(Michael) Hallo daheim, wir waren mal wieder auf Kurzurlaub -- ganze eineinhalb Wochen lang, schier unglaublich! Weil ich jetzt schon drei Jahre bei AOL bin, gibt's statt der üblichen zwei satte drei Wochen Urlaub. Wohin? Hawaii natürlich, diesmal nach "Big Island", die größte der hawaiianischen Inseln. Nicht zu verwechseln übrigens mit der meistbevölkerten Insel Oahu, wo die Fernsehserie "Magnum" spielt und auf der auch die Hauptstadt Honolulu liegt. Nein, uns zieht's ja immer eher abseits der ausgetretenen Pfade und so kam Big Island mit seinen aktiven Vulkanen gerade recht. Doch dazu später. Klickt fleißig auf die nachfolgenden Bilder, um sie zu vergrößern, da fließt die Lava, da schäumen die Wellen!
Natürlich gibt's auf Big Island auch, wie überall auf Hawaii, diese Strände mit fast schneeweißem Sand und blau-grünem Wasser, das herrliche 22 Grad warm ist, so dass man stundenlang darin herumtollen kann. Der Ozean bringt im Herbst schon angenehm hohe Wellen daher und wir entdeckten eine neue Leidenschaft: Das Surfen in den Wellen, ganz ohne Board, genannt "Body-Surfing", weil man mit dem Körper surft. Man lässt sich hierzu im Wasser treiben, wartet, bis eine etwa 1.5m bis 2m hohe Welle daherkommt, schwimmt schnell los und lässt sich, schon in Fahrt, von der Welle mitreißen und bis zu 50 Meter zum Strand schleppen. Um das zu schaffen, ist natürlich jahrelanges Training erforderlich, probiert das nicht daheim, Kinder! Wir hatten jedenfalls unseren Spaß und waren jeden Tag mindestens eine Stunde im Wasser.
Die Wellen kommen zum Teil sehr gewaltig daher und brechen oft unvermittelt zusammen, so dass man sehr aufpassen und notfalls schnell unterhalb durchtauchen muss. Tut man das nicht, stürzen die Wassermassen auf einen herab und in den nächsten fünf Sekunden wirbelt man ohne jede Kontrollmöglichkeit unter Wasser umher. Das ist nichts für schreckhafte Naturen. Schwimmen ist in diesen Augenblicken unmöglich, die Strömung ist total chaotisch und wild. Dann hilft nur, die Luft anzuhalten, die Arme über dem Kopf zu verschränken, damit man nicht aus Versehen gegen einen Stein oder ein verlorengegangenes Surfboard knallt. Nachdem sich alles wieder gelegt hat, stellt man schnell fest, wo oben und wo unten ist, und taucht auf. Und nicht die nächste ankommende Welle vergessen!
Natürlich raufen sich die aufmerksamen Rundbriefleser bereits die Haare und fragen: "Wie sind diese Fotos entstanden? Haben diese Wahnsinnigen die teure Kamera mit ins Wasser genommen?" Nein, die Spiegelreflex blieb diesmal am Strand, wir haben uns einfach eine wasserdichte Wegwerfkamera für 15 Dollar gekauft -- echt genial, das Teil! Sieht nach nichts aus, macht aber recht ordentliche Bilder, enthält den Film bereits und man gibt das ganze Plastikding zurück zum Entwickeln.
Außerdem kann man auf Big Island für wenig Geld Taucherbrillen und Schwimmflossen ausleihen und im Wasser herumschnorcheln. Es gibt jede Menge farbenprächtiger tropischer Fische, die auch noch richtig groß sind, 50cm sind keine Seltenheit. Als besondere Attraktion gibt es dort unten diese Riesenschildkröten, die werden bis zu einem Meter lang (Abbildung 5). Mit Tauchermaske und -flossen kann man ganz nah an sie heranschwimmen. Sie scheren sich überhaupt nicht um die Touristen, sondern putzen weiterhin in aller Ruhe die Algen zwischen den Steinen weg. Sie werden ziemlich von den Wellen herumgewirbelt, denn sie schwimmen nur sehr langsam, aber das scheint ihnen nichts auszumachen.
Aber der eigentliche Knüller auf Big Island sind die aktiven Vulkane. Die Insel wurde schon ein paarmal von bösen, blubbernden Lavamassen überrollt. Es gibt Straßen, die die glühende Lava auf dem Weg ins Meer einfach begraben hat und die daraufhin nicht mehr restauriert wurden. Ehemals bewohnte, dann evakuierte Dörfer sind heute Geistersiedlungen. Die Lava, flüssiges Gestein, fließt bei einem Ausbruch sehr langsam, so dass sich die Leute üblicherweise in Sicherheit bringen können, bevor ihre Häuser und Siedlungen unter den Massen begraben werden, die dann langsam zu schwarzem Stein erstarren.
In bestimmten Regionen kann man auf Big Island sehr preisgünstig Land erwerben, teilweise zahlt man nur ein paar tausend Dollar für einen Hektar, der sehr nah an den bedrohten Gebieten liegt. Keiner weiß, wann der nächste Lavaschub kommt und dann heißt es: Das wäre ihr Preis gewesen! Einmal sind wir in der Nacht mit dem Auto im Südosten der Insel herumgefahren, wo die Lava zuletzt gewütet hat. Da haben wir die letzten Hippies der USA gesehen. Gerüchtehalber verbirgt hier auch das FBI Leute, die unter das Witness-Protection-Programm fallen, also "Kronzeugen", die sich wegen ihrer Aussagen vor Gericht nicht mehr unter die Leute trauen.
(Angelika) Dieses Mal zeigt sich Michael doch tatsächlich von seiner großzügigen Seite und lässt mich unsere spektakuläre Wanderung zur noch fließenden Lava schildern -- eine der abenteuerlichsten und eindruckvollsten, die wir bis jetzt erlebten. Michael erwähnte ja schon, dass Big Island praktisch nur aus Vulkanen besteht, die die dortige Lebensart verinnerlicht haben und alles etwas ruhiger und gelassener angehen lassen: Die Lava fließt extrem langsam. Deswegen verhärtet sie sich meist gleich wieder, während sie sich ihren Weg bahnt. Ich muss zugeben, dass ich geologisch nicht sehr bewandert bin (die Geologen unter euch verzeihen mir bitte, wenn ich die Begriffe "Lava", "Magma" und dergleichen nicht ganz akkurat anwende) und bis dato geglaubt habe, dass Vulkanausbrüche immer heftig, sprudelnd und blubbernd sowie mit riesigen Feuerfontänen einhergehen und alles schreit: "Rette sich, wer kann!"
Auf Hawaii ist das eher umgekehrt: Ein Vulkan bricht aus und alles macht sich auf, um das gewaltige Naturschauspiel mitzuerleben. Auch war ich völlig sprachlos, als ich im Reiseführer erfuhr, dass die jetzt noch fließende Lava von dem Ausbruch des Vulkans "Kilauea" im Jahre 1983 stammt. Ein 17 Jahre lang fließender Lavastrom ist allerdings auch für Hawaii ein absoluter Rekord. Die Lava fließt aber nicht immer an der Oberfläche, sondern bahnt sich häufig nur unterirdisch den Weg zum Meer. Aber wir hatten Glück: Als wir den Nationalpark besuchten, floss sie oben.
Wer schon einmal in amerikanischen Nationalparks war, kennt das Phänomen, dass diese meist so konzipiert sind, dass man viele der Attraktionen mit dem Auto bequem erreichen kann und in der Regel nur einige Meterchen laufen muss. Michael und mir ist das schon immer aufgestoßen und so wandern wir immer ausgedehnt, um den Massen zu entkommen. Auch den "Hawaii Volcanoes National Park" kann man nur als "Drive-Thru-Experience" (Durchfahrtserfahrung) mitnehmen. Das wollten wir natürlich nicht, und wir beschlossen, zur fließenden Lava zu wandern.
Da kommt man nämlich nur hin, wenn man bereit ist, 5 bis 6 Stunden (Rundweg) auf einem nicht gekennzeichneten Weg über erhärtete Lava parallel zum Ozean zu laufen. Uns schreckte zunächst auch nicht ab, dass der Wanderweg als äußerst gefährlich gilt und die Parkranger (etwas Ähnliches wie Förster im Wald) die Wanderung zwar nicht direkt verbieten, aber dringend davon abraten. Aber wir sind ja mittlerweile an den amerikanischen Wahn gewöhnt, dass jeder Angst hat, verklagt zu werden. Dies führt zu Übervorsichtigkeit und teilweise absurd wirkenden Sicherheitsmaßnahmen. Ich erinnere nur noch einmal daran, dass in der Beschreibung unserer amerikanischen Mikrowelle tatsächlich steht, dass das Gerät nicht dafür geeignet ist, seine Katze zu trocknen.
Etwas stutzig machte uns allerdings, dass unser Lieblingsreiseführer "Lonely Planet", der sonst den amerikanischen Sicherheitswahn nicht mitmacht, immer wieder betonte, dass man die Wanderung nur wagen sollte, wenn man topfit und gut vorbereitet ist. Und ein wenig ins Grübeln kamen wir, als uns eine Rangerin -- übrigens eine deutsche Landschaftsarchitektur-Studentin im Praktikum -- offenbarte, dass tags zuvor ein Mann auf der Wanderung an Herzversagen gestorben war und sie selbst nach der Wanderung wegen Erschöpfung und eines Glaspartikels, der ihr aus der Rauchwolke ins Auge geflogen war (obwohl sie eine Sonnenbrille trug), im Krankenhaus behandelt werden musste. Und diese besagte Deutsche war mindestens 10 Jahre jünger als wir und machte nicht gerade einen gebrechlichen Eindruck.
Nun muss man einschränkend bemerken, dass der Wanderer, der von der Wanderung nicht lebend zurückkehrte, nachts alleine losgegangen war, was man dann vielleicht doch nicht tun sollte. Allerdings gehen viele nach Anbruch der Dunkelheit los, um die Lava zu sehen, die nachts natürlich besonders prächtig glüht. Da Michael und ich aber schon Schwierigkeiten haben, nachts auf der hellbeleuchteten Autobahn die Spur zu halten (wir sind beide etwas nachtblind), nahmen wir doch lieber Abstand von dieser Idee. Fünf bis sechs Stunden über schwarze Lava, nur mit einer Taschenlampe bewaffnet zu stolpern, hielten wir dann doch nicht für so traumhaft -- Abenteuer hin oder her.
Naja, wir beschlossen, dann den Empfehlungen der Ranger nach Buchstabe F zu folgen und außerdem ganz früh am Morgen aufzubrechen, um nicht in der Mittagshitze zu laufen. Ein weiser Entschluss, wie sich später herausstellte, denn schwarze Lava heizt sich gut auf und natürlich gibt es auch keinen Schatten wegen der nicht vorhandenen Pflanzen oder Bäume, ganz zu schweigen von der Hitze, die die glühende Lava ausströmt. Also bewaffneten wir uns mit 3 Litern Wasser pro Person (und kamen tatsächlich insgesamt mit weniger als einem halben Liter zurück), Energieriegeln, einem Energiegetränk, Sonnenbrillen, um keine Glaspartikel ins Auge zu kriegen, Tüchern als Mundschutz, um uns gegen die Dämpfe in der Nähe des Lavastroms zu schützen, Regenjacken (das Einzige, was wir nicht brauchten), einem Erste-Hilfe-Kit und natürlich unseren guten Wanderschuhen, die uns sowieso auf jeder Wanderung begleiten (meine musste ich nach dieser allerdings beerdigen, da sie schon etwas in die Jahre gekommen waren und die Hitze der Lava ihnen den Rest gab).
Ich zog sogar die empfohlene lange Hose an, ein echtes Zugeständnis in Hawaii, da man leicht auf der gehärteten Lava fallen kann (wie gesagt es gibt keinen ausgeschilderten Weg) und diese höllenscharf ist. Michael war allerdings nicht dazu zu bewegen, sich von seinen geliebten kurzen Hosen zu trennen. Ratet, wer mit einem Pflaster zurückkam? Richtig: Ich, allerdings nicht am Knie, sondern am Ellbogen, da ich mich etwas unsanft an der harten Lava ratschte, als ich einen Film wechselte.
Um fünf Uhr früh, kurz bevor die Sonne aufging, krabbelten wir also aus unseren Betten und fuhren zum Ausgangspunkt unserer Wanderung. Auf der halbstündigen Fahrt dorthin wurden wir dann zunächst schon einmal mit einem gigantischen Sonnenaufgang belohnt. Außerdem sichteten wir die sogenannten "Nene", eine Art Huhn, das man in vulkanischer Landschaft findet -- etwas ganz besonderes, da es sehr hart für jegliches Getier in dieser Landschaft ist, zu überleben und die "Nene" darüber hinaus auch noch vom Aussterben bedroht sind. Beinahe hätte es noch weniger von ihnen gegeben, da Michael wild auf die Tube drückte und nicht auf meine Warnungen hörte, dass die "Nene" die Tendenz haben, auf Autos zuzurennen, was ich im Reiseführer gelesen hatte. Ein wüstes Ausweichmanöver später glaubte er mir schließlich.
Der Startpunkt der Wanderung ist übrigens genau dort, wo die Lava einige Jährchen zuvor die Straße begraben hat. Man parkt einfach auf dem Seitenstreifen und geht los. Schon der Anfang faszinierte total, denn früh morgens ist das Licht ja besonders reizvoll und so kam es zu wunderschönen Lichtspielen. Mal schimmerte die harte, schwarze Lava ganz golden, ein anderes Mal tief schwarz oder in hunderten von Grautönen. Je länger es zurückliegt, dass die Lava geflossen ist, desto grauer sieht sie aus. Relativ frisch erhärtete Lava ist pechschwarz und glänzend. Wir entdeckten immer wieder die bizarrsten Formen. Man muss sich das so vorstellen: Schwarze Lava so weit das Auge reicht, rechts der Ozean, der mit der Sonne um die Wette glitzert, links Berge bzw. Vulkane, kein Mensch in Sicht, sondern nur wir zwei in endloser Weite.
Am Anfang des Weges gibt es übrigens immer wieder Warnhinweise, dass man nicht zu nah an den Ozean herangehen soll, sondern etwa 400 bis 500 Meter Abstand halten muss. Das liegt daran, dass die erhärtete Lava nahe am Ozean ganz neues Land und damit sehr instabil ist. Es kann immer wieder zu unterirdischen Explosionen kommen, die dann riesige Flächen in den Ozean reißen. Damit man das auch glaubt, werden gleich die Toten und Verletzten früherer Unglücke in sämtlichen Broschüren aufgeführt. Sie ignorierten die Hinweisschilder und wurden ins Meer gerissen. Nach einigen Kilometern stößt man übrigens plötzlich noch einmal auf ein Stück Straße, was völlig irreal anmutet.
In der Ferne sieht man eine riesige Dampfwolke. Das ist genau die Stelle, wo die Lava sich in den Ozean ergießt. Da die Lava ca. 2100 Grad Fahrenheit heiß ist (etwa 1000 Grad Celsius) und auf Seewasser stößt, kann man sich vorstellen, dass es schon recht heftig dampft. Auf halber Strecke unser Wanderung trafen wir dann übrigens auf ein Pärchen, das gerade auf dem Rückweg war -- und wie völlig elektrisiert ob des Erlebnisses wirkte -- und zudem auch noch aus der Nähe von San Francisco stammte. Wir fragten vorsichtig nach, wie man denn merken würde, dass man sich dem Lavastrom nähert (Michael behaupete nämlich steif und fest, da stünden sicher riesige Warnschilder). Nichts da: Nur die Füße werden heiß, sagte man uns. Und so war es tatsächlich auch: Die Wolke weht und bläst einem ätzende Dämpfe ins Gesicht. Die Lunge schmerzt und die Füße werden trotz dickster Wandersohle unglaublich heiß. Schaut man dann nach unten, sieht man die Lava unter seinen Füßen glühen.
Vergleichbar damit, auf glühenden Kohlen zu stehen. Wir glaubten zu schmelzen. Dazu knirschte es gewaltig, wenn wir auf die superfrische verkrustete Oberfläche traten. In diesem Moment denkt man überhaupt nicht mehr an die Gefahren. Man fühlt sich, als wäre man Teil dieses Schauspiels und wird ganz still, weil man plötzlich versteht, fühlt und erlebt, wie Erde entsteht. Unbeschreiblich! Als sich dann auch noch, als wir schon fast wieder auf dem Rückweg waren, die neu verkrustete Lava einen Meter von meinen Füßen entfernt urplötzlich auftat und langsam und gemütlich im knalligem Orange auf mich zufloss, konnten wir nur noch staunen. Obwohl sich der Rückweg dann doch quälend hinzog, waren auch wir wie berauscht und würden den weiten Weg jederzeit wieder laufen.
(Michael) Wenn ihr wissen wollt, wie die Lava nach Abbildung 1 am Anfang des Rundbriefs weiterfloss, braucht ihr euch nur Abbildung 10 anzusehen, das war wirklich beeindruckend.
Auf dem Hinweg sahen wir übrigens rote Lava-Ströme, die sich wie aus dicken Feuerwehrschläuchen ins Meer ergossen. Ich wollte noch schnell das Tele draufschrauben und näher hingehen, als wir feststellten, dass es sich nur um ein temporäres Phänomen handelte -- keine Fontänen mehr! Und nachdem auf dem Rückweg aus der scheinbar harten Lavamasse, über die wir hopsten, ein rotglühender Batzen austrat, passten wir genau auf, wo wir hintraten. Eieiei!
Am "South Point" gibt es diese Klippen, an denen früher Fischerboote herabgelassen wurden, 12 bis 15 Meter weiter unten schäumt der Ozean. Ein paar vielleicht 20-jährige Racker sprangen doch glatt hinunter! Ich hätte ja am liebsten meine Badehose aus dem Auto geholt und es ihnen nachgemacht -- aber plötzlich fiel mir ein, dass ich bald 36 werde: Schon kurz vor dem Greisenalter! So fotografierten wir die Racker nur und kamen uns recht alt vor.