Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 45  
San Francisco, den 01.08.2003

Straßenampeln im Weltraumzeitalter    Kalifornische Knarrengesetze    Kalifornisches Kasperltheater    Topprodukt    Wie lange noch?    Das marode Rentensystem    Das amerikanische Schulsystem    San Francisco Lokal: U-Bahn zum Flughafen

Aktuelle Diskussion im Forum
Golden Gate (San-Franciscan, 11.10.2008)
Leckerkram (Ingo, 24.09.2008)
Mietwagen (martin, 24.08.2008)

Das marode Rentensystem

Im Gegensatz zu den Deutschen, die zu meinem nicht geringen Erstaunen immer noch gerne von staatlicher Rente träumen, haben die Amerikaner bereits die Wahrheit kapiert, und niemand, der heutzutage jünger als 35 ist, ordentlich Geld verdient und einigermaßen bei Verstand ist, erwartet vom Staat irgendwelche signifikanten Rentenzahlungen.

Ich weiß nicht genau, auf welcher Phantasiemathematik deutsche Politiker ihre Kalkulationen basieren, aber versuchen wir's mal mit einer ganz einfachen Rechnung: Während heute in den USA 15 Arbeiter die Rente für einen Rentner zahlen, sind's in 40 Jahren nur noch zwei. In Deutschland wird das Problem wegen dem viel geringeren Ausländeranteil noch gravierender. Das kann nicht funktionieren. Wer sich in 40 Jahren zur Ruhe setzt, muss sich selbst von privat (!) Erspartem durchfüttern können. Die brutale Wahrheit ist, dass niemand 50% seines Gehalts an uns gierige Rentner abdrücken wird. Der Generationenvertrag ist tot, tot, tot.

Abbildung [1]: Oma Meume muss sich ihre Rente in der Gameshow erspielen
Bild vergrößern
In neuem Fenster öffnen

Im Gegensatz zu Deutschland, wo die so genannte Riester-Rente keinen großen Anklang findet, ist das amerikanische Äquivalent, der so genannte 401k-("for-ouh-won-key")-Plan praktisch eine Selbstverständlichkeit für jeden, der nicht vorhat, im Alter in einer Pappschachtel unter einer Brücke zu nächtigen. Der lustige Name leitet sich aus Steuergesetz Nummer 401, Absatz (k), ab.

Typischerweise bieten Arbeitgeber für mittlere bis besserbezahlte Jobs einen 401k-Plan an. Dabei drückt der Arbeitnehmer monatlich automatisch eine bestimmte Summe vom Bruttogehalt (also steuerfrei!) ab, die dann an private Investmentunternehmen wie Fidelity (www.401k.com) überwiesen wird. Der Arbeitnehmer hat üblicherweise die Wahl, das Geld mehr oder minder risikobehaftet anzulegen: Money Market Fonds (ähnlich sicher wie Festgeld), Bonds (Pfandbriefe) oder Aktienfonds. Manchmal gibt's aber auch nur die Aktien des Arbeitgebers zu kaufen, das ist dann nicht so doll.

Auch wenn das Geld bei privaten Firmen wie Fidelity liegt, unterliegt es den gesetzlichen Regulierungen für 401k-Pläne. Das Geld wächst steuerfrei an, denn eventuell anfallende Pfandbriefzinsen und die Aktienfondsgewinne werden nicht versteuert. Man darf in dem Depot nach Herzenslust herumfuhrwerken und das virtuelle Geld -- typischerweise per Internet -- zwischen verschiedenen Anlageformen hin- und herschieben.

Wechselt man den Arbeitgeber, legt man dort einen neuen 401k-Plan an und führt den zusätzlich zum alten. Insgesamt dürfen maximal 12.000 Dollar im Jahr in den 401k-Plan wandern, ab 2006 werden es 15.000 sein. Wenn man 59 ist, darf man seine Bündel anreißen und Geld daraus entfernen -- allerdings muss jeder Cent davon dann entsprechend dem dann eingenommenen Jahreseinkommen versteuert werden.

Üblicherweise braucht man als Greis weniger Geld, deswegen ist die Steuerrate dann niedriger als während des Arbeitslebens. Geht man zu einem Finanzberater, rechnet der einem üblicherweise aus, wieviel Geld man monatlich einzahlen muss, und wann man aufhören darf zu arbeiten, damit das Geld dann bei einer positiven Aktienentwicklung, sagen wir 10% im Jahr, bis zur durchschnittlichen Lebenserwartung reicht. Wird man älter oder kracht die Börse, geht's ab unter die Brücke.

Wegen dem Börsenkrach von 2000 und der bis heute anhaltenden schlechten Anlagestimmung wanderten die 401k-Anlagen vieler Amerikaner in die falsche Richtung: Statt der geforderten 10% Wachstum pro Jahr sackten besonders die Altersvorsorgekonten derjenigen in den Keller, die ihre Rente in so genannte "Aggressive Fonds" angelegt hatten. Vielen ging zur selben Zeit auch noch das Haushaltsgeld aus -- und deswegen rissen nicht wenige ihr Bündel vorzeitig an, und nahmen die damit sofort fällige Versteuerung und eine Strafgebühr in Kauf.

Ein guter Arbeitgeber unterstützt die Altersversorgung seiner Mitarbeiter auch noch mit Zuschüssen mit bis zu 50% auf die Zahlungen, bis zu 6% des Gehalts -- das ist geschenktes Geld, und obendrein auch noch steuerfrei, was, wie die Tabelle in Rundbrief 11/1999 zeigt, ganz schön reinhaut. Die 401k-Webseite verzweigt zu allerlei 401k-Feinheiten.

Außer dem 401k-Plan gibt's auch noch andere Vorsorgevarianten, wie zum Beispiel dem "Roth-IRA", benannt nach einem Senator namens "William V. Roth", der sich für diesen Plan stark machte. Den Roth-IRA kann man durchaus parallel zum 401k führen. In den Plan zahlt man jährlich bis zu $3000 bereits versteuertes Geld ein, entrichtet dann aber auf Zins- und Aktiengewinne sowie entnommenes Geld im Alter keinerlei Steuern mehr. Spitzenverdiener, die alleine $110.000 oder als Ehepaar $160.000 im Jahr ranschaffen, sind aber vom Roth-Ira ausgeschlossen, siehe http://www.fairmark.com/rothira/roth101.htm. Die genauen Regelungen sind sehr kompliziert, und wie alle Steuergesetze nur zu verstehen, wenn man dicke Wälzer liest und regelmäßig die jeweils neusten Änderungen verinnerlicht.

Und, wie immer in den USA, gibt's keine Gleichberechtigung: Ober- und Mittelklässler führen üblicherweise einen 401k-Plan und/oder einen Roth-IRA, wer weniger verdient, braucht alles zum Leben, kann nichts für die Rente zurücklegen, und ist auf die staatliche Rentennotversicherung "Social Security" angewiesen, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils 6.2 Prozent des Bruttogehalts einzahlen, bis zur Höchstgrenze von (Stand: 2003) 87.000 Dollar Jahresgehalt. Allerdings kann man heute schon das Pleitedatum dieser Versicherung ausrechnen: 2032.

Ein interessanter Twist folgt aus der Bevölkerungsverteilung in der Alterspyramide: In 30 Jahren werden hauptsächlich ausländische Zuwanderer, besonders aus lateinamerikanischen Ländern, in die Rentenversicherung einzahlen und damit die Rente einer hauptsächlich weißen Bevölkerungsgruppe finanzieren -- da sind Rassenkonflikte vorprogrammiert.

... weiterlesen


PDF Drucken
RSS Feed
Diskussion im
Forum
Mailing Liste
Impressum



Auf die Email-Liste setzen

Der Rundbrief erscheint in unregelmäßigen Abständen, kurze Ankündigung per Email gefällig?

Ihre Email-Adresse



Alle Rundbriefe:
1996 0
1997 1 2 3 4 5 6
1998 7 8 9 10 11 12
1999 13 14 15 16 17 18 19
2000 20 21 22 23 24 25 26 27
2001 28 29 30 31 32 33 34 35
2002 36 37 38 39 40 41 42
2003 43 44 45 46 47 48
2004 49 50 51 52 53
2005 54 55 56 57 58
2006 59 60 61 62 63 64 65
2007 66 67 68 69 70 71 72
2008 73 74 75 76 77

Spezialthemen:
USA: Schulsystem-1, Schulsystem-2, Redefreiheit, Waffenrecht-1, Waffenrecht-2, Krankenkasse-1, Krankenkasse-2, Medicare, Rente, Steuern, Jury-System, Baseball, Judentum
Immigration: Visa/USA, Warten auf die Greencard, Wie kriegt man die Greencard, Endlich die Greencard, Arbeitserlaubnis
Touren: Alaska, Vancouver/Kanada, Tijuana/Mexiko, Tokio/Japan, Las Vegas-1, Las Vegas-2, Kauai/Hawaii, Shelter Cove, Molokai/Hawaii, Joshua Nationalpark, Tahiti, Lassen Nationalpark, Big Island/Hawaii-1, Big Island/Hawaii-2, Death Valley, Vichy Springs, Lanai/Hawaii, Oahu/Hawaii-1, Oahu/Hawaii-2, Zion Nationalpark, Lost Coast
Tips/Tricks: Im Restaurant bezahlen, Telefonieren, Führerschein, Nummernschild, Wohnung mieten, Konto/Schecks/Geldautomaten, Auto mieten, Goodwill, Autounfall, Credit Report, Umziehen, Jobwechsel, Smog Check
Fernsehen: Survivor, The Shield, Curb your Enthusiasm, Hogan's Heroes, Queer Eye for the Straigth Guy, Mythbusters, The Apprentice, The Daily Show, Seinfeld
Silicon Valley: Netscape-1, Netscape-2, Netscape-3, Yahoo!
San Francisco: SoMa, Mission, Japantown, Chinatown, Noe Valley, Bernal Heights
Privates: Rundbrief-Redaktion


 
Kommentar an usarundbrief.com senden
Lob, Kritik oder Anregungen? Über ein paar Zeilen freuen wir uns immer.

In der Textbox können Sie uns eine Nachricht hinterlassen. Wir beantworten jede Frage und jeden Kommentar, wenn Sie ihre Email-Adresse in das Email-Feld eintragen.

Falls Sie anonym bleiben möchten, füllen Sie das Email-Feld bitte mit dem Wort anonym aus, dann wird die Nachricht dennoch an uns abgeschickt.

Ihre Email-Adresse


Nachricht

 


Impressum
Letzte Änderung: 06-Jul-2008