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  Rundbrief Nummer 58  
San Francisco, den 17.12.2005
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Abbildung [1]: Angelika und Michael vor dem "Garden of the Gods"

Angelika Viele beklagen, dass es sich bei Weihnachten nur noch um den Kommerz dreht. Nichts da mit Besinnung, Stille und Einkehr. Damit ihr über die Feiertage etwas zum Lesen habt, das zum Nachdenken anregt, kommt hier unser Weihnachtsrundbrief mit einem brisanten Thema, der zum christlichen Fest eine amerikanische Erscheinung beschreibt, die stark von den konservativen Christen des Landes geprägt ist. Neugierig? Na dann mal los:

Der arme Herr Darwin würde sich im Grab umdrehen, denn in den USA ist erneut eine erbitterte Debatte um das Thema Evolution entbrannt, die zur Zeit auf dem Rücken von amerikanischen Schülern ausgetragen wird. Kein Wunder, denn laut einer Gallup-Umfrage im November 2004 glauben 45 % der amerikanischen Bevölkerung daran, dass Gott den Menschen in seiner heutigen Gestalt vor etwa 10000 Jahren erschuf. Kreationismus ("creationism") wird dieses wortgetreue Auslegen der Schöpfungsgeschichte auch genannt. Damit sind fast die Hälfte der Amerikaner päpstlicher als der in diesem Jahr verstorbene Papst Johannes Paul II. Derselbe erklärte nämlich, dass die Evolutionstheorie nicht nur mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren ist, sondern auch mehr als nur eine Hypothese darstellt. Darwins Evolutionstheorie stellt fest, wie ihr sicher noch alle aus dem Biologieunterricht wisst, dass sich Lebewesen (also auch der Mensch) von niedrigen zu höheren Formen durch den Prozess der Mutation und Selektion über Millionen von Jahren entwickelten.

Nun haben in Amerika schon immer einige religiöse Übereifrige versucht, die Evolutionstheorie im Fach Biologie in den Hintergrund zu drängen. Aber 1987 sprachen die Richter des Obersten Gerichtshofs ("Supreme Court") ein für alle mal ein Machtwort. Sie befanden, dass Kreationismus eine Form von Religion darstellt. Religion darf aber an öffentlichen Schulen ("public schools") in den USA nicht unterrichtet werden, da die Verfassung eine strikte Trennung von Staat und Kirche vorschreibt. Also hat Kreationismus im Biounterricht nichts zu suchen.

Diese höchste richterliche Entscheidung hindert diverse Schulausschüsse ("school boards") allerdings nicht daran, ihre ablehnende Haltung gegenüber der Evolutionstheorie durch die Hintertür an die Schüler zu vermitteln. "School Boards" haben in den USA auf lokaler Ebene durchaus Einfluss auf den Lehrplan, auch wenn generell an öffentlichen Schulen gilt, dass bundesstaatlichen Vorgaben zu folgen ist (siehe auch Rundbrief 08/2003). In Cobb County im Bundesstaat Georgia beschloss der Schulausschuss zum Beispiel, Aufkleber im Sinne von Warnhinweisen auf Biologieschulbücher mit dem folgenden Text zu platzieren:

"This textbook contains material on evolution. Evolution is a theory, not a fact, regarding the origin of living things. This material should be approached with an open mind, studied carefully and critically considered." (Dieses Schulbuch beinhaltet Materialen zur Evolution. Evolution ist eine Theorie und keine Tatsache bezüglich des Ursprungs von Lebewesen. Die Materialien sollten sowohl mit einer offenen Einstellung als auch kritisch betrachtet und gründlich studiert werden.)

Der Aufkleber musste mittlerweile allerdings wieder runter, denn Richter Clarence Cooper entschied im Januar diesen Jahres, dass der Text die Sichtweise der Kreationisten gutheißt und stark religiös gefärbt ist.

20 Bundesstaaten erwägen mittlerweile Veränderungen, wie die Evolutionstheorie zu lehren ist. Haarig wird es besonders dann, wenn die lehrplanmäßigen Richtlinien auf bundesstaatlicher Ebene sich gegen Darwin aussprechen. Da kommt noch viel auf die einzelnen Gerichte zu.

Zur Zeit schaut alles nach Dover, Pennsylvania. Dort hatte der Schulausschuss Ende 2004 beschlossen, dass den Schülern vor der Evolutionseinheit ein Passus vorzulesen wäre. Dieser besagt, dass bundesstaatliche Vorgaben erfordern, Darwins Theorie der Evolution zu lehren, dieselbe aber eben eine Theorie und keine Tatsache darstellt und dass "Intelligent Design" eine Alternative zu Darwins Sichtweisen ist. Die Erklärung wies freundlich darauf hin, dass deshalb das Buch "Of Pandas and People", ein Standardwerk der Intelligent-Design-Bewegung, zur Einsicht zur Verfügung stehe. Hinter "Intelligent Design" (ID) verbirgt sich sozusagen ein gemäßigter Kreationismus. ID-Befürworter behaupten, dass das Leben zu komplex sei und nicht allein durch die Evolution erklärbar ist. Nur die Existenz eines intelligenten Designers könnte der Komplexität gerecht werden. Wer dieser ominöse Designer ist, bleibt offen. Der Begriff "Gott" taucht mit Absicht nicht auf. "Intelligent Design" legt die Schöpfungsgeschichte aber nicht wörtlich aus, sondern stimmt zu, dass die Erde Milliarden Jahre alt ist und Leben schrittweise entstand. "Intelligent Design" gibt sich recht wissenschaftlich und hat sogar ein eigenes Institut, das "Discovery Institute" in Seattle.

Auf Experimente, die die Hypothese überprüfen, wartet die Fachwelt aber vergeblich, so bleibt "Intelligent Design", was es ist, nämlich eine dreiste Behauptung. Darwins Theorie hingegen bietet objektive Beweise. Die meisten Naturwissenschaftler weigern sich auch, das Konzept "Intelligent Design" überhaupt zu diskutieren, um unwissenschaftliche Behauptungen gar nicht erst salonfähig zu machen. Für sie ist die Evolutionstheorie wissenschaftlich unumstritten. Auch sorgt man sich, dass die USA ihre Vormachtstellung in den Naturwissenschaften verlieren wird, wenn sich der Nachwuchs mit dubiösen Ideen wie "Intelligent Design" in den Schulen herumschlagen muss und viele Biolehrer, aus Angst vor konservativen, religiösen Eltern, die Evolution im Unterricht gleich ganz meiden.

Es gibt allerdings einige Wissenschaftler, die "Intelligent Design" favorisieren. Michael Behe ein Professor in der Fachrichtung Biochemie an der Lehigh Universität (Bundesstaat Pensylvania), dessen Buch "Darwin's Black Box" ihn bekannt machte, ist einer der wenigen. Behe ist auch mit dem Institut in Seattle verbandelt. Er führt häufig die Komplexität des Prozesses der Blutgerinnung als Beweis für einen intelligenten Designer an.

Behe sagte übrigens im Dover-Schulprozess aus, denn Eltern klagten gegen die Einführung von "Intelligent Design" in den Biologieunterricht ihrer Kinder. Im Januar 2006 wird der zuständige Richter entscheiden, ob das Vorlesen der oben erwähnten Erklärung gegen die Trennnug von Staat und Kirche in öffentlichen Schulen verstößt. Die Biologielehrer der Dover High School zeigten aber schon voher Rückgrat, in dem sie sich weigerten, die Erklärung vorzulesen. Der "Superindendent" (so etwas wie ein Oberschulrat) las sie dann vor. Auch im "Dover School Board" sitzen mittlerweile keine pro Intelligent-Design-Mitglieder mehr. Die Bürger von Dover entschieden an der Wahlurne und wählten sie im November 2005 allesamt ab. Manchmal funktioniert der demokratische Prozess in diesem Land hervorragend.

Der ultrakonservative Fernsehevangelist Pat Robertson warnte nach diesem Wahlausgang die Einwohner von Dover, dass sie sich beim nächsten Desaster nicht an Gott zu wenden bräuchten, denn sie hätten diesen gerade aus ihrer Stadt verbannt. Ah! Only in America!

Präsident Bush hält es -- wenn wundert es -- natürlich für richtig, beides, also Evolution und "Intelligent Design" im Biologieunterricht zu behandeln. Allgemein verstehe ich nicht, was die Kreationismus- bzw. Intelligent-Design-Debatte im Biologieunterricht zu suchen hat. Wenn überhaupt, so gehört sie doch wohl ins Fach Philosophie. Aber mich fragt ja keiner.

Na dann, frohe Weihnachten von euren zwei Rundbriefreportern, denen es gar nichts ausmacht, vom Affen abzustammen:

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 10-Jun-2022