Angelika Eines der interessanten amerikanischen Rechte ist, dass grundsätzlich jeder, der auf amerikanischem Boden (jus soli) geboren wird, automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. Dabei spielt es keine Rolle, welche Staatsbürgerschaft die Eltern haben oder welchen Aufenthaltsstatus sie besitzen. Die 14. Zusatzklausel (14th Amendment) der amerikanischen Verfassung bildet die Grundlage für diese Regelung. Es gibt allerdings einige wenige Ausnahmen, unter anderem für Kinder ausländischer Diplomaten und bestimmter feindlicher ausländischer Kräfte, was immer das genau heißen mag.
Unserem Präsidenten ist diese Regelung schon lange ein Dorn im Auge. Eine seiner ersten Amtshandlungen im Januar 2025 war deshalb, per Dekret die automatische Staatsbürgerschaft für Kinder von Eltern ohne legalen Aufenthaltsstatus sowie für Kinder von Eltern mit bestimmten temporären Aufenthaltsgenehmigungen, beispielsweise Studenten, Touristen oder Personen mit befristeten Arbeitsvisa, einzuschränken. Das Dekret wurde umgehend rechtlich angefochten und landete schließlich vor dem amerikanischen Verfassungsgericht, dem Supreme Court. Für viele Rechtsexperten war die Maßnahme verfassungsrechtlich höchst umstritten, da der 14. Zusatzartikel die Staatsbürgerschaft durch Geburt seit mehr als 150 Jahren schützt. Und tatsächlich: Am 30. Juni 2026 kippte der Oberste Gerichtshof der USA die Verordnung der Regierung mit einer Mehrheit von 6 zu 3. Damit entschied der Supreme Court, dass Kinder von Einwanderern ohne legalen Aufenthaltsstatus und von Eltern mit befristeten Visa grundsätzlich unter den Schutz der "Birthright Citizenship" fallen.
Damit war die Sache allerdings noch lange nicht erledigt. Bereits am 6. August 2026 unterzeichnete unser Präsident zwei neue Dekrete ("Executive Orders"). Eines davon versucht, die bisherigen Ausnahmen für Kinder ausländischer Diplomaten und sogenannte "Alien Enemies" weiter auszulegen. Das andere Dekret richtet sich insbesondere gegen den sogenannten Geburtentourismus und gegen Fälle, in denen ausländische Staatsangehörige mit einem Visum in die USA einreisen, um dort gezielt ein Kind zur Erlangung der amerikanischen Staatsbürgerschaft zur Welt zu bringen. Auch diese neuen Regelungen dürften rechtlich angefochten werden.
Wie viele Kinder tatsächlich im Rahmen des Geburtentourismus in den USA geboren werden, lässt sich nur schwer feststellen. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. Die Zahlen schwanken deshalb je nach Berechnung erheblich. Die CDC (Centers for Disease Control and Prevention) registrierte für 2024 insgesamt 9.576 Geburten von Frauen, die eine ausländische Wohnadresse angaben. Diese Zahl dürfte allerdings nicht ausschließlich echte Fälle von Geburtentourismus umfassen. Eine wesentlich weiter gefasste Schätzung des Migration Policy Institute kommt auf 20.000 bis 26.000 Geburten pro Jahr. Selbst diese höhere Zahl entspricht aber weniger als einem Prozent der insgesamt jährlich mehr als 3,5 Millionen Geburten in den USA.
Was ich in diesem Zusammenhang aber eigentlich erzählen wollte, ist die Rolle, die San Francisco bei der Auslegung des 14. Zusatzartikels schon vor langer Zeit spielte. Es geht um Wong Kim Ark, der 1873 in San Franciscos Chinatown das Licht der Welt erblickte, als Sohn chinesischer Einwanderer. Als Wong Kim Ark von einer längeren Reise aus China nach San Francisco zurückkehrte, wurde ihm die Einreise verweigert, weil er angeblich kein amerikanischer Staatsbürger sei. Ihm wurde bei der Einreise gesagt, dass die 14. Zusatzklausel der Verfassung nicht auf ihn zutreffe. Damit gab er sich aber nicht zufrieden und brachte seinen Fall vor den Supreme Court. Dieser bestätigte im März 1898, dass auch in den USA geborene Kinder ausländischer Eltern grundsätzlich die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten.
Lustigerweise kam das Thema auch während der WM dieses Jahr auf. Der Fußballspieler Folarin Balogun, der in der amerikanischen Mannschaft spielte und eine rote Karte erhielt, die dann nach einem kontroversen Telefonat von Trump wieder aufgehoben wurde, konnte nämlich nur für das US-Team spielen, weil er seine amerikanische Staatsbürgerschaft durch seine Geburt auf amerikanischem Boden erhielt. Seine Mutter war im siebten Monat schwanger, als sie New York besuchte. Die Fluggesellschaft nahm sie wegen der fortgeschrittenen Schwangerschaft nicht mehr mit zurück nach London, sodass sie ihren Sohn schließlich in New York zur Welt brachte. Sachen gibt's!