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Angelika/Mike Schilli |
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Michael Wisst ihr was der erfolgreichste Rundbriefartikel aller Zeiten ist? Er heißt "Was Deutsche falsch machen in Amerika" (Rundbrief 08/2000) und erläutert das korrekte Trinkgeldgebaren in Amerika. Damals, vor 21 Jahren, habe ich mich noch darüber aufgeregt, dass deutsche Touristen in den USA oft nicht genug Trinkgeld geben, und den Bedienungen der Lokalen damit ungerechtfertigt den Lohn kürzen. Und bis heute knallen laut Google Analytics auf dieses Traktat die meisten Treffer rein.
Mittlerweile hat sich das Problem allerdings umgekehrt, da es kaum noch deutsche Touristen gibt, aber immer mehr dreiste Service-Betriebe in San Francisco immer horrendere Trinkgeldforderungen erheben. Im traditionellen Trinkgeldbetrieb, dem Speiselokal, wird man mittlerweile schon schief angesehen, wenn man nicht mehr die seit Jahrhunderten üblichen 15% gibt. Die Bedienungen, deren Serviceleistung seit Jahren proportional steil bergab geht, wollen heutzutage 20%, wenn nicht noch mehr! Wer jetzt "Inflation!" schreit, muss die Prozentmathematik der Grundschuljahre wiederholen, denn Prozentwerte erhöhen sich nicht, nur die entsprechenden Geldbeträge.
Angefangen hat alles in kaffeeausschenkenden Geschäftslokalen, wo heutzutage flächendeckend sogenannte "Tip Jars" an der Kasse stehen. Die wenigen Barzahler werfen, auch wenn sie als "To Go"-Kunden keinerlei Serviceleistung erhalten, als Münzen erhaltenes Wechselgeld dort hinein, wenn sie ihren Kaffee-Latte bezahlen. Aber wofür eigentlich? Für das Aufschäumen der Milch, das Eingießen des Kaffees, oder das Abkassieren?
Neulich war ich in unserem modischen neuen Fischladen um die Ecke, kaufte etwas rohen Thunfisch und zahlte mit Kreditkarte, schwupps kam mir ein Dialog auf dem Terminal entgegen, der fragte, ob ich lieber 15, 20 oder 25 Prozent Trinkgeld geben wolle. Schon wieder: Wofür eigentlich? Der Fischverkäufer hat nur das Stück Thunfish, auf das ich gezeigt habe, auf die Waage geworfen, den Preis eingetippt, den Fisch eingewickelt, das Etikett auf das Packerl mit dem Fisch gepappt und abkassiert. Ich wählte natürlich eiskalt Null aus. Wieso sollte der trendige Fischverkäufer mehr verdienen als der Fischthekenmann im Supermarkt?
Trinkgeld wird vor allem in linken Hochburgen wie San Francisco mittlerweile als Almosen für Geringverdiener interpretiert. Der millionenschwere Internetfuzzi denkt: "Ach, der Kaffeeaufschäumer verdient ja nur 15 Dollar die Stunde, und ich bin stinkreich, also hau'n wir mal 'nen Dollar in die Trinkgeldbüchse, kost mich ja nix!". Was der großzügige linke Gutsherr freilich nicht bedenkt, ist, dass nicht jeder irres Einkommen von Technologieunternehmen in den Arsch geschoben bekommt. Was ist, wenn sich auch ein Bauarbeiter mal einen Kaffee gönnen möchte, überzahlt er dann auch mit einem Zehntel seines Stundenlohns, für eine Leistung, die eigentlich schon im Kaufpreis enthalten ist?
Eisern resistent gegen diesen neuen Trinkgeldwahnsinn zeigen sich übrigens Fast-Food-Lokale. Bei einem McDonald's, Burger King, Wendy's oder In&Out-Burger wird man niemals einen Trinkgeldtopf finden. Ich habe sogar einmal irgendwo gelesen, dass die Uniformen der Mitarbeiter bei McDonald's absichtlich keine Taschen haben, damit kein Trinkgeld dort hinein verschwindet.
Das Perfide an dem neuen Gebahren ist, dass dieses "Trinkgeld" am Kreditkartenterminal oft nicht in die Taschen der Angestellten wandert, sondern zumindest teilweise von den Betreibern des Ladens einbehalten wird. Wer also denkt "Okay, ich bin eh reich, mir ist das wurscht wenn ich 20% mehr zahle" signalisiert dem Laden, dass dessen Preise zu niedrig sind und auch 20% mehr drin währen. Dem reichen Protz ist das wiederum egal, wenn der Laden dann die Preise hochschraubt, aber die Klientel, die eh knausern muss, kann sich dann noch weniger leisten. So verkehrt sich die eigentlich naiv-noble Absicht ins Gegenteil: Der Millionärsozialst treibt die Preise für jedermann hoch, und seine Schützlinge in der Arbeiterklasse leiden tatsächlich unter dem Gebahren ihres vermeintlichen Wohltäters. Darüber sollten die auf dicke Hose machenden Trinkgeldschleudern mal nachdenken.
Dabei scheint völlig unter den Tisch zu fallen, wofür das Trinkgeld eigentlich gezahlt wird: Als Extraleistung dafür, dass sich der Gast im Restaurant hervorragend bedient fühlt. Zugegeben, es ist durchaus mit Arbeit für den Kellner verbunden, Gäste zügig nach ihren Wünschen zu befragen, vielleicht auch noch ein freundliches Gesicht dazu aufzusetzen, und vielleicht nicht ganz so angestrengt mit den Kollegen hinter dem Tresen zu ratschen, dass er seinen Beruf und die damit verbundenen Aufgaben dabei temporär völlig vergisst, wenn der Gast dezent seit zehn Minuten zum Bezahlen winkt. Mit dem Trinkgeld drückt der Gast beim Bezahlen dann seine Zufriedenheit mit der von der Bedienung gebotenen Serviceleistung aus. Fühlte er sich hervorragend umsorgt, rückt er auch mal 20% des Rechnungsbetrages als Belohnung dafür heraus. Und das sind nach Adam Riese bei in San Francisco nicht unüblichen Rechnungsbeträgen von 100 oder 200 Dollar schon mal 20 oder 40 Dollar, und ein Kellner in einem normalen Restaurant verdient pro Stunde vielleicht 10 oder maximal 15 Dollar.
Welche Motivation hätte ein Kellner wohl, sich anzustrengen, wenn das Trinkgeld mit 20% fest als Aufschlag auf die Rechnung verankert wäre, wie dies manche Restaurants hier in San Francisco schon probiert haben? Eine natürliche Reaktion wäre, die Serviceleistung auf das Niveau herunterzufahren, das vor vielen Jahren in Gaststätten der DDR geboten wurde. Jede mir bekannte Gaststätte in San Francisco, die dieses Experiment bislang versucht hat, musste über kurz oder lang wieder zum alten Verfahren zurückspulen, da die Gäste sich vollkommen verarscht vorkamen. Als Folge mieden viele von ihnen diese gespinnerten Lokalitäten, und schnabulierten sich statt dessen durch die Speisekarten der weniger weltfremden Konkurrenz.
Eine weitere interessante Frage wäre, warum zum Beispiel eine Kaffeeaufschäumerin in einem trendigen Café für ihre Arbeit mit Trinkgeld belohnt wird, aber eine Supermarktkassiererin bei diesem massiven Geldregen außen vor bleibt. Würde die sich nicht über 15 Dollar freuen, wenn sie einen Einkaufswagen mit 100 Dollar Warenwert abkassiert? Oder ein Postbote, der schwer schnaufend ein Amazon-Paket im Wert von 100 Dollar anschleppt, wieso bekommt der nicht 15 Dollar auf die Hand als Entlohnung? Ich habe übrigens vor vielen vielen Jahren mal als Postbote gearbeitet und es kam durchaus vor, dass mir mal jemand einen Zehner oder so zugesteckt hat. Hat mich immer sehr gefreut damals, und ich habe das nicht als Dauerzwangsabgabe verstanden, sondern als Ansporn, das nächste mal vielleicht nicht den Umschlag mit dem Fotoband in den übervollen Briefkasten zu knüllen, sondern statt dessen die Türklingel zu betätigen und das wertvolle Stück trotz Zeitverlust persönlich auszuhändigen. Geld regiert die Welt.
Grüße:
Angelika und Michael
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