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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 41  
San Francisco, den 06.12.2002
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Rundbrief


Abbildung [1]: Superreicher Schauspieler

Nach einem Fünf-Stunden-Flug von Oakland (bei San Francisco) brachte uns eine kleine Propellermaschine von Honolulu nach Lanai. Angelika hatte alles perfekt geplant: Wir würden einen Jeep mit Vierradantrieb mieten (übrigens zu einem nur auf einer einsamen Insel durchsetzbaren Fantasiepreis) und die Sehenswürdigkeiten entlang der ungeteerten Straßen abklappern, was wir gleich am ersten Tag anfingen, indem wir den Spielzeug-Jeep (Marke Jeep Wrangler) über eine Straße mit zum Teil recht tiefem Sand halbwegs professionell zu einem seit Jahrzehnten vor einem einsamen Strand liegenden Schiffswrack manövrierten.

Abbildung [2]: Am Shipwreck-Beach treibt ein Schiffswrack im Wasser

Abbildung [3]: Der fröhliche Jeep-Mieter

Allerdings brach in der folgenden Nacht ein kleiner Platzregen aus. Das traf uns überraschend, denn seit März hatte es in San Francisco, wie jedes Jahr, keinen Tropfen geregnet. Wie sich am nächsten Tag herausstellte, hatte das nachts heruntergeprasselte Wasser alle ungeteerten Straßen der Insel in Wasserlöcher und zum Teil sogar in reißende Flüsse verwandelt, die gerade noch mit einem Panzer befahrbar gewesen wären, allerdings nichts für einen Angeber-Jeep mit Kinderautoreifen. Statt, wie uns empfohlen wurde, den Jeep zurückzugeben und mit einem Buch im Sofa der Hotel-Lounge abzuhängen, zogen wir schwere Bergschuhe und unsere Gore-Tex-Jacken an, fuhren mit dem Jeep an die Trail-Eingänge, stellten ihn ab und liefen sie zu Fuß.

Abbildung [4]: Aber hier hakt's schon aus ...

Abbildung [5]: ... denn der Batz klebt hartnäckig

Zum Teil war es wirklich abenteuerlich, streckenweise waren die Wege einen halben Meter unter Wasser, so dass wir uns Hunderte von Metern durch dichtes Gebüsch schlagen mussten, um weiter zu kommen. Aber der "Garden of the Gods", eine Ansammlung von großen, runden Steinen auf rotem Sand, war es wirklich wert, diese Strapaze durchzuhalten. Am Abend im Hotel standen wir freilich als Helden da. Außer drei jungen, mit einer dicken Schlammschicht überzogenen Leuten mit Mountain-Bikes trafen wir niemand. Die drei hatten, wie sich später herausstellte, gerade angefangen, in einem der Luxus-Resorts als Kellner zu arbeiten, nachdem man sie aus Alaska abgeworben hatte. Einer der drei erzählte, dass er am Abend zuvor im Resort-Restaurant den Gitarristen "Slash" der Gruppe Guns 'N Roses bedient hatte!

Abbildung [6]: Garden of the Gods

Lanai ist winzig. Es gibt einen Flughafen, zwei Resorts, ein Hotel, zwei Imbissbuden und eine Gaststätte, die keine Ausschanklizenz hat, weswegen man Wein/Bier kostengünstig in einem von zwei Supermärkten kaufen und mitbringen darf -- das wird anstandslos serviert. Bleibt man eine Woche, muss man mehrmals in derselben Gaststätte essen, deren Menüs nicht einmal wechseln, das hängt einem schnell zum Hals raus. Bis auf eine Ausnahme gibt's typischen Amifraß, den's eigentlich in Amerika schon gar nicht mehr gibt (zumindest nicht in San Francisco). In den Resorts gibt's superteure (und ich meine *viel* teurer als in San Francisco, wenn euch das etwas sagt) Restaurants mit ganz gutem Essen, das aber keinesfalls das viele Geld wert ist. Dort verkehren golfspielende Schnösel, vorwiegend aus USA und Japan/Korea, die alle gleich angezogen sind: tagsüber weiße Shorts und Polo-Shirt, am Abend beige "Slacks" und Hemd. Die Resorts sind teuer ($300 die Nacht) und geschmacklos. Man kann auch Bungalows mit Butler mieten ($2000 pro Nacht), was angeblich Filmstars gerne machen. Wir wohnten im "Hotel Lanai" in der "Innenstadt" von Lanai City (geschätzte 3000 Einwohner) zu relativ vernünftigen Preisen und lachten über die Resort-Kasperln, die sich außerdem schwarz ärgerten, weil wegen des Regens sogar die Golfplätze gesperrt waren!

Abbildung [7]: Michael sinniert an der Haustür in den Regen hinein

An einem anderen Tag nahmen wir uns den "Munro-Trail" vor, eine etwa 20km lange Offroad-Strecke, die kreuz und quer durch Lanais höchste Bergkette führt. Durch Nebel und Regen waren die grandiosen Ausblicke zwar teilweise völlig unsichtbar oder auf kleine "Fenster" beschränkt, aber der Weg führte dramatisch durch Wolken, die unschlüssig herumlungerten und sich nicht entscheiden konnten, ob sie noch abregnen wollten oder nicht.

Abbildung [8]: Grell: Die Farben

In Hawaii ist es scheinbar, ähnlich wie auf dem amerikanischen Festland, ganz und gar unüblich, größere Strecken zu Fuß zurückzulegen. So fragten wir den Concierge in einem Super-Luxus-Resort nach dem Weg, worauf dieser merklich zögerte und zu verstehen gab, dass er uns zwar den Weg erklären, aber keinerlei Verantwortung dafür übernehmen könne, was uns eventuell zustoßen könnte. Ich hielt das wieder für amerikanische Übervorsichtigkeit, die Betriebe gerne an den Tag legen, um sich vor gigantischen Schadensersatzforderungen zu schützen und deutete lachend auf die schweren Bergstiefel deutscher Bauart, mit denen ich über den Holzfußboden der noblen Hotelhalle marschiert war. Wir erfuhren aber am nächsten Tag von unserer Hotelmanagerin, dass der Concierge tatsächlich dort angerufen und sich besorgt über die beiden verrückten Wanderer geäußert habe. Gut, gut, auf gebirgiger Strecke 20km zurückzulegen, ist nicht von Pappe, aber die fitnessstudiogestählten Rundbriefreporter schaffen das!

Abbildung [9]: Unsere Fußstapfen sind die einzigen weit und breit

Abbildung [10]: Ehemalige Plantage auf Lanai/Hawaii

Am Ende des Weges stand ein Wegweiser mit der Aufschrift "Exit", der über eine ungeteerte Straße offensichtlich zur Landstraße wies. Wir sahen aber Lanai City am Horizont und wählten eine alte Plantagenstraße, die dorthin zu führen schien. Allerdings hatten wir nicht damit gerechnet, dass diese aus rotem Staub bestehende und ca. 10 Meter breite Straße sich wild gabeln und um irrsinnige Kurven herumführen würde. Die hügelige Plantagenlandschaft mit dem mannshohen unpassierbaren Unkraut, das die ursprünglichen Ananasstauden mittlerweile ersetzt hatte, bot keinerlei großflächige Orientierung. Nachdem wir einige Gabelungen ausprobiert hatten, die dann kurze Zeit später in wilden Kurven zurück zum Berg und weg von der Landstraße führten, stellte sich leichte Panik ein, denn in zwei Stunden würde die Dunkelheit hereinbrechen (was auf Hawaii bedeutet, dass es blitzartig kuhnacht wird) und wir waren noch immer rund 10 Kilometer von Lanai City entfernt.

Abbildung [11]: Warten auf Mitfahrgelegenheit

Wir liefen also wieder zurück zum "Exit"-Schild und folgten dem Staubweg bestimmt vier Kilometer lang, bis wir auf die Landstraße stießen. Wegen der drohenden Dunkelheit hatten wir unsere Schritte auf Sturmtruppenmarschgeschwindigkeit beschleunigt und stellten, an der Schnellstraße angekommen, erschöpft fest, dass nur etwa alle fünf Minuten ein Auto vorbeikam, von denen aber keines anhielt, obwohl wir den Daumen raushielten. Schließlich kam ein kleiner Pickup-Truck daher, in dessen Führerhäuschen zwei etwa 18-jährige asiatische Jungs saßen, die prompt anhielten und uns anboten, auf der Liegefläche des Pickups Platz zu nehmen. Sie fuhren die 8 Kilometer auch wie der Blitz, und schwenkten am Ende sogar in die halbkreisförmige Hoteleinfahrt ein, wo wir absprangen, uns herzlich bedankten, in unser Zimmer marschierten, schnell duschten, um rechtzeitig um 7 Uhr an unseren reservierten Tisch im feinen Restaurant Platz nahmen, wo wir lachend feststellten, dass einer der beiden Buben dort als Serviergehilfe arbeitete!

Oahu

(Angelika) Für die meisten ist die Insel Oahu gleichbedeutend mit Hawaii, was strenggenommen natürlich nicht stimmt, denn nur die Vulkaninsel "Big Island" heißt offiziell Hawaii.

Die Insel Oahu ist bekannt für die Hauptstadt Honolulu, die Fernsehserie "Magnum", den Strand von Waikiki, der als Geburtsort des Surfens gilt und natürlich Perl Harbor, der Militärhafen, das Synonym für das geschichtliche Ereignis, das jeder Amerikaner kennt, selbst wenn er im hinterletzten Winkel von Amerika wohnt. Für die Geschichtsmuffel unter euch schnell ein wenig Nachhilfe: Die Japaner griffen Perl Habor im Zweiten Weltkrieg überraschenderweise an und zwangen somit die USA, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten. Oahu, präziser gesagt Waikiki, ist eine Mischung aus Mallorca und Ibiza; nur dass sich dort nicht deutsche und britische Touristen sondern japanische und amerikanische tummeln.

Abbildung [12]: Waikiki Beach: Ist der nicht aus Baywatch? Hm, nein.

Eine Bettenburg nach der anderen, soweit das Auge reicht und davor ein kleiner "sehen und gesehen werden"-Sandstrand. Ansonsten besteht Waikiki aus zig "Shopping-Centern" und Kaufhäusern, die vor allen Dingen japanische Touristen umwerben, für die Hawaii das nächstgelegene Reiseziel mit Sonne ist. Vieles ist mit japanischen Schriftzeichen versehen. Als wir in dem Bierrestaurant "Gordon Biersch" in Honolulu essen gingen, händigte uns der Ober doch tatsächlich zunächst eine japanische Speisekarte aus. Was haben wir gelacht.

Abbildung [13]: Honolulu: Preise auch auf Japanisch

Wir ahnten schon, dass es in Waikiki so zugehen würde und buchten deshalb ein kleines Apartement in Kailua (ca. 30 Autominuten von Waikiki und Honolulu entfernt) in einer ruhigen Wohngegend -- ein Glückstreffer, wie sich bald herausstellte, denn das Apartement war groß und geräumig und verfügte über einen Balkon mit Blick aufs Meer. Zum wunderschönen langen Sandstrand konnten wir sozusagen spucken. Der "Kailua Beach" gilt nicht nur als eines der besten Schwimm-Strände -- und zwar das ganze Jahr über -- sondern als Top-Strand zum Windsurfen.

Abbildung [14]: Die neuen Drachensurfer

Unter Windsurfen verstanden wir bisher, dass man sich ein Surfbrett unter die Füße schnallt und dass darauf ein Segel angebracht ist, das den Wind einfängt. Ich sage euch, damit ist man in Kailua sowas von "out". Jeder der Windsurfer brauste hier mit einem riesigen fallschirmartigen Gebilde über das Meer. Dabei steht der Windsurfer auf einem Surfbrett und hält mit beiden Armen den Fallschirm hoch am Himmel in Schach. Da sich am Strand von Kailua darin auch so mancher Anfänger versucht, mussten wir immer höllisch aufpassen, dass uns so ein Riesenfallschirmteil nicht überrennt. Michael, der ja sonst eher alle sportlichen Verrückheiten ausprobiert, kriegte sich überhaupt nicht mehr ein über diese Art des Windsurferns. Er meinte, dass sich die Leute doch gleich einen Propeller an die Stirn schrauben sollten, denn das sähe genauso "elegant" aus.

Abbildung [15]: Am Strand in Kailua/Oahu

Die Nordküste Oahus hingegen ist im Winter das Paradies der besten Wellensurfer. Wir erwähnten ja schon einmal, dass die hawaiianischen Inselbewohner wegen der ganzjährig gleichbleibenden Temperaturen Winter und Sommer häufig dadurch beschreiben, dass sie die Wellenhöhe in diesen Jahreszeiten angeben: Im Winter (ca. Oktober bis April) erwarten sie an vielen Stränden mörderisch hohe Wellen, in die sich nur noch erfahrenste Surfer und Schwimmer trauen, im Sommer hingegen haben auch die mittelmäßigen Schwimmer eine Chance.

Abbildung [16]: Michael planscht im Wasser

An der Nordküste Oahus findet man in den Wintermonaten kaum einen Strand, an dem sich Schwimmer ins Wasser wagen. Wellen, die sich zu 10 bis 12 Metern Höhe aufbäumen, sind ganz normal. Als das sichere Erkennungszeichen für einen tollen Strand oder gute Wellen gilt in Hawaii (verwirrenderweise sagt man in Amerika auch dann Hawaii, wenn man sich auf die ganze Inselgruppe und nicht nur auf Big Island bezieht), dass plötzlich am Straßenrand unzählige Autos wahllos parken. Darunter befinden sich dann immer auch einige Pickup-Trucks, denn auf der Ladefläche hat das Surfbrett gut Platz. Jaja, die Surfer sind schon ein lustiges Völkchen.

Trotz Autobahnen, riesiger Hotelanlagen und typisch amerikanischer Einheitsläden fanden wir wunderschöne einsame Plätze auf Oahu. Den ganzen Urlaub beschäftigte mich allerdings die Frage, warum der Amerikaner seine Geschäftsketten so liebt, dass er selbst im tropischen Oahu nicht auf LongDrugs, Safeway-Supermarkt, Starbucks und Walgreens verzichten kann. Warum muss selbst auf Oahu jede "Shopping Mall" gleich aussehen und mit den immer gleichen Geschäften aufwarten? Was treibt diesen Drang zur Gleichförmigkleit an?

Abbildung [17]: In Chinatown hat jemand eine Stinkfrucht auf ein Auto gelegt

Ein Alibi-Multikulti-Viertel gibt es allerdings auf Honolulu: Ein so genanntes "Chinatown", mit vorwiegend vietnamesischen Restaurants, vor denen Leute stundenlang anstehen, um "Pho"-Suppen zu essen. Aus San Francisco kommend, kann man darüber nur lachen, denn dort "Pho" zu essen, ist etwa so exotisch wie sich einen Hamburger einzuverleiben, dafür braucht man nicht anzustehen, auf der Geary-Street allein gibt es sicher zwanzig Restaurants.

Eine Ecke auf der Insel Oahu gibt es, die touristisch noch völlig unerschlossen ist. An der "Waianae Coast" wohnen die meisten Urhawaiianer und wehren sich mit Händen und Füßen, dass die reichen Schnösel kommen und die Landschaft mit Bettenburgen und Golfplätzen zubauen. Zu unserer Freude lasen wir im Reiseführer, dass sie damit bisher recht erfolgreich waren. Der Reiseführer warnte allerdings, dass es an der Waianae Coast immer wieder zu unerfreulichen Zwischenfällen kommt. Da werden schon einmal Mietautos aufgeknackt oder die Seitenscheibe eingeschlagen, oder Touristen ausgeraubt und angepöbelt.

Das schreckte uns aber nicht ab, obwohl wir uns, durch unser Mietauto bedingt, drei Kilometer gegen den Wind als Touristen zu erkennen gaben. Wir erlebten diesen Landstrich als eine der interessantesten Ecken Oahus. Es geht ziemlich anarchisch zu -- überall sieht man Leute wild zelten oder in alten VW-Bussen campieren.

Abbildung [18]: Honolulu: Großstadt im Grünen

Michael und ich lieben es, für unsere Gaumen ungewöhnliche kulinarische Köstlichkeiten auszuprobieren. So beschlossen wir, die traditionelle hawaiianische Küche zu testen. Das sonderbare "Poi"-Mus gehört dazu wie der Reis zur asiatischen Küche. Es wird aus der Wurzel der Taro-Pflanze gewonnen. Taro gilt als eine der ältesten Gemüseplanzen und war über Jahrtausende das Grundnahrungsmittel der Polynesier. Auch heute findet man auf den hawaiianischen Inseln überall Tarofelder. Poi sieht aus wie ein hellbrauner, grauer Babybrei ohne starken Eigengeschmack, nur leicht säuerlich mit verhaltenen Bitterstoffen. Natürlich strotzt Poi nur so vor gesunden Nährstoffen und wird wegen seiner leichten Verdaulichkeit als Babynahrung oder Schonkost für Magenkranke eingesetzt (nun könnt ihr euch ungefähr vorstellen, wie es schmeckt). Wir aßen dazu Schweinefleisch und Hühnchen und die gekochten grünen Blätter der Taro-Pflanze, die Spinat ähneln, aber noch viel besser schmecken. Während Poi nicht gerade zu meinen Lieblingsessen zählt, wünschte ich, es gäbe Taro-Blätter in San Francisco zu kaufen.

Das Rundbrief-Topprodukt: "Maui Babe"

Ich habe ja noch nie ein Topprodukt vorgestellt, wie die erfahrenen Rundbriefleser wissen. Aber beim Produkt "Maui Babe" gab es kein Halten mehr. Schon der Name ist genial. Das Produkt verspricht gleichmäßige Bräune, ohne dass die Haut verbrennt. Bräunungscreme nennt man so etwas -- glaube ich -- im Volksmund. Nur enthält "Maui Babe" keine Chemie und ist auch frei von künstlichen Farbstoffen. Nach einem alten Familienrezept aus hawaiianischen Naturstoffen (u.a. auch Kona Kaffee - das kann nur gut sein) mixt sich die Creme zusammen.

Abbildung [19]: Topprodukt "Maui Babe"

Ich hätte die normalerweise gar nicht ausprobiert, denn ohne Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor bin ich in Minuten krebsrot. Aber unsere Nachbarin in San Francisco, hinter der sich eine eingefleischte Hawaii-Urlauberin verbirgt und die über genauso empfindliche Haut verfügt wie ich, schwärmte davon. Außerdem hörte ich vor kurzem einen Bericht, dass die Wissenschaft neuerdings mit Kaffee als Sonnenschutzmittel experimentiert. Auch normale Sonnencreme kann man unter "Maui Babe" ohne Probleme auftragen. Ich machte den Selbsttest an meinen Beinen, da Michael mich immer damit aufzog, wie weiß diese ihm entgegenstrahlten.

Tatsächlich legte sich ein eleganter brauner Ton über meine Beine, die ich außerdem sicherheitshalber mit Sonnencreme eingeschmiert hatte (erwartet allerdings keine Wunder). Die Haut war sanft und weich und nicht ausgetrocknet. Die Creme ist allerdings sehr ölig und nach dem Einschmieren bekam auch mein Buch einige Flecken ab.

Die Platte des Monats

(Michael) Mit alternden Rockmusikern ist es ja so eine Sache: Paul McCartney zum Beispiel ist eine Witzfigur. Naja, der gesichtsoperierte Vegetarier war nach meiner persönlichen Theorie schon immer eine hohle Attrappe, und nur John Lennon der geniale Kopf der Beatles. Cheap Trick? Die waren allerdings bis zum Ende gut. Mick Jagger? Naja, ganz okay. Pink Floyd? Solala. The Who? Geht so. Und wo zum Teufel ist Udo Lindenberg? Neulich stand "Up" von Peter Gabriel im Regal. Gar nicht mal schlecht für den alten Knaben.

Abbildung [20]: One by One -- Foo Fighters

Im Vergleich geht mir aber immer mehr auf, wie gut die Musik einiger ausgesuchter neuer Bands heutzutage ist. Vor ein paar Jahren war Stillstand in der Musikszene. Dann kamen plötzlich Leute wie Limp Bizkit und kehrten das Unterste zuoberst. Mittlerweile sind sie ja in der Szene verhasst, aber ich höre sie immer noch. Eminem! Ein ärgerlicher junger Mann, ganz nach meinem Geschmack. Und die Foo Fighters! Kürzlich kehrte ich zu einem schon vor einigen Jahren erschienenen Klassiker zurück: "There Is Nothing Left to Lose" -- die Platte dieses Monats! Immer wenn ich "Generator" höre, möchte ich damit die ganze Stadt beschallen, und so laut aufdrehen, dass man es bis ins PacBell-Stadion hört.

Die neue Scheibe "One by One" ist nichts für schmusige Gemüter, denn außer der Ballade "Tired" fetzt sie gewaltig. Außer dem recht flachen Eingangsstück erinnert mich die komplizierte Musik ein wenig an REM. Am besten stellt man sich die Band in einem klitzekleinen Club vor, in dem sie vor 50 Leuten spielen und in den man durch Zufall hineingerumpelt ist.

Übrigens ist sogar der bestimmt sechzigjährige David Letterman (Amerikas Harald Schmidt) Fan dieser Band. Ein andermal werde ich das Phänomen besprechen, dass in den USA, ganz anders als in Deutschland, selbst Leute im Greisenalter noch Turnschuhe tragen und Platten von Rockbands hören.

Mysterium Baseball

Wie schon oft erwähnt, gibt sich der Amerikaner seltsamen Sportarten hin. Baseball ist so ein Fall. Heute nehmen wir einmal die Regeln durch.

Abbildung 21 zeigt eine typische Spielsituation, aufgenommen im Pacbell-Stadion in San Francisco, wo der rasende Rundbriefreporter (live!) ein ganzes Spiel durchsaß und seine mitgekommenen Arbeitskollegen immer wieder mit Fragen belästigte, bis er logische Erklärungen für das scheinbar absurde Spielgeschehen erhielt.

Abbildung [21]: Die Aufstellung beim Baseballspiel

Seht euch einfach Abbildung 21 an. Die gelben Nummern markieren die Spielerpositionen. Der rosafarbene Kreis links im Bild ist die so genannte Homeplate. Dort stehen, von rechts nach links, der Mann mit dem Knüppel ("Batter", 2), der Fänger mit Helm und Handschuh ("Catcher", 3) und der Schiedsrichter, genannt "Umpire" (4). Weiter rechts im Spielfeld ist ein zweiter, kleinerer rosa Kreis, in dem der Werfer (1) steht. Weiter rechts folgt eine breite rosa Straße, das so genannte "Infield", in der drei weitere Figuren, die so genannten Infielder (5 bis 8), stehen. Und rechts von der Straße ist das Grün des "Outfields", das den Rest der Stadionfläche einnimmt.

Abbildung [22]: Der Fänger wirft, Fänger und Batter lauern.

Im Prinzip geht Baseball so: Der Werfer (1) wirft den Ball zum Fänger (3) und der dazwischenstehende Batter (2) versucht, ihn mit seinem Knüppel wegzuschlagen. Gelingt ihm das, wirft er den Knüppel weg, und rennt, so schnell er kann, an der weißen Linie entlang zur in Abbildung 21 mit einer roten 1 markierten so genannten "First Base", einem weißen Kissen, das in der Ecke auf dem Boden befestigt ist. Von dort geht's weiter zur roten Nummer 2 ("Second Base"), weiter zur mit 3 markierten "Third Base" und schließlich weiter zum Ziel, dem vierten Eckpunkt, der "Fourth Base". Kommt er dort an, kriegt die Mannschaft einen Punkt.

Abbildung [23]: Im Outfield stehen kaugummikauende Outfielder und langweilen sich

Während der Batter rennt, versuchen die Infielder und auch vier weiter rechts im grünen Outfield stehende, mit Fängerhandschuhen bewaffnete "Outfielder", den Ball zu fangen und wieder ins Infield zu befördern. Und jetzt kommt's: Rennt der Batter gerade auf eine Base zu und ein Infielder wartet dort grinsend und mit dem Ball in der Hand auf ihn, hat der Batter verspielt -- er ist "out".

Jetzt werdet ihr euch fragen: Wer gehört denn eigentlich zu welcher Mannschaft? Wer aufgepasst hat, weiß es: Alle gehören demselben Team an -- bis auf den Batter, der für die andere Mannschaft spielt.

Der Pitcher, der Fänger, die Infielder und die Outfielder gehören alle zum verteidigenden Team, der Batter ist der Angreifer von den anderen. Der Pitcher versucht, den Ball so zum Fänger zu werfen, dass ihn der Batter nicht mit dem Knüppel zu fassen kriegt. Dazu signalisiert er dem Fänger öfters mit geheimen Zeichen, wie der Ball kommen wird: Je nachdem, ob er sich ans Ohr fasst oder in der Nase bohrt, kommt der Ball hoch oder tief, mehr nach links oder rechts, angeschnitten oder super-schnell.

Nach drei erfolgreichen Würfen (Strikes) ist Schluss und der Batter muss gehen. Allerdings muss der Werfer den Ball in vorgeschriebenem Abstand knapp am Batter vorbei zum Fänger werfen, sonst ist der Ball aus. Passiert das mehr als dreimal, ist der Werfer aus und der Batter darf ungeschoren zur nächsten Base laufen.

Abbildung [24]: Der Pitcher (links) hat geworfen, der Catcher gefangen, aber der Ball war aus.

Trifft der Batter den Ball aber mit dem Knüppel und die etwa tennisballgroße Kugel kullert ins Feld (wenn sie ins Aus knallt, gildet's nicht), bricht die Panik aus und die Feldspieler setzen sofort alles daran, den Ball aufzufangen und ihn zurückzuspielen, damit die Infielder die Bases so belagern können, dass einer von ihnen lachend mit dem Ball in der Hand auf den keuchend anstürmend Batter wartet und ihn damit zurück auf die Bank schickt.

Steht der Batter allerdings mit einem Bein auf einem Base-Kissen, kann ihn keiner ins Aus befördern. Nur wenn er zwischen den Bases herumrennt, ist er verletzlich und ein auf der nächsten Base positionierter Fänger kann ihn mit Ball stoppen. Das Ganze ist für den Batter also ein Pokerspiel. Sieht er, dass er es nicht mehr bis zur nächsten Base schafft, kann er sich einfach auf der aktuellen niederlassen und seine Mannschaft schickt, wie bei einem Flipper mit Multiball-Funktion, zusätzlich zum geparkten Spieler den nächsten Batter ins Rennen. Das führt zu so genannten "Loaded Bases", denn jeder Batter darf parken. Dann wird's spannend, denn mit jedem erfolgreichen Schlag des neuen Batters dürfen die geparkten Spieler versuchen, zur nächsten Base zu gelangen oder gar zur vierten Base, wofür das angreifende Team dann pro Mann einen Punkt bekommt. Und, das macht das dröge Spiel auch in den scheinbaren Ruhepausen interessant, denn auch während der Fänger sich vorbereitet und dem Fänger mit geheimen Handzeichen übermittelt, wie der nächste Ball kommt, dürfen die geparkten Batter versuchen, zur nächsten Base zu gelangen -- falls es klappt, nennt man das "Stolen Base".

Wenn der Batter mit seinem Knüppel (Bat) den Ball allerdings mit voller Wucht trifft und dieser in die Zuschauerränge oder gar aus dem Stadion hinaus fliegt, kann ihn natürlich kein Fänger mehr kriegen. Somit ist der Batter nicht mehr zu stoppen, und er kann in aller Seelenruhe grinsend von Base zu Base und zum Ausgangspunkt zurückrennen und einen Punkt kassieren. Das nennt man einen "Home Run".

Schlägt der Batter den Ball mit dem Knüppel weg und ein Gegenspieler fängt ihn auf, ohne dass er den Boden berührt, ist allerdings der Batter "out".

Ein Baseballspiel besteht aus 9 Durchgängen, so genannten "Innings", die jeweils eine "upper" und eine "lower" Halbzeit haben, in denen jeweils ein Team angreift und das andere verteidigt. Die Punkte jedes Innings zählen, so kann es sein, dass das erste 1:2 ausgeht, das zweite 0:0, das dritte 4:3 und so weiter. Wer am Schluss die meisten aus allen Innings zusammengezählten Punkte hat, gewinnt. Typisch gehen die Spiele irgendwie 6:8 oder 5:6 aus.

Abbildung [26]: Statistik: Hit-Ratio

Lustig ist, dass es im Baseball keinerlei Zeitbeschränkungen gibt. Das Spiel geht nicht 20 Minuten oder 1 Stunde, sondern solange, bis die verschiedenen vorgeschriebenen Spielzüge der 9 Innings durchgespielt sind. Theoretisch könnte ein Spiel unendlich lang dauern, aber typischerweise ist nach 2 bis 3 Stunden Schluss.

Am Rand des Spielfelds (unten Mitte und links Mitte in Abbildung 21) seht ihr mit weißen Linien auf den Rasen gezeichnete Kästen. Das sind die Aufenthaltsräume für den First- und Third-Base-Coach, beides Assistenten des Teamtrainers, die den auf den Bases stehenden Spielern geheime Strategien zustecken. Es gilt offensichtlich als schick ("Ich lass mir doch nichts vorschreiben!"), sich als Trainer nicht in die Box zu stellen, sondern leicht daneben.

Abbildung [27]: Mehr absurde Statistiken

Baseballfans sind ruhig und friedlich. Jeder kann seine Mannschaft anfeuern, egal wo man im Stadion sitzt, tatsächlich sitzen alle bunt gemischt. Mein Kollege Jeremy hat sogar mal im Stadion von San Francisco laut die San Francisco Giants ausgebuht, und die rund um uns herum sitzenden Giants-Fans haben nur gelacht. In einem deutschen Fußballstadion würden da Köpfe rollen! Aber wie auch beim Eishockey oder Football identifiziert sich der Amerikaner zwar stark mit seiner Mannschaft, würde aber nie im Leben zu raufen oder pöbeln anfangen. Seiner Mannschaft ist der Amerikaner meist schon seit Kindestagen verbunden. Da viele Amerikaner nicht ihr ganzes Leben lang im selben Bundesstaat wohnen, ist es keine Seltenheit, dass jemand, der in San Francisco wohnt, z.B. eine Mannschaft aus Florida anfeuert.

Auch bleiben die Zuschauer nicht richtig am Ball. Da geht schon mal einer eine Wurst oder Bier holen oder unterhält sich mit dem Nachbarn. Meistens verpasst man auch nichts, denn das Spiel besteht zu 80% aus Stillstand, in denen sich der Werfer vorbereitet oder die Leute auf ihre Positionen zurückkehren. Die werbetreibende Industrie nutzt das im Fernsehen, um ständig Spots einzublenden. Einer der Gründe, warum sich in den USA Fußball (Soccer) nie durchsetzen wird, ist, dass es sich nicht dauernd und berechenbar unterbrechen lässt.

Das Fernsehen wartet, um das traurige Spiel aufzumotzen, mit irrsinnigen Statistiken auf. Der "Hit-Ratio" eines jeden Batters wird eingeblendet, wenn sein Name als Untertitel erscheint. Der Wert ist zwischen 0 und 1, also typischerweise 0.638 und bezeichnet den Prozentsatz der von diesem Batter getroffenen Bälle -- der vorliegende Wert besagt also, dass er in der laufenden Saison 63.8% aller korrekt geworfenen Bälle (Aus-Bälle gilden nicht) mit dem Knüppel traf und bei 36.2% danebenschlug oder den Knüppel im Sack ließ.

Tritt der Batter ab, nimmt er übrigens nie seinen Knüppel mit. Vielmehr wirft er das (laut Eastbay-Katalog) mehrere Hundert Dollar teure Teil lässig auf den Boden, von wo ihn eigens engagierte Bat-Boys (meist kleine Jungs, ähnlich den Balljungen beim Tennisspiel) aufschnappen und zur Mannschaftsbank bringen.

Wegen der immanenten Langeweile des Spiels kauten Baseballstars früher auf großen Batzen Kautabaks herum, den sie in grotesk ausgewölbten Backen spazierentrugen und in regelmäßigen Abständen einen Strahl brauner Soße ausspuckten. Da Kautabak Mundkrebs verursachen kann und Baseballspieler Vorbildfunktion für viele Jugendliche übernehmen, kauen die Stars heute ostentativ auf riesengroßen Kaugummis herum.

Unter den Spitzenspielern gibt es auffällig viele Mexikaner. Ich war erstaunt, wie viele "Hernandez" oder "Gonzales" heißen. Der Rest ist ungefähr 30% schwarz und 60% weiß.

Kinder, Schüler und Frauen spielen in den USA nicht Baseball, sondern Softball. Die Regeln sind ähnlich, allerdings ist der Ball etwa doppelt so groß und weicher. Außerdem wird er nicht von oben und aus dem Ellbogen herausworfen, wie im Baseball, sondern von unten aus Hüfthöhe.

Da praktisch jeder mit dem Sport aufwächst (American Football kann man selbst in der foul-freien Touch-Football-Form wegen der hohen Verletzungsgefahr fast nicht zu Hause spielen), kennen fast alle die höllenkomplizierten Baseball-Regeln, von denen es außer den heute beschriebenen noch dicke Bände voll gibt. Die wahren Fans sitzen mit so genannten Score-Cards im Stadium und notieren die Spielstände in den einzelnen Innings. Das Ganze ist irgendwie eine Mischung aus Schach und Handball, in dem es soviele strategische Züge gibt, dass einem schwindlig wird und eine "Vierer-Abwehrkette" dagegen als Kinderkram erscheint. Ich schaue, wenn's denn schon ein Sport sein muss, dann doch lieber Fußball.

Wie wir so tolle Bilder machen

(Michael) Immer wieder fragen die Leute: Wie macht ihr so tolle Bilder? Antwort: Mit billigen Kameras und ein bisschen Erfahrung. Ich bekomme Anfälle, wenn ich höre, dass sich wieder irgendein Urlaubsfotografierer eine superteure Kamera kauft und damit natürlich genau gleichschlechte Bilder produziert. Teure Kameras sind unnütz. Wer für eine Spiegelreflex mehr als 250 Euro (Body) oder für eine Digitalkamera mehr als, sagen wir mal, 400 zahlt, wirft sein Geld zum Fenster raus. Wenn man nicht jeden Tag fünf Stunden lang fotografiert und seinen Lebensunterhalt damit verdient, bringen die zusätzlichen Funktionen überhaupt nichts. Ich bin ein ausgesprochener Fan von so genannten Point-and-Shoot-Kameras, die ein 35mm-Negativ produzieren und alles automatisch machen. Man kommt damit schon sehr weit, aber die Automatik versagt in Situationen mit schwierigem Licht. Wer Bescheid weiß, kann sie überlisten und korrigieren. Die heutigen Digitalkameras im oben genannten Preisbereich sind etwa auf diesem Stand.

Abbildung [28]: Schöne Farben dank parallel einfallendem Abendlicht

Wer bessere Papierbilder will, braucht eine Spiegelreflex und ein paar Objektive zum Wechseln. Es genügt eine einfache Belichtungsautomatik, die zu vorgewählter Blende die richtige Belichtungszeit auswählt. Programmautomatik ist Quatsch. Winder (automatische Aufzieher) können ganz praktisch, aber wegen dem Lärm, den sie produzieren, auch sehr störend sein. Spotmessung, okay, brauchbar für Fortgeschrittene. Autofocus ist Quatsch. Wer seine Bilder nicht von Hand scharfstellen kann, braucht eine Brille. Wer zu langsam ist, muss üben.

Wer die Qualität seiner Bilder steigern will, muss lernen, wie die Blende mit der Verschlusszeit und der Tiefenschärfe zusammenhängt, sonst ist Hopfen und Malz verloren. Man muss wissen, dass zu gutem Licht Sonne gehört, die möglichst parallel einfällt -- es ist kein Zufall, dass Profis nur in den frühen Morgenstunden arbeiten und den ganzen restlichen Tag faul rumlungern. Bei schlechtem Licht bleibt die Kamera eben in der Tasche, so einfach ist das.

Und man muss begreifen, dass es auf einem Foto immer nur eine Belichtung gibt. Umfasst der Bildausschnitt mehrere unterschiedlich helle Zonen, gibt's Probleme. Das Auge kann auf einen hellen Strand blicken und gleichzeitig noch im Schatten eines Sonnenschirms Details auflösen. Bannt man eine solche Szene hingegen auf Filmmaterial, gibt's zwei Möglichkeiten: Entweder man belichtet den Strand richtig, dann wird aber der Schatten so fatzendunkel, dass man keine Details mehr erkennt. Oder man misst auf den Schatten an, dann sieht man dort die Details, aber der Strand wird so granatenweiß, dass man beim Anblick des Fotos sofort erblindet. Man muss lernen, solche Problemzonen zu umgehen oder auch bei Tageslicht einen Blitz einzusetzen, um die Diskrepanz zu verkleinern.

Abbildung [29]: Mittelmäßige Lichtverhältnisse verhunzen die Farben

Am schnellsten lernt man, wenn man geschossene Fotos sofort nach dem Knipsen analysiert -- Digitalkameras sind dazu ideal. Es kostet nichts, mehrere Bilder vom gleichen Objekt mit unterschiedlichen Einstellungen zu knipsen und nur das beste nicht auf der Stelle zu löschen. Auch bei Papierbildern zahlt es sich aus, viele davon zu schießen. Von einem 36-er Film werden bei uns immer nur ein oder zwei Bilder wirklich gut.

Wer Papierbilder macht, sollte einen teuren Film verwenden und den teuersten Entwicklungsservice beanspruchen. Die Qualität eines Bildes setzt sich zu 90% aus fotografischem Können bei der Belichtung und dem Entwicklungsprozess zusammen. Die Fotoausrüstung spielt nur mit 10% hinein. Ein Profi kann auch mit einer Lochkamera (Pappkarton mit Loch) hervorragende Bilder produzieren. Ein Amateur produziert auch mit einer Nikon F5 nur Müll.

Wahlen in Amerika

(Angelika) Am 5. November wählten die Amerikaner hier einen neuen Kongress und Senat. Ihr wisst es längst: Die Republikaner (also die konservative Partei, der auch Bush angehört) bauten nicht nur ihre Mehrheit im Kongress aus, sondern eroberten auch den Senat zurück. Zwar mit äußerst knapper Mehrheit, aber immerhin. Für die nächsten zwei Jahre müssen wir jetzt nicht nur einen Colt-schwenkenden Präsidenten aushalten, sondern mit dem Rechtsruck, der durch die beiden politischen Institutionen ging, leben.

Bush schwellte natürlich die Brust, er wird viele seiner Vorhaben nun mit Leichtigkeit durchsetzen, zum Beispiel die Benennung äußerst fragwürdiger Verfassungsrichter. Tragisch ist dabei besonders, dass diese ihr Amt auf Lebenszeit innehaben und noch lange nach Bushs Amtsperiode ihr Unwesen treiben werden.

In San Francisco lebend, fragten wir uns mal wieder, wo die Republikaner um alles in der Welt nur ihre Stimmen herbekommen. Außer dem republikanischen Immobilenhändler auf der 24ten Straße bei uns im Viertel, der, wie schon einmal erwähnt, sein Schaufenster mit pro-republikanischen Parolen und einem Ronald-Reagan-Foto schmückt, kennen wir nur Leute, denen sich bei Bushs Politik der Magen umdreht.

Abbildung [30]: Der verrückte Immobilienhändler auf der 24. Straße, der die Republikaner anhimmelt

Zu verstehen ist der Wahlsieg der Republikaner, auf den ersten Blick sowieso nicht, denn die amerikanische Wirtschaft liegt brach, die Arbeitslosenzahlen steigen, ein Firmenskandal reiht sich an den nächsten und viele Amerikaner haben durch den abgeschwächten Aktienmarkt große Teile ihrer privaten angesparten Rente verloren.

Natürlich versteht es Bush auf der einen Seite meisterhaft, von der innenpolitischen Lage durch sein Kriegsgebabbel abzulenken. Der wahre Grund für den Wahlsieg der Republikaner ist allerdings, wenn ihr mich fragt, die zur Waschlappen-Partei mutierten Demokraten und die amerikanischen Nachrichtensendungen in Fernsehen. Aus Angst, als unpatriotsch zu gelten, reden die demokratischen Politiker Bush nämlich nach dem Mund und stellen sich hinter ihn. Eine Opposition gibt es in Amerika zur Zeit nicht. Das erboste viele liberale Wähler so, dass sie ihre Stimmen Unabhängigen oder Kanditaten der Grünen Partei gaben oder erst gar nicht zur Wahl gingen. Nur leider dauert es in Amerika wahrscheinlich noch weitere 20 Jahre bis die Grünen zur ernsthaften dritten Partei aufsteigen.

Abbildung [31]: Er treibt seine Späße mit den Linken

Aber wieso trägt das Fernsehen die Mitschuld? Die amerikanischen Nachrichtensendungen haben durch die Bank Bildzeitungsniveau. Selbst CNN, der Nachrichtensender, der vielerorts immer noch als seriös gilt, kann man in der Pfeife rauchen. Niemand bringt Hintergrundinformationen oder ein ausgewogenes Bild. Die amerikanischen Fernsehsender befinden sich eben fest in privater Hand. Unabhängigkeit ist da ein Fremdwort. Hinzukommt, dass es riesige Medienkonzerne gibt, denen meist mehrere Sender gehören, weswegen die Zuschauer überall den gleichen Mist vorgesetzt bekommen. Und dann müssen natürlich noch die Interessen der Werbekunden berücksichtigt werden.

Allerdings verlassen sich schätzungsweise 90% der Amerikaner auf diese Art der Meinungsbildung. Um sich in Amerika umfassend zu informieren, muss man auf Zeitungen, öffentliche Radiosender (ja, so etwas gibt es hier auch) oder das Internet zurückgreifen: Die New York Times, die ihr natürlich kennt, und der New Yorker (wöchentlich) gehören dazu -- die Berichte zeigen Ausgewogenheit und gute Recherche. Zu uns kommt dann noch eine Zeitschrift mit dem Namen "The Nation" (www.thenation.com) geflattert. Sie erscheint wöchentlich, ist unabhängig und existiert schon seit 1865. Politisch lässt sie sich als linksliberal charakterisien. In ihr kommt zum Vorschein, dass es auch in Amerika eine Linke gibt. Mit Spannung studiere ich immer die Leserbriefe, schaue, in welchem Bundesstaat die Leute leben und freue mich dann, wenn man auch in anderen Ecken Amerikas liberal denkende Leute findet.

Abbildung [32]: Manche sind gegen den Krieg

In letzter Zeit klicke ich oft auf die Artikel auf "salon.com". Die Publikationen sind nur im Internet zu lesen, aber leider geriet "salon.com" vor kurzem in Geldschwierigkeiten, sodass die meisten Artikel nur noch diejenigen abrufen können, die eine monatliche Gebühr zahlen.

Radio höre ich nicht viel, aber unsere gut informierten Bekannten schwören auf den öffentlichen Sender NPR (= National Public Radio: www.npr.org), der seit 1970 existiert oder den lokalen Sender KQED Public Radio (www.kqed.org), der 1969 gegründet wurde. Hier erhält der Zuhörer, was er im Fernsehen vergeblich sucht: Journalisten, die unbequeme Fragen stellen, Hintergrundberichte zu Krisensituationen, detaillierte Analysen verschiedener politischer Themen.

Und da ich gerade beim Politischen bin, möchte ich schnell von einer Sache berichten, die mich in den letzten Wochen immer wieder in Erstaunen versetzte: Amerikanische Wähler finden es ganz normal, ihre zuständigen Kongressabgeordneten und Senatoren anzurufen, um ihre politische Meinung kund zu tun. Natürlich rufen sie dabei im Büro des Politikers an und sprechen mit einem Mitarbeiter. Klasse finde ich es trotzdem. So erhielten die Abgeordneten vor der Abstimmung im Kongress und Senat bezüglich eines Krieges mit dem Irak tausende von Anrufen und die Wähler artikulierten, wie ihr Abgeordneter stimmen sollte.

Bush versus Schröder

Mich überraschte, wieviel die deutschen Zeitungen über die "vergiftete Atmosphäre" zwischen Bush und Schröder wegen ihrer unterschiedlichen Auffassungen bezüglich eines Irak-Krieges berichteten. Einige Kommentare, vor allen Dingen in der von mir sonst sehr geschätzten Süddeutschen Zeitung, fand ich dabei derartig pro Bush, dass ich so manchen Leserbrief im Kopf verfasste und mich fragte, was in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung vor sich geht.

Natürlich ist es falsch, wenn Schröder sich nur deshalb gegen Bush stellt, um einen Wahlkampf zu gewinnen. Auch vor blindem Anti-Amerikanismus sollte man sich hüten. Aber bei Bushs Außenpolitik wünschte man sich, dass nicht nur bei Schröder die Alarmglocken läuten, sondern auch bei anderen europäischen Politikern. Schließlich stellte Bush der Öffentlichkeit erst kürzlich ein Papier vor, in dem präventive Militärschläge als legitime Maßnahme gebilligt werden und die Militärdominanz der USA fortan als unantastbar gilt. Ich fand ja sowieso, dass sich die Altherrenriege, sprich Bush, Rumsfeld und Cheney gegenüber Deutschland wie Teenager aufführten: Erst drohen wir und wenn ihr nicht spurt, ziehen wir uns beleidigt zurück und schmollen. Das reinste Kasperltheater.

Grüße nach drieben!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-May-2017