(Angelika) Zunächst aber zur Firma. Die meisten sind diesbezüglich schon auf dem neuesten Stand, aber einige von euch eben noch nicht, deshalb schreibe ich vollständigkeitshalber die Geschichte noch einmal schnell auf. In meinem letzten Rundbrief habe ich ja ausführlich beschrieben, dass Michael jetzt zu Hause arbeitet, weil das Büro in San Francisco geschlossen worden ist, dass die Finanzierung aber bis Anfang 1998 gesichert ist. Nachdem Michael nun gerade alle Computer in unserer Wohnung installiert und ich mich daran gewöhnt hatte, dass er unsere Wohnung in ein Großraumbüro verwandelt, kam die nächste Schreckensmeldung (kurz vor meinem Abflug nach Deutschland), nämlich, dass die Finanzierung wieder gekippt wurde und die Firma wahrscheinlich Ende Juni oder Ende Juli alle ihre Tore schließt (also auch das Büro in München). Michael hat man dann geraten, sich bei einer anderen Firma in San Francisco oder Umgebung zu bewerben, da bei ihm ja die besondere Schwierigkeit hinzukommt, dass er für die potentielle neue Firma auch ein neues, amerikanisches Visum braucht. Michael hat also nicht lange gezögert und sofort seinen Lebenslauf auf's Internet gehauen. 30 Sekunden später rief der Erste an und unterbreitete ihm ein Stellenangebot. Im Zeitalter des Internets läuft das hier nämlich so (zumindestens in der Software-Branche), dass sogenannte "Recruiter" (Anwerber) für die Firmen das Internet durchforsten, um geeignete Bewerber herauszukristallisieren und an die entsprechende Firma weiterzuleiten. Der "Recruiter" hat ungefähr dieselbe Funktion wie ein Makler, d.h. kommt ein Arbeitsvertrag zustande, bekommt er von der Firma eine Provision. Also hat Michael zunächst mit dem Recruiter gesprochen und dann mit einem zuständigen Menschen aus der Firma, dabei hat ihn zunächst einmal irritiert, dass man nicht einfach nur ein Gespräch für ein Vorstellungsgespräch ausmacht, sondern ihm richtige Prüfungsfragen gestellt wurden, wie er was in einer bestimmten Computersprache programmieren würde. Dies liegt daran, dass der Amerikaner in seinen Lebenslauf gern hineinschreibt, er hätte dies und jenes schon gemacht, was dann aber gar nicht stimmt. Überhaupt telefoniert der Amerikaner allgemein recht gern, was beim Prozess des Bewerbens voll durchschlägt. So ist es durchaus passiert, dass Michael zunächst mit zwei oder drei Menschen aus der Firma telefoniert hat, immer wieder die gleichen Fragen beantworten musste, bis man ihn schliesslich zum Vorstellungsgespräch einbestellt hat. Auch hier musste er mit oft bis zu 7 unterschiedlichen Leuten reden (allerdings schon persönlich und nicht am Telefon). Nach diesen Geprächen setzt dann allerdings die zweite Telefonphase an. Ist die Firma an einem interessiert, möchte sie nicht etwa Arbeitszeugnisse sehen, sondern Telefonnummern von Leuten haben, mit denen man schon einmal zusammengearbeitet hat, um diese dann anzurufen und über den Stellenbewerber auszuquetschen. Teilweise wird sogar die Universität angerufen, um zu überprüfen, ob der Bewerber dort studiert hat. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass das eben Beschriebene nicht so leicht vonstatten geht, wenn man aus Deutschland kommt. In Deutschland anrufen wollten die Amis dann doch nicht so gerne.
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