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  Rundbrief Nummer 54  
San Francisco, den 19.03.2005


Abbildung [1]: Amerikanische Rentner

(Angelika) Wir haben in den Rundbriefen in letzter Zeit viel über die amerikanischen Krankenkassen gelästert und dabei unterschlagen, dass es auch im knallhart-kapitalistischen Amerika eine staatliche Krankenkasse gibt, nämlich die für die Rentner -- genannt "Medicare". Eine rühmliche Ausnahme! Jeder Rentenberechtigte kann ab (zur Zeit) 65 Jahren in diese staatliche Krankenversicherung. Unter 65 erhalten Menschen mit bestimmten Behinderungen oder schwerem permanenten Nierenversagen Medicare-Leistungen. Finanziert wird das Ganze, in dem der Staat 1.45% (Stand 2005) vom Bruttogehalt des Arbeitnehmers einbehält. Der Arbeitgeber trägt ebenfalls 1.45% -- also ein ähnliches Prinzip wie ihr es aus Deutschland kennt. Selbständige zahlen 2.9% (Arbeitgeber- plus Arbeitnehmeranteil) in den Topf ein. In der Regel muss man selbst oder der Ehepartner mindestens 10 Jahre Beiträge geleistet haben, um später Leistungen zu erhalten. Die staatliche Versicherung "Medicare" entstand 1965.

Die traditionelle Medicare-Versicherung unterscheidet zwei Bereiche: die Krankenhausversicherung (Teil A) und die Versicherung für Arztbesuche und andere ambulante Dienste (Teil B). Für die Krankenhausversicherung zahlt der Rentner keine monatlichen Beiträge, aber eine einmalige Selbstbeteiligung von $912 (Stand 2005) für Krankenhausaufenthalte von 1 bis 60 Tagen. Aufenthalte von 61 bis 90 Tagen kosten den Rentner $228 pro Tag. Dieser Betrag steigt auf $456 (!) (ihr habt richtig gelesen) pro Tag, wenn der versicherte Patient zwischen 91 und 150 Tagen im Krankenhaus bleiben muss. Nach 150 Tagen gibt es keine Medicare-Leistungen für Krankenhausaufenthalte mehr. Hat der Patient aber das Krankenhaus für 60 Tage verlassen, springt die Versicherung bei erneuter Einweisung wieder ein. Der Patient zahlt allerdings wieder die oben genannten Beträge zu, d.h. die Selbstbeteiligung gilt pro Aufenthalt und nicht pro Jahr.

Der zweite Teil von Medicare, der Arztbesuche u.ä. abdeckt, kostet eine monatliche Prämie von zur Zeit $78.20. Die jährliche Selbstbeteiligung beläuft sich in 2005 auf $110, danach erstattet Medicare 80% der anerkannten Arztgebühren -- der Patient bleibt auf 20% sitzen.

Wenn ihr beim Zitieren meiner Zahlen jetzt nicht eingeschlafen seid, ist euch nicht entgangen, dass die Zuzahlungen enorm sind. Selbst mit Medicare-Versicherung steht der Rentner bei langwieriger Erkrankung vor dem Bankrott. Deshalb bieten private Versicherer so genannten "Medigap"- Versicherungen ("gap" = Lücke) zum Kauf an, um die Versorgungslücken zu schließen und Zuzahlungen zu minimieren. Die privaten Medicap- Policen unterliegen dabei staatlichen Richtlinien. Die Prämien schwanken von Versicherung zu Versicherung. Die Höhe richtet sich natürlich auch danach, wieviel Absicherung der Einzelne wünscht. Weder die traditionelle Medicare-Versicherung noch die Medigap- Versicherungen kommen übrigens für den Zahnarztbesuch, Untersuchungen der Augen, Brillen oder Hörapparate sowie Langzeitaufenthalte im Altersheim auf.

Da der Herr Amerikaner ja bekanntlich gerne alles und jedes privatisiert, kam die Regierung schon früh mit der Idee daher, neben der traditionellen, staatlichen Medicare-Versicherung private Anbieter zu erlauben, solange diese dem Rentner Versicherungen mit mindestens den gleichen Leistungen wie die staatliche Medicare anbieten. Diese privaten Versicherungen werden mittlerweile unter dem Namen "Medicare Advantage" zusammengefasst. In der Regel ist ihr Leistungskatalog größer und die Zuzahlungen kleiner, aber der Versicherte unterliegt z.B. Einschränkungen bezüglich der Arztwahl ("managed care") und berappt oft zu der monatlichen Prämie von $78.20 (siehe oben) eine weitere für die Zusatzleistungen.

Interessanterweise hat die traditionelle Medicare-Versicherung bislang nicht für Medikamente gezahlt (ich meine hier verschreibungspflichtige -- für die anderen muss man eh selber aufkommen), was für viele Rentner eine Katastrophe darstellt, denn im Alter steigt ja der Bedarf an Medikamenten bekanntlich. Wer sich private Versicherungen diesbezüglich nicht leisten konnte, schaute in die Röhre oder fuhr am Wochenende nach Kanada, um dort billiger an die Medikamente zu kommen. Wir lesen immer einmal wieder in der Zeitung, dass ältere Menschen ihre eigentlich notwendigen Medikamente nicht regelmäßig nehmen, weil ihnen das Geld fehlt, um ein Rezept einzulösen oder sie nehmen nur die Hälfte der verordneten Menge.

Dieses Medikamententhema bestimmte jeden Wahlkampf, denn auch in Amerika stellen die Rentner eine wichtige Wählerschaft dar. Ende 2003 war es nach langem politischen Gezerre endlich soweit: Medicare nimmt per Gesetz das Zahlen von Medikamenten -- allerdings mit vielen Einschränkungen -- ins Programm auf. 2004 und 2005 gelten dabei als Übergangsjahre: Der Medicare-Empfänger erhält eine Discountkarte, die er beim Medikamentenkauf vorlegt, was ihm 10-15% Ersparnis einbringt. Ab 2006 gilt folgendes: Hat der Rentner seine $250 Selbstbeteiligung erfüllt, übernimmt Medicare 75% der Medikamentenkosten bis zu $2250. Bewegen sich die Ausgaben für Medikamente des Einzelnen dann in der nächsten Stufe zwischen $2250 bis $5100, zahlt die Versicherung nichts. Über die $5100 hinaus muss der Rentner 5% beisteuern. Hinzukommt eine allgemeine monatliche Prämie von ca. $35 für die Medikamentenversicherung. Nun hören sich $2250 vielleicht viel an, aber ich sage euch, verschreibungspflichtige Medikamente sind in Amerika zum Weinen teuer. Die Neuregelungen riechen für viele nach faulem Kompromiss, aber Präsident Bush und seine republikanische Partei erklärten sich nicht bereit, mit der Pharmaindustre zu verhandeln, um Preise für Medikamente festzusetzen, wie von vielen Demokraten gewünscht.

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