5.4.2026   Deutsch English

  Rundbrief Nummer 162  
San Francisco, den 5.4.2026


Abbildung [1]: Politische Kunst im realen Sozialismus der DDR.

Angelika Wir gehen immer wieder gerne ins Museum. Allerdings nervt mich zunehmend, dass man inzwischen oft online ein Zeitfenster buchen muss, vor allem bei bekannteren Häusern. Das nimmt dann doch etwas die Spontanität, und ich bin mittlerweile kein Fan mehr davon, wenn auch noch der Urlaub verplant ist. Außerdem ermüden mich große Museen schnell durch die schiere Fülle an Exponaten. Deshalb suchen wir inzwischen gezielt nach kleineren Museen.

Abbildung [2]: Von Außen unscheinbar: Das Wende-Museum in Los Angeles.

Als wir nach Weihnachten traditionsgemäß in Los Angeles weilten, besuchten wir das "Wende Museum" in Culver City. Der Name klingt zunächst ungewöhnlich für Los Angeles. Doch "Wende" bezieht sich tatsächlich auf den Fall der Berliner Mauer und die Zeit davor. Aber wie kommt ein solches Museum nach Los Angeles? Der Historiker Justinian Jampol, in Los Angeles geboren und bis heute dort ansässig, interessierte sich besonders für europäische Geschichte und den Kalten Krieg.

Abbildung [3]: Merkwürdige Geschenkartikel im Museums-Shop.

Nach dem Mauerfall beobachtete er mit Sorge, dass viele Kulturgüter -- Kunstwerke, Filme, Fotografien, aber auch Alltagsgegenstände -- verschwanden, weil viele Bürger diese Zeit hinter sich lassen wollten. In den 1990er Jahren begann er daher, Objekte aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion zu sammeln. Zunächst lagerte er sie sogar in seinem eigenen Zuhause, wie uns eine freundliche ehrenamtliche Mitarbeiterin erzählte. 2002 wurde daraus ein Museum, zunächst in einem kleinen Bürogebäude, während ein Großteil der Sammlung weiterhin in Containern untergebracht war. 2017 fand die Sammlung schließlich ein dauerhaftes Zuhause: ein Gebäude am Culver Boulevard, das 1949 als Atombunker errichtet und später von der Nationalgarde genutzt worden war. Für den symbolischen Preis von einem Dollar pro Monat bei einer Laufzeit von 75 Jahren durfte das Museum einziehen.

Abbildung [4]: Diese Abteilung ist leider geschlossen.

Heute umfasst die Sammlung über 100.000 Objekte. Das Museum zeigt nicht nur wechselnde Teile dieser Exponate, sondern versteht sich auch als Ort für Ausstellungen, der Begegnung und für historische Forschung. Besonders fasziniert haben mich die Alltagsgegenstände, etwa DDR-Seife oder alte Werbeplakate. Übrigens hat der Taschen Verlag viele dieser Objekte im Buch "Das DDR-Handbuch" dokumentiert.

Abbildung [5]: Werbung für das Deo "Clou" zu DDR-Zeiten.

Michael Zwar macht das Museum einen etwas halbfertigen, unpolierten und, ja beinahe zusammengeschusterten Eindruck, aber einige Exponate beeindrucken schon. Zum Beispiel Ölbilder in typischer DDR-Ästhetik, denn Kunst in der DDR unterlag ja bekanntlich der Staatsführung, und diente politischen Zwecken. Auf einem Ölbild tippt ein weißgekittelter Forscher am Computer eines Atomkraftwerks herum, auf dem in Abbildung 1 schlossert ein Arbeiter an einer Drehbank, und daneben steht ein Volksarmee-Soldat mit Kegelhelm und Sturmgewehr. So war das damals.

Abbildung [6]: Stasispione sammelten Geruchsproben, Ablichtungen und Pässe.

Einige Schaukästen zeigen typische DDR-Produkte, vom Kombinat-Büstenhalter bis zum DDR-Deo, oder dem volkseigenen Haartrockner. Faszinierend auch die Sammlung von Ausrüstungsgegenständen der Stasi-Spione: Da wurden Geruchsproben von Verdächtigen in Einmachgläsern konserviert, oder Dossiers erstellt mit detaillierten Beschreibungen der Physiognomie von Staatsfeinden, vom Ohrenabstand bis zur Nasenlochgröße. Eine Enigma-ähnliche Verschlüsselungsmaschine war zu sehen und eine als Gürtel umschnallbare Minispionkamera, etwas so groß wie eine Kleinbildkamera heute. Dieser Bereich hat mich sehr an das Stasimuseum in Leipzig erinnert, das wir vor vielen Jahren mal besucht haben. Die umfangreiche Spionabteilung dort ist ebenfalls weltklasse.

Abbildung [7]: Der Spiegel: Damals wie heute mit vollmundigen Parolen.

Riesige Regale mit DDR-Büchern und Schaukästen mit alten Zeitschriften, sowohl zum Thema DDR als auch der kommunistischen Bruderländer runden die Ausstellung ab. Das Museum ist freitags bis sonntags geöffnet, der Eintritt ist kostenlos. Ein kleines, aber feines Museum, das wir sehr empfehlen können.

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Letzte Änderung: 05-Apr-2026