Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 43  
San Francisco, den 10.03.2003

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Religionen der Welt

Man glaubt es kaum noch, aber vor zwei, dreihundert Jahren war Amerika noch der Zufluchtsort für alle, die irgendwo im alten Europa als absonderlich galten oder irgendwas angestellt hatten, was gegen Gesetze ihres Herkunftslandes verstieß. In der neuen Heimat angekommen, pflegten sie ihre absonderlichen Traditionen weiter und da jeder seine eigene Absonderlichkeit schätzte, fand sich bald ein Konsensus: Jedem seine Lieblingsabsonderlichkeit, solange sie niemandem anderen schadet! Das spiegelt sich auch heute noch so wieder: Religionsfreiheit ist eines der unantastbarsten Dinge überhaupt in Amerika.

Abbildung [1]: "To be a Jew" klärt über jüdische Bräuche auf
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Deswegen bringen wir im Rundbrief eine neue Reihe: "Religionen in der Weltstadt" -- und was Europäer darüber nicht wissen. Heute: Judentum. In San Francisco passiert das eher selten, aber wenn ihr schon mal in New York City wart, sind euch sicher die orthodoxen Juden aufgefallen, die ganz schwarz angezogen sind, Opahüte aufhaben und, darauf wollen wir heute hinaus, sich lange, lange Koteletten wachsen lassen. Was hat es damit auf sich? "You shall not destroy the corners of your beard" (Lev. 19:27) heißt's in der Thora und das bezog sich vor allem auf das Kinn und die Gegend um die Ohren, und wurde dahingehend interpretiert, dass nur Rasiermesser verboten waren, während es erlaubt war, den Bart mit einer Schere zu trimmen. Moderne Elektrorasierer funktionieren ja nicht wie ein Messer sondern mehr wie eine Schere, und so ist es mittlerweile für gläubige Juden durchaus mit ihrer Religion verträglich, sich glatt zu rasieren. Allerdings steht im selben Satz "You shall not round the corners of your head" und das bezieht sich nach Ansicht der orthodoxen Juden auch auf das Trimmen der Kotletten mit einer Schere, weswegen sie diese nicht schneiden, sondern aufzwirlen und ein Leben lang wachsen lassen.

Woher ich das weiß? In Amerika gibt es Bücher über einfach alles. So steht viel Unterhaltsames über jüdische Sitten und Gebräuche in "To Be a Jew" von Rabbi Hayim Helevy Donin. Hat mir ein jüdischer Arbeitskollege empfohlen, der es zu seiner Bar-Mitzvah (so etwas wie Konfirmation) bekommen hatte.

Strenggläubige Juden dürfen übrigens samstags nicht arbeiten. Wenn ihr schon mal in New York City wart, kennt ihr wahrscheinlich "B&H Photo" den berühmten Fotoladen auf der 9th Avenue (an der Ecke zur 33sten Straße), der Fotoartikel hoher Qualität zu günstigen Preisen anbietet. Schaut euch mal die Öffnungszeiten an:

     Sunday: 10:00 am to 5:00 p.m.
Monday through Thursday: 9:00 am to 7:00 p.m.
Friday (winter EST): 9:00 am to 1:00 p.m.
Friday (Summer DST): 9:00 am to 2:00 p.m.
Saturday: Closed

Richtig: Der Laden wird von strenggläubigen Juden betrieben, die den Sabbat ehren. Nun ist B&H seit einigen Jahren auch auf bhphotovideo.com im Internet präsent und führt dort Bestellungen für so ziemlich jeden Fotografen im ganzen Land aus -- aber das ändert nichts an der Tatsache, dass dort am Samstag niemand arbeitet: Die Website läuft zwar, aber der Kundendienst ist geschlossen und die Bestellungen werden erst am Sonntag bearbeitet.

Abbildung [2]: Koshere Gurken?
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Auch das Wort "kosher" habt ihr vielleicht schon gehört. Immer wenn ich Essiggurken kaufe, wundere ich mich über den "Kosher"-Aufdruck (Abbildung 2). Es bedeutet soviel wie "okay", auf Personen bezogen ("Du, der Typ ist nicht ganz kosher!"), aber meist bezieht es sich auf's Essen: "Kosheres" Essen enthält nur erlaubte Zutaten und wurde nach jüdischen Religionsgeboten zubereitet. Das heißt im allgemeinen: Kein Schweinefleisch. Vor ein paar tausend Jahren war es riskant, Schweinefleisch zu essen (Trichinen), da es wegen der nicht vorhandenen Hygienevorschriften schnell verdarb. Heutzutage essen Juden aus dem gleichen Grund kein Schwein mehr, aus dem Katholiken freitags kein Fleisch essen: Tradition.

Eine andere Vorschrift "You shall not boil a kid in its mother's milk" ("Du sollst ein Zicklein nicht in der Muttermilch kochen"1) wurde dahingehend interpretiert, dass man Fleisch und Milch nicht zusammen kochen darf. Das macht in Butter gebratenes Rindfleisch für strenggläubige Juden unzugänglich. Auch Rindfleisch in milchigen Saucen ist tabu. Das Gebot wurde selbst für Hühnerfleisch erweitert, also auch kein "Kan-Kari-Gai" beim Thai. Und in der Küche verwendet man sogar verschiedene Kochtöpfe für Fleisch und Milch. Und verschiedenfarbige Handtücher zum Abtrocknen abgewaschenen Teller, auf denen Milch- oder Fleischspeisen waren! Und nachdem man Fleisch verzehrt hat, muss man einige Stunden warten, bis man Milchprodukte trinkt!

1Dank an Ullrich Göbel für die Korrektur, dass "kid" in diesem Zusammenhang nicht mit "Kind" sondern besser mit "Kitz" oder "Zicklein" zu übersetzen ist.

Auch dürfen Juden kein Blut essen, Blutwurst ist out, Fleisch muss entweder gebraten oder gesalzen werden, bis kein Blut mehr da ist. Auch beim Fisch gibt's Einschränkungen: Nur Flossen- und Schuppentiere sind erlaubt. Kein Hummer, keine Auster, keine Shrimps, Muscheln oder Krabben, kein Aal oder Schnecken.

Was hat das alles mit Gurken zu tun, wie könnten die nicht kosher sein? Es geht darum, dass keine Zutat tierischen Ursprungs ist, oder wenn, dass sie den Kosher-Vorschriften genügt. Unsere Gurken scheinen okay zu sein. Na, da haben wir ja alle nochmal Glück gehabt.

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Letzte Änderung: 06-Jul-2008