30.04.2019 Deutsch English

App des Jahres: Citizen

Abbildung [1]: Ein Bürger hat gemeldet, dass ein Verrückter in unserem Viertel mit einem Besen auf parkende Autos eindrischt.

Michael So wie ich regen sich immer mehr Leute über die zunehmende Verwahrlosung und Gesetzlosigkeit in der Stadt San Francisco auf, und deshalb nimmt es nicht Wunder, dass sich geschäftstüchtige Internetleute Gedanken machen, wie Technik die verfahrene Lage wieder in den Griff bekommen könnte. So sammelt die App "Citizen" (ihr Slogan heißt: "Protect the World") Meldungen der Polizei, arbeitet sie nach Ort und Zeit auf, bewertet sie, und dann schlägt das Telefon des Nutzers sofort Alarm, falls im eingestellten Aktionsradius etwas passiert ist.

Abbildung [2]: Zwei Schlingel haben einem Fahrgast in der BART-U-Bahn den Laptop entrissen.

Und passieren tut in San Francisco alle paar Minuten etwas: Hier schlägt einer eine Autoscheibe ein, dort steigt ein Penner übern Zaun, hier entreißt ein Räuber einem Touristen die Brieftasche, dort schlägern sich ein paar Halbstarke. Dabei dürfen Anwender zu den Verbrechen lustige Kommentare abgeben oder sogar "live gehen", also ihre Handykamera einschalten, falls sie ein brennendes Haus von ihrem Fenster aus sehen oder die Einsatzkräfte an einem Unfallort abfilmen wollen. Das Ganze ist richtig spannend, und teilweise sogar zum Totlachen, weil eben auch dauernd völlig verrückte Dinge passieren, wie dass ein Penner Passanten mit Müll bewirft oder ein Irrer eine lange Eisenstange herumwirbelt.

Abbildung [3]: Die Polizei ist ausgerückt, weil in der Stadt ein Irrer Passanten mit Müll bewirft.

Dabei beschäftigt Citizen Spezialisten, die die Polizeimeldungen in zwar formal korrektes, aber äußerst unterhaltsames schnoddriges Amerikanisch übersetzen. Wenn ein Penner mit einem Besen auf parkende Autos eindrischt, meldet Citizen "Man Whacking Cars with Broom", was vielleicht eher ein Jugendlicher als ein Erwachsener sagen würde, aber genau das macht den Unterhaltungswert aus.

Da Citizen weiß, wo der Anwender zu Hause ist (oder wahlweise wo er sich gerade aufhält), kriegt der sofort eine Nachricht auf den Schirm, falls sich etwas im näheren Umkreis ereignet. Letzten Freitag arbeitete ich von zu Hause, da ging plötzlich die Meldung ein, dass fünf Straßen weiter die Feuerwehr gerade ein brennendes Auto löschte. Ich rannte sofort runter, schnappte mir ein elektrisches Leihfahrrad, fuhr mit gezücktem Handy am Ort des Geschehens vorbei und ging "live". Was ihr dort seht, ist mein trotz stinkender Rauchschwaden todesmutig aufgenommenes Video! Allerdings stellen sich die Citizen-Fritzen Live-Reportagen wohl etwas professioneller vor, denn ich bekam gleich eine E-Mail (Abbildung 4), die mich darauf hinwies, dass ich statt schweigend nur ein paar Sekunden aufzunehmen lieber länger draufhalten und das Geschehen live kommentieren hätte sollen. Daran gibt's noch einiges zu verbessern!

Abbildung [4]: Citizen weist den Amateurreporter an, länger draufzuhalten und das Geschehen live zu kommentieren.

Die App ist relativ neu, deckt momentan nur die San Francisco Bay Area und New York City ab, aber sie breitet sich aus wie ein Lauffeuer, besonders alle hippen Stadtkids scheinen sie zu benutzen. Sogar die besorgten Hippies bei der New York Times echauffieren sich schon. Sehr zu empfehlen!


 
 
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Letzte Änderung: 12-Jul-2026