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  Rundbrief Nummer 8  
San Francisco, den 09.05.98
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Abbildung [1]: Regenbogen über San Francisco

Ihr lieben Daheimgebliebenen!

(Angelika) Nachdem ich mit Schrecken festgestellt habe, dass es schon drei Monate her ist, dass ich meinen letzten Rundbrief geschrieben habe, will ich mich gleich hinsetzen und in die Tasten des Laptops hauen, um euch wieder mit 1000 und einem Abenteuer von hier zu unterhalten. Unser Leben war in den letzten Wochen sehr von einem zentralen Thema bestimmt: Perl-Buch, Perl-Buch, Perl-Buch ... Michael hatte zwar eigentlich Mitte März Abgabetermin für die zweite Auflage seines Bestsellers (so die Vorankündigung des Verlages), aber das Ganze verzögert sich immer wieder, da er den Satz auch selber macht und auf Millionen Probleme stößt. Heute hat er schon mehrmals damit gedroht, den Computer aus dem Fenster zu werfen und fluchen kann der Mann, das hätte ich nie für möglich gehalten (da kommt doch glatt so etwas wie sein bayerisches Gemüt durch). Hinzukommt, dass wir unsere Hawaii-Urlaubspläne auf Eis legen mussten. Wir wollten nämlich gleich nach Abgabe des Manuskriptes in den Flieger steigen und es uns so richtig gut gehen lassen. Michael träumte schon davon, einen ganzen Tag zu verschlafen und sich die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Nun hat er gerade aber bei AOL ein Projekt laufen und es herrscht Urlaubssperre bis Ende Juli. Das amerikanische Arbeitsleben ist eben kein Zuckerschlecken. Aber wir haben uns unsere gute Laune nicht verderben lassen und ich habe kurzerhand zwei Wochenendausflüge gebucht. Nächstes Wochenende fahren wir in ein schwindelerregend teures (man gönnt sich ja sonst nichts) Hotel ins Napa-Valley (Weingebiet). Da das Napa-Valley nicht nur für seine guten Weine bekannt ist, sondern auch für seine weltberühmten Restaurants und Spas (Das ist so etwas Ähnliches wie ein Schönheitssalon, in dem man Massagen, Maniküren, Gesichtsmasken sowie Schlammbäder usw. erhalten kann.) werden wir an diesem Wochenende neben Weinproben auch toll essen gehen und uns mit einer Massage verwöhnen lassen. Über das Memorial-Wochenende (amerikanischer Feiertag, der Ende Mai liegt) nehmen wir dann den sogenannten Coast Starlight nach Oxnard (liegt in Südkalifornien). Der Coast Starlight ist ein Zug, der immer an der Küste entlang fährt, so dass man fantastische Ausblicke auf den Ozean haben soll. In Oxnard werden wir dann eine Bootstour auf die Channel Islands machen. Das ist eine Inselgruppe, die direkt vor der Küste liegt. Ich bin wirklich schon sehr gespannt, wie das wird, weil ich in Amerika noch nie Zug gefahren bin. Michael war zu Anfang ziemlich skeptisch, da er sich an die vielen Eisenbahnkilometer erinnert hat, die er zwischen München und Münster zurückgelegt hat, und das war weiß Gott keine Erholung. Nun ja, ich werde euch auf jeden Fall berichten, wie es war. Und Hawaii ist natürlich nur verschoben und nicht aufgehoben. Dass wir hier jeden Feiertag zum Wegfahren nutzen und auch schon einmal ein Ausflugswochenende mit Übernachtung einfach so einschieben, ist übrigens sehr amerikanisch. Das liegt einfach daran, dass man bei zehn Tagen Urlaub erfinderisch wird. Amerikanische Feiertage liegen deshalb in der Regel auch auf einem Montag, so dass man ein verlängertes Wochenende zur Verfügung hat. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, dass sich dann Hinz und Kunz auf die Straße begibt und es überall etwas voller ist, aber da muss man durch.

Die amerikanische Steuererklärung

Abbildung [2]: Angelika fertigt die Steuererklärung für 1997 an

Neben der leidigen Geschichte "Buch" hat ein zweites nicht so berauschendes Thema so manche Nachtschicht gefordert, nämlich die Abgabe unserer amerikanischen Steuererklärung. Zunächst einmal möchte ich mit einigen Vorurteilen aufräumen, die scheinbar nicht auszurotten sind: Erstens zahlt man auch in Amerika Steuern und diese sind nicht unbedingt geringer als in Deutschland. Richtig ist hingegen, dass man weniger Sozialabgaben (Rentenversicherung, Krankenversicherung, Arbeitslosenversicherung) zahlt, wobei dabei zu bedenken ist, welchen Preis die Amerikaner dafür zahlen müssen, nämlich dass Millionen nicht krankenversichert sind und dass die Arbeitslosenversicherung und Rentenversicherung eher ein Witz sind, die einen im Notfall eben nicht genügend absichern. Zweitens ist das Ausfüllen der amerikanischen Steuererklärung mindestens genauso kompliziert wie das der deutschen, von wegen hier ist alles einfacher und weniger bürokratisch. Bei den Formularen hat man das Gefühl, der Gestalter hat den Wettbewerb mit dem Thema "Wie drücke ich einen Sachverhalt möglichst kompliziert aus, dass ihn niemand mehr versteht" mit Bravour gewonnen. Echt zum Verrücktwerden. In diesen Situationen war ich immer kurz davor, sämtliche Steuerbücher und Unterlagen aus dem Fenster zu werfen. Ich hatte nämlich dieses Jahr die ehrenvolle Aufgabe, die Unterlagen auszufüllen. Michael hatte wegen seines Buches ja eine gute Ausrede (Nächstes Jahr schreibe ich auch ein Buch!). Außerdem hat er mich mit dem Argument gelockt, dass die Tochter eines Steuerberaters so etwas ja mit links schaffen müsste und dass ich doch eh viel gewissenhafter bin als er usw. usw. Ich wusste gar nicht, was ich alles für Qualitäten habe. Also, habe ich in den sauren Apfel gebissen, sämtliche Steuerbücher gelesen und nächtelang über den Formularen gebrütet. Ihr werdet jetzt vielleicht wissen wollen, warum wir überhaupt als Deutsche in Amerika Steuern zahlen. Das ist nun wieder eine Sache, die eigentlich ganz fair geregelt ist. Wenn man länger als 183 Tage im Land ist, muss man sein weltweites Einkommen in Amerika versteuern (also auch Michaels deutsche Bucheinnahmen). Dem Ami, der 183 Tage in Deutschland lebt, ergeht es genauso, das heißt er muss umgekehrt alles in Deutschland versteuern. Diese Regelung scheint ein Mensch mit gesundem Menschenverstand erfunden zu haben. Vielleicht werdet ihr euch auch wundern, dass wir die Steuererklärung nicht einfach von einem amerikanischen Steuerberater haben machen lassen. Das hätte wir gern getan, schließlich wollen die ja auch was verdienen. Aber unsere deutschen Freunde, die auch hier leben, haben uns dringend davon abgeraten, weil sich keiner mehr auskennt, sobald man sagt, man verdient auch noch in Deutschland etwas.

Witzig ist auch, dass jeder Amerikaner und Resident Alien (so heißen wir im Beamtenamerikanisch; erinnert sehr an E.T. und oft fühlt man sich auch wie ein Außerirdischer von einem anderen Planeten) seine Steuererklärung am 15. April abgeben muss. Da die meisten Amerikaner einen ziemlichen Horror vor der Steuererklärung haben (ich verstehe das gut), verfolgen viele die Strategie, möglichst lange dieses unangenehme Thema hinauszuschieben. So sieht man dann kurz vor dem 15. Leute in der U-Bahn, die auf den Knien ihre Formulare ausfüllen, viele Postämter haben am 15. bis Mitternacht auf und ebenso die Steuerberaterbüros. Oft gibt es auch Parties, um die Abgabe der Steuererklärung zu feiern und unsere amerikanische Freundin Anne sagte uns, dass am Wochenende nach dem 15. alle Restaurants voll sind, da man jetzt endlich wieder Zeit hat, auszugehen. Was hier übrigens auch anders ist als in Deutschland, ist, dass man keine Belege einschicken muss und nur 5 % der Steuererklärungen überprüft werden. 5 % ist natürlich verschwindend gering und so hofft jeder, dass seine Erklärung nicht geprüft wird und man nicht ins sogenannte "Audit" kommt. Das Problem ist nur, kommt man ins Audit, ist man dran, dann wird alles auf Herz und Nieren geprüft und die Behörden können bis zu drei Jahre zurückverfolgen. Je komplizierter die eigene Steuersituation ist, je wahrscheinlicher ist es, ins Audit zu kommen. Wir haben also ziemlich gute Chancen, was Michael nur zu der Bemerkung hat hinreißen lassen: "Man muss alles einmal mitgemacht haben". Also, ich weiß nicht, ich kann da gut drauf verzichten.

Bezüglich der Sache mit den Belegen habe ich hier übrigens schon die abenteuerlichsten Geschichten gehört. Da es ja relativ unwahrscheinlich ist, dass man ins Audit kommt, setzen viele Amerikaner Sachen ab, für die sie gar keinen Beleg haben. Im Audit muss man aber dann diese Belege vorzeigen. So erfinden dann die Leute Geschichten, dass sie ihre Belege bei einem Hausbrand verloren hätten oder eine beliebte Ausrede in Kalifornien nach dem großen Erdbeben 1989 war auch, dass alles aufgrund dieser Naturkatastrophe nicht mehr auffindbar war. Peinlich ist dann nur, wenn man die Daten verwechselt und man angibt, man hat keine Belege für Dinge, die lange nach dem Erdbeben waren, was wohl öfter vorgekommen ist.

Nachdem Michael und ich übrigens schon der festen Überzeugung waren, dass den Bürokratismus bezüglich der amerikanischen Steuern nichts mehr schlagen kann, hat uns der Verlag, für den Michael das oben erwähnte Buch schreibt, ein Formular geschickt mit dem melodischen Namen "Antrag auf Erteilung einer Freistellungsbescheinigung für Lizenzgebühren und ähnliche Vergütungen aufgrund des Doppelbesteuerungsabkommens der Bundesrepublik Deutschland mit den Vereinigten Staaten von Amerika", d.h. wir müssen dieses Formular ausfüllen und an das Bundesamt für Finanzen schicken, damit wir nicht doppelt Steuern zahlen müssen, also in Deutschland und Amerika. Dass genau für diese Situation schon ein Vertrag zwischen den beiden Staaten besteht, der dies eindeutig regelt (siehe 183 Tageregelung), scheint zu den entsprechenden Behörden noch nicht durchgedrungen zu sein und so produzieren sie unnötige Papierberge und treiben Klein-Angelika und Klein-Michael an den Rand des Wahnsinns. Der Obergag ist nämlich, dass man natürlich auch noch eine Bestätigung des amerikanischen Finanzamts braucht, die beweist, dass wir hier steuerpflichtig sind. Darüber informiert einen der freundliche deutsche Text (um diesen zu verstehen, braucht man wiederum ein abgeschlossenes Studium im Verwaltungswesen). Nach mehrmaligem Lesen hatten Michael und ich dann endlich kapiert, dass wir das amerikanische Formular 6166 ausfüllen müssen, was man beim amerikanischen Finanzamt bekommt. Also hat Michael dort abends um sieben angerufen und doch tatsächlich noch jemanden angetroffen, was dann doch wieder ein deutlicher Unterschied zu den deutschen Behörden ist. Die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung klärte ihn dann auf, dass es dieses Formular schon seit fünf Jahren nicht mehr gibt, aber sie uns gern das Informationsblatt zu diesem Thema mit der Nummer 686 schicken könnte. Dass man bei solchen Sachen dann manchmal vor Frust in den Telefonhörer beißen könnte, brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen. Da fragt man sich wirklich, ob solche Schlagwörter wie "Globalisierung" und "Flexibilität" ernst gemeint sein können oder ob es nicht doch darum geht, dass man möglichst in seinem eigenem Land bleiben soll. Oder wie es der Sachbearbeiter bei der Techniker Krankenkasse so nett formuliert hat, als wir nach Amerika gegangen sind und ich diesbezüglich etwas klären wollte: "Sie müssen ja nicht ins Ausland gehen!"

Wenn ihr jetzt bei der ganzen Schilderung den Faden verloren habt und nicht mehr durchblickt, tröstet euch, das ging und geht uns genauso.

Abbildung [3]: Nochmal der schöne Regenbogen -- na, der war wirklich schön!

Soziale Einrichtungen in Kalifornien

Ansonsten bin ich dieses Semester meinem Ziel, das Fortbildungszertifikat "Kinder und die sich verändernde Familie" an der Universität Berkeley zu erhalten, wieder ein gutes Stück näher gekommen. Ich habe dieses Semester vier Kurse belegt, so dass ich ganz gut mit Arbeit eingedeckt war und bin. Zwei der Kurse haben mir ganz besonders gefallen und viel gebracht. Der eine war über sogenannte "Stepfamilies" und der andere über die sozialen Dienste, die es in Kalifornien für Familien mit Kindern gibt. Der Begriff "Stieffamilie" ("Stepfamily") hört sich für deutsche Ohren vielleicht etwas negativ an, gemeint ist einfach, dass Kinder aus verschiedenen Ehen oder Beziehungen unter einem Dach leben, weil die leiblichen Eltern sich scheiden lassen oder getrennt haben. Da in den USA bekanntlich jede zweite Ehe geschieden wird, ist das ein brandaktuelles Thema. Die Frau, die den Kurs geleitet hat, ist Familientherapeutin und selber aus einer "Stepfamily". Darüber hinaus war sie viermal verheiratet und hat somit eigene Kinder und "Stepchildren" großgezogen. In dem Kurs ging es vor allem darum, zu lernen, durch welche normalen Phasen diese neue Familie geht und wie man sie dabei professionell unterstützen kann, dass das Zusammenleben erleichert wird. In den USA gibt es schon sehr viel Forschungsergebnisse zu diesem Thema und die Kursleiterin gilt als eine Expertin diesbezüglich. Was so viel Spaß gemacht hat, war, dass diese Frau nicht nur eine hervorragende Didaktin war, sondern auch mit viel Elan und Überzeugung das Thema rübergebracht hat. Wir haben trotz des ja eigentlich ernsten Themas viel gelacht und bei mir ist ganz viel hängengeblieben, was ich für meine eigene Arbeit mitnehmen kann. Ich finde übrigens, dass dieses Thema in Deutschland noch viel zu wenig berücksichtigt wird, schließlich sind die Scheidungsraten in Deutschland ja auch nicht unbedingt geringer als hier.

Der Kurs über die sozialen Dienste in Kalifornien hat mir einen guten Überblick verschafft, was es für Hilfsangebote für Familien in Kalifornien gibt. Was es hier so schwierig macht, den Überblick zu behalten, ist, dass es zwar wie bei uns auch Bundesgesetze (die in der ganzen USA gültig sind) gibt, die ganz allgemeine soziale Hilfsprogramme regeln, dass aber jeder Bundesstaat (z.B. Kalifornien) und dann noch wieder jede Gemeinde (z.B. der County San Francisco) eigene Programme durchführt. Teil des Problems ist, dass die Bundesgesetze nur Minimalvorgaben machen und diese vielen Bundesstaaten nicht ausreichend sind. Vor allen Dingen gilt dies für Bundesstaaten, die als sozialer eingestellt gelten. Kalifornien gehört zu diesen liberaleren Bundesstaaten. Hinzukommt, dass Kalifornien ein reicher Bundesstaat ist und so bereit ist, mehr für die sozial Schwächeren auszugeben. Allerdings wird auch in Kalifornien an allen Ecken gestrichen und gespart, so dass viele effektive und präventive Programme nicht mehr finanziert werden. Für diesen Kurs mussten wir übrigens sehr sinnvolle "Assignments" ("Hausaufgaben") machen. Da es ja darum ging, möglichst viel über die verschiedenen sozialen Einrichtungen zu lernen, mussten wir z.B. Informationen einholen über Einrichtungen in der Nachbarschaft, in der wir arbeiten oder wohnen. Ein anderes Mal haben wir ein Fallbeispiel bekommen, in dem eine Mutter mit drei Kindern obdachlos war. Wir mussten herausbekommen, welche Hilfsangebote es für diese Familie in San Francisco gibt. Dabei reichte es nicht, verschiedene Einrichtungen aufzulisten, sondern wir mussten die einzelnen Institutionen anrufen und detailierte Fragen stellen, z.B. wie lang die Wartezeit ist, um einen Platz in einem Obdachlosenasyl zu bekommen. Zunächst war ich ja skeptisch, dass die entsprechenden Institutionen sich überhaupt die Zeit nehmen würden, meine Fragen zu beantworten. Ich habe aber durchweg positive Erfahrungen gemacht. Die Leute waren immer ganz begeistert, dass ich so einen Kurs als Ausländerin belege und haben geduldig alle Fragen beantwortet. Eine super Lernerfahrung. Die Abschlussarbeit habe ich dann über öffentliche Sondererziehung ("public special education") in den USA geschrieben, also Erziehung für die Kinder, die aus den unterschiedlichsten Gründen besondere Erziehungsbedürfnisse (z.B. Kinder mit Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten) haben. Und da viele von euch in Deutschland in diesem Bereich arbeiten, will ich schnell ein paar Informationen diesbezüglich anführen. "Special education" ist in den USA durch ein Gesetz von 1975 geregelt, das zusammengefasst auf dem Prinzip beruht: "Nicht mehr speziell als nötig". Es gibt nun die unterschiedlichsten Modelle, diese Kinder zu fördern. So werden einige Vollzeit in der Regelklasse unterrichtet und erhalten zusätzlich Therapien (z.B. Sprachtherapie), andere werden nur stundenweise in die Regelklasse integriert und erhalten den Rest der Zeit speziellen Unterricht in einem anderen Klassenraum mit einem Sonderschullehrer, wieder andere erhalten den ganzen Tag Unterricht in einer Sonderklasse, die aber im Schulgebäude der Regelschule ist. Schließlich gibt es private Schulen für diese Kinder, die etwa unseren Sonderschulen entsprechen. Obwohl diese Schulen privat sind, regelt das Gesetz, dass die öffentliche Hand die Kosten für das Unterrichten der entsprechenden Kinder finanzieren muss, wenn die Aufnahme in eine solche Institution notwendig ist. Zusammengefasst kann man also sagen, dass das Ziel Integration ist. Ob ein Kind eine spezielle Erziehung erhält, entscheidet ein multidisziplinäres Team der Schulbehörde. Das Gesetz hört sich eigentlich ganz vielversprechend an. Leider hat sich keiner überlegt, wer die enormen Kosten aufbringt, die nötig wären, um dieses Gesetz vernünftig umzusetzen. So sieht es in der Praxis bezüglich der Integration dieser Kinder nicht so rosig aus. Es fehlen gut ausgebildete Lehrer und die Qualität der Förderung hängt wiederum sehr vom einzelnen Bundesstaat ab.

Ich habe übrigens fest vor, noch einmal in einer Sonderklasse oder -einrichtung ehrenamtlich zu arbeiten, einfach damit ich noch einen besseren Einblick bekomme. So, nun genug von meinen Kursen. Nur noch soviel: Nächstes Semester habe ich wieder vier belegt. Allerdings ist diesmal auch wieder ein Fotografiekurs dabei. Ihr seht, Langeweile kommt nicht auf. Schließlich gehe ich auch weiterhin zweimal die Woche in die "Childcare"-Einrichtung ins Tenderloin.

Wahlkampf für den Govaneursposten

Da ich ja in meinem letzen Rundbrief das Thema "Medien" aufgegriffen habe, will ich euch auch heute noch mit einigen Geschichten diesbezüglich unterhalten. Zunächst einmal herrscht nicht nur bei euch in Deutschland Wahlkampf, auch in Kalifornien wird ein neuer Gouverneur (so etwas wie ein Ministerpräsident) gewählt. Es sind drei demokratische Kandidaten im Rennen und ein Republikaner (ein Republikaner ist von der konservativen Partei; bitte nicht verwechseln mit den rechtsradikalen Republikanern in Deutschland). Nun sollte man ja meinen, dass sich die Demokraten gegen den republikanischen Kandidaten verbünden. Falsch gedacht. Die drei demokratischen Kandidaten liefern sich regelrechte Schlammschlachten im Fernsehen. In den Wahlwerbespots geht es nun nicht mehr darum, was für ein politisches Programm der einzelne hat, sondern nur noch, welche Gemeinheiten der eine über den anderen gesagt hat. Alles dies erfolgt mit Namensnennung, was in Amerika wegen der freien Meinungsäußerung nicht verboten ist. Ein echtes Affentheater. Erschreckend ist auch, dass sich jeder der Kandidaten damit brüstet, für die Todesstrafe zu sein und härter gegen Straftäter vorgehen will. Wohlgemerkt, ich spreche hier von den Demokraten, die eigentlich als liberal gelten. Sehr merkwürdig. Das ist ungefähr so, als wenn sich die Grünen plötzlich für das Senken der Benzinpreise einsetzen würden.

Seinfeld geht zu Ende

Abbildung [4]: Aus unserer Lieblingsfernsehsendung "Seinfeld"

Und noch ein Jahrhundert-Ereignis wird nächste Woche medientechnisch stattfinden: Die letzte Folge unserer Lieblingssendung "Seinfeld" wird nach neunjährigem Erfolg ausgestrahlt. Wer uns besucht hat, weiß, was sich hinter "Seinfeld" verbirgt, schließlich haben wir fast alle Besucher gezwungen, mindestens eine Folge mit uns anzuschauen. Für alle anderen von euch versuche ich jetzt zu erklären, was den Reiz dieser Sendung ausmacht:

Zunächst einmal handelt es sich bei der Sendung um eine sogenannte amerikanische "Sitcom". Das ist eine Sendung, die täglich für eine halbe Stunde ausgestrahlt wird, immer in der gleichen Umgebung spielt, in der Regel mit den gleichen Akteuren. Sprich, so etwas Ähnliches wie bei euch die "Lindenstraße". Ein Markenzeichen von "Sitcoms", die als lustig gelten, ist, dass Lacher vom Tonband eingespielt werden, was total nervig ist, aber das ist wiederum ein anderes Thema. "Seinfeld" handelt von dem New Yorker Kabarettisten Jerry Seinfeld, der sich selber spielt, und seinen neurotischen Freunden Elaine, George und Kramer. Der kleine, gedrungene, an Haarausfall leidende George ist ein Feigling und Verlierer erster Güte. Kramer stürmt stets unangemeldet zur Tür herein, eilt sofort zum Kühlschrank und hasst es, mit seinem Vornamen "Cosmo" angesprochen zu werden. Elaine ist Jerrys Exfreundin und mischt fleißig mit beim Korruptsein. In der Sendung geht es eigentlich um nichts und doch wiederum um alles. Es geht um Dinge aus dem täglichen Leben. So gibt es Folgen, die nur davon handeln, dass die vier ihr geparktes Auto in einer Parkgarage nicht wieder finden, George seinen Schreibtisch in der Arbeit umbauen lässt, damit er dort besser seine Zeit verschlafen kann oder der Beweis geführt wird, dass es so etwas wie "non-fat" Eis nicht geben kann. Dies alles hört sich vielleicht wenig spannend an, aber Leute, ich sag euch, das ist zum Kaputtlachen. Der Humor ist so böse und bitter, da werden echt die dunklen Seite der Menschen genial und unterhaltend rübergebracht. Uns gefällt besonders gut, dass die Sendung die amerikanische Gesellschaft brutal auf die Schippe nimmt, was vielleicht auch erklärt, warum Seinfeld in Deutschland nicht erfolgreich war. Das versteht man nur, wenn man hier lebt. Seinfeld ist hier übrigens so populär, dass man sich die Gags auf Parties und in der Arbeit erzählt. Meist reicht nur ein Stichwort und alles um einen herum bricht in Lachen aus. Wer z.B. nicht weiß, was "yada-yada-yada" bedeutet, ist out. "Yada-yada-yada" bedeutet so etwas Ähnliches wie "usw.usw.". Man liest dies hier jetzt sogar in Zeitungen. Auf jeden Fall werden wir donnerstags vor dem Fernseher sitzen und die letzte Folge anschauen. Schnief. Ihr wisst echt nicht, was euch da entgeht.

So, nun genug geplaudert! Michael schreibt nächstes Mal auch wieder was, versprochen!

So long,

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017