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  Rundbrief Nummer 24  
San Francisco, den 05.09.00


Fitness

Wie ihr vielleicht wisst, gilt Kalifornien als absolute Fitnesshochburg. Hier gibt man sich gern gesundheitsbewusst, was nicht nur dazu geführt hat, dass das Rauchen fast überall verboten ist und die Supermarktregale voll sind von "nonfat" (ganz ohne Fett) oder lowfat (mit wenig Fett) Produkten, sondern auch Fitness-Center wie Pilze aus dem Boden schießen. Michael, der sich ja bekanntlich gern als "All Californian Boy" sieht, ist ja schon lange Mitglied in einem Fitness-Center (siehe Rundbrief 11/1999 und liegt mir seitdem in den Ohren, doch auch etwas für meine Gesundheit zu tun. Nach monatelangem Bearbeiten, wobei Michael keine psychologischen Tricks scheute, z.B. erhielt ich zu Weihnachten das Buch mit dem vielsagenden Titel "Fitness for Dummies" und einen Gutschein für eine persönliche Trainerstunde mit Turbotrainer Michael, gab ich schließlich nach und machte mich mit Michael auf zum 24h-Fitness-Center. Wer mich nun schon seit meiner frühesten Jugend kennt und weiß, wie sehr ich Sport (vor allen Dingen jegliche Form von Schulsport) hasse, wird dieses Ereignis gleich rot in seinem Kalender anstreichen. Damit die, die mich noch nicht so lange kennen, eine Vorstellung davon haben, wie sehr ich mit dem Konzept "Sport" auf Kriegsfuß stehe, erzähle ich euch noch schnell eine wahre Geschichte, die sich in einer Zeugniskonferenz der elften Klasse zutrug, an der ich als Klassensprecherin teilnehmen durfte. Als über meine Noten verhandelt wurde (ich wurde merkwürdigerweise nicht vor die Tür geschickt), stutzte man über meine einzige Vier im Zeugnis. Ihr habt richtig geraten, die hatte ich doch tatsächlich in Sport. Was meinen Lehrer, Herrn Pohl, der für seine wenig feinfühligen Kommentare bekannt war, schließlich betitelte er mich doch einmal als "Giftspritze" (aber ich schweife ab), zu der Bemerkung hinriss, dass er froh wäre, dass ich es scheinbar mehr im Kopf als in den Beinen hätte. Dieses und einige andere unschöne Erlebnisse ließen mich schon in recht zartem Alter schwören, weder an den Olympischen Spielen teilzunehmen noch je ein Fitness-Center zu betreten. Aber, man soll nie "nie" sagen, denn seit drei Wochen bin ich Mitglied in einem Fitness-Club und renne also auf Laufbändern, trampele wie wild auf Fahrrädern und steppe was das Zeug hält. Auch persönliche Trainerstunden habe ich, denn schließlich brauche ich als Sportmuffel Anleitung, wie man die Geräte denn richtig bedient, ohne sich zu ruinieren ("Sport ist Mord!"). Der Trainer sorgt also dafür, dass ich weiß, wieviele Muskeln ich habe und wie man diese kräftigt. Ihr braucht jetzt aber keine Angst zu haben und glauben, ich würde bald als Mrs. Schwarzenegger daher kommen. Da müsste ich schon 10 Jahre täglich trainieren und die Gefahr besteht nun wirklich nicht.

Abbildung [1]: Das 24-Hours-Fitness-Studio

Auch heute waren wir schon im Fitness-Center und als ich so auf meinem Laufband lief und in die Weite starrte, fiel mir doch plötzlich ein Buch ein, das ich einmal in der Schule lesen musste (ich scheine in letzter Zeit häufig in Erinnerungen zu schwelgen). Es hieß "Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea" und handelt davon, wie dieser besagte Häuptling Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa kommt und sich über so manche Errungenschaft wundert und auch lustig macht. Ich konnte nun nicht aufhören, daran zu denken, welche Bemerkungen er über ein Fitness-Center gemacht hätte:

Der Papalagi (so betitelt der Häuptling in seinen Reden den Europäer) liebt es, sich in geschlossenen Räumen, in die die Sonne nicht dringen kann, zu verausgaben. Er nutzt dabei allerlei Dinge, die Folterinstrumenten gleichen. Er zwängt sich in diese Maschinen und scheint dabei den Schmerz zu suchen, denn sein Gesicht ist versteinert und von Schweißtropfen übersät. Obwohl der Papalagi ansonsten sehr darauf bedacht ist, von einem Ort zum anderen zu gelangen und dabei nicht seine eigenen Beine und Füße zu benutzen, sondern allerlei Maschinen mit den merkwürdigen Namen Automobil, Flugzeug, Rolltreppe, Fahrstuhl, ist er in den Häusern, in die die Sonne nicht dringen kann, ganz verliebt in die Bänder, die sich bewegen, aber ihn nicht von einem Ort zum anderen bringen. Hierbei scheint es ihm die reinste Freude zu sein, seine Beine und Füße in ständiger Bewegung zu halten, um das Band nicht zu verlassen. Verwunderlich ist auch, dass Musik wie zu Festen aus rechteckigen Kästen aufspielt, aber niemand tanzt, trinkt, isst oder spricht. Kein Papalagi nickt in freundlicher Verbundenheit seinem Nachbarn zu, sondern starrt zu anderen Kästen, aus denen kleinere Papalagis flimmern...

Und da ich gerade schon auf der Fitnesswelle reite, habe ich gleich auch noch mit Yoga angefangen bzw. meine Freundin Anne suchte einen Mitstreiter und da habe ich mich nicht lange bitten lassen. Ihr wisst schon, Yoga ist die uralte indische Technik, bei der man sich in alle möglichen und unmöglichen Körperpositionen begibt, um die Organe zu kräftigen, Muskeln zu dehnen und Körper und Seele zu entspannen. Auch richtiges Atmen ist dabei ganz wichtig. Im Yoga gibt es mittlerweile einen Haufen verschiedener Richtungen und Schulen (ich blicke da selber noch nicht so richtig durch). Das Ganze ist nämlich nicht nur körperliche Betätigung, sondern schon sehr philosophisch und religiös angehaucht. Anne und mir ging es aber nicht so sehr um das Letztere und da der Amerikaner ja bekanntlich sehr praktisch veranlagt ist, gibt es natürlich schon überall Kurse, in denen es mehr um den Fitnessaspekt von Yoga geht. Interessanterweise hat übrigens Madonna (Für die unter euch, die in der Musikszene nicht so bewandert sind: Madonna ist eine amerikanische Popsängerin.) dafür gesorgt, dass es einen wahren Yoga-Boom gibt. Madonna schwört nämlich seit geraumer Zeit auf Yoga und spricht darüber in jedem Interview. Im Internet habe ich gelesen, dass es in Kalifornien mittlerweile mehr Leute geben soll, die aktiv Yoga betreiben als in Indien. Ob es stimmt, weiß ich nicht so genau, aber es würde zum gesundheitsfanatischen Kalifornien passen.

Abbildung [2]: Das Yoga-Zentrum in der Dolores-Strasse

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist, dass wir letzte Woche nicht in unseren gewohnten Yoga-Kurs gehen konnten. Da nun ganz in unserer Nachbarschaft ein Yoga-Institut ist, das von außen recht einladend ausschaut und zudem noch täglich sogenannte "Drop-In-Classes" (Kurse, an denen man völlig unangemeldet teilnehmen kann) für $8 anbietet, beschlossen Anne und ich, dieses auszuprobieren. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als wir den Eingangsbereich des Hauses betraten und von Räucherstäbchen, Fotos von indischen Gurus und Votivkerzen umgeben waren. Als wir dann bei dem Empfangsmädel bezahlt hatten und die dann auch noch sagte, dass unser Kurs im Tempel stattfinden würde, verdrehten wir doch etwas die Augen und waren sehr froh, dass wir zu zweit waren. Mutig stiegen wir aber trotzdem die Treppen zu dem so genannten Tempel hinauf, wieder an unzähligen "Gurubildchen" vorbei. Na ja, das Ganze ging dann im esoterischen Stil weiter. Bevor wir mit unseren Übungen begannen, zündete die Yoga-Lehrerin ersteinmal Kerzen an, um danach das Gurubild anzubeten, das altarmäßig im Raum aufgebaut war. Als wir dann auch noch so etwas wie "Om, Om Shanti Shanti Shanti " singen mussten, und ich nur mühselig einen Lachkrampf unterdrücken konnte, beschloss ich, dass diese Art von Yoga doch nicht so ganz das Richtige für mich ist.

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Letzte Änderung: 22-Feb-2019