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  Rundbrief Nummer 54  
San Francisco, den 19.03.2005


Abbildung [1]: Die "Post Street" auf Englisch und Japanisch ("Po-su-to" und das Kanjii-Zeichen für Straße)

(Angelika) Jeder kennt San Franciscos Chinatown. Selbst wer noch nie San Francisco besucht hat, ist durch so manchen Film mit diesem asiatischen Stadtteil vertraut. Wer könnte die Verfolgungsjagd in dem Klassiker "Ist was Doc?" durch den chinesischen Neujahrsumzug vergessen? Auch wenn das heutige "Chinatown" zu viele billige und kitschige Andenkenläden aufweist, gehört es doch immer noch zum Pflichtprogramm eines jeden Touristen, und auch wir schlendern gern durch die schmalen, bunten Gassen.

Nach Japantown verirren sich hingegen wenige Touristen. Neuerdings erwähnen allerdings einige Reiseführer dieses Viertel, was wir immer daran erkennen, dass Touristen -- mit den besagten Reiseführern bewaffnet -- in unseren japanischen Lieblingsrestaurants sitzen und tapfer das japanische Essen verzehren.

Der Charme Japantowns erschließt sich dem Besucher aber erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten Blick ist es nicht mehr als ein großes Einkaufszentrum -- eingequetscht zwischen dem "Miyako Hotel" und dem Kino "Kabuki", umgeben von den Straßen Geary, Post, Fillmore und Laguna Street.

In Abbildung 1 seht ihr, dass die Straßennamen in Japantown zweisprachig ausgeschildert sind: Oben steht "POST", was in Amerika typisch ist, denn das Wort für Straße ("Street") steht, anders als in Deutschland, nie auf dem Schild. Ist ja irgendwie klar, dass es eine Straße ist. Der Amerikaner mag keine sinnlose Redundanz. Die kleine Tafel mit "1600" und dem Pfeil nach rechts deutet an, dass rechts vom Schild die Hausnummern ab 1600 beginnen. Links davon sind sie kleiner.

Darunter steht das japanische Schild. Darauf stehen vier japanische Schriftzeichen. Die linken drei sind "Katakana"-Zeichen, die dazu benutzt werden, auf japanisch ausländische Worte zu lautmalen. Die ersten drei Zeichen werden "Po-Su-To" ausgesprochen. Da Japaner keine harten Konsonanten ohne Vokale kennen, ist "Post" nicht ganz einfach auszusprechen. Deswegen werden an das "S" und das "T" in "Post" ganz einfach Vokale angehängt, denn "Su" und "To" sind gängige japanische Silben. Um das nochmal klarzustellen: Die drei Katakana-Zeichen bedeuten keineswegs "Post" auf japanisch. Sie lautmalen nur das englische Wort, das klingt zwar etwas merkwürdig, aber so reden Japaner englisch. Übrigens sagen waschechte Japaner zu "Yahoo!" immer "Yafoo!", denn den Laut "H" gibt es im Japanischen, wie auch im Französischen nicht. Das vierte Zeichen auf dem oberen Schild ist ein Kanjii-Zeichen, das "Straße" symbolisiert. Wenn ihr mal in einer Quiz-Show eingeladen seid, könnt ihr damit protzen, dass ihr wisst, dass alle japanischen Kanjii-Zeichen identisch mit den chinesischen Schriftzeichen sind, aber in China anders ausgesprochen werden.

Abbildung [2]: In der Shopping-Mall in Japantown

Hässlich ist Japantown zudem noch, da die beiden Einkaufspassagen, die "Kintetsu" und "Miyako" Mall in den späten 60iger Jahren in einem Anfall von Modernisierungswahn gebaut wurden, dem viele viktorianische Häuser zum Opfer fielen. Viel Beton, wenig Design. Das wiegt auch der so genannte Friedensplatz ("Peace Plaza"), der zwischen den beiden Passagen liegt, mit seiner Pagoda (ebenfalls aus Beton) und einem modernen Springbrunnen nicht auf. Aber wenn ihr ein Stück Japan in San Francisco entdecken wollt, oder wie wir einmal wöchentlich Sehnsucht nach dem Land der aufgehenden Sonne habt, macht euch auf nach "Nihonmachi". Das ist das japanische Wort für Japantown: Mit "Nihon" (oder Nippon) bezeichnen bekanntlich Japaner ihr eigenes Land Japan.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Japantown übrigens um einiges größer. Die Internierung der in Amerika lebenden Japaner im Zweiten Weltkrieg beendete diesen Boom abrupt. Da Japan sich damals mit den Deutschen verbündet hatte und vom Westen in Pearl Harbor angriff, erließ Präsident Roosevelt im Jahr 1942 die Order 9066. Alle aus Japan stammenden Bürger, die auf amerikanischem Boden lebten (sogar diejenigen, die die amerikanische Staatsbürgerschaft besaßen), wurden gezwungen, in Internierungslagern wie "Manzanar" zu leben (Rundbrief 12/2001). Nach ihrer Entlassung erhielten die meisten Japaner ihre Wohnungen nicht wieder und kehrten als Folge daraus nicht in ihre vertrauten Viertel zurück.

Abbildung [3]: "Soko Hardware" auf der Post-Street

Trotzdem findet man auch heute noch Geschäfte in Japantown, die schon seit Generationen in Familienbesitz sind. "Soko Hardware" ist eines davon. Hier findet ihr nicht nur typische Heimwerker-Artikel wie Kabel, Werkzeuge und Farbtöpfe sondern auch originelle japanische Waren wie Reiskocher, Sushi-Messer, Tatami-Matten und japanisches Geschirr. Über Monate war dort im Schaufenster eine Hightech-Toilette ausgestellt, die wir schon von unser Japanreise kannten (Rundbrief 06/2002). Michael war hin und weg und liebäugelte damit, sie zu kaufen. Ich konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten.

Der Schreibwarenladen "Kinokuniya" ist wiederum einer meiner Lieblingsläden. Ich habe ja seit jeher einen Fimmel für gut schreibende Stifte und das Geschäft führt hunderte davon. Schon im zarten Schulalter gab es für mich nichts Besseres als die nagelneue Geha-Filzstift-Packung. Ich gebe es offen zu: Der Herr Japaner weiß, wie man einen guten Stift produziert. Und so stehe ich versonnen vor den Stiftregalen und probiere einen nach dem andern aus, während Michael unruhig von einem Bein auf das andere tritt. Der gleichnamige, dazugehörende Buchladen, hinter dem sich eine bekannte japanische Buchladenkette verbirgt und der direkt gegenüber vom Stifteparadies liegt, führt nicht nur eine riesige Auswahl von Literatur, Magazinen und Comics ("Mangas") in japanischer Sprache sondern auch Bücher über alle möglichen japanischen und aiatischen Themen auf Englisch.

Abbildung [4]: Fotoautomat in Japantown

"Ichiban-Kan", die japanische Variante eines "Dollarstores" oder eines 1-Euro-Ladens, erfreut sich bei uns ebenfalls größter Beliebtheit. In diesem Laden gibt es lauter Krimskrams, von Stäbchen über japanische Süßigkeiten und Knabbereien hin zu Kosmetika zu kaufen. Neulich entdeckten wir dort unser Lieblingsgetränk Gokuri (Rundbrief 06/2002) zum Schlagerpreis. Das Getränk ist auch in San Franciscos Japantown schlecht zu kriegen. Aber leider war das Grapefruit-Getränk wie immer in solchen Läden schnell ausverkauft.

Unsere Hauptbeschäftiung bei unseren Japantown-Besuchen besteht natürlich darin, unsere kulinarischen Gaumen zu verwöhnen. Steht uns der Sinn nach einem japanischem Süppchen mit Udon (dicke weiße Nudeln)- oder Soba (dünne Buchweizen-Nudeln) frequentieren wir das "Mifune".

Ist die Schlange vor dem "Mifune" einmal wieder zu lang, schlendern wir weiter zum "Sapporo-Ya", dessen Spezialität in der Suppe Ramen- Nudeln (mehr der chinesischen Art angelehnt) sind. Ins "Isobune" führen wir unsere Gäste aus, die sich selber noch als Sushi- Anfänger bezeichnen. Denn im "Isobune" schwimmt das Sushi in kleinen Booten platziert direkt vor der eigenen Nase vorbei -- immer im Kreis herum. Man sieht also, was man isst und nimmt sich einfach das Tellerchen vom Boot runter, dessen Sushi man sich zu verzehren traut. Die Sushi-Chefs stehen in der Mitte und bereiten in rasender Geschwindigkeit und mit großer Fingerfertigkeit die rohen Fischspezialitäten auf Reis zu. Viele Insider in San Francisco meinen, dass die Qualität des Sushis im "Isobune" eher durchschnittlich ist. Spaß macht der Laden trotzdem.

Und nun kommt der absolute Geheimtipp, denn ihr hoffentlich für euch behaltet: das "Takara", in dem es ausgezeichnete japanische Hausmannskost gibt. Unserer bescheidenen Meinung nach gibt es im "Takara" das authentischste Essen -- einschließlich der Bedienung: Michael und ich bestellen in der Regel immer ein spezielles Mittagessen, in dem man sich drei Happen japanischer Köstlichkeiten aus einer umfangreichen Liste aussuchen darf. Als Michael aber einmal eine Makrele, einen Lachs und ein Schnitzel bestellte, verdrehte die Bedienung völlig empört die Augen und weigerte sich fast, die gewünschte Bestellung entgegen zu nehmen. Zweimal gegrillter Fisch; das war für ihre japanische Seele zu viel.

Abbildung [5]: "Andersen Bakery" in Japantown

Wenn ihr noch Lust auf etwas Süßes oder Brot im deutschen Stil habt, schlendert zum Abschluß bei der "Andersen Bakery" (Rundbrief 12/2003) vorbei. Der Ableger der Bäckerei aus Hiroshima, die dort von einem Dänen gegründet wurde, wartet zwar nicht mit japanischen Delikatessen auf, aber beim Betrachten der Backwaren denken wir immer, wir stehen in einem deutschen Bäckerladen (nur ohne die Brötchen). Andersens Käsekuchen ist unschlagbar gut.

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