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  Rundbrief Nummer 44  
San Francisco, den 26.05.2003


Abbildung [1]: Das "SoMa" auf dem Stadtplan von San Francisco

Jedes Jahr kommen Millionen von Touristen nach San Francisco, die lustigerweise immer die gleichen Sehenswürdigkeiten abklappern: Sie gehen zur Fisherman's Wharf, essen so ein ausgehöhltes Brot mit Clam-Chowder drin und lassen sich von dem Obdachlosen erschrecken, der seit Jahren immer, wenn jemand vorbeikommt, hinter einem Busch hervorspringt.

Dann schauen sie sich die Robben vor der Wharf an und fahren rüber nach Alcatraz, falls es noch Fahrkarten gibt. Mit dem Cable Car geht's dann zurück zum Union Square, wo die ganzen Kaufhäuser stehen. Sie kaufen sich in dem Laden am Powell, in dem die Verkäufer mittlerweile schon Deutsch sprechen, eine Levi's Jeans und spazieren in den Virgin-Mega Store, um eine CD zu erwerben, die's in Deutschland sogar noch billiger gäbe. Und schließlich drängen sie ins Hard-Rock-Cafe, um ihrer T-Shirt-Sammlung daheim eines mit der Aufschrift "Hard Rock Cafe San Francisco" hinzuzufügen. Das ist alles recht und gut, aber lange noch nicht alles, was San Francisco zu bieten hat.

Abbildung [2]: Gerüst im SoMa/Hafenviertel

Abbildung [3]: Lagerhalle SoMa/Hafenviertel

Als Tourist hat man freilich nicht die Zeit, den Überblick oder die Coolness, um die etwas verschrobeneren Viertel zu durchstöbern -- und deshalb bringt der Rundbrief ab heute die neue Reihe "San Francisco Ansichten", in der die rasenden Reporter furchtlos die weniger bekannten Stadtviertel durchkämmen und ein paar ungewöhnliche Ansichten dieser faszinierenden Stadt präsentieren.

Heute: "South of Market", das Viertel südlich der Market-Street -- oder SoMa, wie man neuerdings sagt. Allerdings, und das nur zur Wiederholung: Kommt nicht auf die Idee San Francico "Frisco" zu nennen -- das ist so verboten, dass ich, wenn mir jemand erzählt, er sei nach "Frisco" reingefahren, scheinheilig um eine Erklärung bitte, was er denn bitte damit meine?

Abbildung [4]: SoMa: Mülltonne auf der Howard-Street

Abbildung [5]: SoMa: Autowerkstatt

Das SoMa ist ein Lagerhallenviertel mit ein wenig mittelständischer Industrie und grenzt an ein Hafenviertel und das etwas wohnlichere "Portrero Hill" an. Zu Fuß im SoMa herumzustreunen ist etwas ermüdend, da die Querstraßenabstände viel größer als in der Innenstadt sind, aber es macht tierischen Spaß, mit dem Fahrrad in dem topfebenen Viertel herumzubrausen, besonders am Abend eines sonnigen Tages, denn dann fällt das Licht unglaublich schön.

Abbildung [6]: SoMa: Obdachloser pennt im Eingang

Abbildung [7]: SoMa: Reklame und Straßenreinigungsschilder

Mir ist nicht ganz klar, was mich so an diesen heruntergekommenen Niedrigstlohnklitschen fasziniert. Diese schnörkellosen Industriegebäude scheinen mich an irgendetwas zu erinnern -- wahrscheinlich daran, dass ich zu Schulzeiten öfter in solchen Firmen als Handlanger gearbeitet habe. Oder an die Geschichten Bukowskis, der sich als Hafen- und Schlachthofarbeiter durchschlug.

Während des Dot-Com-Booms der späten Neunziger war es übrigens mega-In, im SoMa zu wohnen. Yuppies mieteten sich in zu Wohnungen umfunktionierten Fabrikhallen ein, so genannten "Lofts". Zu den Yuppies gesellten sich feine Läden und exzellente, aber auch teure Restaurants. Da sich im SoMa gerne auch zweifelhaftes Publikum herumtreibt, schlossen die Einkaufsläden jedoch meist bei Einbruch der Dunkelheit und ließen dicke Eisengitter runterrasseln.

Abbildung [8]: Bierwerbung hinter Betonwand

Abbildung [9]: SoMa: Glasscherben von einem ausgeschlagenen Autofenster

Die Restaurants und Bars kämpften mit dem Problem, dass die dicken Limousinen, mit denen die Yuppies vorfuhren, teilweise ramponiert oder böswillig zerkratzt wurden. Einmal wurde berichtet, dass sich zwei Kleinganoven als Valet-Parker (Rundbrief 06/1999) verkleideten und reihenweise teure Automobile nichtsahnender Diskothekenbesucher entführten!

Mit dem Zusammenbruch der Dot-Com-Wirtschaft verschwand das Yuppiepack und auch viele der Restaurants und Läden mussten dichtmachen. Aber einige wenige hielten durch, hier zwei Geheimtipps: Das "Southpark Cafe" und das "Bizou", beides französische Restaurants im SoMa, etwas teuer, aber wirklich gut.

Abbildung [10]: SoMa: Geschlossene Autowerkstatt

Abbildung [11]: SoMa: Im Winter bei Regen

Die Architektur im SoMa ist abgrundtief hässlich -- ein vergleichbares Viertel in Deutschland übte keinerlei Anziehungskraft auf mich aus. In San Francisco ist aber auch das schmuckloseste Industriedesign charmant, wenn die Sonne reinscheint. Und nur das Unaufgeräumte, das Zusammengeschusterte und das latent Krimininelle machen das SoMa attraktiv -- für den, der's mag.

Das SoMa ist mein zweitliebstes Viertel, nur übertroffen von der "Mission", dem mexikanischen Viertel bei uns um die Ecke. Aber das sparen wir uns auf bis zu einer neuen Folge von "San Francisco Ansichten". Bis dann gebe ich euch als Hausaufgabe auf, die vielen markanten Straßennamen und deren Herkunft zu büffeln, unter San Francisco Street Names stehen sie schön zusammengefasst. Bis zum nächsten Mal!

Abbildung [12]: Baustelle SoMa nahe Pacbell-Stadium

Abbildung [13]: Panorama im SoMa
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Letzte Änderung: 22-Feb-2019