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  Rundbrief Nummer 141  
San Francisco, den 22.12.2021


Abbildung [1]: Ein Hippie-Millionär wollte 2020 der Polizei das Geld streichen. Mittlerweile ist das Schild verschwunden.

Michael Als Rundbriefleser wisst ihr, dass San Francisco in letzter Zeit Probleme damit hat, die explosionsartig hochgeschnellte Kriminalitätsrate in den Griff zu bekommen. Niemand, der einigermaßen bei Verstand ist, bezweifelt, dass der astronomische Zuwachs an Auto- und Hauseinbrüchen in San Francisco der Tatsache geschuldet ist, dass Täter wissen, dass sie straffrei ausgehen. Staatsanwalt Boudin, der sich, einer ganz und gar kaputten politischen Ideologie folgend, selbst bei Fällen mit klarer Sachlage weigert, Anklage zu erheben, schiebt die Schuld auf die Polizei, die angeblich nicht genug Diebe verhaftet. Allerdings schiebt die Polizei die Schuld auf Boudin, der verhaftete Verbrecher sofort wieder laufen lässt. Zu allem Überfluss behauptet Boudin auch noch dreist in Pressekonferenzen, die Anzahl der Einbrüche sei rückläufig, was natürlich daran liegt, dass kein Bürger mehr seine Zeit damit verschwendet, auf der Polizeiwache herumzusitzen und einen Einbruch zu Protokoll zu geben. Als aber neulich der Nobelladen Louis Vuitton direkt in der Stadtmitte am hellichten Tag von einem organisierten Mob ausgeplündert wurde und Videos davon um die Welt flickerten, ging Boudin der Arsch auf Grundeis. Er versprach im Fernsehen, die Plünderer anzuklagen, was in neun Fällen dann tatsächlich erfolgte, aber seit vier Wochen ist Totenstille in der Presse darüber, was daraus geworden ist. Es steht zu vermuten, dass alle Verdächtigen bereits wieder auf freiem Fuß sind.

Abbildung [2]: Leute bemerken die Diebstähle, wollen aber keine Polizei.

Und niemand, der klar im Kopf ist, wundert sich, warum San Francisco im Jahr 2020 mehr Drogen- als Covid-Tote hatte. Es gab 697 Fälle in San Francisco, die an einer Überdosis starben. 257 Menschen starben an Covid. Woher die hohe Zahl an Drogentoten? Das liegt daran, dass in heruntergekommenen Vierteln wie dem Tenderloin Drogendealer dank unserem untätigen Staatsanwalt straffrei Fentanyl verkaufen, eine Crack-ähnliche Billigdroge mit verheerenden Folgen.

Abbildung [3]: Offener Drogenmissbrauch in San Franciscos Tenderloin-Viertel.

Trotz dieser verheerenden Bilanz folgen Boudins Anhänger ihrem Guru noch immer wie die Schafe, und verdoppeln weiter ihren Einsatz, obwohl das Spiel längst verloren ist. Ich reibe mir regelmäßig verwundert die Augen, wenn ich mir die geradezu sektenartige Starrsinnigkeit dieser Gefolgsleute anschaue, die in Online-Foren, sobald irgendjemand was gegen Boudin sagt, wie die Pilze hochschießen und das Parteiprogramm wie bei einer Gehirnwäsche herunterleiern.

Nun ist aber die überforderte Bürgermeisterin London Breed neulich komplett im Fernsehen ausgerastet, wohl weil in etwas mehr als einem Jahr Wahlen anstehen, um auf die verheerenden Zustände in der Stadt hinzuweisen, und kündigte an, diese nicht länger zu tolerieren. Sie benutzte sogar das eigentlich unerlaubte Wort "Bullshit", um die Vorgänge zu kategorisieren, die (delikaterweise unter ihrer Leitung) zum völligen Zusammenbruch von Recht und Ordnung in der Stadt geführt hätten! Sie erwähnte Boudin dabei zwar nicht namentlich, wies aber darauf hin, dass sich seine politische Gruppierung auf unangenehme Maßnahmen gefasst machen könne.

Abbildung [4]: Bürgermeisterin Breed geht ob der Zustände in der Stadt die Sicherung durch.

Zu allem Überfluss erklärte sie auch noch einen "State of Emergency" über das Tenderloinviertel, wohl um staatliche Geldspritzen zum Aufstocken der Polizeipräsenz zu bekommen, obwohl es keine sechs Monate her ist, dass sie der Polizei mit dem damals populären Slogan "Defund the Police" die Mittel gekürzt hat, um sie angeblich schwarzen Minderheiten zukommen zu lassen. Nun will sie mehr Geld vom Staat, um das Rad zurückzudrehen. Die rechte Presse lacht sich scheckig.

Angelika Ich wollte noch ein wenig ergänzen, was Michael über das Tenderloinviertel geschrieben hat, denn schließlich habe ich dort jahrelang im Tenderloin Childcare Center gearbeitet. Das Viertel war schon immer eines mit einer besonders hohen Kriminalitätsrate in San Francisco und berüchtigt für Drogendeals, Prostitution, Stripclubs. Da es sich genau zwischen dem Rathaus und dem Union Square, also dem Innenstadteinkaufsviertel befindet, haben wir Besuchern von jeher davon abgeraten, eine Abkürzung durch das Viertel zu nehmen. Schon als ich dort vor vielen Jahren arbeitete wurden Drogen auf offener Straße gedealt und psychisch Kranke schmissen schon einmal Flaschen hinter einem her. Auch Schießereien waren an der Tagesordnung.

Mit den Kindern konnten wir nur Spielplätze besuchen, die eingezäunt und mit Personal versehen waren, wie das Tenderloin Recreation Center auf der Ellis St., das von der Stadt verwaltet wird. Die anderen offenen Spielplätze waren mit Drogendealern oder Spritzen übersät. Wenn wir mit den Kindern durchs Viertel liefen, gab es aber noch so etwas wie einen Ehrenkodex und die Drogenabhängigen versteckten ihre Spritzen schnell, wenn wir mit den Kindern an ihnen vorbei liefen. Das Viertel hat aber traditionell auch sehr viele Immigranten, die gerade in den USA angekommen sind, und die sich oft mit der ganzen Familie eine kleine Einzimmerwohnung teilen. Auch hat es eine hohe Konzentration von Gebäuden, in denen Alleinstehende sich ein Einzelzimmer mieten können. Viele Senioren ohne Familenanschluß und geringer Rente leben deshalb im Tenderloinviertel. Wir hatten oft ältere freiwillige Helfer in der Einrichtung, in der ich damals arbeitete, denen es Freude machte, die Oma-und Oparolle für die Kinder zu übernehmen. Auch gibt es viele gemeinnützige und soziale Einrichtungen im Tenderloin wie "Glide Memorial", "St. Anthony's".

Die neuere Droge "Fentanyl" scheint dem Viertel aber jetzt den Rest zu geben wie damals in den 80er die Crack-Cocaine-Krise. Fentanyl ist eigentlich ein starkes Schmerzmittel, das oft in der Schmerzbekämpfung in der Krebstherapie eingesetzt wird, aber schnell stark abhängig macht. Wird es überdosiert, tritt der Tod innerhalb weniger Minuten ein, während das Zeitfenster bei Heroin zum Beispiel 1-2 Stunden beträgt bei einer Überdosierung. In San Francisco fuhr man lange die Strategie saubere Spritzen zu verteilen, sowie das Gegenmittel Naloxone, das bei einer Fentanyl-Überdosis hilft. Das hat die Krise allerdings nicht gemildert und die Zahl der Drogentoten im Tenderloin stieg weiter an im Jahr 2021. Mittlerweile reicht es den Leuten, die mit ihren Familien im Tenderloin wohnen. Sie zogen neulich vors Rathaus, um bei unserer Bürgermeisterin London Breed vorzusprechen und ihrem Ärger Luft zu machen. Selbst ehemals Drogenabhängige aus den Tenderloin sagen, dass sie nie von der Droge losgekommen wären, wenn man ihnen nicht irgendwann nur die Wahl gegeben hätte zwischen Entzug oder Gefängnis. Viele im Viertel wären schon zufrieden, wenn wenigstens die Drogendealer zur Rechenschaft gezogen würden.

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Letzte Änderung: 10-Jun-2022