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  Rundbrief Nummer 29  
San Francisco, den 10.03.2001


Abbildung [1]: Die rasenden Rundbriefreporter in ihrem Tourmobil (Aschaffenburger Kennzeichen) auf Deutschlandtournee -- im Schnee!

Und hier die Sensation! Die beiden rasenden Rundbriefreporter haben sich in ein Flugzeug gesetzt, sind 11 Stunden später aus demselben wieder ausgestiegen und befanden sich plötzlich in einem Paralleluniversum namens "München"! Während Angelika diese Tour fast jedes Jahr macht, war ich ja tatsächlich seit vollen vier Jahren nicht mehr in Deutschland. Ich sage euch, das war ein Kulturschock ersten Ranges.

Das Erste, was mir auffiel, waren die grün-weißen Polizeiautos. Ich kam mir vor wie in einem Fernsehfilm aus den 60er oder 70er-Jahren wie "Monaco Franze" oder "Münchner G'schichten". Auf der Fahrt vom Münchner Flughafen nach Augsburg-Land konnte ich mich gar nicht mehr einkriegen und lachte mich über die unsinnigsten Dinge kaputt: Schilder mit der Aufschrift "Fremdenzimmer" zum Beispiel. Oder dass die Ampeln grundsätzlich vor der Kreuzung stehen, sodass man sich als Erster an der roten Ampel schier den Rücken ausrenkt, um zu erkennen, ob sie endlich umschalten. Die Fußgängerampeln mit Männchen statt den Beschriftungen "Walk" (Gehen) und "Don't Walk" (Nicht gehen)! Sicher denkt ihr jetzt, ich spinne total, aber in vier Jahren programmiert man sein Hirn ganz schön um.

Abbildung [2]: Lustige Fußgängerampel

Genau wie "Wait to be seated" sich mittlerweile bei mir festgesetzt hat. Im Restaurant "Die Ecke" in Augsburg blieb ich am Eingang stehen und wollte warten, bis mir die Bedienung einen Platz zuwies, aber zum Glück machte mich Angelika gleich darauf aufmerksam, dass man sich in Deutschland auch in feinen Wirtschaften selbständig an einen Tisch hinsetzt.

Wenn der Rudi eine Kneipe aufmacht, heißt sie Rudi's Kneipe. Der Tierfutterladen heißt Kira's Futterwelt. Aaahhh! Das ist ein Genetiv-s und wird ohne Apostroph angehängt! Also: Rudis Kneipe. Kiras Futterwelt. Aber Max Goldt hat einmal geschrieben, man soll nicht an der Rechtschreibung anderer Leute herumnörgeln, das wäre arrogant, also will ich nicht so sein.

Abbildung [3]: Ein lustiger Apostroph

Ihr werdet euch sicher fragen, ob ich Schwierigkeiten mit der Sprache hatte. Eigentlich nur ein einziges Mal: Auf dem Lufthansa-Flug von San Francisco nach München fragte mich die deutsche Stewardess, ob ich noch ein Bier wolle. Da ich mit meinem Sitznachbarn bislang Englisch gesprochen hatte, wollte ich "No thanks, I'm fine!" sagen, übersetzte das aber zu hastig und rief gutgelaunt "Danke, mir geht's gut!" -- worauf die Stewardess in Lachen ausbrach und "Das ist ja schön!" rief, denn ich hatte schon ein Bier getrunken und war etwas angeheitert! Ach ja, schön war's.

Abbildung [4]: Regen in Augsburg

Das Wetter war erstaunlich -- nachdem es zunächst 20cm Schnee herhaute, der dann schmolz und von Regen abgelöst wurde, kam schließlich drei Tage lang grandioses Fönwetter. In München saßen wir eine Stunde draußen in einem Cafe in der Fußgängerzone und blinzelten in die Sonne!

Abbildung [5]: Das unschlagbar gute Bier

Und wie gut ist das Bier! Augustiner, Andechser und das Kellerbier aus dem Unionsbräu in München -- eieiei, das hat gemundet! Ich hatte das schon ganz vergessen, ich dachte die amerikanischen Microbrews wären vergleichbar. Kurz: Sie sind es nicht. Nicht mal ansatzweise. Da müssen die Damen und Herren Brauer hier in den USA noch kräftig lernen!

Abbildung [6]: In'd Hofpfisterei, da geh i olwai nei, do kauf i mir mei Pfisterbrot, des mog i jedn Dohg!

Das berühmte deutsche Brot hat mich gar nicht so umgehauen, da schwer im Magen liegendes eigentlich nicht so mein Fall ist und ich seit jeher lieber Weißbrot mag. Und in San Francisco gibt es ausgezeichnete Bäckereien, die mein Lieblingsbrot, das italienische "Ciabata" superknusprig backen und sogar in unserem Supermarkt verkaufen!

Abbildung [7]: Am Stachus in München

Ich hatte ganz vergessen, welch weitausgedehnte Wohngegenden es in München gibt! In Amerika wohnt ja jeder in Bungalows, 5-stöckige Mietshäuser aus Stein gibt's nirgendwo. In San Francisco habe ich mich schon so an dieses Durcheinander gewöhnt -- der eine streicht sein Haus lila an, der andere hängt eine Regenbogenfahne raus, der dritte hat ein lustiges Schild im Fenster. Allerdings war mir Deutschland viel sauberer in Erinnerung. Ich lache in San Francisco immer vergnügt in mich hinein, wenn mal wieder alte Zeitungsfetzen durch die Straßen wehen und erzähle meinen Arbeitskollegen unentwegt, dass man in Deutschland vom Boden essen kann, so sauber wären die Straßen gekehrt -- und was muss ich feststellen? Alles total vernachlässigt! Schlaglöcher im mittleren Ring in München! Bald werden auch in Laim die Zeitungsfetzen durch die Gassen fegen und lachend werde ich rufen: "Kenn' ich schon, brauch' ich nicht, hab' ich damals schon in San Francisco gesehen!".

Abbildung [8]: Wohnviertel in München

Abbildung [9]: Zum Vergleich: Die Mission in San Francisco

Das Schwierigste war freilich das BSE. Ich hatte schon von Weißwürsten und Leberkäs geträumt und dann konnte ich das alles nicht essen! Na, beim Max gab's exzellente Truthahn-Weißwürste, die wie echte schmeckten. Sogar der McDonald's hat mittlerweile einen Schweinefleischburger namens "McFarmer". Im Lufthansaflugzeug wurde uns "Rindfleisch aus Argentinien" angeboten. In München hab ich deswegen gleich zweimal Schweinsbraten mit Knödeln gegessen, einmal im Unionsbräu und einmal im Forsthaus Wörnbrunn. Ich wollte übrigens noch nachreichen, dass mein Friseur Paolo aus der Friedenheimer Straße in München, bei dem ich natürlich vorbeischaute, den Küchenchef vom "Forsthaus Wörnbrunn", den Andi Geitel, kennt, weil er früher mit ihm Fußball gespielt hat! So schließt sich der Kreis.

Abbildung [10]: McDonalds hat jetzt einen Schweinefleischburger

Der starke Dollar "goes a long way" in Deutschland. Vergleicht man die Preise beim Essen in der Wirtschaft, kommt man fast um die Hälfte billiger weg. Und CDs sind was billig! Im Angebot kosten die 20 Mark, in den USA gibt's unter $12.99 eigentlich nix. Ich deckte mich großzügig mit "Haindling", "Eros Ramazotti", "Modern Talking", "Dschingis Khan", "Falco" und Samplern mit Volksmusik ein, um den Kollegen in der Arbeit etwas zum Schmunzeln zu liefern. Lev, ein Russe bei Netscape, hatte mir vorher erzählt, dass er total auf den 70er-Jahre-Hit "Moskau" von Dschingis Khan abfährt: Als ich ihm die CD überreichte überschlug er sich fast vor Freude!

Aber das Benzin! Mir fiel die Klappe herunter, als ich für einen recht vollen Tank einmal 80 Mark latzen musste. Das hätte in Amerika nur 20 Dollar gekostet. Auch stachen mir die vielen Kleinstautos wie "Smart" ins Auge -- von denen hab' ich in Amerika noch keines gesichtet.

Auto fahren! Ich war bass erstaunt, auf welch hohem Niveau die Deutschen Auto fahren. Niemand wechselt die Spur auf der Autobahn ohne zu schauen oder zu blinken, niemand hält mitten auf der Straße urplötzlich aus unerfindlichen Gründen an, niemand macht irgendwelche krassen Fehler. Nach vorsichtigen Schätzungen der Rundbriefredaktion würden etwa 20% der Amerikaner auch nach ca. 1200 Fahrstunden niemals eine deutsche Führerscheinprüfung bestehen. Wie zügig es auf deutschen Straßen vorangeht! Der Amerikaner hingegen lebt nach dem Prinzip: "Hoppla, jetzt komm' ich!" Und wenn er anhalten muss, schert es ihn überhaupt nicht, ob hinten jemand bremsen und anhalten muss deswegen. In unserem Viertel in San Francisco stehen schon überall Schilder, die das Parken in zweiter Reihe unter 100 Dollar Strafe stellen -- aber immer noch machen's die Leute. Das ist übrigens ein allgemeines amerikanisches Phänomen, das auch in anderen Gesellschaftssituationen gilt: Auch bei noch so langen Schlangen im Supermarkt nimmt sich der Amerikaner immer noch die Zeit, in aller Seelenruhe seine blöde Kreditkarte aus dem Geldbeutel rauszukruschteln oder umständlich einen Scheck für eine 5-Dollar-Rechnung auszustellen. Oder lässig noch einen Nachtisch im Restaurant zu bestellen, während scharenweise Leute vor der Türe anstehen.

Abbildung [11]: Zigarettenautomaten

Zigarettenautomaten! Wer in Amerika irgendwo Zigaretten kaufen will, muss einen Ausweis vorzeigen und mindestens ein Alter von 18/21 Jahren (je nach Bundesstaat) nachweisen. In Deutschland kann jeder den Automaten bedienen, der groß genug ist, 6 Mark einzuwerfen!

Abbildung [12]: Kleine Autos bei Mondpreisen für Benzin!

Was mir total angenehm auffiel, war, wie höflich das Verkaufspersonal in Deutschland auf einmal ist. Das hatte ich ganz anders in Erinnerung! Von der kleinen Bäckerei bis zu den Kassierern in den großen Kaufhäusern -- die Leute sind jetzt ausgesprochen freundlich. Oder die Bedienung in der Wirtschaft! Hatte ich bislang in den Rundbriefen stets über die Servicewüste Deutschland gelästert, nehme ich jetzt alles zurück und behaupte das Gegenteil. Respekt, Respekt!

Abbildung [13]: "Shop till you drop" in München

Das Einkaufen in München macht mit Wohnsitz in den USA gleich noch mehr Spaß: Man braucht nämlich keine Mehrwertsteuer zu bezahlen. Am einfachsten geht das so: Man bezahlt zunächst im Laden den vollen Preis einschließlich Mehrwertsteuer und lässt sich eine Bestätigung namens "Tax Free" über den Kaufpreis aushändigen. Vor dem Abflug in die Staaten geht man am Flughafen dann zu der Zollbehörde, legt einen Nachweis vor, dass man in den USA wohnt und kriegt dann bar etwa 12% wieder (also nicht die ganzen 16%, der Rest ist Bearbeitungsgebühr). Wenn man innerhalb eines Jahres wieder ins Land kommt, oder jemanden kennt, der an dem Laden vorbeischauen kann, kann man sich statt dem "Tax Free" auch eine "Ausfuhrbescheinigung" vom Laden geben lassen. Die legt man dann am Flughafen vor dem Abflug beim Zoll vor, lässt sie abstempeln und kann dann innerhalb eines Jahres die vollen 16% in bar am Laden abholen. In beiden Fällen muss man aber am Flughafen ein Abflugticket und die Waren vorweisen. Es ist also ganz schlecht, wenn man das Gepäck schon vorher eincheckt, dann gibt's kein Geld.

Da die Schlange an dieser speziellen Zollbehörde recht lang ist und nur ein einziger Beamter die Abfertigung vornimmt, immer nur eine Person in das Büro darf, und die Leute öfter mal zeitraubend die Waren aus dem Koffer auspacken müssen, braucht man genügend Zeit vor dem Abflug. Es gibt zwei Schlangen: Die vor der Kasse und die vor dem Abfertigungsbüro. Mangels Hinweisschild stellt man sich natürlich zuerst an der kürzeren Schlange an, erfährt dann an der Kasse, dass man zuerst ins Büro muss und geht dann doch grummelnd hinüber zur längeren Schlange. Naja! Gern rückt der Zoll die 16% wohl nicht heraus, deswegen wird's so schwierig wie möglich gemacht. Es lohnt sich also nur bei höheren Beträgen.

Abbildung [14]: Kartentelefone

Diese Kartentelefone überall! Zum Glück hatte ich eine Telefonkarte. Was mich allerdings vor ein Rätsel stellte, war, wie man ohne Geld oder Karte von einer Telefonzelle aus telefoniert. Warum kann man von einer Telefonzelle aus keine 0130-Nummer anrufen, deren Kosten eh der Empänger übernimmt? Vielleicht kann mich mal jemand aufklären. In Amerika kann man von jeder öffentlichen Telefonzelle aus kostenlose 1-800-Nummern anrufen, "Call Collect" anwenden oder die Polizei unter 911 anrufen -- keinerlei Kleingeld oder Karte notwendig.

Abbildung [15]: Winterschlussverkauf

Schlussverkauf! Das ist in Amerika jeden Tag. Die Läden haben immer ein Schild mit "Sale" im Schaufenster. Einen offiziellen Schlussverkauf gibt es nicht, vielmehr läuft der das ganze Jahr. Oder diese Tafeln, auf denen mit Kreide die aktuellen Sonderangebote stehen. Das scheint eine deutsche Spezialität zu sein.

Abbildung [16]: Mit Kreide ausgewiesene Sonderangebote

Soweit meine Eindrücke als Fremder im eigenen Land -- kurz gesagt: Mir hat's gut gefallen und vor allem haben Angelika und ich uns tierisch darüber gefreut, euch alle zu treffen, liebe Rundbriefleser! Das war wirklich eine aufregende Zeit für uns und ihr habt sie uns so angenehm bereichert. Bis in vier Jahren! Bahn frei für Angelika!

(Angelika) Hurra! Ich bin endlich dran. Zunächst rufe ich hier schnell in Erinnerung, dass ich nicht nur in Süddeutschland weilte während unseres Deutschlandaufenthaltes, sondern auch in Norddeutschland (genauer gesagt in Oldenburg). Nicht dass das unterschlagen wird. Michael hat euch ja schon das eine oder andere Deutschlandabenteuer erzählt und ich lasse ihm da dieses Mal auch ganz großzügig den Vortritt, denn er hatte schließlich schon seit vier Jahren keine deutsche Luft geschnuppert. Mit einigen Bemerkungen werde ich euch dennoch beglücken. Da müsst ihr einfach durch.

Abbildung [17]: Die Kuppel des neuen Reichstags

Berlin ist in aller Munde, sogar das amerikanische AAA-Heft (der AAA ist so etwas wie der ADAC in Deutschland, das Heft entspricht der "ADAC-Motorwelt") widmete der deutschen Hauptstadt mehrere Seiten. Während meiner Sturm-und-Drang-Zeit war ich ja öfter mal der Liebe wegen in Berlin. Das war natürlich noch zu Mauerzeiten und auch damals schon faszinierte mich diese Stadt. Schon lange wollte ich dort wieder einmal hin, aber, wie das so ist, wenn man stets nur kurz auf Deutschlandbesuch kommt, bleibt für solche Exkursionen keine Zeit. Da Berlin aber in vier Stunden mit dem Zug von Oldenburg problemlos zu erreichen ist, haben es meine Mutter und ich den Amerikanern nachgemacht, die Europa in 14 Tage bereisen und sind für zwei Tage nach Berlin gefahren. Ich kann das nur jedem Rundbriefleser wärmstens empfehlen. Berlin ist nicht nur in Bewegung sondern auch im Umbruch, zahlreiche Baustellen belegen das immer noch. Natürlich absolvierten wir auch das Standardtouristenprogramm: Reichstag (die neue Kuppel ist eine Freude für jeden, der gern fotografiert), Brandenburger Tor (das gerade in T-Online-Reklame eingehüllt ist, weil es renoviert wird), Unter den Linden, Friedrichstraße, Berliner Dom, Museumsinsel, Hackesche Höfe, Potsdamer Platz, Neue Synagoge. Aber wir sind auch einfach nur so durch die Straßen geschlendert. Angezogen haben mich dabei vor allem die Gegensätze. Oft steht ein frischrenoviertes Haus neben einem vom Einsturz bedrohten. Gerade weil vieles in Berlin so fragwürdig ist, nähert man sich ihr ähnlich wie New York: Entweder man liebt diese Stadt oder man hasst sie. Der neugestaltete Potsdamer Platz, der hypermodern wie aus einem Science-Fiction-Film anmutet, ist zum Beispiel so ein diskussionswürdiges Projekt. Auch ist zu fragen, ob es denn richtig war, dass gar kein Stück Mauer mehr stehengeblieben ist direkt hinter dem Reichstag. Ich hatte wirklich Mühe, mir vorzustellen, wo die Mauer eigentlich genau entlang gelaufen ist. Voll des Lobes bin ich allerdings über die bunte Vielzahl von Restaurants, Kneipen und Cafes. Und da in Berlin nicht gerade das wärmste Wetter war und ich außerdem noch ein wenig San-Francisco-Wetter in den Knochen hatte, also ständig fror, haben meine Mutter und ich reichhaltigen Gebrauch von diesen Angeboten gemacht.

Abbildung [18]: Blick aus dem Fenster des Künstlerheims Luise

Die Krönung war dann das Hotel "Künstlerheim Luise" in der Luisenstraße, in dem wir für eine Nacht unterkamen. Jedes Zimmer wurde von einem anderen Künstler gestaltet. Unseres hieß "Baustelle Deutschland" von Oliver Jordan. Wir schliefen wie die Murmeltiere umgeben von den vorherrschenden Farben schwarz, rot, gold und den Portraits von Dutschke, Böll, Grass, Brecht und Anna Seghers (die Geisterbahn der deutschen Literatur! Anmerkung Michael). Lustig ist auch, dass das Hotel direkt neben den Eisenbahnschienen liegt und man beobachten kann, wie S-Bahn, ICE usw. an einem vorbeiziehen. Nun werdet ihr entsetzt aufschreien: "Huch, dann kann man ja vor Lärm nicht schlafen!" Dem war aber wirklich nicht so, denn die Fenster waren dreifach verglast und für Lärmempfindliche werden vorsorglich gleich Ohrenstöpsel bereit gestellt. Schön war auch das Frühstück, das am Morgen in einer WG-artigen Küche wartet. Wenn ihr euch das Hotel einmal genauer anschauen wollt, klickt einfach auf www.kuenstlerheim-luise.de.

Abbildung [19]: Ossi-Charme: Verfallene Häuser neben neueren

Was mich in Deutschland übrigens köstlich amüsiert hat, sind die Anglizismen, die einem auf Schritt und Tritt begegnen. Deutsche Werbung kommt ohne englische Phrasen wohl nicht mehr aus. Betritt man einen Buchladen, kommt man sich vor wie in einem englischsprachigen Land, springen einem doch gleich so Titel wie "Fit for Life" entgegen. Nun müsst ihr nicht denken, dass ich bezüglich der Sprachreinheit so extrem bin wie die Franzosen, die sogar ein eigenes Wort für "Computer" haben, aber übertreiben muss man es auch nicht, vor allen Dingen um den Anschein der Weltoffenheit zu erwecken. Das wirkt dann doch verdammt aufgesetzt.

Michael hat ja schon geschrieben, dass wir in Deutschland fleißigst eingekauft haben. Mit allem haben wir uns eingedeckt: Cliff-Duschbäder, Kneippbäder, deutsche Bücher, Milka-Schokolade. Nur an die guten alten Tempos haben wir nicht gedacht. Und das hat sich dann gleich bitter gerächt, da sowohl Michael als auch ich uns gleich nach unserer Rückkehr einen Schnupfen einfingen. Was Papiertaschentücher angeht, lebt Amerika wirklich hinter dem Mond. Vielleicht ist den Amerikafahrern unter euch schon einmal aufgefallen, dass Papiertaschentücher in der Regel nur in Boxen käuflich zu erwerben sind. Es ist aber extrem unpraktisch, eine Box mit sich herumzuschleppen, wenn man irgendwo hingeht. Mittlerweile gibt es zwar auch nach Tempo aussehende Packungen, aber die Taschentücher sind so schlecht, dass einem zum Schnupfen auch noch das Weinen kommt. Nicht nur sind sie hart wie nichts Gutes, so dass man sich die Nase nach dreimaligem Putzen wundscheuert, sondern auch so dünn, dass man am besten gleich immer drei auf einmal nimmt, damit sich die Schnotte nicht plötzlich auf der eigenen Hand ausbreitet. Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, vernünftige Papiertaschentücher zu verkaufen, die man auch noch problemlos in die Hosentasche stecken kann! Die Lösung des Rätsels liegt natürlich in einer kulturellen Besonderheit: Der Amerikaner bleibt bei einem ordinären Schnupfen mit einer Box voller Papiertaschentücher zu Hause. In diesen Fällen werden alle Verabredungen abgesagt, denn nichts ist für Amerikaner schlimmer, als mit einem Schnupfen unter die Leute zu gehen und die eigenen Bazillen zu verbreiten. Es gilt übrigens auch als unfein, sich im Restaurant auch nur so am Tisch die Nase zu putzen -- dafür geht der Amerikaner auf die Toilette. Deswegen braucht man auch keine Papiertaschentücher zum Mitnehmen, so einfach ist das!

Abbildung [20]: Familienpackung Kleenex-Taschentücher für den Schnupfen

Meine letzte Geschichte beschäftigt sich einmal wieder mit einer meiner "Lieblingsbehörden", nämlich dem amerikanischen Immigration Office, d.h. der Einwanderungsbehörde. Die sind ja auch immer für ein Abenteuer gut. Wie ihr bereits alle wisst, mussten wir vor geraumer Zeit unsere Visa verlängern. Das ging relativ problemlos ab, so dass wir nun sicher bis zum Oktober 2002 bleiben können.

Nun gibt es in den USA aber die etwas absurde Regelung, dass man zwar die Visumsverlängerung im Land beantragen kann und auch alle offiziellen Papiere bekommt -- nur den Stempel (der mittlerweile ein selbstklebendes Etikett ist) in den Reisepass bekommt man eigentlich nur außerhalb der USA. Ohne den kann man das Land dann zwar verlassen, kommt aber nicht mehr zurück hinein. Ihr erinnert euch vielleicht, dass ich deshalb bei einer meiner Deutschlandbesuche schon einmal auf das amerikanische Konsulat nach Frankfurt musste. Eine Ausnahme gibt es: Unter bestimmten Voraussetzungen darf man seinen Pass und die Original-Bestätigung über die Visumsverlängerung sowie noch einigen anderen Papierkram nach Washington an das "State Department" einschicken, 10-12 Wochen warten und kriegt dann, wenn man Glück hat, seinen Stempel in den Pass.

Wir entschlossen uns dieses Mal, die Washington-Variante zu wählen, da wir nicht noch Zeit hatten, das amerikanische Konsulat in Frankfurt aufzusuchen. Und welch ein Wunder, es klappte sogar: Die Post ging nicht verloren und sogar mein Vorname war richtig geschrieben (mit k und nicht c, wie in Amerika üblich). Glücklich stiegen wir ins Flugzeug nach Deutschland und machten uns keinerlei Sorgen ob des Zurückkommens. Bei unserer Rückkehr standen wir dann ein wenig müde in der langen "Immigration-Schlange" am Flughafen in San Francisco und gerieten an einen weiblichen Immigration Officer, die ihrer Korrektheit wegen jeden deutschen Beamten vor Neid hätte erblassen lassen. Nachdem sie unsere Pässe angeschaut hatte und Michael gefragt hatte, wo er denn arbeite, wollte sie doch glatt das Original Formular I-797 vorgelegt haben. Das ist das Dokument, das bestätigt, wie lange wir im Land bleiben dürfen und es muss nach den Regeln des Immigration Offices in der Firma, also bei AOL, aufbewahrt werden. Ich wusste dies und fing gleich das Diskutieren an und handelte mir Michaels strafende Blicke ein, der uns schon den Rest des Samstages umgeben von Immigration Officers auf dem Flughafen ausharren sah. Wie gesagt, es war Samstag, denn sonst hätte wir ja schnell bei AOL anrufen können, damit die dieses blöde Formular faxen. Michael gab sich diplomatisch, bestätigte der Frau, dass sie die Gesetzeslage wohl besser als wir kenne und es uns Leid täte, dass wir ihr das besagte Papier nicht zeigen könnten. Grummelnd ließ sie uns gehen. Wie sich nach Rückfrage mit unserem Rechtsanwalt später herausstellte, haben die Immigration Officers am Flughafen tatsächlich das Recht, sich das Papier zeigen zu lassen. Leider hatte der Rechtsanwalt vergessen, uns darauf hinzuweisen (grummel!!!). Allerdings war auch der Rechtsanwalt etwas verwirrt, da in der Regel nicht nach dem Papier gefragt wird. Wahrscheinlich war es der in Washington ausgestellte Stempel, der die Dame in unserem Fall etwas aus der Bahn geworfen hat. Ich sage euch, ohne das Immigration Office wäre mein Leben direkt langweilig.

Bis zum nächsten Rundbrief!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 10-Jun-2022