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| Angelika/Mike Schilli |
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Angelika Ich muss gestehen, dass mir Cesar Chavez vor unserer Zeit in San Francisco kein Begriff war. Der Name fiel mir jedoch schnell auf. Ich erinnere mich noch gut, wie verwirrt ich war, als ich zum ersten Mal die Cesar Chavez Street entlangfuhr. Sie hatte damals nämlich zwei Namen. Unter "Cesar Chavez" stand in Klammern "Army Street". Das kam mir irgendwie seltsam vor. Bald erfuhr ich, dass die Straße erst ein Jahr vor unserem Umzug, also 1995, umbenannt worden war, von Army Street zu Cesar Chavez. Dem waren allerdings heftige Auseinandersetzungen vorausgegangen, denn nicht alle wollten diese Namensänderung. Ich erinnere mich auch noch gut an den streng republikanischen Wohnungsmakler auf der 24ten Straße in unserem Viertel, den es längst nicht mehr gibt. Er hatte jahrelang ein originales "Army Street"-Schild im Schaufenster ausgestellt.
Die Cesar-Chavez-Straße ist ungefähr 5km lang und zieht sich von Osten nach Westen durch die Stadt, also von der Douglass Street bis zum Pier 80 am Wasser. In San Francisco ist es nicht einfach, eine Straße umzubenennen. Dahinter steht ein langwieriger Prozess: Ein Antrag muss bei der Public-Works-Behörde gestellt werden, entweder durch die Abgeordneten oder durch die Bewohner der Stadt San Francisco. Es folgen Anhörungen und Unterschriftensammlungen, bevor überhaupt etwas geschieht. Selbst nach einer Umbenennung bleiben beide Namen noch fünf Jahre lang auf den Straßenschildern bestehen.
Schnell wurde mir also klar, dass Cesar Chavez als so etwas wie ein kalifornischer Nationalheld gilt. Es gibt in San Francisco noch eine Cesar-Chavez-Grundschule mit riesigem Wandgemälde und einen ureigenen kalifornischen Nationalfeiertag am 31. März, wobei an diesem Feiertag kaum jemand frei hat.
Doch wer war Cesar Chavez eigentlich? Dahinter verbirgt sich ein amerikanischer Bürgerrechts- und Gewerkschaftsführer, der sich vor allem für die Rechte von Landarbeitern einsetzte. In den 1960er- und 1970er-Jahren organisierte er Streiks und Boykotte, um bessere Arbeitsbedingungen, faire Löhne und grundlegende Rechte für meist schlecht bezahlte Farmarbeiter zu erkämpfen.
Wer Kalifornien gut kennt, weiß, dass es nicht nur aus legeren Küstenstädten besteht, in denen sich Surfer tummeln, oder bekannten Großstädten wie San Francisco und Los Angeles, und dem berühmten Lake Tahoe, sondern im Landesinneren um Fresno (San Joaquin Valley) und Salinas (Salinas Valley) herum großflächiges Farmland liegt, das oft als Kornkammer der USA beschrieben wird. Nun wird in Kalifornien in der Regel kein Korn angebaut, sondern allerlei Obst, Gemüse und vor allen Dingen auch Nüsse (offizielle Statistik).
Angeblich produziert Kalifornien 99% der in den USA angebauten Mandeln, Walnüsse und Pistazien. Schon der Schriftsteller John Steinbeck machte in seinem weltberühmten Roman Früchte des Zorns, der 1939 veröffentlicht wurde und immer noch absolut lesenswert ist, auf die verheerenden Bedingungen der sogenannten Wanderarbeiter in Kalifornien aufmerksam. Damals kamen sie aus der amerikanischen Dust-Bowl-Region und zogen von Oklahoma nach Kalifornien, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Meisten wurden allerdings tief enttäuscht. Steinbecks Roman spielt in der Zeit der "Great Depression" und beschäftigt sich mit den Themen wie der Ausbeutung der Wanderarbeiter, der Armut und der schlechten Lebens- und Wohnbedingungen.
Jahrzehnte später werden dies die Themen, die auch Cesar Chavez beschäftigen. Allerdings findet man in den 60er-Jahren eher Farmarbeiter aus Mexiko und den Philipinen auf den kalifornischen Feldern. Große Bekanntheit erlangte Cesar Chavez durch den von ihm initiierten Traubenboykott, bei dem Menschen im ganzen Land aufgefordert wurden, auf den Kauf von Trauben zu verzichten, um Druck auf die Produzenten auszuüben und fairere Bedingungen für Landarbeiter zu erreichen. Ich finde dabei interessant, dass sowohl Steinbeck als auch Chavez Weintrauben (= Grapes, im Titel seines Buches) in den Mittelpunkt stellen, obwohl natürlich dutzende anderer Feldfrüchte von Arbeitern geerntet werden.
In den letzten Wochen litt das Ansehen der Symbolfigur Cesar Chavez jedoch deutlich, denn die New York Times veröffentlichte nach ausführlicher Recherche mehrere Artikel mit schwerwiegenden Vorwürfen: Mehrere Frauen berichteten der Zeitung, dass sie von Chavez sexuell missbraucht worden waren, teilweise bereits als Minderjährige. Seine enge Weggefährtin Dolores Huerta, mittlerweile 95 Jahre alt, offenbarte, dass zwei ihrer Kinder durch Vergewaltigungen von Cesar Chavez entstanden waren. Nun gab es schon länger Gerüchte darüber, das Cesar Chavez' Führungsstil gerade in den letzten Jahren seines Lebens sehr zu wünschen übrig ließ und immer mehr ins Autoritäre abglitt. Er hatte sich mit seinen Gefolgsleuten in die kalifornische Bergregion Tehachapi bei Keene zurück gezogen, lebte dort recht abgeschottet auf dem sogenannten La-Paz-Gelände und verfiel immer mehr kultartigen Praktiken.
Der New-York-Times-Artikel löste eine regelrechte Schockwelle aus, insbesondere in Kalifornien, und ein eifriges Umbenennen von Plätzen, Straßen begann. Cesar-Chavez-Statuen wurden entsorgt. Gavin Newsom, unser Gouverneur, verkündete gleich, dass der Chesar-Chavez-Tag von jetzt an "Farmworkers Day" heißt. Auch in San Francisco liegen nun schon die ersten Anträge vor, die Cesar-Chavez-Street wieder umzubenennen. Aber wie gesagt, das wird dauern, und ich bezweifle, dass die Straße wieder zur ursprünglichen Army Street zurückkehrt.
Vielleicht sollte man Straßen nur noch neutral nach Buchstaben und Zahlen benennen, was natürlich auch etwas langweilig ist, und in San Francisco gibt es bereits durchnummerierte Straßen und Avenues. Auf jeden Fall ist die ganze Sache ein trauriges Ende für eine Figur, die lange als unangefochtenes Vorbild galt.
Michael Nun noch einige unterhaltsame Fakten zum Thema Cesar Chavez Street. Da wir um die Ecke wohnen, wissen wir, dass die grandiose Autoverfolgungsjagd im Kinofilm Bullitt ebenfalls auf der Army-Street begann. In der oben verlinkten Szene macht Steve McQueen in seinem grünen Mustang GT 390 Fastback eine Kehrtwendung auf der Army Street, etwa auf der Höhe der Precita Ave, um danach die steile Hampshire Street hochzuröhren ("öttel, öttel" spotzt der 390 untertourig). Die Verfolgungsjagd dreht sich anschließend um, und Steve McQueen jagt die Gangster durch die halbe Stadt, mit quietschenden Reifen und rampenhaft abhebenden Muscle-Cars an San Franciscos steilen Hügelkappen.
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