Angelika Vor Corona war die Einschwörung zum amerikanischen Staatsbürger ein ziemliches Brimborium und fand in größeren Veranstaltungsorten statt, zum Beispiel in Oakland im Paramount Theater. Die Anwärter durften Gäste mitbringen und die Show lief patriotisch pompös ab. Gott sei Dank blieb uns dies aber alles erspart, obwohl natürlich meine Schüler gerne bei der Einschwörung mit dabei gewesen wären. Das Problem bei solchen Massenveranstaltungen ist nämlich, dass man dann nach dem bestandenen Interview oft noch Wochen auf den Einschwörungstermin warten muss. Da die Einwanderungsbehörde in San Francisco ziemlich viele Interviews zur Einbürgerung abwickelt und immer noch Engpässe und Auflagen wegen Corona herrschen, fanden die Einschwörungen in San Francisco 2022 fünfmal am Tag in Gruppen zu jeweils 35 Leuten statt. Michael hatte Glück und wurde gleich nach seinem Interview um 15 Uhr eingeschworen. Ich schaffte es leider nicht mehr, trotz der Bemühungen meines Beamten und bekam dann einen Termin zwei Tage später um neun Uhr morgens.
Die Einschwörungen finden ebenfalls im Gebäude der Einwanderungsbehörde in San Francisco statt, nur in einem anderen Bereich mit separatem Eingang. Zunächst hieß es Schlange stehen. Bei mir prüfte jemand, als ich noch in der Schlange stand, das Formular mit dem Termin. Auch musste ich auf dem Formular noch einmal ankreuzen und per Unterschrift versichern, dass ich zwischen meinem Interview und dem Tag meiner Einschwörung keinen Mist gebaut hatte, wie zum Beispiel mit dem amerikanischen Gesetz in Konflikt zu geraten oder mich irgendwelchen dubiosen Vereinigungen, einschließlich der kommunistischen Partei, anzuschließen. Im Gebäude selbst hieß es erst einmal: Greencard abgeben. An einem Schalter reichte ich meine Greencard (Michael hatte seine schon bei seiner Einschwörung abgegeben) etwas wehmütig und gerührt dem Menschen hinter der Scheibe, denn schließlich hatte das Kärtchen uns viele Jahre gute Dienste geleistet. Ein Anweiser geleitete mich dann zu meinem Platz, einem etwas unromantischen Plastikstuhl in langweiligem Behördendesign. Auf dem Stuhl lag in einem Umschlag schon meine Einbürgerungsurkunde bereit, samt Informationen zur Passbeantragung und einem Zettel mit dem Wortlaut des Eides, der zu schwören war. Eine kleine amerikanische Flagge lag auch noch am Platz.
Alle Teilnehmer trugen Maske und zwischen uns waren immer zwei Stühle frei, um den Covidsicherheitsabstand einzuhalten. Die Zeremonie leitete bei mir die Chefin (Robin Barrett) der Einwanderungsbehörde in San Francisco, was wohl eher Zufall war. Es gab ein paar ermunternde Worte von ihr, so nach dem Motto, dass der Rahmen zwar nicht richtig festlich ist, das Ereignis aber trotzdem bedeutsam und wichtig. Dann erinnerte sie uns noch daran, ja auf unserer Einbürgerungsurkunde zu überprüfen, ob unser Name und das Geburtsdatum stimmten, denn wenn wir erst mit der Urkunde abzögen wäre es ein ewiges Gefrett und kostspielig, Fehler zu korrigieren. Auf der Urkunde sind neben dem vollen Namen, dem Geburtsdatum, einem Lichtbild, dem Geschlecht, der Körpergröße und dem Status ob man ledig oder verheiratet ist, noch die sogenannte "Alien Registration Number", die schon auf der Greencard stand, vermerkt. Auch muss man die Urkunde unterschreiben.
Lustigerweise können so einfache Dinge wie eine gewöhnliche Unterschrift viele Fragen aufwerfen, wie wir in den diversen Internetforen nachlasen. Unterschreibt man mit Mittelnamen oder ohne? Michael kürzt seinen Vornamen beim unterschreiben immer ab, auch auf offiziellen Dokumenten. Ist das zulässig auf einer Einbürgerungsurkunde? Die Aussagen im Internet waren da sehr widersprüchlich. Freundlicherweise erhielten wir bei der Einschwörung aber Auskunft darüber: Man unterschreibt genau so wie auf unserem kalifornischen Führerschein, denn die Unterschrift auf dem Führerschein kann zum Abgleichen herhalten. Bei mir war es eh einfach, ich schreibe immer alles aus. Unterschreiben darf man übrigens auch später zu Hause in Ruhe.
Die eigentliche Zeremonie war dann sehr kurz und schmerzlos. Alle hatten sich zu erheben und die rechte Hand zu heben und dann sprachen wir alle gemeinsam den Treueschwur ("The Oath of the Allegiance"), wohlgemerkt mit Masken. Der Treueschwur hat übrigens einige lustige Passagen, wie zum Beispiel, dass man sich auch von seinem König oder seiner Königin lossagt. Adelige mit entsprechenden Titeln müssen übrigens schwören, dass sie diese als amerikanische Staatsbürger aufgeben. Nach dem Treueschwur geleitete man uns auch schon wieder aus dem Raum. Michael wartete schon auf mich draußen. Wir schossen noch schnell ein Foto und dann fuhr ich zur Arbeit.