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  Rundbrief Nummer 46  
San Francisco, den 08.10.2003


Abbildung [1]: Studenten an der Stanford-Uni in Palo Alto

(Angelika) Im letzten Rundbrief kam ich bis zum High-School-Abschluss. Danach heißt es für viele, die Schulbank in einer amerikanischen Universität oder einem College zu drücken. In Deutschland höre ich oft die Frage, was eigentlich der Unterschied zwischen einer Universität und einem College sei. Der Begriff "College" ist in den USA der gängige Sammelbegriff für beides. Das "College" im klassischen Sinn umfasst vier Jahre und führt zum Abschluss des "Bachelor" (Bakkalaureat = amerikanischer akademischer Grad). An den Universitäten bezeichnet man verschiedene Fachbereiche häufig als College und findet in der Regel eine medizinische Hochschule und Forschungsabteilungen. Desweiteren bietet die Universität Studienprogramme nach dem Erwerb des "Bachelor's Degree" an, um einen höheren akademischen Abschluss, das so genannte "Master's Degree" (= Magisterabschluss) oder, für ganz Lernwütige, den Doktor zu erwerben.

Abbildung [2]: Einen Bolzplatz gibt's auch in Stanford

Nach einer Statistik des U.S. Bureau of Labor besuchten 65 Prozent der amerikanischen Schüler mit High-School-Abschluss im Jahr 2002 ein College. Die Prozentzahl kommt euch vielleicht etwas hoch vor, aber ihr müsst bedenken, dass Amerika kein dreigliedriges Schulsystem kennt. Während Abiturienten in Deutschland sich gleich für ein bestimmtes Fach an der Universität einschreiben, dienen in der Regel die ersten zwei Jahre auf einem amerikanischen Vierjahres-College der Allgemeinbildung, u.a. in den Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften, Kunst, Sprachen, sowie Mathematik. Nachdem der Student die allgemeinbildenden Pflichtkurse abgeschlossen hat, intensiviert er sein Studium in ein oder zwei Fächern ("Majors"). Abhängig von dem gewählten Hauptstudienfach wird ihm dann nach weiteren zwei Jahren der "Bachelor of Arts" (B.A. = Bakkalaureat der Philosophie) oder "Science" (B.S. = Bakkalaureat der Naturwissenschaften) verliehen.

Abbildung [3]: Auf alt gemachtes Gemäuer in der Stanford-Uni

Gängig ist auch der "Bachelor of Business Administration" (B.B.A. = Bakkalaureat der Wirtschaftswissenschaften). Das Vierjahres-College lässt sich vielleicht am besten als eine Kombination von Abitur und Vordiplom im deutschen System beschreiben. Viele College-Absolventen stürzen sich zunächst ins Arbeitsleben, wenn sie ihren "Bachelor" in der Tasche haben und gehen zu einem späteren Zeitpunkt für zwei bis drei Jahre zurück an die Hochschule, um ein "Master's Degree" zu erwerben. Auch treffen wir in Amerika häufig Leute, die in einem Beruf arbeiten, der nur noch wenig mit ihrem eigentlichen "Bachelor's Degree" gemein hat. Ein Wechsel des eigenen Berufes oder Berufsziels gilt in Amerika nicht als Stigma.

Abbildung [4]: Frontgebäude Stanford

Neben dem "Bachelor's Degree" gibt es noch einen weiteren unteren akademischen Grad und zwar das so genannte "Associate Degree", das der Studierende nach zwei Jahren auf einem "Junior College" oder "Community College" u.ä. erhält. Diese Institutionen bieten die allgemeinbildenden Kurse der ersten beiden Jahre der vierjährigen College-Programme an und setzen zusätzlich häufig spezializierte berufsbezogene Schwerpunkte wie zum Beipiel Krankenpflege, Wirtschaft oder Technik. Möchte man später auf ein Vierjahres-College überwechseln, stellt das in der Regel kein Problem dar, denn die erworbenen Qualifikationen werden anerkannt.

Viele Studenten wählen ein Community College wegen der erschwinglicheren Studiengebühren, die in Amerika oft astronomisch hoch sind. Das City College of San Francisco, seines Zeichens Community College und Anbieter von unzähligen Bildungsprogrammen, die sowohl der Fortbildung, der persönlichen Entfaltung (im Stil der deutschen Volkshochschulen) und des Erwerbs von diversen Abschlüssen dienen, kostet zum Beispiel pro Einheit ("Unit") 18 Dollar für kalifornische Einwohner (als kalifornischer Einwohner gilt derjenige, der seit mehr als einem Jahr in Kalifornien lebt).

Die meisten Kurse bestehen aus drei Einheiten pro Semester. Das ergibt also für einen Kurs 54 Dollar. Belegt der Student z.B. fünf solcher Kurse, zahlt er 270 Dollar für das entsprechende Semester. Da viele Community-College-Studenten nebenbei arbeiten, schreiben sie sich nicht als Vollzeitstudenten ein. Viele nutzen das Community College als zweiten Bildungsweg. Vielleicht erinnert ihr euch, dass auch ich in den ersten Monaten unseres San-Francisco-Aufenthaltes brav ins City College getrabt bin, um Englisch zu pauken.

Abbildung [5]: Nicht nur in Stanford sondern an allen Unis beliebter Schabernack

Für bestimmte Berufsfelder, u.a. Medizin, Zahnmedizin, Pharmazie, Jura, Theologie muss man in den USA zunächst das "Bachelor's Degree" erwerben, um sich dann in ein weiterführendes Studienprogramm zum Erwerb des "Master's Degree" (=Magister) einzuschreiben. Zahnärzte drücken nach ihrem "Bachelor's Degree" noch einmal vier Jahre die Schulbank, Juristen immerhin drei Jahre. Arzt zu werden ist auch in den USA langwierig: An den "Bachelor" schließen sich vier Jahre Studium an, gefolgt von einem einjährigen klinischen Praktikum, auf die dann die Facharztausbildung (=Residency) folgt, die je nach Fachrichtung ein bis acht Jahre dauern kann.

Abbildung [6]: Studentenwohnung in Stanford

Das amerikanische Studentenleben spielt sich auf dem "Campus" ab. Während sich in Deutschland Universitätsgebäude der verschiedensten Fakultäten oft über die ganze Stadt verteilen, ist in Amerika alles zentral an einem Fleck: Unterrichtsgebäude, Forschungsstätten, Studentenwohnheime, Bibliothek und studentischer Buchladen, Sport- und Freizeiteinrichtungen, Studentenvereinigungen und die Cafeteria.

Der Campus der renommierten privaten Stanford University in Palo Alto -- ca. 45 Minuten per Auto von San Francisco entfernt -- wirkt dann auch wie eine eigene kleine Stadt. Viele Studenten wohnen auf dem Campus in Studentenwohnheimen ("Dorms"), da sie sich wegen der hohen Studiengebühren kaum etwas Anderes leisten können.

Ihr kennt die Situation sicher aus amerikanischen Fernsehsendungen: Ein Zimmer teilen sich häufig zwei oder drei Studenten. Wie man da jemals zum Lernen kommen soll, bleibt mir ein Rätsel. Einzelzimmer gibt es in der Regel erst für höhere Semester. Es gilt als normal, für sein Studium Schulden zu machen. An einer Elite-Uni kommen da 100.000 Dollar schnell zusammen.

Abbildung [7]: Die Stanfordsche Bibliothek

Jeder Bundesstaat und einige größere amerikanische Städte haben ihre eigenen öffentlichen Universitäten. In Kalifornien ist das die "University of California" mit der weltberühmten, bei uns vor der Haustür liegenden "University of California Berkeley". Das College oder die Universität, egal ob öffentlich oder privat, verlangen in den USA Studiengebühren. Dabei sind öffentliche Hochschuleinrichtungen, wie die University of California, oft preisgünstiger -- zumindest für die Studierenden, die als Einwohner des entsprechenden Bundesstaates gelten. Die Finanzierung dieser Einrichtungen erfolgt stärker durch öffentliche Mittel. Die Universität Berkeley verlangt zur Zeit (Stand: 2003) pro Semester $2135 reine Studiengebühren für kalifornische Einwohner (Einjahresregel, siehe oben), aber satte $9240 für Nicht-Einwohner. Für die private Nobel-Uni Stanford berappt man zum Vergleich $9520 pro Semester in Studienprogrammen, die zum "Bachelor's Degree" führen. Medizinstudenten zahlen hingegen $11572. Wie gesagt, ich spreche hier nur von Studiengebühren, d.h. das, was der Student für seine Kurse zahlt. In der Summe sind weder Kosten für ein Zimmer, Bücher, Krankenkasse, die Pflicht an vielen Unis ist, noch diverse andere Gebühren (z.B. für die Einschreibung) eingeschlossen. Die "University of California Berkeley" hat ihre Gebühren übrigens gerade um schlappe 30% erhöht (in der oben angegeben Zahl bereits reflektiert), da durch die kalifornische Haushaltsmisere öffentliche Zuschüsse drastisch gestrichen wurden.

Abbildung [8]: Eingang zum Ingenieurswesen

Um das sündhaft teure Studium zu finanzieren, bieten sich dem amerikanischen Studenten folgende Möglichkeiten: 1) Er hat steinreiche Eltern, die sich nicht scheuen, das Geld mit beiden Händen auszugeben. 2) Die Eltern verfügen über eiserne Disziplin und haben seit der Geburt des Sohnemanns oder des Töchterleins fürs College gespart. 3) Er ist superschlau, talentiert oder eine Sportskanone und ergattert ein Stipendium ("Scholarship"). Allerdings gibt es häufig nur Teilstipendien, die nicht alle Kosten abdecken, aber immerhin muss er ein Stipendium nicht zurückzahlen. 4) Er arbeitet nebenbei und braucht dann halt etwas länger für sein Studium. 5) Er besitzt ein Arsenal von Kreditkarten mit hohem Kreditrahmen. 6) Er beantragt ein Studentendarlehen.

Abbildung [9]: Eine Eingangstür zu einem Hörsaal in Stanford

Viele unserer Freunde und Bekannten haben ihr Studium durch ein Studentendarlehen finanziert. Wie hoch das Darlehen ist, richtet sich nach den Vermögensverhältnissen der Eltern. Studentendarlehen erfreuen sich staatlicher Unterstützung, deshalb fallen keine Zinszahlungen während des Studiums an. Die Summe, die später zurückgezahlt werden muss, enthält dann aber Zinsen, allerdings ist der Zinssatz niedrig. Die meisten leisten ihre Rückzahlungen in Form von monatlichen Beiträgen über den Zeitraum von vielen Jahren.

Da Amerika das Abitur nicht kennt oder einen anderen Abschluss, der automatisch die College-Türen öffnet, setzen viele Hochschuleinrichtungen ihre eigenen Aufnahmebedingungen. Zunächst zählt der Notendurchschnitt des High-School-Abschlusses, der für diese Zwecke numerisch ausgedrückt wird und nicht im sonst üblichen Buchstabensystem. Die Skala geht von O bis 4.0 -- je grösser die Zahl, je besser der Durchschnitt.

Auch einen so genannten SAT-Wert wollen die meisten sehen. Hinter SAT (Scholastic Aptitude Test) verbirgt sich ein standardisierter Test, der verbale und mathematische Fähigkeiten prüft. Der Test geht über drei Stunden und die meisten Highschool-Schüler absolvieren ihn. Bitte verwechselt den SAT aber nicht mit einer Prüfung im Sinne des Abiturs. 200 bis 800 Punkte pro Teil (verbal und mathematisch) kann der Schüler im SAT erreichen. Der Schüler darf an dem Test übrigens teilnehmen so oft er will, um eventuell seinen SAT-Wert aufzubessern. Natürlich bietet der freie Markt auch diverse Vorbereitungskurse an, damit man bessere Ergebnisse im SAT erzielt.

Für seine College-Bewerbung muss der zukünftige Student in der Regel auch ein Essay (Aufsatz) verfassen, Empfehlungsschreiben einreichen, eine Gebühr abdrücken. Außerdem kommt soziales Engagement immer gut an. Hier zwei Beispiele für Essaythemen, die ich auf einer Webseite fand: "Why is XYZ a good college choice for you?" (Warum ist XYZ eine gute College-Wahl für dich?) "How would you describe yourself as a human being?" (Wie würdest du dich als Mensch beschreiben?). Auf dem Internet kursiert auch ein ausgefallenes weil humorvolles Beispiel eines Essays für die Uni-Bewerbung. Aber einen Platz in einem College oder einer Universität mit gutem Ruf zu ergattern ist nicht einfach.

Im nächsten Rundbrief folgt der letzte Teil über das amerikanische Bildungssystem. Ich werde euch dann einige Kuriösitäten verraten, wie z.B. eine interessante Form der Quotenregelung ("Affirmative Action").

Aus dem Land unter der Knute Schwarzeneggers grüßen:

Angelika und Michael

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