16.08.2015   Deutsch English

  Rundbrief Nummer 112  
San Francisco, den 16.08.2015


Abbildung [1]: Im Warteraum des Emergency Rooms hat sich eine Pennerin hingelegt.

Angelika Michael spielt ja seit frühester Kindheit leidenschaftlich gern Fußball. Hier in San Francisco spielt er jeden Dienstag und da kann kommen, was will, der Fußballdienstag ist ihm heilig. Im Juni kam Michael allerdings fluchend wie ein Kesselflicker schon früher von einem Fußballspiel zurück. Er hatte sich einmal wieder voll eingesetzt, war gestürzt und auf die Schulter gefallen. Michael meinte gleich, dass das Schüsselbein gebrochen sei, denn er hatte sich schon früher einmal beim Judo diesen delikaten Knochen verletzt, auf der gegenüberliegenden Seite, er sprach also aus Erfahrung. Also riefen wir am nächsten Tag unseren Hausarzt an, der sagte, dass das geröntgt werden muss und wir gleich in die Notfallaufnahme ("Emergency Room" genannt) fahren sollen.

Besuche im amerikanischen "Emergency Room" vermeiden wir eigentlich unter allen Umständen, denn die Wartezeiten dort sind lang, es herrscht Chaos und man trifft dort im wahrsten Sinne des Wortes alle Krüppel, Lahmen, Heimatlosen und Verrückten dieser Stadt an. Interessant für soziale Studien, aber nicht gerade so erbauend, wenn man sich selbst nicht so wohl fühlt. Unter Obamacare sollten Patienten die Notfallaufnahme wirklich nur im Notfall aufsuchen, und die Auslastung deutlich zurückgehen, denn der "Emergency Room" war ja lange Zeit die medizinische Anlaufstelle für Menschen ohne Versicherung, die nicht zu einem regulären Arzt gehen konnten.

Abbildung [2]: Das Schwierigste bei gebrochenem Schlüsselbein: Mit der linken Hand Nudelsuppe mit Stäbchen essen.

Aber das Gegenteil ist der Fall, denn in den USA fehlen Hausärzte, man schätzt mehr als 20.000 bis zum Jahr 2020. Durch die höhere Anzahl der Versicherten braucht das Land aber mehr Ärzte und der Patient kann mit einer akuten Erkrankung, auch wenn die nicht unbedingt lebensbedrohlich ist, nicht vier bis sechs Wochen auf einen Termin warten, also geht er dann doch wieder in den "Emergency Room". Auch haben viele Bundestaaten ihr Sozialprogramm "Medicaid" unter Obamacare erweitert. Es stellt staatliche Krankenkassenleistungen für die Ärmsten der Armen zur Verfügung. Allerdings weigern sich viele Ärzte, Medicaid-Patienten zu betreuen, da der Satz, denn sie für ihre Leistungen erhalten, unter Medicaid besonders niedrig ist und dann bleibt diesen Patienten ebenfalls oft nur der "Emergency Room" als Anlaufstelle.

Abbildung [3]: Erster Teil der Rechnung: 1900 Dollar.

Aber zurück zu Michael: Über San Francisco verstreut liegen eine ganze Reihe von Emergency Rooms und wenn man noch in der Lage ist, ohne Krankenwagen hinzugelangen, steht man vor der Qual der Wahl, welchen man nun ansteuert. In einer Handvoll der Notaufnahmen San Franciscos kann der Patient, der noch nicht auf dem Zahnfleisch daherkommt, einen kurzfristigen Termin ausmachen. Allein der Gedanke ist schon etwas absurd, denn das Konzept des Termins und das des Notfalls passen irgendwie nicht so recht zusammen. Wir entschieden uns schließlich für den Emergency Room in der Nähe des Castroviertels, den sogenannten Davis Campus, denn da geht es in der Regel ruhiger zu und er ist nur etwa 10-15 Autominuten von uns entfernt.

Da Michael ja nicht lebensbedrohlich krank war, mussten wir natürlich zunächst warten, bis sich endlich jemand erbarmte und die Röntgenaufnahme machte. Während Michael und ich warteten, wurden nicht nur zwei Notfälle per Krankenwagen eingeliefert, sondern sogar eine Obdachlose machte es sich auf den Stühlen neben uns bequem. Sie hatte ihre sämtliche Habe dabei und legte sich erst einmal quer über die Stühle. Der Sicherheitsdienst des Krankenhauses wurde gerufen und es stellte sich heraus, dass die obdachlose Frau einen Platz zum Schlafen im Obdachlosenheim brauchte. Die Sicherheitsbeamtin versprach ihr dann, irgendwo anzurufen, um ihr damit zu helfen. Es scheint also öfter vorzukommen.

Dann kam eine furchtbare stöhnende Frau durch die Tür und ein weiterer Sicherheitsbeamter fragte sie gleich ganz besorgt, was los sei, worauf die Frau fröhlich Smalltalk mit ihm begann und das Stöhnen dabei völlig vergaß. Dann hüpften noch 4 junge britische Touristinnen um uns herum, die alle super munter und sehr gesund aussahen. Der Arzt in der Notfallaufnahme war dann auch sichtlich genervt von ihnen. Weiter beschwerte sich ein Krankenpfleger lauthals am Telefon über einen Arzt, der ihn schlecht behandelt hatte. Und so ging es immer weiter, bis Michael endlich dran war, geröntgt wurde, und der Arzt ihn Minuten später mit der glorreichen Erkenntnis entließ, dass das Schüsselbein tatsächlich gebrochen war. Da ein gebrochenes Schüsselbein in der Regel von selbst heilen muss, bekam er noch eine Armschlinge, die wir auch in jedem x-beliebigen Drogeriemarkt erhalten hätten. Weiter gab es eine Überweisung zum Orthopäden für die Nachbehandlung und dann wollte man Michael noch eine Schmerztablette in den Mund schieben, die er aber nicht annahm. Wochen später kam die erste Abrechnung, und wiederum einige Tage später die zweite.

Abbildung [4]: Zweiter Teil der Rechnung: 1400 Dollar.

Die Notfallaufnahme stellte unserer Krankenkasse für die generische Ibuprofen-Schmerztablette, die in der Drogerie ein paar Cent kostet, satte $19.41 in Rechnung, denn schließlich stand ein ganzes Ärzteteam auf Abruf, das Michael notfalls ruckzuck durch einen CT-Scanner bugsiert hätte. Insgesamt verlangte die Notfallaufnahme, wie ihr in den Abbildungen 3 und 4 sehen könnt, $3.306,41, das ist der Betrag, der einem Touristen in Rechnung gestellt worden wäre. Da aber diese Notaufnahme im Netzwerk unserer Krankenkasse ist, beide also vorab feste Sätze für bestimmte Leistungen ausgehandelt haben, berappte die Krankenkasse insgesamt nur $1.883.35. Wir selbst mussten $75 als Praxisgebühr entrichten, sowie $300 an Selbstbeteiligung. Zum Vergleich: Der anschließende Besuch beim Orthopäden kostete die Krankenkasse nur $177.24 und uns $30 Praxisgebühr, einschließlich einer weiteren Röntgenaufnahme. Sinnvoller und kostengünstiger wäre es also gewesen, gleich beim Orthopäden vorzusprechen, da gibt es aber keine kurzfristigen Termine. Selbst als Michael mit der Überweisung vom Emergency Room in der Hand beim empfohlenen Orthopäden anrief, teilte ihm die Sprechstundenhilfe mit, dass der Facharzt erst in vier Wochen einen Termin frei hätte. Wir fanden dann einen weniger ausgebuchten Arzt in der gleichen Praxis, mit nur einer Woche Wartezeit.

Durch diese anhaltenden maroden Zustände im amerikanischen Gesundheitssystem greifen, wie so oft in diesem Land, innovative Menschen zu kapitalistischen oder technisch basierten Lösungen, um die Situation zu verbessern. Einer dieser Trends sind derzeit die sogenannten Boutique- oder Concierge-Hausarztpraxen. Der Patient zahlt aus der eigenen Tasche einen jährlichen, monatlichen oder vierteljährlichen Mitgliedsbeitrag und erhält dadurch verbesserte Leistungen wie zum Beispiel Termine am gleichen Tag oder am Samstag, verkürzte Wartezeiten in der Praxis, mehr Zeit mit dem Arzt. Die Ärzte, die sich diesem Modell anschließen, haben weniger Patienten und sind deshalb in der Lage, sich mehr um den einzelnen Patienten zu kümmern.

Abbildung [5]: Die Praxis der Zuzahlkrankenkasse One Medical bei uns um die Ecke.

Verschiedene Geschäftsmodelle sind im Umlauf. So kann es sein, dass der Patient die Gebühr bezahlt und sich damit die aufgeführten Zuckerln erkauft, aber die normale Behandlung und andere Untersuchungen wie Bluttests stellt der Arzt weiterhin der Versicherung des Patienten in Rechnung. In einem anderen Modell deckt der Mitgliedsbeitrag, der in der Regel dann höher ist, eine gewisse Anzahl von Leistungen wie zum Beispiel das Gespräch mit dem Arzt oder Vorsorgeuntersuchungen. Andere Leistungen wie Impfungen oder Röntgenaufnahmen muss der Patient aus der eigenen Tasche bezahlen. Mitgliedsbeiträge rangieren je nach Modell zwischen $150 bis $5.000 pro Jahr.

In San Francisco bietet die allseits präsente "One Medical Group" diese Concierge-Medizin an. Auch bei uns um die Ecke steht eine solche Arztpraxis. Kritiker dieser Idee bemängeln natürlich zurecht, dass diese Praxen zu einer Zweiklassenmedizin führen, denn nicht jeder kann sich den jährlichen Mitgliedsbeitag leisten und da die Ärzte in diesen Praxen weniger Patienten annehmen, baut sich der Ärztemangel weiter aus.

Ein ganz neuer Trend ist die sogenannte Telemedizin, die die Idee der Videokonferenzen nutzt, die heutzutage durch die Technologie von Smartphones und Tablets einer breiten Masse jederzeit zugänglich sind. Bei "Doctor on Demand" ("Arzt auf Abruf") lädt sich der Patient eine App zum Beispiel auf sein Handy und kann dann mit einem Arzt, der in dem Bundestaat, in dem der Patient lebt, praktizieren darf, eine Videokonferenz schalten, ohne dass er sich in eine Arztpraxis begeben oder tagelang auf einen Termin warten muss.

Abbildung [6]: Die Patientin spricht über eine Video-App mit einem "Doctor-on-Demand".

Der Patient tippt einfach seine Symptome sowie mögliche Allergien und eingenommene Medikamente ein und wird dann mit einem Arzt verbunden. Der Arzt, der per Videokonferenz zugeschaltet ist, kümmert sich in der Regel um die typischen Krankheiten, die auch ein Hausarzt in einer regulären Praxis untersucht (Grippe, starke Erkältungen, Durchfall, Ausschläge). Ärzte bei "Doctor on Demand" dürfen keine ernsthaften Krankheiten behandeln, für diese muss sich der Patient auch weiterhin in eine Arztpraxis begeben, aber sie können Rezepte ausstellen. Die virtuelle medizinische Konsultation und Behandlung kostet pro Sitzung pauschal $40. Da das wesentlich günstiger ist als ein Arztpraxenbesuch, hat eine der größten amerikanischen Krankenkassen, nämlich "United Healthcare", die virtuelle Konsultation in ihren Leistungskatalog aufgenommen, bezahlt also dafür. Auch psychologische Beratung ist über "Doctor on Demand" erhältlich. Der Vorteil dieser Art von Arztbesuch ist natürlich, dass der Patient nicht mit lauter kranken Leuten im Wartezimmer sitzen muss, und sofort einen Termin bekommt ohne lange Anfahrtswege zur Arztpraxis. Nachteile sind freilich, dass der Arzt den Patienten nicht anfassen kann und die persönliche Beziehung zwischen Patient und Arzt verloren geht. "Doctor on Demand" ist übrigens eine Firma aus San Francisco. Wir sind aber auch weiterhin unserem guten alten Hausarzt treu und begeben uns brav in seine Praxis.

PDF Drucken
RSS Feed
Mailing Liste
Impressum
Mike Schilli Monologues


Auf die Email-Liste setzen

Der Rundbrief erscheint in unregelmäßigen Abständen. Wer möchte, kann sich hier eintragen und erhält dann alle zwei Monate eine kurze Ankündigung per Email. Sonst werden keine Emails verschickt.

Ihre Email-Adresse


Ihre Email-Adresse ist hier sicher. Die Rundbrief-Redaktion garantiert, die angegebene Email-Adresse nicht zu veröffentlichen und zu keinem anderen Zweck zu verwenden. Die Mailingliste läuft auf dem Google-Groups-Service, der sich ebenfalls an diese Richtlinien hält. Details können hier eingesehen werden.
Alle Rundbriefe:
2024 153 154 155 156 157
2023 148 149 150 151 152
2022 143 144 145 146 147
2021 138 139 140 141 142
2020 133 134 135 136 137
2019 129 130 131 132
2018 125 126 127 128
2017 120 121 122 123 124
2016 115 116 117 118 119
2015 111 112 113 114
2014 106 107 108 109 110
2013 101 102 103 104 105
2012 96 97 98 99 100
2011 91 92 93 94 95
2010 85 86 87 88 89 90
2009 79 80 81 82 83 84
2008 73 74 75 76 77 78
2007 66 67 68 69 70 71 72
2006 59 60 61 62 63 64 65
2005 54 55 56 57 58
2004 49 50 51 52 53
2003 43 44 45 46 47 48
2002 36 37 38 39 40 41 42
2001 28 29 30 31 32 33 34 35
2000 20 21 22 23 24 25 26 27
1999 13 14 15 16 17 18 19
1998 7 8 9 10 11 12
1997 1 2 3 4 5 6
1996 0

Rundbriefe 1996-2016 als PDF:
Jetzt als kostenloses PDF zum Download.

Spezialthemen:
USA: Schulsystem-1, Schulsystem-2, Redefreiheit, Waffenrecht-1, Waffenrecht-2, Krankenkasse-1, Krankenkasse-2, Medicare, Rente, Steuern, Jury-System, Baseball, Judentum
Immigration: Visa/USA, Warten auf die Greencard, Wie kriegt man die Greencard, Endlich die Greencard, Arbeitserlaubnis
Touren: Alaska, Vancouver/Kanada, Tijuana/Mexiko, Tokio/Japan, Las Vegas-1, Las Vegas-2, Kauai/Hawaii, Shelter Cove, Molokai/Hawaii, Joshua Nationalpark, Tahiti, Lassen Nationalpark, Big Island/Hawaii-1, Big Island/Hawaii-2, Death Valley, Vichy Springs, Lanai/Hawaii, Oahu/Hawaii-1, Oahu/Hawaii-2, Zion Nationalpark, Lost Coast
Tips/Tricks: Im Restaurant bezahlen, Telefonieren, Führerschein, Nummernschild, Wohnung mieten, Konto/Schecks/Geldautomaten, Auto mieten, Goodwill, Autounfall, Credit Report, Umziehen, Jobwechsel, Smog Check
Fernsehen: Survivor, The Shield, Curb your Enthusiasm, Hogan's Heroes, Queer Eye for the Straigth Guy, Mythbusters, The Apprentice, The Daily Show, Seinfeld
Silicon Valley: Netscape-1, Netscape-2, Netscape-3, Yahoo!
San Francisco: SoMa, Mission, Japantown, Chinatown, Noe Valley, Bernal Heights
Privates: Rundbrief-Redaktion
 

Kommentar an usarundbrief.com senden
Lob, Kritik oder Anregungen? Über ein paar Zeilen freuen wir uns immer.

In der Textbox können Sie uns eine Nachricht hinterlassen. Wir beantworten jede Frage und jeden Kommentar, wenn Sie ihre Email-Adresse in das Email-Feld eintragen.

Falls Sie anonym bleiben möchten, füllen Sie das Email-Feld bitte mit dem Wort anonym aus, dann wird die Nachricht dennoch an uns abgeschickt.

Ihre Email-Adresse


Nachricht

 
Impressum
Letzte Änderung: 21-Nov-2017