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  Rundbrief Nummer 31  
San Francisco, den 1.7.2001


Abbildung [1]: Auf dem Bahnhof "4th and King" in San Francisco

Abbildung [2]: Noch ist der Zug leer

Jeden Morgen bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof San Francisco sagt der Schaffner über Lautsprecher durch, dass 1) das Rauchen nicht erlaubt ist (in Kalifornien darf man eh nirgendwo rauchen, außer auf der Straße), 2) man die Schuhe nicht auf die Sitze legen darf (für Amerikaner echt eine Zumutung, weil die ihre Füße überall drauflegen, manche legen sogar ihre Füße bei Meetings auf den Konferenztisch!), und 3) die Sitze nicht verstellen soll. Diese haben Lehnen, die es scheinbar erlauben, sie zur oder gegen die Fahrtrichtung einzustellen -- versucht man es aber, verkeilt sich die Lehne fürchterlich und bleibt auf halben Weg stecken, sodass der Sitz unbrauchbar wird und der Waggon in die Wartung muss. Ich lache mich jedesmal halb tot, wenn wieder ein Ami, der noch nie in seinem Leben Zug gefahren ist, es probiert und für den Rest der Fahrt versucht, die Lehne wieder zurückzustellen. Nie hat es irgendjemand geschafft, es ist aussichtslos. Auch wird man auf Bahnhöfen öfter mal von Leuten gefragt, ob man denn wisse, wo man die Fahrkarten kaufe? Es gibt Amerikaner in meinem Alter, die sind noch nie im Leben Zug gefahren. Und ich werde auch nicht jünger!

Der Schaffner merkt sich, wessen Fahrkarte er schon gelocht hat, indem er über den entsprechenden Sitz ein kleines Kärtchen hängt. Setzt man sich um, weil der Sitznachbar schnarcht oder nach Alkohol stinkt, muss man das Kärtchen mitnehmen und umstecken, sonst fragt der Schaffner wieder nach der Fahrkarte, wenn er das nächste Mal durchkommt. Warum merkt sich der deutsche Schaffner das übrigens nicht und rennt mit "Personalwechsel, die Fahrkarten bitte?" durch? Übrigens ist das Umsetzen ein typisch amerikanisches Phänomen, das ich noch nirgends in der Literatur beschrieben fand und das ich deswegen heute ausführen will: Die Leute setzen sich hier im Bus oder in der Straßenbahn oder im Zug unvermittelt um. Steht in Deutschland der Sitznachbar auf und setzt sich drei Reihen vor, denkt man "Hab ich gestern Knoblauch gegessen oder was?". Ich habe mich in München öfter dabei beobachtet, dass ich selbst auf Sitzen ausgeharrt habe, obwohl es gezogen oder gestunken oder die Sonne geblendet hat -- nur um dem Sitznachbarn nicht zu beleidigen. Hier ist es durchaus keine Seltenheit, dass sich die Leute dreimal umsetzen, wenn sie zehn Haltestellen fahren. Geheimnisvolles Amerika! Im Rundbrief lest ihr es zuerst!

Abbildung [3]: Zwei Fahrgäste warten auf den "Caltrain"-Zug

Fahrten zur Arbeit kann man in Amerika übrigens als Angestellter nicht von der Steuer absetzen. Wer weit weg von der Arbeit wohnt, ist selber schuld. Netscape zahlt aber jedem Mitarbeiter 30 Dollar im Monat, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fährt. Man kriegt einen Scheck, den nur die Bahn, Bus und U-Bahnbetreiber annehmen. Das deckt die Kosten zwar nur zu etwa einem Viertel, aber es ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Außerdem bietet Netscape ein Shuttle (einen eigenen Bus) an, das die Leute von der Bahnstation abholt und zur Arbeit fährt. In Mountain View fahren am Morgen private Busse vor, auf denen "Netscape", "Microsoft" oder "Hewlett Packard" steht. Die öffentlichen Verkehrsmittel kann man im Silicon Valley vergessen, ich habe noch nirgendwo einen Bus gesehen, der irgendwo hinfuhr, wo ich auch gerade hinwollte. In den Microsoft-Bus würde ich natürlich niemals einsteigen, lieber ginge ich selbst bei sintflutartigem Regen die drei Kilometer zu Netscape zu Fuß.

Die einfache Fahrt von San Francisco nach Mountain View kostet vier Dollar. Wenn der Bahnhof einen Fahrkartenschalter hat, man die Karte aber aus Faulheit beim Schaffner im Zug kauft, kostet's einen Dollar mehr. In Deutschland ist das ganz normal. Aber wer meint, ein Amerikaner würde das hinnehmen, täuscht sich: Verlangt der Schaffner den Extra-Dollar und erklärt auch noch höflich, warum das so ist, gibt es regelmäßig Leute, die sich aufführen wie Rotz und Feuer und langwierige Diskussionen anfangen! Manche Schaffner verlangen den zusätzlichen Dollar einfach nicht mehr, weil das bei der Abrechnung am Abend eh nicht auffällt, schließlich könnte der Passagier genausogut an einem Bahnhof ohne Schalter eingestiegen sein. Es gibt zwischen San Francisco und dem 90 Kilometer weiter südlich gelegenen San Jose gerade mal drei Stationen mit Fahrkartenschaltern! Wie man hört, sollen bald Fahrkartenautomaten eingeführt werden! Wunder der Technik!

Übrigens wird niemandem zugemutet, sich mit irgendwelchen wirren Zonensystemen herumzuschlagen. In Abbildung 4 seht ihr die Zehnerkarte (kostet 34 Dollar, 15% gespart!) die "Zone 4" anzeigt. Aber das ist nur für den Schaffner, kein Passagier wüsste das. Vielmehr sagt man am Schalter, wohin man will. Auch in der U-Bahn ist das hier simpel: Man zahlt innerhalb der ganzen Stadt eh den gleichen Preis ($1.10), und will man in die Außenbezirke, steht an jedem Ticketautomat, wieviel das wohin kostet. Niemandem wird die Abstraktion abverlangt, sich in irgendwelche komplizierten Waben- oder Zonensysteme hineinzuversetzen.

Abbildung [4]: Eine Zehnerkarte für den Caltrain-Zug von San Francisco nach Mountain View. 34 Dollar!

Sein Fahrrad in den Zug mitzunehmen, ist, wie ich schon einmal geschrieben habe, oft eine Verdrussquelle sondergleichen, besonders wenn der Fahrradwaggon voll ist, man nicht mehr mit darf und eine halbe oder ganze Stunde auf den nächsten Zug warten muss. Manche Schaffner erlauben auch mehr als die maximal zusätzliche Anzahl von Fahrrädern an Bord, dann gibt's keine Probleme. Wenn aber einer streng ist und die Leute draußen stehen lässt, wird er von den Fahrradfahrern zur Sau gemacht. Es ist hier in Kalifornien einfach üblich, auch einmal Fünfe gerade sein zu lassen, wenn es die Situation erfordert. Wer sich blind an doofe Regeln hält, gilt als Depp. Ich erinnere mich noch genau an München, wo es Vorschrift ist, dass Linienbusse "Kontakt" zum Haltestellenschild haben müssen, also nicht vorher halten dürfen. Hier in San Francisco kommt ein Bus je nach Verkehrssituation auch mal weit vor der Haltestelle zum Stehen und dann geht man halt schnell zwischen den Autos durch, um einzusteigen, alles kein Problem. Neulich hat mal ein Busfahrer die Türe nicht vorher aufgemacht, als der Verkehr zum Halten kam und ist erst bis zum Haltestellenschild gefahren. Die Leute kriegten sich gar nicht mehr ein mit dem Lästern!

Übrigens nennt man jemanden, der alles supergenau nimmt, wie ich schonmal geschrieben habe, einen "Nazi". Das erste Mal habe ich das in der Fernsehshow "Seinfeld" gehört, wo es um einen Suppenverkäufer ging, der immer die Leute schikanierte und im Jargon "Soup-Nazi" hieß. Als sich jemand aus der Seinfeld-Truppe nicht an seine recht willkürlichen Spielregeln hielt, verkaufte er demjenigen einfach keine Suppe schrie mit argentinischem Akzent: "No Soup for you! Come back next year!". Aber die Suppe war so gut, dass die Leute scharenweise kamen und sich schikanieren ließen. I bin a Boda gläga!

Abbildung [5]: Wieder ein Schwätzer am Handy

Viele Leute tippen während der Zugfahrt auf ihren Laptop-Computern herum, das ist okay. Aber es wird zu meinem Leidwesen zuviel telefoniert. Ich habe gehört, dass auch in Deutschland mittlerweile jeder ein Mobiltelefon hat. Ich habe auch eines, weil's praktisch ist, wenn mein Fahrrad einen Platten hat oder ich den letzten Bus verpasse. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, im Zug zu telefonieren, wo jeder mithören kann, was ich sage! Ich weiß nicht, woran es liegt, aber wenn einer neben mir telefoniert, nervt mich das mehr, als wenn er sich mit seinem Nachbarn unterhält. Wohl weil das Protokoll so vorhersagbar ist: "Hallo, hier ist ...!" ... "Gut, und dir?" ... "Hey, ich bin im Caltrain!" ... "So, ich muss mal Schluss machen!" ... Arrrgh! In mobiltelefonfreien Waggons wäre ich Stammgast! Übrigens gehen hier mehr und mehr feine Restaurants dazu über, auf der Speisekarte darauf hinzuweisen, dass a) das Rauchen und b) das Klingelnlassen von Mobiltelefonen unzulässig ist.

Abbildung [6]: Der Zug kommt in Mountain View an

In Mountain View habe ich in jahrelanger Pionierarbeit einen Weg vom Bahnhof zu Netscape auskundschaftet, der über Brücken geht, auf denen nur Fahrräder fahren dürfen und der durch Parks führt, anstatt den verstopften Hauptverkehrsstraßen zu folgen. Anfangs hatte ich mich bei in Mountain View ansässigen Kollegen erkundigt, ob es eine derartige Strecke gäbe, bekam aber abschlägige Antwort, da niemand in Mountain View mit dem Rad fährt oder zu Fuß geht. Im Vorstadt-Amerika fährt man vielmehr selbst zum Semmelholen mit dem Auto, auch wenn der Supermarkt nur 100m von zu Hause weg ist. In der Gegend um Los Angeles führt das übrigens dazu, dass die Polizei teilweise Fußgänger stoppt und kontrolliert, da kein "normaler" Mensch zu Fuß geht. Das hat zur Folge, dass die Einheimischen zwar jeden Auto-Schleichweg kennen, der über drei Autobahnen führt, auf die man kurz auf- und dann gleich wieder abfährt, aber nichts von Strecken durch Parks wissen, durch die man mit dem Fahrrad wie der Blitz sausen kann. Im Gegensatz dazu steht in Mountain View glaube ich die langsamste Verkehrsampel der Nordhalbkugel. An der Kreuzung Central Express Way und Moffett Boulevard braucht sie sicher fünf Minuten zum Umschalten!

Abbildung [7]: Die Fahrradbrücke über die Autobahn in Mountain View

Aber in Mountain View gibt es tatsächlich eine Fahrradbrücke, die über die Autobahn führt (Abbildung 7). Im Winter ist es dort übrigens schon um 6 Uhr abends stockdunkel, und in dem Park, durch den ich nach Arbeitsende fahre, brennt nirgendwo Licht. Mein Fahrrad hat nur ein Blinklicht, mit dem man zwar gesehen wird, das selbst aber nicht den Weg beleuchtet. Die Folge ist ein 1.5 km langer Blindflug durch den Park und jedes Rascheln im Gebüsch lässt mich schneller in die Pedale treten. Das peitscht auf, da würde ich für nichts und niemanden anhalten!

Abbildung [8]: Mein Fahrrad mit Helm in meinem Cubicle
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Letzte Änderung: 22-Feb-2019