(Michael) Am 13. (sic!) Dezember fuhr ich wie gewohnt mit dem Zug und dem Fahrrad zur Arbeit. Als der Zug am Bahnhof Mountain View hielt, schwang ich mich auf's Rad, trat in die Pedale und überquerte wie immer mit Karacho die Fußgängerbrücke, die auf meinem Weg zu Yahoo! in den Steven's Creek Park führt. Leider dachte ich nicht daran, dass der Boden der Brücke aus feuchten Holzplanken besteht, als ich mich an der Abfahrtsrampe wie ein Formel-1-Motorradfahrer in die Kurve legte und zack! lag ich am Boden.
Weil ich Riemen an den Pedalen habe, hatte sich mein Fuß zwischen Fahrrad und Boden verklemmt. Es tat zwar höllisch weh, aber ich stand gleich wieder auf und radelte weiter zur Arbeit. Während des Tages schwoll der Knöchel allerdings an, und am späten Nachmittag wurde es mir dann zuviel, ich ließ das Fahrrad in der Arbeit und fuhr mit dem Yahoo!-Shuttle-Bus zur Bahnstation und mit dem Zug nach San Francisco. Dort holte Angelika den humpelnden Invaliden mit dem Auto ab.
Wenn ihr nicht gerade Abendbrot esst, schaut euch mal den dicken Fuß in Abbildung 1 an! Ich konnte wirklich nicht mehr laufen, jeder Schritt schmerzte, als bohrte jemand mit einem Messer in meinem Knöchel herum.
Wo ich arbeite, zuhause oder im Büro, spielt keine große Rolle, und so habe ich am nächsten Morgen einfach im Büro angerufen, und eine Woche Heimarbeit angemeldet. Wir haben ja daheim einen supereleganten Fernsehsessel, aus dem eine Fußstütze herausschnellt, wenn man sich zurücklehnt, und zusammen mit dem Laptop und einem drahtlosen Netzwerk war es wirklich ein Genuss, so zu arbeiten. Als der Fuß aber nach ein paar Tagen nicht besser wurde, wurde ich doch unruhig. Vielleicht sollte man doch mal eine Röntgenaufnahme machen lassen?
Das Problem ist freilich, dass die Krankenhäuser in den USA eine Katastrophe sind. Die Ärzte dort finden glaube ich einen Bruch nicht mal dann, wenn er mit einem dicken roten Filzstift auf dem Röntgenbild markiert ist. Zwar kann man sich von Super-Spezialisten problemlos einen Vierfach-Bypass legen oder vielleicht das Gehirn rausnehmen und wieder einsetzen lassen, aber die alltägliche Versorgung ist wie in der dritten Welt.
Meine Abneigung, in Amerika zum Arzt zu gehen, ist schon legendär: Letztes Jahr, Angelika war gerade auf Reisen, zog ich mir durch eine unachtsame Handbewegung bei der Installation eines Computerkabels unter meinem Schreibtisch eine zirka 1cm lange Holzfaser in den Finger, direkt unterhalb des Nagels. Die Faser war mit einer Pinzette nicht zu fassen, zu tief war sie unter die Haut gerutscht. Es war Samstag, und ich hätte in die Notfallaufnahme des Krankenhauses fahren müssen, das zwar direkt um die Ecke liegt, allerdings in einer recht, ähm, lebhaften Gegend. Ich war schon einmal dort gewesen, und während meines etwa einstündigen Aufenthalts dort wurde ein Angeschossener blutüberströmt mit einem Rollstuhl reingefahren. Ich bin zwar kein Weichei, aber in die Notfallaufnahme gehe ich so schnell nicht mehr.
Schließlich trank ich ein großes Glas Whiskey, glühte eine Nähnadel ab, sprühte Desinfektionsmittel auf und schlitzte die Haut unterhalb des Fingernagels auf. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis ich nach etlichen Versuchen endlich die Holzfaser mit einer Pinzette zu fassen bekam. Mein Siegesgebrüll konnte man bis ins Krankenhaus hören.
Außerdem muss man sich nach einem Arzt- oder Krankenhausbesuch oft monatelang mit der Krankenkasse herumschlagen. Weil die Krankenhäuser auch Leute ohne Versicherung oder Vermögen zumindest notdürftig behandeln müssen, und oft auf den Kosten sitzen bleiben, zocken sie die Leute mit Versicherung oft gnadenlos ab. Die Versicherungen weigern sich dann, die überhöhten Forderungen zu begleichen, und der Patient darf sich dann mit den rüpelhaften und gnadenlosen Geldeintreibern der Krankenhäuser herumstreiten.
Außerdem müssen wir bei unserer Krankenkasse (wie Angelika schon in Rundbrief 11/2004 ausgeführt hat) mit einer jährlichen Selbstbeteiligung von $250 geradestehen. Mit meinem neuen Job seit Ende September hatte ich die neue Krankenkasse noch nicht lange und stand vor der Frage: Soll ich $250 zahlen, um den Knöchel röntgen zu lassen? Ich ging schließlich doch zum Arzt. Der schickte mich ins Krankenhaus zum Röntgen, wo man nichts fand. Na, aber wenigstens war ich beruhigt, das war das Geld schon wert.
Beim Arzt zahlen wir nur $15 Praxisgebühr und unsere Krankenkasse übernimmt alles Weitere. Nicht so bei Krankenhausdiensten wie Röntgenaufnahmen: Bei denen zahlt die Krankenkasse nur 90% und, wie gesagt, bin ich als Patient mit $250 Selbstbeteiligung im Jahr dabei.
Abbildung 2 zeigt die Rechnung, die danach ins Haus flatterte. Das Krankenhaus hat tatsächlich $526 für die Aufnahmen verlangt. Wahrscheinlich war die Röntgenkamera aus Gold. In Spalte B seht ihr, dass die Versicherung aber vorher mit dem Krankenhaus für Röntgenaufnahmen des Knöchels ein Maximum von $341.90 ausgekartelt hat, und das ist die Summe, die das Krankenhaus kriegt. Wäre ich nicht versichert, hätte mir das Krankenhaus eiskalt $526 abgeknöpft. In Spalte E seht ihr die Selbstbeteilung von $250, die euer Erzähler leider selbst berappen musste. Von den $341.90 bleiben also $91.90, von denen die Krankenkasse 90% erstattet, und beim lieben Michael bleiben nochmal $9.19. Also haben wir einen Scheck über $259.19 ans Krankenhaus geschickt und die Sache war erledigt. Aetna ist eine der besseren Versicherungen und es gab keine Komplikationen. Na, das war eine teure Formel-1-Kurvenlage!