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  Rundbrief Nummer 131  
San Francisco, den 01.12.2019


Abbildung [1]: Über das Wochenende darf es auch mal ein etwas teureres Sportwägelchen mit Elektromotor sein.

Michael Im Urlaub fahren wir in fremden Städten regelmäßig mit Mietwägen herum, allerdings bucht man dann eine "Kategorie" und keinen bestimmten Autotyp. Bei Sixt in München ist es mir mal passiert, dass ich die Klasse "VW Golf GTI" gebucht habe, und am Schalter versucht wurde, mir einen Opel Mandriva, einen Minivan für Fußballmutties, anzudrehen. In Las Vegas buchte ich mal einen Prius, aber als ich dann dort aufkreuzte, war kein Prius da. Ich machte Rabatz, und ließ mich schließlich mit einem japanischen Sportwagen, einem Infinity G37S, besänftigen. Aber ich wollte schon immer mal einen Prius fahren, das sagenumwobene Hybridauto, mit dem Amerikaner seit gut 20 Jahren Benzin sparen, weil der kleine Benzinmotor einen großen Akku auflädt, der dann das Auto in ruhigen Phasen benzinlos antreibt. Während unser Honda Fit gute acht Liter auf 100km schluckt, begnügt sich ein Prius mit vier. Ich weiß, ich weiß, in Deutschland schleichen die Leute mit Matchboxautos umher, die auch nur vier Liter schlucken, aber in Amerika geht's nun mal nicht unter 100 PS.

Abbildung [2]: Michael posiert auf unserem Haushügel in einem Prius C von Turo.

Nun machte sich jüngst die Firma Turo auf, den Paragraphendschungel der Vorschriften und Versicherungen für kommerzielle Autovermieter aufzubrechen (wie AirBnB für Hotels und Uber für Taxis), und als Agentur zu agieren, mittels der Privatleute ihre Autos an andere Privatleute vermieten. In Deutschland gibt es die Firma meinen Recherchen zufolge übrigens ebenfalls schon! Mittels einer Smarphone-App wählt man aus einem reichhaltigen Angebot von Autos aus, macht einen "Trip" aus, und dann trifft sich der Mieter ("Guest") zum Abholtermin mit dem Vermieter ("Host") zur Schlüsselübergabe, und los geht's. Per App macht man bei Abholung und Rückgabe jeweils Fotos vom Auto, damit sichergestellt ist, dass der Mieter keine neue Schramme reinfährt. Und abschließend bewerten Mieter und Vermieter sich gegenseitig mit bis zu fünf Sternen, damit zukünftige Turo-Kunden sich ein Bild von beiden machen können.

Abbildung [3]: Turo vermietet hauptsächlich Teslas und Luxuswägen.

Neuere Prius-Modelle gab es in San Francisco bei Turo für etwa 60 Dollar pro Tag zu mieten, und ich wählte eine Vollkaskoversicherung mit einer hohen Selbstbeteiligung ($3000), die weitere $15 Dollar pro Tag kostete. Insgesamt ein lohnender Spaß fürs Wochenende. Für Luxuskarossen zahlt man allerdings etwas mehr, für einen Tesla Model S zum Beispiel rund $150. Aber gut, das ist natürlich viel billiger als der Anschaffungspreis von $80.000. Da Privatautos die meiste Zeit eh bloß dumm rumstehen, ist das Geschäft für Mieter und Vermieter gleichermaßen lohnend, der Vermieter kriegt einen Teil seiner immensen Anschaffungs- und Wartungskosten erstattet, und der Mieter hat die Gelegenheit, mal das Auto seiner Träume zu fahren, auch wenn's nur für einen Tag ist, aber damit spart er sich den Kauf eines rasch an Wert verlierenden Vehikels.

Abbildung [4]: Wer wollte diesem Musterkunden nicht sein Privatauto leihen?

Abholung und Rückgabe klappten bei unserem Selbstversuch reibungslos. Der Verleiher entpuppte sich als ausgesprochen netter Mensch in einem Nachbarviertel, der sich sogar die Zeit nahm, mir die verschiedenen Energiesparmodi des Fahrzeugs zu erklären und einige gute Fahrtipps zu geben. Es machte Spaß, mit dem Wägelchen unsere üblichen Wochenenroutinen zu erledigen: Lebensmittel einkaufen, zu Ikea fahren, zum Fußballplatz, und so weiter. Der Prius C, die kurze Version des Originalmodells, ist natürlich kein Sportbolide, aber man gewöhnt sich daran, nach einer Weile ist das Fahren deutlich entspannter, und man versucht automatisch, das Gasgeben so zu beschränken, dass die Anzeige im Eco-Modus und der Benzinmotor ausbleibt -- gut, vielleicht ein Grund dafür, dass Prius-Fahrer als elende Schleicher verschrieen sind. Ich habe sogar getestet, ob mein großes, 2,40m langes Surfboard reinpasst (check!) und ein neuer bei Ikea gekaufter Schreibtischstuhl ließ sich mühelos durch die Heckklappe auf die durch Sitzumklappen vergrößerte Ladefläche bugsieren. Ein gut konstruiertes Auto, das muss man sagen.

Abbildung [5]: Die Evaluierung eines neuen Autos erfordert, zu prüfen, ob mein Surfboard reingeht.

Wie ist der Mietwagen bei Turo nun versichert? Wie immer gilt es hier, genau hinzusehen, und den Unterschied zwischen Haftpflicht (Liability) und Vollkasko (Loss/Collision) zu beachten. In Amerika bleibt die Haftpflichtversicherung normalerweise beim Auto, wenn wir also zum Beispiel unser Auto an einen Freund verleihen, und der baut einen Unfall, haftet unsere Haftpflichtversicherung für den Fremdschaden -- allerdings zum Klang unserer nach oben schnellenden Prämien. Vermietet ein Privatmann sein Auto auf Turo, schiebt dessen Haftpflicht aber im allgemeinen einen Riegel vor, kommerzieller Autoverleih ist meist im Vertrag explizit ausgeschlossen. Allerdings hat Turo hier vorgesorgt und mit einem großen amerikanischen Versicherer (Liberty Mutual) eine Gruppenversicherung abgeschlossen, mit der jedes durch Turo vermietete Auto mit einer Million Dollar Deckung haftpflichtversichert ist.

Abbildung [6]: Prius-Fahrer Michael hat sichtlich Spaß am Benzinsparen.

Interessanterweise bietet Turo aber auch dem Mieter verschiedene Versicherungspakete an, die hauptsächlich die Selbstbeteiligung der Vollkasko-Versicherung regeln, aber angeblich auch die Haftpflicht beeinflussen, die je nach Paket zwischen einer Million Dollar und dem viel niedrigeren bundesstaatlich festgelegten Minimum (in Kalifornien zum Beispiel bei Personenschäden nur $15.000 pro Person, $30.000 pro Unfall, und $5.000 bei Sachschäden) schwankt. Das Ganze riecht nach totalem Versicherungschaos, denn bei einem Unfall sind nun bis zu vier verschiedene Versicherer im Spiel: Die Haftpflicht des Vermieters, die Gruppenversicherung von Turo, die Haftpflicht des Mieters (wenn er eine für sein Privatauto hat, die auch für Mietwägen gilt) und die vom Mieter eventuell bei Turo mit der Vollkasko im Gesamtpaket hinzugekaufte. Bei einem Unfall darf sich der Mieter ohne Zweifel auf ein paar Runden "Buchbinder Wanninger" am Telefon einstellen. Hingegen kostet die Vollkasko-Versicherung, die bei Schäden am Mietwagen einspringt, je nach Selbstbeteiligung zwischen 18% und 80% des Mietpreises. Bei 18% muss der Mieter bei einem Schaden am Auto $3000 selber zahlen, bevor die Versicherung einspringt. Bei 80% zahlt die Versicherung alles, allerdings gibt's diese Variante nur bei Fahrzeugen, die weniger als $35.000 kosten.

Mit dem Auto waren wir sehr zufrieden, sogar das Fahren im Stau macht mit dem Prius Spaß, da er automatisch leicht abbremst und mit der gewonnenen Energie die Batterie auflädt, wenn man nur den Fuß vom Gaspedal nimmt, und ohne dass man dauernd auf die Bremse treten muss, wenn der Vordermann ruckelig fährt. Die bunte grafische Anzeige im Armaturenbrett verführt allerdings wohl dazu, dass Prius-Fahrer nur sehr langsam beschleunigen, damit das Eco-Meter im grünen Bereich bleibt -- was wohl zum Schleicher-Image beiträgt. Aber tritt man ordentlich rein, geht schon ein bisserl was, 99 PS sind schließlich kein Pappenstiel.

Abbildung [7]: Michael am Tesla-Steuer beim lässigen Audi-Schnupfen auf dem Highway 1.

Für unseren zweiten Turo-Trip buchte ich dann einen Tesla Model 3. Mit den im Preis enthaltenen 100 Meilen plante ich eine Route rauf nach Norden über die Golden Gate Bridge, dann runter über die schlängelnde Passstraße nach Muir Beach, wo wir eine kleine Wanderung machten. Dann ging's rauf nach Point Reyes Station zum Mittagessen, rüber nach Nicasio zu unserer Lieblingskäserei und wieder zurück über die Brücke und in die Stadt. Das waren 90 Meilen, und die Akkuanzeige des Tesla ging von 66% auf 30% zurück. Das Wägelchen hat zwar "nur" 270 PS, beschleunigt aber komplett linear und so stark, dass man sich wie in einer Achterbahn gegen den Sitz gedrückt fühlt. Ich schnupfte reihenweise deutsche Luxussportwagen.

Abbildung [8]: Mit dem Tesla in der Waschstraße. Wie nun stellt man ihn auf "N"?

Bevor man einen Tesla fährt, sollte man sich unbedingt ein paar Erklärvideos anschauen. Ein Normalbürger könnte nicht mal die Fahrertür mit ihrem eigenwilligen Türgriff öffnen. Im Fahrersitz sucht man dann nach dem Schalthebel, und findet heraus, dass Tesla den Scheibenwischerhebel rechts des Lenkrads zum Schalthebel umfunktioniert hat: Nach oben ziehen, wenn man rückwärts fahren will, nach unten geht's vorwärts. Den Scheibenwischer schaltet man auf dem Tablet in der Mittelkonsole an, indem man sich durch Wischen und Tippen durch Menüs arbeitet. Zweimal drückt man den Schalthebel nach unten, um den Autopiloten einzuschalten, der den Abstand zum Vordermann sowie die Spur auf dem Freeway hält. Diese Funktion setzt sogar selbständig zum Überholen an, wenn man den Blinker betätigt, aber das war mir dann doch zu riskant. Vor dem Zurückgeben des Fahrzeugs wollte der Eigentümer noch, dass ich den Tesla durch eine automatische Waschanlage fahre, und als ich dort ankam fiel mir siedendheiß ein, dass man dafür ja den Gang "N" wie Neutral (also Leerlauf) einlegen muss, aber wie geht das mit einem Hebel der nur "R" für "Reverse" und "D" für "Drive" hat? Zum Glück sah ich einen Waschanlagenmann vor der bereits gefährlich rotierenden Bürste, und ich kurbelte das Fenster runter und fragte schnell, wie man einen Tesla auf "N" stellt. Der kannte das Problem schon, und langte einfach rein, zog den Hebel nur ein bisschen, also nicht ganz nach unten und wartete zwei Sekunden, bis das Tablet "N" anzeigte. Da muss man erst mal drauf kommen!

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Letzte Änderung: 08-Dec-2019