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  Rundbrief Nummer 26  
San Francisco, den 04.12.2000


Redefreiheit

Nun zu Michaels heutigem Schwerpunktthema: Redefreiheit in den USA! Der Verfassung hier sind einige Anhänge angeschlossen, die sogenannten Amendments. Das erste Amendment ist "Freedom of Speech", die Redefreiheit, die hier ja wirklich der Rede wert ist und nicht so eingeschränkt wie in Deutschland:

"Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the government for a redress of grievances."

Das komische Englisch rührt daher, dass das a) ein Gesetzestext ist und b) von 1791. Soweit, so trocken. Lasst mich die Bedeutung dieses Teils der Verfassung an einem praktischen Beispiel erklären: Will man in den USA jemanden beleidigen, tippt man nicht mit dem Zeigefinger gegen die Stirn -- dieses Zeichen bedeutet nichts Böses, es heißt höchstens: Ich bin schlau. Niemand nimmt das überhaupt zur Kenntnis, das geht mir öfter so, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, mir wieder irgendein Depp den Weg abschneidet, ich schreie und den Vogel zeige und nur fragende Gesichter ernte. Das ist immer sehr lustig, aber das sind jahrzehntelang einprogrammierte Verhaltensweisen, die ich leider nicht abstellen kann.

Nein, ernsthaft beleidigt wird hier mit dem hochgestreckten Mittelfinger. Und das Gute dabei: Das ist verfassungsrechtlich mit dem oben angegebenen "Amendment" abgesegnet und nicht strafbar. Ohne Schmarren, die beleidigte Person kann absolut nichts unternehmen, außer natürlich die Pistole zu ziehen und zu schießen, aber das Waffenrecht nehmen wir erst im nächsten Rundbrief durch. Man kann auch "Du @#$@!" schreien. Fügt das schlimmste Schimpfwort, das ihr kennt, ein -- was immer man sagen oder andeuten will, kann man vollkommen ungestraft von sich geben, kein Problem. Solange man die andere Person nicht anfasst, ist alles erlaubt. Überschreitet man diese Grenze allerdings, hagelt's drakonische Strafen. Wenn man jemanden nur mit dem Finger antippt, kann der einen sofort vor den Kadi zerren und auf Millionen verklagen. Mündliche oder gestenhafte Beleidigung ist jedoch absolut bedeutungslos -- wenn ich meinen amerikanischen Kollegen davon erzähle, dass sich in Deutschland Autofahrer anzeigen, weil einer gegen die Stirn getippt hat, lachen die sich kaputt.

Es gibt zwei Ausnahmen von "verbal abuse", also "gesprochenem Missbrauch": Man darf in einem vollbesetzten Kino nicht "Feuer, Feuer!" schreien. Und man darf nicht damit drohen, den Präsidenten der USA zu ermorden. Ein Arbeitskollege hat mir mal erzählt, dass einer seiner Mitschüler einmal in einem Schulaufsatz dergleichen geschrieben habe und daraufhin gleich die Polizei angerückt sei. Ganz im Ernst, nur diese beiden Ausnahmen sind strafbar, alles andere ist durch die Verfassung geschützt.

Unser Freund Greg hat die Gültigkeit des ersten Amendments einmal unwiderlegbar bewiesen, indem er auf der Autofahrt von der Arbeit nach Hause sämtlichen Autofahrern auf dem Highway ohne Grund den Finger zeigte -- und ein oder zwei tadelnde Blicke, aber keinerlei Aggressionen erntete. Er behauptete sogar, man dürfe Polizisten nach Belieben beleidigen, das wollte ihn der rasende Rundbriefreporter dann aber doch nicht ausprobieren lassen.

"Freedom of Speech" heißt auch, dass hier jede politische Partei uneingeschränkte Redefreiheit besitzt. Die ersten Einwanderer der USA waren ja von der Politik oder religiösen Institutionen Verfolgte, die hier Schutz suchten und deshalb verankerten die Verfassungsväter die uneingeschränkte Rede- und Religionsfreiheit als eines der wichtigsten und umfassensten Prinzipien. Dies ist übrigens auch der Grund, warum die Amerikaner immer tadelnd nach Deutschland sehen, wenn die Sekte Scientology mal wieder verfolgt wird -- hier wäre das undenkbar, das würde eine Revolution auslösen.

Übrigens gilt die vorher erwähnte Redefreiheit nicht im Radio oder Fernsehen -- das wird streng von einer Behörde namens FCC (Federal Communications Commission) kontrolliert. Es ist zum Beispiel nicht erlaubt, auch nur Scheiße! (Shit!) im Rundfunk oder Fernsehen zu sagen. So gibt es von den aktuellen Rap-Songs, die nicht mit wüsten und noch wüsteren Worten sparen, grundsätzlich die Original-Version auf CD, auf der dann der Aufkleber "Parental Advisory -- EXPLICIT LYRICS" prangt ("Warnung an alle Eltern: Eindeutige Sprache"), und die Radio-Version, aus der mit raffinierten technischen Mitteln die unanständigen Wörter schon von der Plattenfirma ausgeblendet wurden. Da spielt dann die Musik im Hintergrund weiter, während der Sänger plötzlich nicht mehr zu hören ist. Das ist oft ziemlich albern, denn anhand der sich reimenden Textstellen kann man in 9 von 10 Fällen das gesuchte Wort einfach ableiten:

You better quit
talkin' that ---
or you'll be leaving with a fat lip.

Limp Bizkit, "Break Stuff".

Abbildung [1]: Es geht rund bei der Jerry Springer Show. Die Sicherheitsleute hindern die Kandidaten daran, sich gegenseitig zu verprügeln

Talkshow-Fernsehsendungen, in denen sich die Leute wüst beschimpfen (zum Beispiel "Jerry Springer"), werden vor der Ausstrahlung überarbeitet und unanständige Worte durch einen Piepton (englisch: Bleep) übertönt. Wenn's dann richtig zur Sache geht, hört man oft vor lauter Ge-bleepe den Text nicht mehr. Das ist übrigens auch eine beliebte Humorquelle: Wenn jemand im Fernsehen redet und plötzlich übertönt ein Piepton jedes zweite Wort, gibt das immer zu Gelächter Anlass, weil man dann weiß, dass die Person lauter unanständige Wörter benutzt. Ha. Haha.

Bei Live-Sendungen steigt natürlich der technische Aufwand. Von einer berühmt-berüchtigten Radiosendung namens "Lamont and Tonelli" auf 92.3 KSJO, die ich bis vor einem Jahr noch immer auf der Autofahrt von San Francisco nach Mountain View hörte (jetzt höre ich, wenn ich Auto fahre, Howard Stern auf 105.3) weiß ich, dass diese um 20 Sekunden (!) zeitverzögert ausgestrahlt wird. Die Moderatoren sind natürlich alte Füchse, denen niemals ein böses Wort entschlüpft und die im Zweifelsfall ein Kunstwort benutzen, das so ähnlich klingt -- das ist legal. Aber bei der genannten Radiosendung dürfen auch ganz normale Leute anrufen und ungefiltert ihre Meinung sagen. Benutzt einer ein unanständiges Wort, löst ein vom Radio angestellter Zensor Alarm aus, der betreffende Satz wird -- in Echtzeit! -- ausgeblendet und die Zuhörer hören statt dem Rest des Satzes das Geräusch einer Klospülung. Wenn man sich vorstellt, wie das funktioniert, wird einem schwindelig. Meiner Theorie nach muss dieses 20-Sekunden-Sicherheitsintervall mit jedem Vorfall zusammenschmelzen, bis die Senderleute wieder drei Minuten Musik von einem superschnellen CD-Spieler spielen müssen, um den Sicherheitskanister wieder aufzufüllen.

Im Kino und im Pay-TV sind sprachliche Ausfälle hingegen gestattet -- aber der Film ist dann ab 13 und die Plakate warnen vor der "Erwachsenensprache" (Adult Language). Nun zu den Nachrichten aus der Church Street.

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