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  Rundbrief Nummer 30  
San Francisco, den 01.05.2001


Wirtschaftskrise

Sicher habt ihr schon in diversen Zeitungen gelesen, dass sich der amerikanische Wirtschaftsboom deutlich verlangsamt hat. Nun ist es ja eine Sache, davon in der Zeitung zu lesen oder vor den Toren des Silicon Valleys zu sitzen und live dabei zu sein. Michael und mich hat doch sehr überrascht, wie schnell sich das Ganze verändert hat. Noch Ende 2000 suchten die High-Tech-Firmen Leute wie blöd und drei Monate später hagelte es Entlassungen und gerade gegründete und hochgepriesene Dot-Com-Firmen schlossen ihre Tore. Nun war ja abzusehen, dass das nicht immer so weitergehen konnte, denn schließlich weiß jeder, dass auf fette Jahre magere folgen. Hinzu kam, dass viele der jungen Dot-Com-Firmen ("Dot" bedeutet Punkt und "Com" Commercial, beides bezieht sich auf Bestandteile in der E-Mail-Adresse) zwar Investorengeld in Millionenhöhe bekamen, aber absolut keinen Profit machten. Und auch Millionen gehen irgendwann zur Neige.

Nicht ganz nachzuvollziehen ist allerdings, dass auch etablierte Firmen wie Intel, Cisco etc., die eigentlich im Geld schwimmen, hunderte -- und im Fall von Intel sogar tausende -- von Angestellten entlassen haben. Sicher zeigt sich in dieser Tendenz die Schnelllebigkeit des kalifornischen Silicon Valleys, aber auch die amerikanische Mentalität "Hire and Fire" (Einstellen und Entlassen) in der gewerkschaftsfreien High-Tech-Welt. In Deutschland würden die Gewerkschaften bei dieser Art von Massenentlassungen Amok laufen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die etablierten Firmen das Zusammenbrechen der Börsen und das Ende des Booms dazu genutzt haben, Mitarbeiter loszuwerden, denn viele der Spezialisten und Software-Ingenieure waren völlig überbezahlt.

Abbildung [1]: Gibt's wegen der Wirtschaftskrise günstig zu kaufen: Gebrauchte italienische Luxusautos

In San Francisco folgt aus der Entlassungswelle, dass es plötzlich wieder Wohnungen zu mieten gibt. Noch im Dezember gab es absolut nichts auf dem Markt. Ging man in unserem Viertel spazieren, sah man nur manchmal Schilder für völlig überteuerte Hausverkäufe. Nun stoßen wir plötzlich wieder auf Schilder "Apartment for Rent" ("Wohnung zu vermieten"). Viele müssen wegziehen, weil sie ihre Arbeit verloren haben. Die Aktien, die Teil ihres Gehalts waren, sind nichts mehr wert -- und damit ist das sündhaft teure Leben in San Francisco und Umgebung nicht mehr zu bezahlen. Leider hat die leichte Entspannung des Wohnungsmarktes aber noch nicht dazu geführt, dass die Mietpreise sinken. Die Vermieter glauben wohl noch nicht so recht daran, dass das goldene Zeitalter vorbei ist.

Abbildung [2]: Es gibt wieder Wohnungen zu mieten in Noe Valley

Sie jammern schon, dass sie durch Vermietungen nichts mehr verdienen. Ich habe allerdings kein Mitleid, da die Hochpreispolitik viele Künstler und ärmere Familien aus dieser Stadt vertrieben hat. Vielleicht hat ja das Ende des Mythos "das Internet kann alles und wird uns alle zu Millionären machen" ein gutes für San Francisco. Die Stadt kann aufatmen und zu ihrer alten Freundlichkeit zurückkehren, in der wieder viel Platz ist für Außenseiter, Familien, ältere Menschen, Künstler und nicht nur für jung-dynamische Dot-Commer mit Handy (oh je, das wird mir jetzt wieder herbe Kritik einhandeln). Wir hoffen nur, dass wir dann auch noch hier sind, um dies genießen zu können, denn für uns kann der veränderte Arbeitsmarkt viel weitreichendere Konsequenzen haben. Schließlich sind wir nur hier, weil es nicht genügend amerikanische Software-Ingenieure gab, um den Boom zu bewältigen. Und wir fragen uns schon, ob nicht bald die ersten schreien, dass die Ausländer Arbeitsplätze blockieren, die Amerikaner besetzen könnten.

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