26.07.2021   Deutsch English

  Rundbrief Nummer 139  
San Francisco, den 26.07.2021


Abbildung [1]: Dieses Haus ist für knapp 12 Millionen Dollar zu verkaufen.

Michael In der Tagesschau hören wir deutsche Politiker regelmäßig herumstöhnen, dass Mieten und Hauspreise in Berlin und München viel zu hoch seien. Lachhaft! Im Vergleich zu den in San Francisco üblichen Immobilienpreisen ist ein Reihenhaus in München immer noch ein Schnäppchen. So absurd überhitzt wie vor zwei Jahren ist der Häusermarkt hier zwar inzwischen nicht mehr, denn die immer noch andauernde Massenflucht aus San Francisco und der Bay Area, ausgelöst durch auf Home-Office umstellende Tech-Arbeiter und desillusionierte Kaffeeaufschäumer, hat die natürliche Preisbremse aktiviert.

Abbildung [2]: Ein Dot-Com-Millionär, der 2020 verstarb, hatte das Haus 2006 gekauft.

Als Nebeneffekt stehen jetzt auf einmal auch außergewöhnliche Häuser zum Verkauf, und nervös werdende Makler zeigen die Liegenschaften teilweise monatelang herum, bis sich endlich ein Milliardär erbarmt, dem gerade zehn Millionen Dollar ein Loch in die Tasche brennen. So kam neulich das verwinkelte, burgähnliche, und leicht hässliche Haus an der Ecke 21st und Sanchez auf den Markt. Es hat einmal einem früheren Bürgermeister von San Francisco gehört, der es gerüchtehalber für seine Mätresse erworben hatte, was dadurch belegt ist, dass der Riesenkasten zwar mit weiträumigen Speisesälen und Badezimmern aufwartet, aber ursprünglich weder über eine Küche noch eine Garage verfügte.

Ein Internetmillionär namens Frederick Roeber hatte das Haus im Jahr 2008 für schlappe 4,3 Millionen Dollar erworben. Der exzentrische Computernerd, der bei Netscape und Google gearbeitet hatte und schließlich mit Mitte 40 in Frührente ging, erlangte im Jahr 2016 internetweiten Berüchtigtenstatus, weil er aus Frust über den Wahlsieg Donald Trumps eine Hakenkreuzfahne gehisst hatte, was eine Nachbarin mit jüdischen Wurzeln erzürnt hatte. Typische Gschichterln aus unserem Stadtteil halt, der Rundbrief hat damals natürlich darüber berichtet (Rundbrief 12/2016). Überraschenderweise verstarb der Internetpionier nun jedoch letztes Jahr im Juni 2020 unter mysteriösen Umständen im Alter von nur 52 Jahren, und das verrückte Haus steht jetzt gerade zum Verkauf. Schlappe 11,9 Millionen Dollar wollen die Angehörigen dafür sehen, für ein Haus ohne Garage ist das schon etwas gewagt. Aber schau'n wir mal, vielleicht erbarmt sich ja ein Milliardär ohne Auto, der sich ausschließlich vom Bringdienst ernährt?

Abbildung [3]: Dieses Haus auf der 21sten Straße in Noe Valley hat Facebooks Zuckerberg 2014 für 10 Millionen Dollar gekauft.

Weil wir gerade beim Thema Immobilien-Klatsch sind: Ein ganzes Stück weiter unten auf der 21sten Straße, an der Ecke zur Fair-Oaks-Street, steht eine weitere Burg, das sogenannte "Fort Zuckerberg" (Rundbrief 12/2014). Den Spitznamen erhielt das Gebäude, als Facebook-Fritze Mark Zuckerberg es 2014 zum damals völlig irren Preis von 10 Millionen Dollar (4 Millionen über dem Marktpreis) erwarb, und die Nachbarn ein Jahr lang mit Baustellenlärm einschließlich einem Tag und Nacht patrouillierenden Sicherheitsdienst terrorisierte. Die in dem Lärm-Artikel zitierte Innenausstattung einschließlich "Wine Room" und "Wet Bar" ist übrigens lesenswert.

Abbildung [4]: Und weil er keinen Streit mit Nachbarn will, hat er auch noch die Häuser links ...

Abbildung [5]: ... und rechts davon gekauft und ein Jahr lang renovieren lassen.

Mittlerweile scheint der Zuckerberg-Markl der Streitereien überdrüssig geworden zu sein und hat einfach noch die beiden links und rechts anliegenden Häuser (angeblich zu ähnlichen Mondpreisen) gekauft, die nun seit ebenfalls mehr als einem Jahr in Plastik gehüllt renoviert werden. Verfolgt man die Diskussionen darüber auf dem Nachbarschaftsforum Nextdoor, geben sich die anderen Anlieger auf der 21. Straße meist erfreut über die an Zuckerbergs Kaufrausch gekoppelte rasante Wertentwicklung ihrer eigenen Häuser. Denn ist der Baustellenlärm einmal versiegt, sind kaum noch Belästigungen zu erwarten, da Zuckerberg praktisch nie da ist, weil er eh unten in Palo Alto in der Nähe seiner Firma wohnt, wo er sich gleich vier direkt nebeneinander stehende Häuser gekauft hat.

Beim Erwerb von alten Häusern in San Francisco gilt es übrigens aufzupassen wie ein Haftlmacher, denn in der Stadtverwaltung herrscht ein übler Baugenehmigungssumpf, den nur die Mächtigsten auszuhebeln verstehen, während sich Otto Normalverbraucher die Haare rauft, weil die Behörde ihm nicht erlaubt, sein Badezimmer zu renovieren oder die Terasse neu zu pflastern. Wenn die Bürokraten sich stur stellen, sitzt ein frischgebackener Immobilieneigentümer unter Umständen auf einer Ruine, die unter Denkmalschutz steht, und deren mühselige Renovierung Unsummen verschlingt.

Derlei Probleme hat der neue Besitzer des Grundstücks an der Ecke 21st St und Sanchez St scheinbar elegant aus dem Weg geräumt, denn laut Bauregister erwarb er das herrschaftliche Gebäude dort für 10 Millionen Dollar, und machte gleich kurzen Prozess, denn er ließ es kurzerhand binnen weniger Tage bis auf die Grundmauern abreißen (Abbildungen 6 und 7).

Abbildung [6]: Nur Tage vorher stand hier noch ein herrschaftliches Haus (Google Streetview).

Abbildung [7]: Der neue Besitzer hat 10 Millionen gezahlt und das Haus abreißen lassen.

Angeblich soll das Haus dort schon relativ alt und innen marode gewesen sein, obwohl es von außen noch tiptop ausgesehen hatte. Die Bulldozer haben ganze Arbeit geleistet, und Platz für einen extravaganten Neubau ist nun hinreichend vorhanden. Das Grundstück ist riesig, und die Genehmigung für eine mehrstöckige Monsterburg schon im Kasten, mal sehen was da hinkommt, euer Immobilienklatschreporter wird weiterhin zeitnah über neue Entwicklungen in unserem Nobel-Valley berichten!

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Letzte Änderung: 14-Jan-2023