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  Rundbrief Nummer 43  
San Francisco, den 10.03.2003


Abbildung [1]: Zwan: "Mary Star of the Sea"

Meiohmei, "Zwan" ist doch die Reinkarnation von Billy Corgan, dem Kopf der "Smashing Pumpkins". Ich war ja sehr traurig, als die sich aufgelöst haben und bin sogar noch zu einem ihrer letzen Konzerte in Berkeley gegangen (ein gewisser Herr Speck war dabei und kann's bezeugen!). Wirklich eine gute Truppe. Dieser Corgan ist ein Genie, vielleicht, ich scheue mich nicht, das zu sagen, vom Schlage John Lennons.

Die neue Platte muss man sich ungefähr 20 Mal anhören, dann fasziniert nicht nur der Chart-Hit "Honestly", sondern jeder andere Song darauf, wenn man ins Corgan-Universum eintaucht. Ein Meilenstein! Ich hoffe, der Mann hört nie auf, Musik zu schreiben. Die nächste ausgekoppelte Single wird übrigens "Baby, let's rock" sein, im Rundbrief lest ihr es, wie immer, zuerst.

Der mir peinlichste Lieblingssong dieses Monats ist übrigens "In da Club" von "50 Cents". Ich habe mir das Video mindestens schon 100 Mal auf MTV angesehen. Natürlich auf TiVo, der den täglichen "MTV Wakeup" aufnimmt, damit ich auch als alter Knacker noch mit der Jugend auf du und du bleibe. Angelika kriegt ja jedesmal den Rappel, wenn wieder Hiphop-Klänge durchs Wohnzimmer schallen: "When I pull up out front, You'll see the Benz on Dubz, When I roll 20 deep it's always drama in the club ..." ("Wenn ich vorfahre, siehst du den Benz mit Dubs-Felgen. Wenn ich 20 Mann hoch einlaufe, gibt's immer Aufsehen im Club") -- aber er ist echt gut, ohne Schmarr'n!

Abbildung [2]: Böser Onkel "50 Cents"

Als ich mir die Platte kaufte, stellte ich erstaunt fest, dass die entsprechende Zeile dort ganz anders heißt: "When I pull up out front, you see the Benz on Dubz, When I roll 20 deep, it's 20 nines in the club", was soviel heißt, dass der Mercedes-Fahrer und alle anderen Gangmitglieder illegalerweise 9-Millimeter-Knarren mit in die Disco schleppen! Für die Interessierten ist hier eine ausgezeichnete Übersetzung des nicht ganz jugendfreien Songs (für den man außerdem auch noch gut Amerikanisch können muss, um nichts in den falschen Hals zu kriegen): www.citay.de.

Auch das Wort "Nigga" wird ständig benutzt. Hierzu muss ich etwas weiter ausholen: Vor etwa 150 Jahren, als in den USA noch Sklaverei betrieben wurde, war es üblich, Schwarze verächtlich als "Nigger" zu bezeichnen. Heutzutage ist das ein Schimpfwort, das so schlimm ist, dass man es nicht mal im Spaß sagen kann oder wenn man jemand anderen zitiert. Als Weißer sagt man in so einer Situation: "He said the N-Word". Macht keinen Fehler: In den USA wird mit ordinären Ausdrücken nicht gespart, deren Kaliber in Deutschland blankes Entsetzen auslösen würde. Wie ich schon mal in Rundbrief 07/2001 erörtert habe, ist es bombenlustig, jemanden als "Nazi" zu bezeichnen, wenn er sich strikt an dumme Regeln hält.

Und typischerweise spicken Unterklassenleute jeden zweiten Satz mit einem schlimmen Wort, für das es gar keine rechte deutsche Übersetzung gibt. Aber jemanden als "Nigger" zu bezeichnen ist für jeden absolut tabu -- Rassisten werden auch in den USA nicht gern gesehen. Während Amerikaner eine ziemliche Wurschtigkeit an den Tag legen und geflissentlich wegsehen, wenn jemand rumschreit oder anderweitig durchdreht, kommt plötzlich Bewegung in sonst lethargische Leute, wenn eine rassistische Bemerkung fällt. Im "Caltrain" habe schon mal erlebt, dass ein ganzes Zugabteil voller Leute einen Betrunkenen ausbuhte, weil der "Go back to China" zu einer Asiatin gesagt hatte.

Andererseits hat es sich in den letzten 15 Jahren oder so eingebürgert, dass Schwarze sich gegenseitig als "Nigga" bezeichnen. Fein ist das nicht, dieses Wort würde niemandem in gehobener Position über die Lippen kommen. Aber im Straßen- oder Gangdialekt trifft man's überall an. Als Weißer kann man's aber nicht bringen.

Es ist gang und gäbe, dass Plattenfirmen von Songs mit anstößigen Inhalten oder Texten mit schlimmen Wörtern, abgeschwächte Versionen herausgeben, die dann "saubere" Sender wie MTV spielen können. Gibt's keine gesäuberte Version, werden die Songs, wie in Rundbrief 12/2000 schon mal erörtert, vor der Ausstrahlung mit Piep-Tönen (engl. Bleep) versehen oder bestimmte Textstellen ausgeblendet, während die Musikspur weiterläuft. Die Platte mit den Originalsongs trägt dann einen kleinen Aufkleber mit der Aufschrift "PARENTAL ADVISORY EXPLICIT CONTENT" ("Wir machen Eltern auf eindeutige Texte aufmerksam"), wie ihr in Abbildung 2 unten links seht.

Zwar gilt in Amerika das erste Verfassungs-Amendment mit der "Freien Rede", aber die Radio- und Fernsehanstalten zensieren wegen einer Behörde namens FCC (Federal Communications Commission) mit Regierungsunterstützung was das Zeug hält.

Vom Gangsta-Rapper über den Golfkrieg bis zum wahrscheinlich nächsten Bombardement im Irak: Herrn und Frau Amerikaner zeigt man im Fernsehen eine Disneyworld-Parodie der Wirklichkeit: Saubere grün-blaue Blitze am Nachhimmel, um die "Achse des Bösen" zu eliminieren, und saubergeschleckte Videos von eigentlich regierungsinkompatiblen Rappern zur Massenunterhaltung. Der Kreis schließt sich.

Grüße aus dem zusammengeleimten Land:

Angelika & Michael

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Letzte Änderung: 22-Feb-2019