der Spitze im äußersten Nordwesten brechen dann die Wellen dermaßen rein, dass man denkt, man wäre am Nordkap, und man könnte theoretisch nach Osten weiterwandern, bis man wieder auf das östliche Teilstück der Küstentraße kommt, das auf der Nordseite der Insel entlang der sogenannten "North Shore" führt. Wir hatten aber natürlich unser Auto am Keawaula-Strand geparkt und wanderten deswegen wieder zurück nach Süden. Insgesamt eine äußerst lohnende Wanderung, fehlte nur noch eine ordentliche Wirtschaft zum Einkehren am Ende des Weges, aber damit hat's der Amerikaner irgendwie nicht so.

WM 2018: Fußball wird immer langweiliger

Abbildung [20]: Dröges Spiell bei der WM im Russland

Michael Normalen Amerikanern geht ja generell jedes Interesse an Fußball ab. Zu wenig Action auf dem Sportplatz, ewiges Klein-Klein im Mittelfeld, und vielleicht mal ein mickriges Tor in 90 Minuten, das ist einfach nicht der Bringer. Während der WM in Russland haben wir als Exildeutsche natürlich eine ganze Reihe von Spielen angeguckt, aber ich muss echt sagen, dass ich das Gebolze selbst und das Tamtam um die Ballkicker drumherum mittlerweile teilweise ausgesprochen affig finde.

Gut, die deutsche Gurkentruppe ist verdient gleich in der Vorrunde rausgeflogen, und damit war irgendwie schon die Luft raus, denn wenn man keine Mannschaft mehr zum Anfeuern hat, reduziert sich der Fernsehgenuss aufs eigentliche Spiel, und das hat sich über die Jahre irgendwie festgefahren. Lustigerweise stellt sich aber niemand in Frage, wie doof es eigentlich ist, 22 eingebildeten Lackaffen, die unheimlichen Wert auf Frisur und Tätowierungen legen, beim Bolzen zuzuschauen. Und was bitte interessiert mich, als Erwachsenen mit Interesse am Weltgeschehen, ein trübes kleines Licht wie Özil, dessen fußballerisches Scheitern ernsthaft die Tagesschau beschäftigte?

Und dann diese Bescheißerei während des Spiels die ganze Zeit! Dieses grundlose Hingefalle, das Verletzungsimulieren, das Schiedsrichterangeflenne, die theatralischen Gesten bei jedem Pfiff. Einfach erbärmlich und ehrlos, was da auf dem Platz abgeht. Beim Freistoß stehen die Spieler in der Mauer mittlerweile so dichtgedrängt wie beim Slowfox und umklammern die Gegner wie Koalabären. Ist das für heterosexuelle Männer nicht eher befremdlich?

Bei jedem Seitenaus gehen die Arme von zwei Spielern hoch, obwohl klar ist, wer den Ball rausgehauen hat. Wie moralisch degeneriert ist jemand, der so etwas normal findet, und was für eine Sorte Mensch lässt sich in den Strafraum fallen, um einen Elfer zu bekommen, damit das Spiel zu gewinnen, und sich dann vor Freude zu kugeln? Wahrscheinlich eine ähnliche Art Mensch, der bei Dieselabgasen bescheißt und sich anschließend über Gewinne der herumkrebsenden deutschen Autoindustrie freut. Meine Sache ist das nicht.

Hausbesitzer müssen Gehwege reparieren

Abbildung [21]: Wenn der Gewerkschaftsmann mit der Spraydose kommt, ist Schluss mit lustig.

Michael Ein Einfamilienhaus in unserem Viertel kostet ja mittlerweile gut und gern 2 Millionen Dollar. Was aber viele Neureiche beim Hauskauf nicht beachten, ist dass die Abzahlung eines Kredits in dieser Höhe innerhalb von 30 Jahren nicht nur etwa $7.000 im Monat Netto erfordert, sondern auch noch jede Menge Nebenkosten anfallen.

Da die Grundsteuer in San Francisco etwa 1.2% vom Kaufpreis beträgt, sind bei einem Zwei-Millionen-Haus etwa $22.000 im Jahr, also nochmal fast $2.000 im Monat an den Fiskus zu entrichten. Wohl dem, der sich das vorher ausgerechnet hat, bevor er ein irrsinniges Gebot abgibt, viele Techies mit vorübergehend dicken Gehältern und Null Ahnung merken das erst zu spät.

Abbildung [22]: Au weia, mehrere Platten kaputt, das wird teuer!

Und neben Müllabfuhr ($200 im Monat), Strom (bis zu $400 mit dem neuen ökofreundlichen Versorger), Wasser, Abwasser und allem möglichen Krimskrams sind schnell nochmal $1000 pro Monat beisammen. Haus neu anstreichen? $20.000. Neues Dach drauf? $20.000.

Auch wissen viele nicht, dass Hausbesitzer den Gehsteig vor dem Haus auf eigene Kosten instandsetzen müssen, falls die in San Francisco üblichen etwa 1m mal 1m großen Steinplatten Sprünge aufweisen. Das passiert hauptsächlich wegen den am Straßenrand von der Stadt gepflanzten Bäumen, die wilde Wurzeln schlagen und die Steinplatten von unten durch heftigen Druck zerstören. Kommt der gewerkschaftlich organisierte Inspektionstrupp der Stadt vorbei und sieht einen Schaden, markiert der Inspektor die Schäden mit einer Spraydose und kurz darauf liegt Post im Briefkasten, die den Hausbesitzer zur Reparatur des Schadens binnen 30 Tagen auffordert.

Und natürlich kann nicht irgendein freier Handwerksbetrieb die Reparatur übernehmen sondern nur von den Gewerkschaftsfritzen der Stadt autorisierte Gewerkschaftsfritzen, die zu Mondpreisen arbeiten. Bei $2000 fangen die erstmal an, den Zementmischer anzustellen.

Die Hausbesitzer wehren sich natürlich und mittlerweile gegen die behördliche Willkür und es ergingen in der Zwischenzeit Gerichtsurteile, dass Schäden, die nach 2017 durch Baumwurzeln der Stadt verursacht wurden, auch von der Stadt auf deren Kosten zu reparieren sind. Oder das 30-Tage-Ultimatum: Der Hausbesitzer ist nur verpflichtet, die Reparatur binnen 30 Tage zu beginnen, aber wer weiß wie lange die sich bei unzuverlässigen Handwerkern hinzieht!

Aus Deutschland hört man neuerdings, dass sich Hausbesitzer darüber aufregen, dass sie den Straßenbau ihrer Gemeinde mitfinanzieren müssen, und die denken sicher: "Typisch deutsche Bürokratie! Das wäre in Amerika sicher anders!" aber da haben sie sich getäuscht, zumindest was liberale Hochburgen wie San Francisco oder allgemein Kalifornien angeht: Dort wiehert der Amtsschimmel noch viel lauter und der Aderlass der Hausbesitzer nimmt ebenso kuriose Formen an.

Grüße aus der Stadt:

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 22-Feb-2019