23.08.1997 Deutsch English

Deutschland als Ausländer

(Angelika) Zurück zu meinem Deutschlandbesuch: Ich habe die vier Wochen in Deutschland sehr genossen und mich besonders darüber gefreut, dass ich so viele von euch sehen und sprechen konnte. Auch wenn meine Besuche bei vielen von euch nur kurze Stippvisiten waren und somit natürlich viel zu kurz. Diejenigen, die ich nicht geschafft habe, zu besuchen, mögen bitte nachsichtig mit mir sein; vier Wochen sind eben nur eine begrenzte Zeit.

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Sozialleistungen im Vergleich

(Angelika) Ich habe bei meinem Deutschlandbesuch immer wieder zu hören bekommen, dass in Deutschland bezüglich der sozialen Absicherungen sowieso bald amerikanische Zustände herrschen würden. Freunde, diesbezüglich muss ich heftigst widersprechen und ich hoffe inständig, dass in Deutschland nie solche Zustände wie hier herrschen werden. Da ist zum Beispiel das leidige Thema Krankenversicherung. Erstens sind ca. 40 Millionen Amerikaner gar nicht versichert und da ja das gesamte Versicherungswesen hier in privater Hand ist, kommt es vor, dass z.B. Leistungen für Aidskranke nicht übernommen werden, weil deren Behandlung zu kostenintensiv ist oder bei einem Versicherungswechsel, der meist automatisch mit dem Wechsel des Arbeitsplatzes verbunden ist, jede Erkrankung oder auch Schwangerschaft, die ein halbes Jahr vor dem Versicherungswechsel existiert, von der neuen Versicherung bis zu einem Jahr nicht übernommen wird. Chronisch Kranke sind in so einem System echt verloren. Außerdem habe ich gelesen, dass eine amerikanische Krankenversicherung die Kosten für ein behindertes Kind nicht übernommen hat, weil die Eltern vorher wussten, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % ein behindertes Kind kriegen würden. Und ich möchte noch einmal betonen, dass dies keine Einzelfälle sind. Aber man braucht gar nicht so weit ausholen. Auch wenn man hier krankenversichert ist, kann es passieren, dass die Krankenversicherung nicht das volle Arzthonorar bezahlt, weil es der Versicherung zu hoch erscheint. Und in diesen Fällen ist letztendlich immer der Patient der Dumme, d.h. er muss die Differenz zahlen. Genau aus diesem Grund gibt es immer mehr das sogenannte "managed care", d.h. man darf nur zu bestimmten Ärzten gehen, die Verträge mit der Versicherung haben. In diesen Verträgen wurde festgelegt, dass die Ärzte nur ein bestimmtes Honorar für eine bestimmte Leistung nehmen dürfen. Dann gibt es noch so Sachen wie Selbstbeteiligung oder Begrenzung der Leistungen auf 1 Million Dollar über das gesamte Leben des Patienten, d.h. ist die Million aufgebraucht, wird nicht mehr gezahlt und so eine Million kann unter Umständen schnell weg sein, wenn man schwer erkrankt. Und ich unterstreiche noch einmal, das sind in der Regel schon die besseren Konditionen. Ich denke, dass es in Deutschland da doch noch etwas anders zugeht. Nicht auszudenken, wenn man diese Diskussion noch auf die anderen Sozialleistungen in Amerika (z.B. Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Sozialhilfe, Urlaubsanspruch) ausweiten würde!

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Nörgelei und Pessimusmus

(Angelika) Um noch einmal auf die Nörgelei und den Pessimusmus zurückzukommen: Der Amerikaner ist da vielleicht das andere Extrem, nämlich der ewige, fast schon unrealistische Optimist. Der glaubt nämlich unerschütterlich daran, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will. Hier wird immer noch der Traum "vom Tellerwäscher zum Millionär" gelebt. Selbst der Obdachlose auf der Straße oder der Schwarze, der im schlechtesten Viertel der Stadt lebt, in dem Bandenkriege, Gewalt und Drogen das tägliche Brot sind, vertritt noch diese Philosophie. Angesichts der Tatsache, dass viele Schwarze aber nie dieses Ghetto verlassen werden und nicht einmal einen Highschool-Abschluss haben, ist dies schon bittere Ironie. Meiner Meinung nach führt diese Einstellung auch dazu, dass jeder meint, er schaffe es alleine und es der Amerikaner es gar nicht gern hat, wenn bestimmte Sachen staatlicherseits reguliert werden (z.B. Einführen einer Krankenversicherungspflicht).

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Timber Cove

Am Meer bei Timber Cove.
Am Meer bei Timber Cove.

Nächstes Wochenende feiern wir dann unseren 1. Hochzeitstag. Wir haben beschlossen, das Datum unserer kirchlichen Trauung als unseren offiziellen Hochzeitstag zu nehmen. Das hat vor allen Dingen den pragmatischen Grund, dass dieses Datum in unsere Ringe eingraviert wurde und somit Michael eine gute Gedächtnisstütze hat. Wenn wir auf dieses Jahr zurückblicken, ist wirklich unglaublich viel passiert und irgendwie ist das Jahr nur so verflogen. Natürlich wollen wir unseren Hochzeitstag entsprechend feiern. So fahren wir an die Küste in Richtung Norden und haben uns dort für zwei Nächte in ein romantisches Hotel mit Blick auf den Ozean eingemietet. Um an die Küste zu gelangen, werden wir uns den Weg durch das Weingebiet bahnen und vielleicht noch eine Weinprobe machen. Ein echt kalifornisches Wochenende also! Wir freuen uns auf jeden Fall schon sehr darauf.

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Arbeitssuche in den USA

(Angelika) Zunächst aber zur Firma. Die meisten sind diesbezüglich schon auf dem neuesten Stand, aber einige von euch eben noch nicht, deshalb schreibe ich vollständigkeitshalber die Geschichte noch einmal schnell auf. In meinem letzten Rundbrief habe ich ja ausführlich beschrieben, dass Michael jetzt zu Hause arbeitet, weil das Büro in San Francisco geschlossen worden ist, dass die Finanzierung aber bis Anfang 1998 gesichert ist. Nachdem Michael nun gerade alle Computer in unserer Wohnung installiert und ich mich daran gewöhnt hatte, dass er unsere Wohnung in ein Großraumbüro verwandelt, kam die nächste Schreckensmeldung (kurz vor meinem Abflug nach Deutschland), nämlich, dass die Finanzierung wieder gekippt wurde und die Firma wahrscheinlich Ende Juni oder Ende Juli alle ihre Tore schließt (also auch das Büro in München). Michael hat man dann geraten, sich bei einer anderen Firma in San Francisco oder Umgebung zu bewerben, da bei ihm ja die besondere Schwierigkeit hinzukommt, dass er für die potentielle neue Firma auch ein neues, amerikanisches Visum braucht. Michael hat also nicht lange gezögert und sofort seinen Lebenslauf auf's Internet gehauen. 30 Sekunden später rief der Erste an und unterbreitete ihm ein Stellenangebot. Im Zeitalter des Internets läuft das hier nämlich so (zumindestens in der Software-Branche), dass sogenannte "Recruiter" (Anwerber) für die Firmen das Internet durchforsten, um geeignete Bewerber herauszukristallisieren und an die entsprechende Firma weiterzuleiten. Der "Recruiter" hat ungefähr dieselbe Funktion wie ein Makler, d.h. kommt ein Arbeitsvertrag zustande, bekommt er von der Firma eine Provision. Also hat Michael zunächst mit dem Recruiter gesprochen und dann mit einem zuständigen Menschen aus der Firma, dabei hat ihn zunächst einmal irritiert, dass man nicht einfach nur ein Gespräch für ein Vorstellungsgespräch ausmacht, sondern ihm richtige Prüfungsfragen gestellt wurden, wie er was in einer bestimmten Computersprache programmieren würde. Dies liegt daran, dass der Amerikaner in seinen Lebenslauf gern hineinschreibt, er hätte dies und jenes schon gemacht, was dann aber gar nicht stimmt. Überhaupt telefoniert der Amerikaner allgemein recht gern, was beim Prozess des Bewerbens voll durchschlägt. So ist es durchaus passiert, dass Michael zunächst mit zwei oder drei Menschen aus der Firma telefoniert hat, immer wieder die gleichen Fragen beantworten musste, bis man ihn schliesslich zum Vorstellungsgespräch einbestellt hat. Auch hier musste er mit oft bis zu 7 unterschiedlichen Leuten reden (allerdings schon persönlich und nicht am Telefon). Nach diesen Geprächen setzt dann allerdings die zweite Telefonphase an. Ist die Firma an einem interessiert, möchte sie nicht etwa Arbeitszeugnisse sehen, sondern Telefonnummern von Leuten haben, mit denen man schon einmal zusammengearbeitet hat, um diese dann anzurufen und über den Stellenbewerber auszuquetschen. Teilweise wird sogar die Universität angerufen, um zu überprüfen, ob der Bewerber dort studiert hat. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass das eben Beschriebene nicht so leicht vonstatten geht, wenn man aus Deutschland kommt. In Deutschland anrufen wollten die Amis dann doch nicht so gerne.

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Behördenschlamperei bei der Führerscheinstelle

Keith Haring und Steve Young.
Keith Haring und Steve Young.

(Angelika) So, und nun zu meinem Führerschein. Nachdem ich ihn nun endlich bestanden habe, habe ich brav darauf gewartet, dass man ihn mir aus der kalifornischen Hauptstadt Sacramento zuschickt, was bis zu 6 Monate dauern kann, weil bei uns Ausländern noch geprüft wird, ob wir legal im Land sind. Nach fast 7 Monaten habe ich nun endlich Bescheid aus Sacramento bekommen, dass ihnen die Unterlagen zur Prüfung fehlen! Im Klartext bedeutet dies, dass man bei der Führerscheinstelle vergessen hat, meinen Pass und mein Visum zu kopieren. Also, musste ich mit meinem Pass wieder zur Führerscheinstelle in San Francisco, wo man diesen kopiert hat und mir versicherte, dass die Papiere in Ordnung sind. Ich fragte dann höflich, wie lange es dauern würde, bis mir nun der Führerschein zugeschickt würde. Woraufhin ich wieder die Antwort "bis zu 6 Monate" bekam. Das Problem ist nun aber, dass ich meine theoretische Prüfung schon im Januar gemacht habe und man innerhalb eines Jahres seinen Plastikkartenführerschein erhalten haben muss, weil man den Führerschein nach Ablauf dieser Frist noch einmal machen darf. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie ich getobt habe, weil im schlechtesten Fall diese Frist bei mir überschritten wird. Wenn ich wegen der Behördenschlamperei meinen Führerschein noch einmal machen muss, drehe ich echt durch. Michael hat natürlich seine diebische Freude an dieser Geschichte und zieht mich ständig damit auf.

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Letzte Änderung: 17-May-2025