Sozialleistungen im Vergleich
(Angelika) Ich habe bei meinem Deutschlandbesuch immer wieder zu hören bekommen, dass in Deutschland bezüglich der sozialen Absicherungen sowieso bald amerikanische Zustände herrschen würden. Freunde, diesbezüglich muss ich heftigst widersprechen und ich hoffe inständig, dass in Deutschland nie solche Zustände wie hier herrschen werden. Da ist zum Beispiel das leidige Thema Krankenversicherung. Erstens sind ca. 40 Millionen Amerikaner gar nicht versichert und da ja das gesamte Versicherungswesen hier in privater Hand ist, kommt es vor, dass z.B. Leistungen für Aidskranke nicht übernommen werden, weil deren Behandlung zu kostenintensiv ist oder bei einem Versicherungswechsel, der meist automatisch mit dem Wechsel des Arbeitsplatzes verbunden ist, jede Erkrankung oder auch Schwangerschaft, die ein halbes Jahr vor dem Versicherungswechsel existiert, von der neuen Versicherung bis zu einem Jahr nicht übernommen wird. Chronisch Kranke sind in so einem System echt verloren. Außerdem habe ich gelesen, dass eine amerikanische Krankenversicherung die Kosten für ein behindertes Kind nicht übernommen hat, weil die Eltern vorher wussten, dass sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % ein behindertes Kind kriegen würden. Und ich möchte noch einmal betonen, dass dies keine Einzelfälle sind. Aber man braucht gar nicht so weit ausholen. Auch wenn man hier krankenversichert ist, kann es passieren, dass die Krankenversicherung nicht das volle Arzthonorar bezahlt, weil es der Versicherung zu hoch erscheint. Und in diesen Fällen ist letztendlich immer der Patient der Dumme, d.h. er muss die Differenz zahlen. Genau aus diesem Grund gibt es immer mehr das sogenannte "managed care", d.h. man darf nur zu bestimmten Ärzten gehen, die Verträge mit der Versicherung haben. In diesen Verträgen wurde festgelegt, dass die Ärzte nur ein bestimmtes Honorar für eine bestimmte Leistung nehmen dürfen. Dann gibt es noch so Sachen wie Selbstbeteiligung oder Begrenzung der Leistungen auf 1 Million Dollar über das gesamte Leben des Patienten, d.h. ist die Million aufgebraucht, wird nicht mehr gezahlt und so eine Million kann unter Umständen schnell weg sein, wenn man schwer erkrankt. Und ich unterstreiche noch einmal, das sind in der Regel schon die besseren Konditionen. Ich denke, dass es in Deutschland da doch noch etwas anders zugeht. Nicht auszudenken, wenn man diese Diskussion noch auf die anderen Sozialleistungen in Amerika (z.B. Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung, Sozialhilfe, Urlaubsanspruch) ausweiten würde!
Um meinen Standpunkt noch einmal ganz klar zu machen: Ich halte es für extrem wichtig, dass die Sozialleistungen und das Solidaritätsprinzip in Deutschland erhalten bleiben, d.h. jeder -- egal ob Sozialhilfeempfänger, Bankdirektor oder Angestellter bei Siemens; schwarz, weiß oder grüngestreift -- ist krankenversichert und bekommt dieselben Leistungen und hat Anspruch auf Sozialleistungen, wenn es ihm schlecht geht. Und ich bin gerne bereit, mehr zu zahlen, wenn es mir gut geht, wenn ich die Sicherheit habe, dass ich nicht total fallen gelassen werde, sollte ich selbst in eine Notsituation kommen.
Ich merke gerade, dass ich mich jetzt doch wieder länger über dieses Thema ausgelassen habe, aber es beschäftigt mich einfach immer wieder. Wer übrigens ein gutes Buch zum Thema "Deutschland" lesen möchte, sollte sich das Buch von der ehemaligen ARD-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz "Jetzt mal ehrlich! -- Gedanken über Deutschland" zu Gemüte führen. Krone-Schmalz hat das Buch nach ihrer Rückkehr aus Russland geschrieben und ihr sind dabei ganz ähnliche Sachen wie mir aufgefallen.