05.02.1998 Deutsch English

San Francisco in der Regenzeit

(Angelika) Da in San Francisco scheinbar gerade die Regenzeit angebrochen ist (von wegen hier regnet's nie) und wir uns kaum vor die Haustür wagen, habe ich mir gedacht, dass ich euch einmal wieder mit den Neuigkeiten von hier versorge. Also, Lesehilfen rausgekramt, gemütlich in die Sofaecke gekuschelt, Fernseher ausgestellt und los geht's mit dem Lesen:

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Mit dem Fahrrad über die Golden Gate Bridge

Angelika fährt kein Rennen, sondern genießt die Aussicht
Angelika fährt kein Rennen, sondern genießt die Aussicht

(Angelika) Unsere Golden-Gate-Bridge-Überquerung mit dem Fahrrad haben wir auch schon hinter uns. Wir haben das bei strahlendem Sonnenschein gemacht, so dass die Brücke in ihrem schönsten Rot leuchtete. Damit wir nicht zu viele Hügel und gefährliche Straßen passieren mussten (das ist nichts für mich), haben wir unsere Fahrräder zunächst in die Bart (U-Bahn in San Francisco) mitgenommen und sind zum Embarcadero gefahren (wer schon mal in San Francisco war, weiß wo das ist; für die nicht Ortskundigen: Straße, die direkt am Wasser lang führt). Und dann ging es immer am Wasser entlang zur Golden Gate, den Blick immer auf die Brücke, Alcatraz und die Boote auf der Bay gerichtet.

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Dim Sum und andere Leckereien

(Angelika) Bedingt durch das schlechte Wetter (sollte El Nino tatsächlich existieren?) mussten wir unsere Wochenendaktivitäten in der letzten Zeit auf Etablissements mit einem Dach über dem Kopf verlegen. So haben wir diverse Museen abgeklappert und neue Restaurants ausprobiert. San Francisco bzw. die ganze Bay Area ist wirklich eine kulinarische Hochburg und man kann sich kaum entscheiden, wo man hingehen soll, weil es so viel Auswahl gibt. Wir haben uns dann gedacht, es wäre gar nicht dumm, Restaurants aufzusuchen, die wir in Deutschland nicht so schnell finden werden. Zunächst haben wir also die äthiopische Küche ausprobiert, was gut, billig und witzig war. Das Restaurant heißt "Blue Nile" und ist ein absoluter Insidertipp. Man sitzt in mit Holzperlenvorhängen abgetrennten, schummrigen Kabuffen und darf mit den Fingern essen. Dazu reißt man sich ein Stück äthiopischen Brotes mit dem Namen "Injera" (müsst ihr euch etwa wie einen Pfannkuchen vorstellen) ab und schnappt sich mit Hilfe des Brotes das Gemüse oder das Fleisch. Man trinkt dazu Honigwein, was ein echter Hit ist. Ein weiterer kulinarischer Höhepunkt: Das weltbeste Dim Sum Restaurant in der Geary-Street. Die Asienfahrer unter euch werden wissen, was Dim Sum ist. Die Legende besagt (bzw. mein Restaurantführer behauptet es), dass Dim Sum deshalb entstanden ist, weil die chinesische Geschäftsleute es liebten, Stunden in Teehäusern zu verbringen, um dort ihre Geschäfte abzuwickeln. Da man dabei bekanntlich hungrig wird, begannen die Teehäuser, kleine Snacks anzubieten. Dies läuft bis heute folgendermaßen ab: Kellner fahren mit kleinen Servierwagen durch das Restaurant und man nimmt sich einfach, was man mag, wobei es auf jedem Servierwagen etwas anderes gibt. So gibt es Muscheln, Krabben oder Champignons, umgeben von Nudelteig, sogenannte Dumplings, Frühlingsrollen, Mangocreme usw. Auf jeden Fall echt gut! Nachdem euch jetzt sicher das Wasser im Munde zusammen gelaufen ist, will ich meinen Ausflug ins Land der Gourmets beenden. Am Rande sei nur noch bemerkt, dass Michael ab Mitte Februar einen Kurs belegt hat, in dem ihm das richtige Weinprobieren beigebracht werden soll. Es geht um europäische und kalifornische Weine. Nachdem wir das Napa und Sonoma Valley (Weingebiete) ja vor der Haustür haben und schon einige Weinproben hinter uns haben, hat Michael nun den Ehrgeiz entwickelt, zu lernen, wie man einen guten von einem schlechten Wein unterscheidet. Die Zeit des Supermarktweines ist also eindeutig vorbei.

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Das deutsche Filmfestival in San Francisco

(Angelika) Neulich hatten wir übrigens einmal wieder die Gelegenheit, Götz George, Mario Adorf, Gudrun Landgrebe und Consorten hier im Kino zu bewundern. Es waren nämlich deutsche Filmfestspiele, die jedes Jahr vom Goethe-Institut in San Francisco organisiert werden. Dabei werden vor allem Filme von jungen deutschsprachigen Filmemachern gezeigt. Der Abschlussfilm war dieses Jahr allerdings von Helmut Dietl, der ja bekanntlich nicht mehr ganz neu bzw. unbekannt ist. Er spielte in einem Münchener italienischem Lokal und das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Der Film hat uns zwar nicht gerade vom Hocker gehauen, aber es war witzig, einmal wieder einen deutschen Film (mit englischen Untertiteln) und die Münchener Kulissen zu sehen. Aufgefallen ist uns dabei, wie viel nackte Menschen es dabei zu sehen gab (Götz George musste natürlich einmal wieder seinen Astralkörper zeigen, damit auch jeder sieht, wie gut er sich gehalten hat.). Die Amerikanerin neben mir konnte es gar nicht fassen (das viele nackte Fleisch, nicht den götz-georgischen Astralkörper). In hiesigen Filmen werden solche Szenen nämlich meist nur dezent angedeutet. Da kommt dann die amerikanische Prüderie und merkwürdige Doppelmoral voll zum Tragen. Schließlich findet zur Zeit niemand etwas dabei, dass Bill Clintons Sexualleben öffentlich und möglichst medienwirksam diskutiert wird.

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Amerikanisches Fernsehen

Nochmal auf Fahrrädern durch die Stadt, hier am Lake Merced
Nochmal auf Fahrrädern durch die Stadt, hier am Lake Merced

(Angelika) Apropos amerikanische Medien, schon lange wollte ich zu diesem Thema ein paar allgemeine Bemerkungen machen. Zunächst einmal wären da die Nachrichten im Fernsehen zu erwähnen. Weltnachrichten oder Auslandsnachrichten gibt es nur unter zwei Bedingungen: Entweder müssen die USA irgendwie beteiligt sein wie z.B. bei dem Zusammenstoß des amerikanischen Militärflugzeuges mit der Gondel in Italien bzw. bei dem momentanen Konflikt zwischen Saddam Hussein und Bill Clinton oder eine absolut medienwirksame Katastrophe ist passiert, z.B. wie vor einiger Zeit das Erdbeben in Italien. Ansonsten beschäftigt sich der größte Teil der Nachrichten mit der Innenpolitik oder Lokalem, wobei man manchmal am Verstand des Redakteurs zweifelt, was die Auswahl dieser Nachrichten betrifft. Vor gar nicht langer Zeit war die Topnachricht, die an erster Stelle gebracht wurde, dass sich ein Hausschwein auf die Bay Bridge verirrte. Ich habe das erst für einen Scherz gehalten, weil ich nicht glauben konnte, dass ein halbwegs seriöser Fernsehsender sich traut, so etwas als die Nachricht des Tages zu verkaufen, aber dem war wirklich so. Wenn man sich nun auch noch überlegt, dass viele Amerikaner die Fernsehnachrichten als ausschließliche Informationsquelle benutzen, wundert einen nicht mehr, dass sie kaum etwas über Europa wissen. Auch die Fernsehnachrichten werden natürlich ständig durch Werbeblöcke unterbrochen, was wirklich extrem lästig ist. Durch die Privatsender in Deutschland kennt ihr das ja mittlerweile auch und wenn ich mich richtig erinnere, kommt vor dem Wetterbericht der Heute-Sendung auch schon ein Werbeblock. Ihr müsst das euch hier nur noch extremer vorstellen. Neulich kam z.B. der Kinofilm "Club der toten Dichter" im Fernsehen. Durch die Werbeunterbrechungen hat der Film ganze drei Stunden gedauert (die normale Laufzeit würde ich so auf ca. 90 Minuten schätzen). Michael und mich nerven die Werbeunterbrechungen mittlerweile so, dass wir immer mehr dazu übergehen, uns Videos auszuleihen oder wir gehen ins Kino, da gibt es nämlich witzigerweise überhaupt keine Werbung.

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Zu Besuch in der Arbeit

(Angelika) So, nun aber genug mit den ernsten Themen. Nach dem Michael euch ja die letzten beiden Male mit Geschichten aus seinem AOL-Leben unterhalten hat, wird er heute nicht seinen Senf zur Lage der Nation abgeben, da er zur Zeit an der zweiten, überarbeiteten Auflage seines Buches schreibt und somit etwas im Stress ist. Die Auflage muss nämlich bis Mitte März dem Verlag vorliegen. Ich hoffe, dass eure Enttäuschung sich deshalb in Grenzen hält; müsst ihr halt mit mir vorliebnehmen. Außerdem kann ich diesmal selbst eine Geschichte zum Thema AOL beitragen. Da Michael und ich uns vor einiger Zeit einmal wieder ein Auto geliehen hatten, um in der Gegend herumzubrausen, sind wir bei dieser Gelegenheit auch nach San Mateo gefahren und Michael hat mir gezeigt, wo er arbeitet. Und es ist wirklich so, wie er es beschrieben hat. Ein Billardtisch im Aufenthaltsraum, an dem Michael jeden Tag seine kreativen Pausen einlegt, was dazu geführt hat, dass er der weltbeste Billardspieler geworden ist (behauptet er jedenfalls) und natürlich die berühmten Cubicles (kleine Büros, die dadurch entstehen, dass man den Raum mit Stellwänden unterteilt). Da wir an einem Feiertag bei AOL waren, konnte ich leider Michaels Kollegen nicht kennenlernen, aber die persönliche Gestaltung der Cubicles sagte viel über den Einzelnen aus, obwohl er gar nicht anwesend war. Bei dem einen sah es aus wie in einer Kirche, über dem Computer prangte nämlich eine riesige Muttergottes und der andere hatte sein Cubicle in einen Bonbonladen verwandelt. Da standen mindestens sechs Bonbongläser mit den verschiedensten Süßigkeiten. Nur bei Michael war es ganz aufgeräumt, aber er will seinem Cubicle auch möglichst bald eine persönliche Note geben. Man darf gespannt sein, was er dann daraus macht.

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Letzte Änderung: 10-Jul-2026