26.07.2021   Deutsch English

  Rundbrief Nummer 139  
San Francisco, den 26.07.2021


Abbildung [1]: Kaum zahlt man mit Kreditkarte, wollen viele Läden Trinkgeld.

Michael Wisst ihr was der erfolgreichste Rundbriefartikel aller Zeiten ist? Er heißt "Was Deutsche falsch machen in Amerika" (Rundbrief 08/2000) und erläutert das korrekte Trinkgeldgebaren in Amerika. Damals, vor 21 Jahren, habe ich mich noch darüber aufgeregt, dass deutsche Touristen in den USA oft nicht genug Trinkgeld geben, und den Bedienungen der Lokalen damit ungerechtfertigt den Lohn kürzen. Und bis heute knallen laut Google Analytics auf dieses Traktat die meisten Treffer rein.

Mittlerweile hat sich das Problem allerdings umgekehrt, da es kaum noch deutsche Touristen gibt, aber immer mehr dreiste Service-Betriebe in San Francisco immer horrendere Trinkgeldforderungen erheben. Im traditionellen Trinkgeldbetrieb, dem Speiselokal, wird man mittlerweile schon schief angesehen, wenn man nicht mehr die seit Jahrhunderten üblichen 15% gibt. Die Bedienungen, deren Serviceleistung seit Jahren proportional steil bergab geht, wollen heutzutage 20%, wenn nicht noch mehr! Wer jetzt "Inflation!" schreit, muss die Prozentmathematik der Grundschuljahre wiederholen, denn Prozentwerte erhöhen sich nicht, nur die entsprechenden Geldbeträge.

Abbildung [2]: Mit dem Trinkgeldtopf fing alles an.

Angefangen hat alles in kaffeeausschenkenden Geschäftslokalen, wo heutzutage flächendeckend sogenannte "Tip Jars" an der Kasse stehen. Die wenigen Barzahler werfen, auch wenn sie als "To Go"-Kunden keinerlei Serviceleistung erhalten, als Münzen erhaltenes Wechselgeld dort hinein, wenn sie ihren Kaffee-Latte bezahlen. Aber wofür eigentlich? Für das Aufschäumen der Milch, das Eingießen des Kaffees, oder das Abkassieren?

Abbildung [3]: Wieso will die Bäckereiverkäuferin auf einmal Trinkgeld?

Neulich war ich in unserem modischen neuen Fischladen um die Ecke, kaufte etwas rohen Thunfisch und zahlte mit Kreditkarte, schwupps kam mir ein Dialog auf dem Terminal entgegen, der fragte, ob ich lieber 15, 20 oder 25 Prozent Trinkgeld geben wolle. Schon wieder: Wofür eigentlich? Der Fischverkäufer hat nur das Stück Thunfish, auf das ich gezeigt habe, auf die Waage geworfen, den Preis eingetippt, den Fisch eingewickelt, das Etikett auf das Packerl mit dem Fisch gepappt und abkassiert. Ich wählte natürlich eiskalt Null aus. Wieso sollte der trendige Fischverkäufer mehr verdienen als der Fischthekenmann im Supermarkt?

Abbildung [4]: Diese Bäckerei luchst den Kunden ohne Serviceleistung Trinkgeld ab.

Trinkgeld wird vor allem in linken Hochburgen wie San Francisco mittlerweile als Almosen für Geringverdiener interpretiert. Der millionenschwere Internetfuzzi denkt: "Ach, der Kaffeeaufschäumer verdient ja nur 15 Dollar die Stunde, und ich bin stinkreich, also hau'n wir mal 'nen Dollar in die Trinkgeldbüchse, kost mich ja nix!". Was der großzügige linke Gutsherr freilich nicht bedenkt, ist, dass nicht jeder irres Einkommen von Technologieunternehmen in den Arsch geschoben bekommt. Was ist, wenn sich auch ein Bauarbeiter mal einen Kaffee gönnen möchte, überzahlt er dann auch mit einem Zehntel seines Stundenlohns, für eine Leistung, die eigentlich schon im Kaufpreis enthalten ist?

Eisern resistent gegen diesen neuen Trinkgeldwahnsinn zeigen sich übrigens Fast-Food-Lokale. Bei einem McDonald's, Burger King, Wendy's oder In&Out-Burger wird man niemals einen Trinkgeldtopf finden. Ich habe sogar einmal irgendwo gelesen, dass die Uniformen der Mitarbeiter bei McDonald's absichtlich keine Taschen haben, damit kein Trinkgeld dort hinein verschwindet.

Das Perfide an dem neuen Gebahren ist, dass dieses "Trinkgeld" am Kreditkartenterminal oft nicht in die Taschen der Angestellten wandert, sondern zumindest teilweise von den Betreibern des Ladens einbehalten wird. Wer also denkt "Okay, ich bin eh reich, mir ist das wurscht wenn ich 20% mehr zahle" signalisiert dem Laden, dass dessen Preise zu niedrig sind und auch 20% mehr drin währen. Dem reichen Protz ist das wiederum egal, wenn der Laden dann die Preise hochschraubt, aber die Klientel, die eh knausern muss, kann sich dann noch weniger leisten. So verkehrt sich die eigentlich naiv-noble Absicht ins Gegenteil: Der Millionärsozialst treibt die Preise für jedermann hoch, und seine Schützlinge in der Arbeiterklasse leiden tatsächlich unter dem Gebahren ihres vermeintlichen Wohltäters. Darüber sollten die auf dicke Hose machenden Trinkgeldschleudern mal nachdenken.

Dabei scheint völlig unter den Tisch zu fallen, wofür das Trinkgeld eigentlich gezahlt wird: Als Extraleistung dafür, dass sich der Gast im Restaurant hervorragend bedient fühlt. Zugegeben, es ist durchaus mit Arbeit für den Kellner verbunden, Gäste zügig nach ihren Wünschen zu befragen, vielleicht auch noch ein freundliches Gesicht dazu aufzusetzen, und vielleicht nicht ganz so angestrengt mit den Kollegen hinter dem Tresen zu ratschen, dass er seinen Beruf und die damit verbundenen Aufgaben dabei temporär völlig vergisst, wenn der Gast dezent seit zehn Minuten zum Bezahlen winkt. Mit dem Trinkgeld drückt der Gast beim Bezahlen dann seine Zufriedenheit mit der von der Bedienung gebotenen Serviceleistung aus. Fühlte er sich hervorragend umsorgt, rückt er auch mal 20% des Rechnungsbetrages als Belohnung dafür heraus. Und das sind nach Adam Riese bei in San Francisco nicht unüblichen Rechnungsbeträgen von 100 oder 200 Dollar schon mal 20 oder 40 Dollar, und ein Kellner in einem normalen Restaurant verdient pro Stunde vielleicht 10 oder maximal 15 Dollar.

Welche Motivation hätte ein Kellner wohl, sich anzustrengen, wenn das Trinkgeld mit 20% fest als Aufschlag auf die Rechnung verankert wäre, wie dies manche Restaurants hier in San Francisco schon probiert haben? Eine natürliche Reaktion wäre, die Serviceleistung auf das Niveau herunterzufahren, das vor vielen Jahren in Gaststätten der DDR geboten wurde. Jede mir bekannte Gaststätte in San Francisco, die dieses Experiment bislang versucht hat, musste über kurz oder lang wieder zum alten Verfahren zurückspulen, da die Gäste sich vollkommen verarscht vorkamen. Als Folge mieden viele von ihnen diese gespinnerten Lokalitäten, und schnabulierten sich statt dessen durch die Speisekarten der weniger weltfremden Konkurrenz.

Eine weitere interessante Frage wäre, warum zum Beispiel eine Kaffeeaufschäumerin in einem trendigen Café für ihre Arbeit mit Trinkgeld belohnt wird, aber eine Supermarktkassiererin bei diesem massiven Geldregen außen vor bleibt. Würde die sich nicht über 15 Dollar freuen, wenn sie einen Einkaufswagen mit 100 Dollar Warenwert abkassiert? Oder ein Postbote, der schwer schnaufend ein Amazon-Paket im Wert von 100 Dollar anschleppt, wieso bekommt der nicht 15 Dollar auf die Hand als Entlohnung? Ich habe übrigens vor vielen vielen Jahren mal als Postbote gearbeitet und es kam durchaus vor, dass mir mal jemand einen Zehner oder so zugesteckt hat. Hat mich immer sehr gefreut damals, und ich habe das nicht als Dauerzwangsabgabe verstanden, sondern als Ansporn, das nächste mal vielleicht nicht den Umschlag mit dem Fotoband in den übervollen Briefkasten zu knüllen, sondern statt dessen die Türklingel zu betätigen und das wertvolle Stück trotz Zeitverlust persönlich auszuhändigen. Geld regiert die Welt.

Grüße:

Angelika und Michael

PDF Drucken
RSS Feed
Mailing Liste
Impressum
Mike Schilli Monologues


Auf die Email-Liste setzen

Der Rundbrief erscheint in unregelmäßigen Abständen. Wer möchte, kann sich hier eintragen und erhält dann alle zwei Monate eine kurze Ankündigung per Email. Sonst werden keine Emails verschickt.

Ihre Email-Adresse


Ihre Email-Adresse ist hier sicher. Die Rundbrief-Redaktion garantiert, die angegebene Email-Adresse nicht zu veröffentlichen und zu keinem anderen Zweck zu verwenden. Die Mailingliste läuft auf dem Google-Groups-Service, der sich ebenfalls an diese Richtlinien hält. Details können hier eingesehen werden.
Alle Rundbriefe:
2024 153 154 155 156 157
2023 148 149 150 151 152
2022 143 144 145 146 147
2021 138 139 140 141 142
2020 133 134 135 136 137
2019 129 130 131 132
2018 125 126 127 128
2017 120 121 122 123 124
2016 115 116 117 118 119
2015 111 112 113 114
2014 106 107 108 109 110
2013 101 102 103 104 105
2012 96 97 98 99 100
2011 91 92 93 94 95
2010 85 86 87 88 89 90
2009 79 80 81 82 83 84
2008 73 74 75 76 77 78
2007 66 67 68 69 70 71 72
2006 59 60 61 62 63 64 65
2005 54 55 56 57 58
2004 49 50 51 52 53
2003 43 44 45 46 47 48
2002 36 37 38 39 40 41 42
2001 28 29 30 31 32 33 34 35
2000 20 21 22 23 24 25 26 27
1999 13 14 15 16 17 18 19
1998 7 8 9 10 11 12
1997 1 2 3 4 5 6
1996 0

Rundbriefe 1996-2016 als PDF:
Jetzt als kostenloses PDF zum Download.

Spezialthemen:
USA: Schulsystem-1, Schulsystem-2, Redefreiheit, Waffenrecht-1, Waffenrecht-2, Krankenkasse-1, Krankenkasse-2, Medicare, Rente, Steuern, Jury-System, Baseball, Judentum
Immigration: Visa/USA, Warten auf die Greencard, Wie kriegt man die Greencard, Endlich die Greencard, Arbeitserlaubnis
Touren: Alaska, Vancouver/Kanada, Tijuana/Mexiko, Tokio/Japan, Las Vegas-1, Las Vegas-2, Kauai/Hawaii, Shelter Cove, Molokai/Hawaii, Joshua Nationalpark, Tahiti, Lassen Nationalpark, Big Island/Hawaii-1, Big Island/Hawaii-2, Death Valley, Vichy Springs, Lanai/Hawaii, Oahu/Hawaii-1, Oahu/Hawaii-2, Zion Nationalpark, Lost Coast
Tips/Tricks: Im Restaurant bezahlen, Telefonieren, Führerschein, Nummernschild, Wohnung mieten, Konto/Schecks/Geldautomaten, Auto mieten, Goodwill, Autounfall, Credit Report, Umziehen, Jobwechsel, Smog Check
Fernsehen: Survivor, The Shield, Curb your Enthusiasm, Hogan's Heroes, Queer Eye for the Straigth Guy, Mythbusters, The Apprentice, The Daily Show, Seinfeld
Silicon Valley: Netscape-1, Netscape-2, Netscape-3, Yahoo!
San Francisco: SoMa, Mission, Japantown, Chinatown, Noe Valley, Bernal Heights
Privates: Rundbrief-Redaktion
 

Kommentar an usarundbrief.com senden
Lob, Kritik oder Anregungen? Über ein paar Zeilen freuen wir uns immer.

In der Textbox können Sie uns eine Nachricht hinterlassen. Wir beantworten jede Frage und jeden Kommentar, wenn Sie ihre Email-Adresse in das Email-Feld eintragen.

Falls Sie anonym bleiben möchten, füllen Sie das Email-Feld bitte mit dem Wort anonym aus, dann wird die Nachricht dennoch an uns abgeschickt.

Ihre Email-Adresse


Nachricht

 
Impressum
Letzte Änderung: 14-Jan-2023