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  Rundbrief Nummer 31  
San Francisco, den 1.7.2001


Abbildung [1]: Hundebesitzer in San Francisco. Der Herr hält ein Sackerl mit dem Hundekacki in der linken Hand.

Abbildung [2]: Hier gibt's kostenlose Plastiktüten für's Hundekacki (vom Rundbriefkorrespondenten aus San Diego)

Ich bellte der Frau ein paar selbst für amerikanische Verhältnisse (siehe den vorvorletzten Rundbrief zur Redefreiheit) schockierende Wörter ins Gesicht und rannte weiter, um wenig später festzustellen, dass ich tatsächlich blutete! Zum Glück war die Tetanus-Impfung, die ich vor sechs Jahren in München erhalten hatte, noch gut genug. Lustigerweise hatte es einige Wochen vorher in San Francisco einen etwas tragischeren Vorfall mit einem Kampfhund gegeben: In einem Hochhaus hatte ein angeleinter Kampfköter nach dem Hals einer Nachbarin geschnappt und diese getötet! Die beiden Halter wurden daraufhin auf "versuchten Mord" bzw. "Totschlag" angeklagt, weil sie das Vieh angeblich so dressiert hatten. Ich hätte aus der dummen Kuh mit dem unangeleinten Hund sicher Millionen herausholen können, aber ich bin ja großzügig und verklage keine geistig zurückgebliebenen Menschen.

Allgemein gesprochen haben Hundebesitzer schon einen leichten Hau. Kackt der Hund auf den Gehsteig, muss der Besitzer den Kackematz sofort wegräumen, sonst hagelt es Geldstrafen. Die Leute stülpen hierzu eine mitgebrachte durchsichtige Rascheltüte über die Hand, greifen in die -- ich spekuliere mal -- noch körperwarmen Lehmstangen, ziehen dann die Tüte wie einen Handschuh aus und wickeln sie so um den braunen Riesen. Naja, wer's mag. Das hat natürlich den Vorteil, dass man in Amerika glücklicherweise recht selten in Hundehaufen tritt -- ich hatte in viereinhalb Jahren bisher nur einmal einen stinkenden Klumpen am Fuß. Aber das ist noch nicht alles zum Thema "Hunde". Angelika, übernehmen Sie!

Angelika: Nicht erst seit Michael von einem Hund gebissen wurde, beobachte ich die Hundeepidemie in San Francisco mit Argwohn. Bisher hielt ich mich allerdings mit meinen Kommentaren zurück, dachte ich doch, dass ich unter selektiver Wahrnehmung leide. Ich habe schlichtweg Angst vor Hunden. Auch Hundebesitzer sind mir nicht geheuer, denn die meinen stets, ihr Fiffi sei der Friedfertigste. Da kann der Hasso noch so zähnefletschend an der Leine zerren. Ich gehöre zu den Menschen, die des öfteren die Straßenseite wechseln, nur um mich in einer "hundefreien" Zone zu bewegen. Das wird in San Francisco immer schwieriger. Am Wochenende die 24. Straße in unserem Viertel "Noe Valley" (oder heißt es vielleicht doch schon "Dog Valley"?) hochzugehen, ist kein einfaches Unterfangen für einen Hundephobiker wie mich. Alle drei Meter (ich übertreibe nicht) stolpert man über einen Hund, der von einer Menschentraube umgeben ist: "Ach ist der aber schön!" "Wie heißt er denn?" "Darf ich ihn streicheln?" Viele Geschäftsinhaber haben ihren Hund auch während des Tages bei sich. Ein Alptraum für Menschen wie mich, die gerne einkaufen, aber jedem Hund am liebsten aus dem Weg gehen. Deshalb betrete ich die neue Boutique in der 24. Straße mit dem Namen "A Girl and Her Dog" auch nicht. Die verkaufen zwar sehr schöne Klamotten, aber, ihr habt es erraten, ich müsste mich auch mit dem Hund der Ladenbesitzerin auseinander setzen. Ein paar Häuser weiter findet man bei "Tully's", einem kleinem Straßenkaffee, einen mit Wasser gefüllten Hundenapf und den freundlichen Hinweis, dass man drinnen im Kaffee kleine Leckereien für Vierbeiner bereit hält.

Abbildung [3]: Die Boutique "A Girl and her Dog", die Angelika boykottiert.

San Francisco liebt seine Hunde. Ich stehe mit dieser Beobachtung nicht mehr alleine da. Erst im Mai las ich einen Artikel im Magazin des "San Francisco Chronicle" (Tageszeitung in San Francisco), der ausführlich über diese "Affenliebe" berichtete und die Frage aufwarf, wann es zur Vermenschlichung von Hunden kam. Der Hund als des Menschen bester Freund ist nicht gerade ein neues Konzept, aber die Serviceleistungen für Hunde und gestresste Hundebesitzer, die in San Francisco und Umgebung wie Pilze aus der Erde sprießen, sind es schon. Ich spreche hier nicht von den traditionellen Hundepensionen, die sich um den geliebten Vierbeiner kümmern, wenn Frauchen und Herrchen im Urlaub sind. Auch an die vielen professionellen Gassigeher, die man daran erkennt, dass sie stets eine Traube von Hunden umgibt (was mich immer an den Rattenfänger von Hameln erinnert) habe ich mich längst gewöhnt. Die neuste Einrichtung sind Tageseinrichtungen für den Hund, "Doggie Day Care" genannt. Da Amerikaner -- und Angestellte des Silicon Valleys insbesondere -- bekanntlich viel arbeiten, bleibt des Menschen bester Freund oft für viele Stunden allein zu Haus. Da meldet sich das schlechte Gewissen des Hundebesitzers. Die Lösung: Man bringt seinen Hund in den Kindergarten. Glaubt jetzt nicht, dass ich spinne. Die "Doggie Day Cares" haben tatsächlich viel mit einem Kindergarten gemein. Es gibt Spielzeug, Sofas zum Ausruhen und oft einen spielplatzähnlichen Außenbereich. Man geht dort spazieren, kämmt, streichelt und trainiert die Hunde und feiert, wenn es sein muss, auch noch den Hundegeburtstag. Zwingerähnliche Gebilde sind natürlich absolut tabu, denn die Hunde sollen miteinander agieren. Einige "Doggie Day Cares" installieren sogar Web-Kameras, so dass der arbeitende Hundebesitzer jederzeit vom Büro aus via Internet überprüfen kann, wie es seinem Vierbeiner geht. Billig sind die "Doggie Day Cares" allerdings nicht. "Every Dog Has Its Day Care Inc." verlangt $395 monatlich, wenn der Hund für drei Monate angemeldet wird, $345 monatlich, wenn es sechs Monate sind (www.everydog.com). Bei "K9to5" (www.k9to5.com) in San Francisco kostet es für einen ausgewachsenen Hund $32 pro Tag, $300 für 10 Besuche oder $455 im Monat. Das Ganze ist mittlerweile so beliebt, dass es Wartelisten gibt. Natürlich wird auch nicht jeder Hund aufgenommen. Unsoziale oder gar aggressive Wesen werden ausgeschlossen. Hundebesitzer und Hund durchlaufen deshalb ein Aufnahmeverfahren. Es wird zum Vorstellungsgespräch geladen. Ich weiß das aus erster Hand, denn der Hund meiner Fotolehrerin wurde abgelehnt, weil er nicht in die Hundegruppe passte.

Abbildung [4]: Wasser für's Hundi im Laden

"Doggie Day Cares" erfreuen sich nicht nur in San Francisco und Umgebung größter Beliebtheit. Man findet sie auch anderswo in den USA. San Francisco beansprucht aber für sich, die Bewegung gestartet zu haben. Die private Organisation "San Francisco Society for the Prevention of Cruelty to Animals" (Gesellschaft zur Prävention von Grausamkeiten gegen Tiere"), die sich nur aus Spenden finanziert, startete nämlich 1994 das erste "Doggie Day Care" als Modellversuch. Diese tierliebende Gesellschaft (abgekürzt SPCA) ist für Hunde und Katzen der Himmel auf Erden. Setzt sie sich doch schon seit 1868 für die Rechte von Tieren in San Francisco ein. Heute sorgt die SPCA dafür, dass ausgesetzte, streunende oder vernachlässigte Tiere nicht getötet, sondern gesund gepflegt und resozialisiert werden, um wieder in Familien und nicht Tierheimen leben zu können. Auch Kampfhunde erhalten eine Chance. Seit 1997 gilt allerdings, dass Pit Bulls getötet werden, wenn ihre Vergangenheit nicht bekannt ist. Die SPCA eröffnete 1998 übrigens ein Tierheim, das nach ihrer eigenen Beschreibung dem Ritz (Hotel) ähnelt (www.sfspca.org/maddies.html). Hunde und Katzen verfügen über eigene Zimmer mit Parkettboden, Sofas, Aquarien, Spielzeug und Fernseher. Gerüchtehalber bot das Tierheim Obdachlosen vor einiger Zeit an, bei den Tieren unterzukommen, was die Obdachlosen aber Gott sei Dank empört ablehnten. Manchmal wundert man sich schon, was es so alles gibt.

Zum Schluss noch zwei topaktuelle Geschichten rund um den Hund. Am Dienstag befanden in San Jose zwölf Geschworene Andrew Douglas Burnett (in Amerika werden die Namen von Angeklagten ganz frech in der Zeitung veröffentlicht) der Tierquälerei für schuldig, was bis zu drei Jahre Gefängnis für ihn bedeuten kann. Er zerrte nach einem Auffahrunfall in seiner Wut den Hund der Frau, die den Unfall verschuldete, aus ihrem Auto und schmiss ihn in den fließenden Verkehr, was der Hund nicht überlebte. Nicht dass mir jetzt alle Tierschützer aufs Dach steigen. Natürlich finde ich solch ein Verhalten falsch und es ist richtig, dass er sich dafür verantworten muss. Berichten wollte ich nur, welchen Wirbel dieser Fall verursachte. Tierschützer sammelten in kürzester Zeit $120.000, damit der Tatverdächtige auch angemessen verurteilt wird (Gerichtsverfahren in Amerika sind teuer), was Kritik hervorrief, weil die Summe weit höher war als die ausgesetzten Belohnungen für mehrere offene Fälle von vermissten Kindern zusammen. Einige meinten, dass die Prioritäten hier etwas schiefliegen. Auch erzürnten sich viele darüber, dass die Hundebesitzerin vor laufender Kamera von ihrem Kind/Baby sprach, das brutal ermordet wurde. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie meinte ihren Hund.

Ebenfalls am Dienstag griffen auf der anderen Seite der Bucht in Richmond drei frei herumlaufende Kampfhunde einen zehnjährigen Jungen an, der gerade mit seinem neuen Fahrrad spazieren fuhr. Die Hunde richteten den Jungen so zu, dass er sich immer noch im kritischen Zustand befindet. Er hat nicht nur seine beiden Ohren verloren, sondern auch tiefe Fleischwunden im Gesicht, so dass es Jahre dauern wird, bis sein Gesicht vollständig wiederhergestellt ist. Besonders schockierte mich, dass es in dem Stadtviertel, in dem die Hunde den Jungen angriffen, ganz normal ist, dass Kampfhunde herumstreunen. Dieser und einige andere Vorfälle eröffneten eine Kampfhunddebatte, die ihr in Deutschland schon vor einiger Zeit geführt habt. Hüben wie drüben werden natürlich die gleichen Argumente aufgetischt: Dass eigentlich die Besitzer das Problem sind bzw. die Züchter, die aggressivste Hunderassen heranzüchten. Ich frage mich nun aber, was um alles in der Welt in den Köpfen von Hundeliebhabern vorgeht, für die es nichts Schöneres gibt, als einen Kampfhund zu besitzen? Warum tut es nicht ein friedliebender Bernhardiner? Normal ist das nicht!

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Letzte Änderung: 22-Feb-2019