12.12.1997 Deutsch English

Zwischenbilanz nach einem Jahr

(Angelika) Nachdem das Jahr 1997 seinem Ende entgegen geht und Weihnachten kurz vor der Tür steht, will ich euch einmal wieder mit einem Rundbrief beglücken. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich, auf Umzugskisten sitzend, mit meinem ersten Rundbrief begonnen und seitdem fleißig über unsere Erlebnisse hier berichtet. Ja, es ist kaum zu glauben, aber wahr, Michael ist jetzt schon seit über einem Jahr hier und ich habe Jahrestag am 30. Dezember. Wir haben in dieser Zeit ziemlich viel erlebt, neue Erfahrungen gemacht, viel dazu gelernt und kennen uns doch insgesamt schon ziemlich gut aus, was Land und Leute betrifft. Hoffentlich denkt ihr jetzt nicht mit Schrecken, dass wir mittlerweile zu echten Amerikanern, was immer das ist, mutiert sind. Nein, keine Angst, ich laufe nicht mit rotlackierten Fingernägeln herum und Michael besitzt keinen Cowboyhut, nur sündhaftteure Turnschuhe, die er am liebsten Tag und Nacht trägt (also doch echt amerikanisch). Überhaupt ist man, wenn man in Kalifornien lebt, nicht Amerikaner, sondern Kalifornier. Apropos Kalifornien, Thomas Gottschalk (ja, ihr habt richtig gelesen), der ja bekanntlich in Malibu lebt, hat zu diesem Thema einen ziemlich witzigen Artikel im Spiegel Spezial "Kalifornien" geschrieben, aus dem ich schnell ein paar Zeilen zitiere:

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Weihnachten in Amerika

Die Weihnachtsdekoration im Schaufenster des Kaufhauses Saks Fifth Avenue
Die Weihnachtsdekoration im Schaufenster des Kaufhauses Saks Fifth Avenue

(Angelika) Witzig und seltsam zugleich ist auch, dass die meisten Amerikaner ihren Weihnachtsbaum schon lange vor Weihnachten aufstellen, viele z.B. am ersten Advent. Der Baum ist dann in voller Pracht geschmückt. Man könnte jetzt natürlich neidlos anerkennen, dass das frühzeitige Aufstellen des Baumes durchaus praktisch ist, so hat man wenigstens länger was davon, wir werden unseren Baum aber trotzdenm erst am 24. Dezember schmücken. Auch werden wir am 24. feiern; hier wird Weihnachten ja am Morgen des 25ten gefeiert. Eine amerikanische Sitte werden wir aber doch einführen: Hier hängt man einen sogenannten Stocking (muss man sich wie einen großen Stoffstiefel vorstellen) auf, der dann mit kleinen Geschenken gefüllt wird. Der Stocking wird meist an den Kamin gehängt. Hat man keinen Kamin zur Hand, wie wir, tut es natürlich auch ein anderer Platz.

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Kurse an der UC Berkeley Extension

(Angelika) Meine Kurse (Fotografiekurs, Kurs über afro-amerikanische Familien) waren ein voller Erfolg und haben mich sehr bereichert und mir viel Freude gemacht. Beide Kurse waren auf einem hohen Niveau und von sehr interessanten Leuten besucht. Ich musste auch ordentlich für die Kurse arbeiten (Literaturstudium, abschließendes Fotoprojekt, Abschlussarbeit über das Arbeiten mit afro-amerikanischen Familien), was mir bei Michael den Titel "Streberin" eingebracht hat. Der Fotokurs war so aufgebaut, dass wir zu jeder Stunde eine andere Aufgabe angehen mussten, die zuvor im Kurs besprochen wurde (z.B. Portraitaufnahmen, Nachtfotografie). In der nächsten Woche hat man sich dann die Fotos gemeinsam angeschaut und besprochen. So bin ich also viel mit meiner Kamera in San Francisco unterwegs gewesen. Michael musste mich oft begleiten, was er eigentlich ohne viel Murren gemacht hat. Nur als er dann mein Objekt für die Portraitaufnahmen werden sollte, hat er doch gestreikt. Ich habe daraufhin die Kinder aus meiner Einrichtung fotografiert. Um dem Fotografiekurs alle Ehre zu machen, haben wir das Foto auf unserer Weihnachtskarte natürlich selbst gemacht.

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Erschreckendes Schulsystem

(Angelika) Im Zuge meiner Kurse habe ich übrigens eine amerikanische Therapeutin kennengelernt, die wiederum eine Schulleiterin in Oakland (Stadt auf der anderen Seite der Bay) kannte und mich als Volunteerin vermitteln wollte. So bin ich also in den Genuss gekommen, eine Middle School zu besuchen. Die Middle School entspricht der 6. bis 9. Klasse. Die Schule war wieder in einer ziemlich heruntergekommenen und armen Gegend. Ich habe in einer Klasse mit Schülern von 10 bis 12 Jahren hospitiert. Über die Hälfte der Schüler sprach Englisch nicht als Muttersprache, ein Drittel hatte zusätzlich Lernschwierigkeiten. Die meisten Schüler waren schwarz oder Immigranten aus Südamerika. Das ist übrigens ein sehr realistisches Bild einer öffentlichen Schule in einem armen Stadtteil. Da diese Schulen meist nicht den besten Ruf haben, schicken besser gestellte amerikanische Eltern (meist weiß) ihre Kinder auf private Schulen. Hier entsteht dann ein echter Teufelskreis: Bist du arm, kannst du dir nur eine öffentliche Schule leisten, wohnst du in einer schlechten Gegend, ist die Schule meist dementsprechend schlecht, weil die entsprechenden Mittel fehlen. Kritische Stimmen behaupten, dass einige Schulen in den USA einer Rassentrennung unterliegen wie sie früher in Südafrika anzutreffen war.

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Local News

Auf der Autofahrt nach Portland -- der Berg Mount Shasta an der Grenze zu Oregon.
Auf der Autofahrt nach Portland -- der Berg Mount Shasta an der Grenze zu Oregon.

(Angelika) Und nun will ich euch noch mit einigen Infos versorgen:

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Neues vom Führerschein

(Angelika) Und der beste Witz zum Schluss: Ich habe meinen amerikanischen Führerschein immer noch nicht erhalten. Ich warte jetzt fast ein Jahr auf ihn. Nachdem ich noch zweimal zur Führerscheinstelle in San Francisco musste, um meine Papiere zu zeigen und endlich klar war, dass alles in bester Ordnung ist, d.h. dass ich völlig legal im Land bin, bekam ich wiederum ein Schreiben aus Sacramento, diesmal mit dem Hinweis, dass mein Foto nicht auffindbar wäre. Also bin ich das dritte Mal zur Führerscheinstelle getrottelt, habe das Foto machen lassen und warte wiederum geduldig. Ich weiß jetzt aber sicher, dass ich den Führerschein nicht noch einmal machen muss, weil ich ja nichts für die Schlamperei kann. Der Manager der Führerscheinstelle, mit dem ich schließlich gesprochen habe, offenbarte mir übrigens, dass er einen Fall hat, da wartet der Betreffende schon seit 1995 auf seinen Führerschein. Wahrscheinlich erhalte ich ihn kurz vor unserem Umzug nach Deutschland. Sei's drum.

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Weihnachtsfeier mit der Firma

(Michael) Weihnachtsbaum, Weihnachtsbaum, Weihnachtsbaum. Ich kann es nicht mehr hö-ren! Zuerst schleppt man ein grünes Monstrum in die Wohnung, allein wie der stachlige Stamm sich anfasst: e-ke-lig! Und nach einer Woche, wenn der ganzen Zauber vorbei ist, schmeißt man ihn raus. Knirsch, knirsch, knirsch, machen die die Nadeln im Staubsauger. Man macht was mit.

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Mit dem Fahrrad durch SF und das Silicon Valley

Ist zwar Ashbury Haights, könnte aber genauso gut in der Mission sein.
Ist zwar Ashbury Haights, könnte aber genauso gut in der Mission sein.

(Michael) Ich fahre ja weiterhin jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, und mein altes Rösschen hat schon schwer geschnauft, brrr, brrr, braaaav. Der Regen blieb bislang aus, "El Ninjo", ein vielzitiertes Wetterphänomen, kristallisiert sich als Hirngespinst unterbeschäftigter Fernseh-Wetterfritzen heraus.

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Letzte Änderung: 25-May-2024