(Michael) Ich hatte euch ja schon von meinem Arbeitskollegen Dieter erzählt, der in Santa Cruz wohnt und auch bei Netscape arbeitet -- ihr wisst schon, der mit der Bayernfahne am Cubicle. Nun stellte sich heraus, dass der Dieter auch noch den Christian kennt, der aus Bayern mit Siemens nach USA kam und mittlerweile bei Netscape arbeitet. Unter zweitausend Angestellten bei Netscape gibt es also sage und schreibe drei Deutsche. Wir trafen uns alle mal zum Mittagessen in einem mexikanischen Burrito-Laden und es stellte sich heraus, dass der Christian auch an der TU München studiert hat und während seiner Studienzeit (er hat fast zur gleichen Zeit wie ich studiert) des öfteren in der Cafeteria Karten gespielt hat -- was euer lieber Erzähler, ahem, auch mit Vorliebe tat. So planten wir, noch einen vierten Bayern, den Ernst vom Siemens, aufzutun und zum Schafkopfspielen im Silicon Valley zu bewegen. Eine Kneipe wurde auch sofort ausgewählt: "Hardy's Bavaria" in Sunnyvale, wo ein Bayer der Wirt ist und, so ließen Insiderkreise verlauten, man Karten spielen darf -- möglicherweise die einzige Kneipe in ganz Amerika, in der das geht.
Drei Wochen lang gingen dann die Emails hin und her, immer konnte einer nicht. Dann schließlich, an einem Montag, hatten plötzlich alle Zeit. Nur: "Hardy's Bavaria" hat am Montag zu! Also spielten wir beim Christian zu Hause in Cupertino, für die Fachleute unter euch: Sauspiel 10 Cents, Solo 25, Läufer beim Solo ab drei, beim Wenz ab zwei, jeder darf legen, ohne Farbwenz, mit Stock wenn keiner spielt, Schuss übernimmt. Ein gelungener Abend ... und Christian hat jetzt beim Netscape die Mailing-Liste schafkopf@netscape.com eingerichtet, dort wird ausgemacht, wann die nächste Spielrunde stattfindet, also, falls ihr mal in der Nähe und des Schafkopfspielens mächtig seid, tragt euch ein. Ich kann nur sagen, dass ich so gut wie eh und je spiele, und ich konnte gegen die versierten Kartler, die sogar Augen und (!) Trümpfe mitzählten, gut mithalten, obwohl ich nach wie vor nur "nach Gefühl" spiele. Es geht eben nichts über eine sechsjährige Intensiv-Ausbildung! Ein amerikanischer Kollege bei Netscape fragte mich neulich, wie lange es denn dauere, bis man ein einigermaßen guter Schafkopfspieler werde, und ich erwiderte nach einigem Überlegen, dass dazu schon sieben, acht Jahre kontinuierliches Training erforderlich wären. Entrüstet wandte er sich ab! Keine Geduld, diese Leute. Aber ehrlich, es ist wirklich wahr. Die Regeln lernt man natürlich schneller, aber, um tatsächlich zu gewinnen, braucht's mehr. Viel mehr. Oh, ja. Ha! Ich kann euch sagen ...