Deutschland als Ausländer
(Angelika) Zurück zu meinem Deutschlandbesuch: Ich habe die vier Wochen in Deutschland sehr genossen und mich besonders darüber gefreut, dass ich so viele von euch sehen und sprechen konnte. Auch wenn meine Besuche bei vielen von euch nur kurze Stippvisiten waren und somit natürlich viel zu kurz. Diejenigen, die ich nicht geschafft habe, zu besuchen, mögen bitte nachsichtig mit mir sein; vier Wochen sind eben nur eine begrenzte Zeit.
Viele von euch haben mir in Deutschland immer wieder diese zwei Fragen gestellt: a) Kannst Du noch deutsch? b) Erlebst Du Deutschland jetzt anders?
Ich glaube Frage a) brauche ich gar nicht richtig zu beantworten, wer mich reden gehört hat, weiß, dass ich genauso viel wie vorher quassele. Ich glaube, dass mir das in der deutschen Sprache nach wie vor perfekt gelingt (Der Korrekturleser: "Bescheidenheit, Bescheidenheit ..."). Vielleicht hätte sich so manch einer von euch gewünscht, dass mich die Zweisprachigkeit etwas verschwiegener machen würde, da muss ich leider passen und ich glaube, diesbezüglich braucht ihr euch keine Hoffnungen zu machen.
Die zweite Frage ist schon etwas schwieriger zu beantworten. Mit Deutschland verbinde ich in erster Linie ganz viel Vertrautes: meine Familie, gute Freunde, viele vertraute, wunderschöne Orte. Dies hat sich natürlich überhaupt nicht verändert, auf der anderen Seite sind mir schon einige Dinge negativ aufgestoßen, die ich sonst vielleicht nicht so wahr genommen hätte. Das Problem ist natürlich, wenn man über die Deutschen oder Deutschland schreibt, muss man immer pauschalisieren; das lässt sich einfach nicht vermeiden und wie ihr alle wisst, gibt es nicht den Deutschen oder den Amerikaner und Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und doch sind bestimmte Charakterzüge der einen oder anderen Nation stärker zuzuschreiben. Zunächst ist mir aufgefallen, dass die Deutschen ein Volk von Nörglern und Pessimisten sind (wobei ich mich zumindest bei den zuletzt genannten durchaus mit einschließen würde). Das habe ich gleich beim Umsteigen in Atlanta gemerkt. Das Flugzeug war ungefähr zur Hälfte mit Amerikanern und deutschen Urlaubern besetzt. Da Atlanta bekanntlich einer der größten Flughäfen der USA ist und somit relativ viel Flugverkehr hat, standen wir beim Starten auf Warteplatz 46, was hieß, dass das Flugzeug mit einer Stunde Verspätung losgeflogen ist. Für mich war es nun sehr interessant, zu beobachten, wie unterschiedlich die Deutschen und Amerikaner mit dieser Situation umgegangen sind. Die Amerikaner saßen meist entspannt da und lasen, keiner schaute permanent auf seine Uhr oder regte sich sonst wie auf. Vor mir saßen hingegen vier Deutsche, ca. 25-jährig und gerade aus dem Urlaub kommend. Nicht nur, dass diese lauthals auf Deutsch (gut, dass die Amerikaner in der Regel kein Deutsch verstehen) über die Verspätung schimpften, so dass ich schon ganz peinlich berührt war, sondern alle zwei Minuten wurde auf die Uhr geschaut, gebracht hat das natürlich auch nicht viel. Später bestellten sich diese besagten Deutschen nicht nur ein Bier, sondern bestanden darauf, dass die Stewardess jedem von ihnen gleich zwei brachte. Peinlich!!!! Kein Wunder, dass jeder Amerikaner denkt, dass jeder Deutsche mit dem Bierfass geboren wird. ihr werdet jetzt natürlich einwenden, dass diese Deutschen die berühmten Ausnahmen waren, aber ich muss sagen, dass mich die Nörgelei auch weiterhin verfolgt hat. Der Tenor war allerortens, dass es Deutschland so schlecht wie noch nie geht, da wurden richtige Horrorszenarien beschrieben (und ich meine jetzt nicht nur in den Medien).
Ich möchte jetzt auf keinen Fall falsch verstanden werden. Natürlich gibt es in Deutschland -- wie überall -- ernsthafte Probleme, die unbedingt bald in Angriff genommen werden müssten, damit sich keine größere Krise anbahnt. Unter ernsthaften Problemen verstehe ich aber nicht, sich erbittert über eine Rechtschreibreform zu streiten und mit dieser Thematik Gerichte zu beschäftigen. Allerdings sei hier fairerweise angefügt, dass der Amerikaner auch gern wegen jeder Bagatelle vor's Gericht zieht. Das ist aber wieder ein ganz anderes Thema, was ich lieber ein anderer Mal abhandeln möchte. Zurück zur deutschen Rechtschreibreform: Ich bekenne, ich bin für eine Rechtschreibreform und wäre für viel radikalere Veränderungen gewesen. Das halte ich mittlerweile übrigens auch für eine deutsche Spezialität: Sich an unwichtigen Dingen festklammern und nicht einen Millimeter bereit sein, richtige, notwendige Veränderungen anzustreben. Da erinnert man sich plötzlich wieder daran, dass man ja schließlich das Volk von Goethe und Schiller ist, wobei deren Sprache dann ja vielleicht doch auch etwas anders ausgesehen hat.
Wenn man mit etwas Abstand die Diskussion um die Rechtschreibreform verfolgt, fragt man sich echt, ob Deutschland zur Zeit nicht andere Probleme hat. Ich denke da z.B. an die hohe Arbeitslosenquote, die immer stärkere Armut, den gefährdeten Sozialstaat usw. Damit müsste man sich meiner Meinung nach dringend auseinandersetzen.