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Angelika/Mike Schilli |
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Alltag in Zeiten des Coronavirus
Shelter in Place
Döner in der Döner-Diaspora
Mann, Frau, und Unbestimmt
Hunde im Lebensmittelladen
Scottsdale
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Angelika Auch wenn der werte Herr Trump letzte Woche noch meinte, dass das Virus ein ausländisches sei und sich aufhalten ließe, indem man einen Einreisestopp aus EU-Ländern verhängt, kann keiner leugnen, dass das Virus sich auch in den USA ausbreitet. Da es aber immer noch nicht genügend Tests gibt, weiß keiner so genau, wie viele Leute eigentlich schon mit dem Virus herumlaufen. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich enorm hoch, sodass Experten vermuten, dass es hier in den nächsten Wochen zugehen wird wie in Italien. Nun versucht man endlich mit Entschlossenheit, die Zahl der Infektionen zu verlangsamen. Ein Kraftakt in einem Land, das nicht nur riesengroß ist, sondern von jeher auf individuelle Freiheit und möglichst wenig Staat setzt. Von dem unausgewogenen und sündhaft teuren Gesundheitssystem einmal ganz zu schweigen.
Wie sieht unser Leben nun ganz konkret aus? Michael arbeitet schon seit fast zwei Wochen von zuhause. Nicht nur Apple schickte die Mitarbeiter ins heimatliche Büro, sondern auch alle anderen großen Firmen wie Facebook, Microsoft, Google usw. Das geht relativ unproblematisch für die meisten Mitarbeiter in diesen Firmen. Michael arbeitet sowieso jeden Mittwoch und Freitag von daheim. Er sagt, das sind die Tage, an denen er viel geregelt bekommt und am produktivsten ist, und natürlich kann er den ganzen Tag in der Jogginghose herum lungern und in der Mittagspause zum Surfen gehen. "Homeoffice" ist für Michael also kein Fremdwort.
Bis Freitag letzter Woche bin ich noch jeden Tag in die Schule gefahren. Dadurch dass große Techfirmen ihre Mitarbeiter aber schon von zuhause arbeiten ließen, kam ich wenigstens in den Genuss von traumhaften Verkehrsverhältnissen im dicksten Berufsverkehr. Normalerweise brauche ich bis zu 50 Minuten zur Arbeit mit dem Auto für etwas über 30 Kilometer, denn streckenweise erinnert der Freeway mehr an einen Parkplatz als eine Autobahn. Aber letzte Woche hieß es jeden Tag freie Fahrt, und ich schaffte es in unter 30 Minuten in meine Schule.
Allerdings ist unsere Schule nun erst einmal für mindestens 3 Wochen geschlossen, denn Kinder gelten ja bekanntlich als Bazillenschleudern. Da Kinder mit dem Virus scheinbar auch kaum Symptome zeigen, haben wir eigentlich seit Wochen russisches Roulette gespielt. Unsere Schüler, die wild rumhusteten, wurden zwar nach Hause geschickt, aber da es nicht genügend Testkits in den USA gibt, werden Kindern nur sehr selten auf Corona getestet, falls sie nicht massive Symptome aufweisen. Erschwerend hinzu kommt, dass Kinder in der kälteren Jahreszeit eh ständig prusten, husten und niesen, es sich dabei aber meist um einfache Erkältungen handelt. Das Einzige, was wir machen konnten, war also darauf zu achten, dass sich unsere Racker die Hände gründlich wuschen.
Auch wurden Schreibtische und Türknöpfe ständig desinfiziert und die Kinder angehalten, in ihre Ellbogenbeuge zu husten. Wer schon mit Kindern gearbeitet oder welche großgezogen hat, weiß aber, dass das leichter gesagt als getan ist. Ich kann gar nicht zählen, wie oft mir schon ein Kind direkt ins Gesicht gehustet, genießt oder herzhaft auf sein Pult gerotzt hat. Und ich arbeite ja auch noch mit Kindern, die nicht immer ganz leicht zu handhaben sind, oder das Händewaschen trotz mehrmaliger Erinnerung dann auch schon mal vergessen oder lieber mit dem Wasser spielen, die Seife aber nicht in ihr Spiel mit integrieren. Mit allen möglichen Tricks versuchten wir es trotzdem: coole Videos zum Thema Coronavirus und Hygiene, Comics, Belohnungen, Liedern (zweimal "Happy Birthday" singen zum Beispiel während des Händewaschens).
Natürlich ist es keine leichte Entscheidung, Schulen zu schließen, denn wo sollen die Kinder denn hin, wenn die Eltern zur Arbeit müssen, vom Unterrichtsausfall ganz zu schweigen. Auch bedeutet zur Schule gehen Struktur und Kontinuität, was gerade für die Kinder, mit denen ich arbeite, von enormer Wichtigkeit ist. Unsere Schule hat sich deshalb entschlossen, die Kinder online zu unterrichten ("remote learning"). Die meisten unserer Familien sind technisch gut ausgerüstet, bei anderen schickten wir die Kinder mit den schuleigenen Chromebooks (Google Laptop) nach Hause. Wir arbeiten in unserer Schule sowieso schon viel mit den neuen Technologien. Schulhefte und Bücher gab es natürlich auch mit auf den Weg. Meine Kollegin, die ja die ausgebildete Grundschullehrerin in der Klasse ist, schickt ab nächste Woche unseren Schülern jeden Tag Lernstoff, den sie täglich erarbeiten müssen.
Neben anderen Programmen nutzen wir dazu die nicht kommerzielle Website der Khan Academy. Die Seite stellt kostenlos Unterrichtseinheiten mit Youtube-Videos und Übungen zur Verfügung, die sich an Lehrpläne anlehnen. Der Lehrer kann jedem Schüler bestimmte Unterrichtseinheiten zur Bearbeitung zuordnen und sieht nicht nur, wie lange der Schüler dafür braucht, sondern auch wie erfolgreich er war. Salman Khan gründete 2009 das Portal, das sich aus Spendengeldern finanziert. Google spendete 2010 zum Beispiel 2 Millionen Dollar. Die Idee für Khan Academy entstand, weil Khan das Internet mit Hilfe von "Yahoo Doodle Images" nutzte, um seinem Cousin Nachhilfe in Mathe zu geben. Andere Cousins fanden die Erklärungen ebenfalls klasse und Khan fing an, seine Videos auf YouTube zu stellen. Wir sind gespannt, wie das Ganze von unseren Kindern angenommen wird und ob die Lauser auch wirklich bereit sind, selbständig zu lernen. Wir sind da alle etwas skeptisch, denn schon Hausaufgaben regelmäßig erledigen klappt meist nicht so recht.
Da ich ja als verhaltenstherapeutische Kraft in der Klasse arbeite und eher dafür zuständig bin, den Kindern mit ihrem Sozialverhalten zu helfen, ist es für mich schwieriger, dieses zu beeinflussen, wenn die Kinder nicht vor Ort in der Schule sind. Zur Zeit ist geplant, dass wir Berichte schreiben und andere Verwaltungsaufgaben übernehmen und dann natürlich unsere Unterrichtseinheit "Sozial Emotionales Lernen" ("Social Emotional Learning"), vorzubereiten, die wir Verhaltenstherapeuten jeden Tag in unseren Klassen unterrichten. Es ist noch nicht klar, was passiert, falls wir länger schließen sollten. Unser Gouverneur Gavin Newsom tönte heute schon, dass es durchaus sein könnte, dass die Schulen in Kalifornien unter Umständen bis zu den Sommerferien nicht wieder aufmachen. Ein Wahnsinn! Übrigens kann zwar im Notfall der Gouverneur anordnen, alle öffentlichen Schulen in Kalifornien zu schließen, aber in der Regel hält er sich da lieber zurück und lässt den einzelnen Schulbezirken (= school district) die Freiheit, darüber zu entscheiden. Es gibt schlappe 977 Schulbezirke in Kalifornien. 922 davon haben zur Zeit ihre Schulen wegen des Virus in Kalifornien geschlossen, teilweise aber unterschiedlich lang. Das Übertragen der Entscheidungsbefugnisse auf die lokale Ebene macht die Situation nicht gerade einfacher in Krisenzeiten. Das ist dann oft noch komplexer als in Deutschland, wo die Hoheit über die Schulen ja bei den einzelnen Bundesländern liegt.
Hamsterkäufe des obligatorischen Klopapiers und allen möglichen Desinfektionsmitteln hat es hier natürlich auch gegeben. Die Supermärkte sind voll mit Menschen und einige Regale leer. Ihr wisst schon: Nudeln und Tomatensoße, Reis, Mehl, Konserven. Lustigerweise waren hier auch die Knabbersachen ziemlich ausgedünnt und alle gefrorenen Fertiggerichte wie Tiefkühlpizza. Beim Costco (vergleichbar mit Metro in Deutschland) ist der Ansturm enorm und an manchen Tagen kaum Herr zu werden. Die Schwester eines Mitarbeiters in meiner Schule arbeitet beim Costco und berichtete, dass letzten Freitagmorgen schon 2000 Menschen bei ihrem Costco aufgetaucht wären, eine absolut irre Zahl, selbst für diesen Megamarkt. Sie erzählte auch, dass schon mehrmals die Polizei gerufen wurde, da sich Kunden um Produkte stritten oder an der Kasse herumschrien, weil der Verkauf von einigen Produkten begrenzt wurde. Wir haben die Supermärkte zwar voll erlebt, aber noch keine tumultartigen Szenen. Allerdings meiden wir Läden, bei denen sich schon vor der Ladentür eine Schlange bildet. Wir haben sowieso immer Vorräte daheim trotz wenig Stauraum in der Wohnung, damit wir gegen Erdbeben gewappnet sind. Michael ist bei uns der Einkäufer und der achtet immer akribisch darauf, dass nichts ausgeht und immer genug von allem da ist. Ich habe deswegen schon oft geschimpft, denn manchmal weiß ich gar nicht, wo ich die ganzen Sachen unterbringen soll. Jetzt bin ich aber froh darüber.
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