Angelika Manchmal denke ich mir, dass die Welt komplett verrückt geworden ist. Nachdem wir ein bisschen durchschnaufen konnten bezüglich Corona, versetzt der Angriffskrieg in der Ukraine die Welt erneut in Angst und Schrecken. Oft herrscht ja das Vorurteil, dass Amerikaner außenpolitische Geschehnisse, die weit weg sind, kaum tangieren, aber auch hier ist der Krieg in der Ukraine ständiges Gesprächsthema. Natürlich liegt das auch daran, dass die USA unmittelbar involviert sind und sowohl ukrainische Flüchtlinge, wenn auch in geringer Anzahl, aufnehmen als auch Geld und Waffen liefern.
Außenminister Blinken und Verteidigungsminister Austin sind schon in die Ukraine gereist, um Präsident Selenskyj zu treffen. Letzte Woche machte sich Nancy Pelosi, die immerhin als Sprecherin des Repräsentantenhauses die dritthöchste Position im Land (nach Präsident und Vizepräsidentin) innehat, auf den Weg in die Ukraine. In unserer Nachbarschaft sehen wir viele ukrainische Flaggen im Wind flattern und Friedenstauben in den Fenstern, wobei das wohl auch die Hilflosigkeit widerspiegelt, denn diese Symbole haben doch wenig Einfluss auf das Kriegsgeschehen.
In der Schule versuchen wir stets, mit unseren Schülern die aktuellen Nachrichten zu thematisieren. Dabei nutzen wir oft Videos von der Webseite Flocabulary, die den Schülern im Hip-Hop-Stil aktuelle politische Geschehnisse altersgerecht nahebringt. Jede Woche gibt es den sogenannten "Week-in-Rap"-Rückblick. Die Kinder in meiner Klasse finden diese Videos sehr ansprechend. Ich erinnere mich daran, dass es mich zu meinen Schulzeiten immer furchtbar nervte, wenn aktuelle Geschehnisse unter den Tisch gekehrt wurden, und wir uns stattdessen mit den alten Römern und Griechen beschäftigten. Eine meiner Schülerinnen war dann auch gleich besorgt um meine Familie, da sie nach dem Anschauen der Videos richtig feststellte, dass die Ukraine gar nicht so weit weg von Deutschland ist.
Dann gibt es natürlich auch hier diverse Experten, die die Lage in der Ukraine zu verstehen versuchen. Ich schätze ja besonders Masha Gessen, die für den New Yorker schreibt, in Moskau aufgewachsen und als Teenager mit ihrer Familie in die USA ausgewandert ist. Gessen hat mehrere Bücher unter anderem über Putin geschrieben. Auch die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die für die Zeitschrift "Atlantic" schreibt, kann ich nur empfehlen. Eines ihrer bekanntesten Bücher ist "Roter Hunger: Stalins Krieg gegen die Ukraine".
Aber in den letzten Wochen ging mir immer wieder eine Unterhaltung durch den Kopf, die ich vor über 20 Jahren mit einem Fotografielehrer in der Dunkelkammer der Uni Berkeley Extension führte. Putin war gerade zum Präsidenten gewählt worden, und ich fragte ihn, was er davon hielte, denn ich wusste, dass er ursprünglich aus St. Petersburg stammte. Sein Gesicht verdunkelte sich und er sagte nur, dass er nicht verstehen könne, wie dieser Verbrecher in das Amt gehievt wurde. Er erzählte mir, dass er und seine Familie damals vom KGB verfolgt und bedroht worden waren, weil er als Fotograf Menschen auf den Straßen von St. Petersburg aufgenommen hatte. Viele seiner Negative wurden vernichtet. Die Fotos waren dabei nicht mal sehr politisch, sondern eher Momentaufnahmen aus einer Stadt. Wie gern würde ich mich jetzt noch einmal mit ihm über die jetzige Situation unterhalten.