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Rundbrief Nummer 40
San Francisco, den 02.06.2002
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Aktuelle Diskussion im Forum
Gschaftigkeit
Eine nervige Angelegenheit in Japan ist die von mir so genannte Gschaftigkeit. Im Bayrischen gibt es ja den Ausdruck des "Gschaftlers" -- einer, der so tut, als wäre er ungemein beschäftigt (gschaftig) mit irgendwas, der aber im Endeffekt nur heiße Luft produziert. Das ist im japanischen Berufsleben anscheinend ein Dauerzustand. Die Verkäufer gschafteln wild, rennen (wirklich!) von einem Ort zum anderen und verwirren den aufgeschreckten Touristen mit wilden Wortschwällen, die japanische Kunden übrigens kommentarlos an sich apprallen lassen. Auch wenn man einige Fetzen Japanisch kann, wie wir durch unseren Kurs, verwirrt das Stakkato der Verkäufer und Bedienungen jedoch so, dass man kaum etwas versteht und auch stressbedingt kaum irgendwas rausbringt. Auch strenges Hierarchiedenken herrscht vor: Da kann es schon mal sein, dass ein Angestellter wild in der U-Bahn rumgschaftelt, damit sein Boss, mit dem er zum Mittagessen fährt, einen Platz bekommt.
Ein anderes Massenphänomen ist der von mir so genannte Volkslauf, eine Gruppendynamik, die entsteht, falls eine Menschenmasse plötzlich das Rennen anfängt. Zum ersten Mal fiel mir diese Eigenart auf, als wir bei der Einreise an der Passkontrolle Schlange standen. Für die Japaner waren etwa zehn Schlangen zum Anstehen offen, auf die sich der mit konstanter Gehgeschwindigkeit ankommende Menschenstrom gleichmäßig verteilte. Plötzlich öffnete sich am einen Ende ein weiterer Schalter -- und wie an einer Schnur gezogen beschleunigten die Ankommenden kontinuierlich zur Volkslaufsgeschwindigkeit. Dabei läuft alles äußerst kontrolliert ab, es kommt nur äußerst selten vor, dass jemand gerempelt wird. (Etwa so häufig wie in Westdeutschland, etwas weniger als in Ostdeutschland. In den USA oder Großbritannien hingegen kommt es *nie* vor, dass einen jemand rempelt, das gilt als Todsünde). Allerdings legt's der Japaner nicht aggressiv darauf an, im Zweifelsfall lässt er einem kurz vor dem Zusammenstoß den Vortritt. Auch sieht man öfter Menschen, auch schon in fortgeschrittenem Alter im Anzug durch die Stadt rennen -- wahrscheinlich weil sie zu irgendwas zu spät dran sind. In den USA hingegen rennt niemand -- außer Joggern und Verbrechern auf der Flucht. Rennt jemand in den USA in nicht-sporttypischer Kleidung, geht man besser in Deckung, denn dann könnt's gleich eine Schießerei geben.
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