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  Rundbrief Nummer 48  
San Francisco, den 15.12.2003


Weihnachtsrundbrief

Nur noch 10 Tage ... Michael grummelt, denn die Kurze-Hosen-Zeit ist endgültig vorbei. Bis zum Schluss wehrte er sich, die langen Hosen aus dem Schrank zu ziehen. Ich kaufte vor einigen Tagen erneut einen Regenschirm der Marke "Billig", weil ich nach der langen Zeit ohne Regen noch nicht auf das Nass von oben eingestellt war, das auch in San Francisco im Winter vom Himmel fällt. Doch obwohl Weihnachten naht und der Regen sich wieder meldet, verstauben unsere Handschuhe und Schals in Schrank und Schubladen. Während Michael zum Kalifornier mutierte und schwört, nie mehr in kalten Ländern zu leben, sehne ich mich in der Weihnachtszeit nach Wintertagen, an denen Nordeuropäer auf Weihnachtsmärkte gehen und Glühwein gegen die Kälte trinken. Nun gestehe ich, dass man Zurückgelassenes in der Fremde oft verklärt. Ich denke an knackige, sonnige Wintertage; ihr denkt an Glatteis, Nässe und Matsch. Ich lechze nach Lebkuchen und Mon Cheri, ihr ärgert euch, dass die Weihnachtssachen schon im Oktober im Laden stehen.

Zu einem Vergnügen besonderer Art gehört für mich, in der Weihnachtszeit zu dem deutschen Laden "Lehr's" auf der Church Street -- gleich bei uns um die Ecke -- zu gehen. Hier bekommt der deutsche Auswanderer und das amerikanische Leckermäulchen alles, was das Herz begehrt: Marzipanbrote, Lebkuchen von Bahlsen, Mon Cheri, Erfrischungsstäbchen, Duplos, Lakritz, Jacobs Krönung und den guten Kaffee von Dahlmayr. Penatencreme, Bebe, Fa-Duschbad befinden sich genauso im Regal wie echte Christbaumkerzen - ein Spaziergang durch die deutsche Produktpalette. Nur Erdnussflips, Kartoffelchips von Bahlsen und Tempos suchte ich hier schon so manches Mal vergeblich. Ein Elend! Besondere "Zuckerl" sind die Volksmusikkassetten, die CDs von Peter Alexander und Costa Cordalis sowie die schon etwas verstaubten Videos der ZDF-Serie "Ein Herz für Tiere" (das ist kein Witz). Auch andere stereotype deutsche "Kulturgüter" fehlen nicht: Bierkrüge, Hummelfiguren, D-Aufkleber für's Auto und die Zeitschrift "Das Goldene Blatt". Verirrte ein deutscher Tourist sich in diesen Läden, machte er eine Zeitreise in die 50er Jahre: ein biederer, schon etwas in die Jahre gekommener Tante-Emma-Laden erwartet ihn. Ich hoffe nur inständig, dass die Amerikaner, die bei "Lehr's" einkaufen, nicht denken, alle Geschäfte in Deutschland sähen so aus.

Abbildung [1]: "Lehr's: Deutsche Spezialitäten auf der Church Street in San Francisco"

Ältere Damen, die nicht amerikanischer aussehen könnten, streifen durch die Gänge und erheben plötzlich ihre Stimme, um auf Deutsch zu bemerken, dass dieses oder jenes Produkt in Deutschland aber viel billiger sei. Sentimentale Anwandlungen haben eben ihren Preis. Der kleine Kasten Mon Cheri (15 Stück in einer Packung) kostet über 10 Dollar, wobei ich gar nicht weiß, was ihr in Deutschland dafür zahlt. Auch Eltern mit ihren Kindern kommen zu "Lehr's". Oft bleiben die Mütter oder Väter dann vor bestimmten Sachen stehen und erklären ihrem Sprössling mit leuchtenden Augen, dass es dieses oder jenes bei ihnen auch immer zu Weihnachten gab. Schon verrückt, welch liebevolle Beziehung man in der Fremde zu Lebensmitteln aufbaut, die es nicht so einfach zu kaufen gibt. Am schönsten ist es, die Gespräche in dem kleinen Laden zu belauschen. Es wird eine lustige Mischung aus deutsch und englisch -- "denglisch" sozusagen -- gesprochen. Ein älterer Mann erzählte, dass er dieses Jahr das erste Mal wieder echte Weihnachtsbaumkerzen für seinen Tannenbaum kauft, nachdem er einige Jahre zuvor einen verheerenden Brand in seinem Holzhaus in San Francisco ausgelöst hatte, weil der Tannenbaum mit den brennenden Kerzen umgefallen war. Oops!

Von meinem letzten Besuch kam ich mit Duplos, Lebkuchen (die mit Schokolade überzogenen) und Mon Cheri heim. Wenn ihr dieses Jahr also am zweiten Feiertag eure Mon Cheri auf dem bunten Teller nicht mehr sehen könnt, denkt an uns und esst sie mit Genuss!

In diesem Sinne wünschen wir euch ein frohes Weihnachtsfest!

Angelika und Michael

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