Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 35  
San Francisco, den 12.12.2001

Weihnachten 2001

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Weihnachten 2001

Liebe Rundbrieffreunde!

Heute las ich in der Süddeutschen Zeitung mit Schrecken " ... noch 12 Tage": Weihnachten rückt heran. Zeit wird es, den Weihnachtsrundbrief zu verfassen. Michael drückt sich ja jedes Jahr geflissentlich vor dieser Aufgabe und so müsst ihr auch dieses Jahr mit meinen Gedanken vorlieb nehmen. Um nicht mit meiner Tradition zu brechen, widme ich mich auch dieses Jahr den ernsteren Themen. Die weltpolitische Lage lässt kaum etwas Anderes zu. Von Amerika über England nach Deutschland werden Anti-Terrorismus-Gesetze im Schnellverfahren verabschiedet und dabei schert es die meisten Politiker wenig, ob sie demokratische Prinzipien außer Kraft setzen. In Afghanistan herrscht immer noch Krieg und in Israel sitzen alle auf einem Pulverfass.

Zu welchen unguten Erscheinungen Angst und daraus entstehender Sicherheitsfanatismus sowie Intoleranz führt, hat die Geschichte gezeigt: Deutschland findet sich dabei in der ersten Reihe ein. Heute möchte ich aber von einem dunklen Kapitel der amerikanischen Geschichte berichten, das uns auf einem unser letzen Kurztrips im September hautnah begegnete und von dem man in Deutschland nur wenig weiß (Michael und ich erfuhren davon auf jeden Fall nicht in der Schule). Parallelen zur aktuellen Lage sind beabsichtigt.

Abbildung [1]: Gedenkstein in Manzanar
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Wir fahren durch die unendliche Weite Kaliforniens. Auf dem Highway 395 geht es in Richtung Süden nach Lone Pine ab. Rechts erheben sich die Bergketten der Sierra Nevada. Es würde uns nicht wundern, wenn hinter der nächsten Kuppe ein Cowboy mit seinem Pferd auftauchte und der Sonne entgegenritte. Dies ist das Land der Diners, der Steaks und des dünnen Kaffees -- und der atemberaubenden Landschaft. Ein Wild-West-Klischee. Auch die Hitze passt ins Bild. Doch kurz hinter dem Ort "Independence" verblasst der Mythos der Malboro-Werbung. Wir nähern uns der Gedenkstätte "Manzanar". Hier internierte die amerikanische Regierung unter Präsident Franklin D. Roosevelt während des zweiten Weltkrieges bis zu 10000 Menschen japanischer Abstammung, viele davon mit einem amerikanischen Pass.

Abbildung [2]: Das ehemalige Auditorium
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Nachdem die Japaner Pearl Habor auf Hawaii angriffen und damit die USA in den Zweiten Weltkrieg zwangen, ging die Angst um, dass Amerikaner japanischer Abstammung mit der japanischen Regierung gemeinsame Sache machten. Daraufhin erging am 19. Februar 1942 die Order Nummer 9066. Um die nationale Sicherheit nicht zu gefährden, zwang man japanische Amerikaner, sich in bewachten und von Stacheldraht umgebenen Lagern einzufinden.

Nur lebensnotwendige Dinge (Decken, Bettwäsche, Kleidung usw.) durften sie in maximal zwei Koffern verstauen und mitbringen. Manzanar eröffnete als eines der ersten von insgesamt zehn Internierungslagern, die offiziell auch Konzentrationslager ("concentration camps") hießen. Insgesamt internierte die amerikanische Regierung ca. 120.000 japanische Mitbürger. In Manzanar gab es 36 Holzbaracken, in denen Kinder, Frauen und Männer bis zur Schließung des Lagers im November 1945 auf engstem Raum, beraubt ihrer Wohnungen, Berufe und Wertsachen leben mussten.

Obwohl man Manzanar schon 1972 zur historischen Nationalstätte erklärte, gibt es immer noch kein Besucherzentrum oder ein Museum auf dem ehemaligen Internierungsgelände. Auch Besucher verirren sich kaum hier hin, denn das Thema dieser Internierung tabuisieren und verdrängen große Teile der amerikanischen Gesellschaft weiterhin. So trafen wir nur auf eine einzige weitere Touristin während unseres Besuches. Um etwas über die Geschichte von Manzanar zu erfahren, hielten wir im Museum von Independence an, wo eine liebevolle, amateurhafte, permanente Ausstellung über das Lager existiert. Auch ein Barackenzimmer baute man dort naturgetreu nach. Auf dem Lagergelände selbst existiert nur noch das Original-Auditorium, das man für soziale Zusammenkünfte nutzte, Teile des Friedhofs mit einem Gedenkstein, der pagodenähnliche Polizeiposten sowie eines der Wachhäuschen.

Abbildung [3]: Hinweisschild
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Besucher dürfen mit dem Auto die staubigen Straßen des Lagers abfahren. Und obwohl kaum noch Gebäude zu sehen sind, ahnt der Besucher, was die Internierten hier durchmachten. Holzschilder markieren die Position der Baracken. Sie stehen so dicht beieinander, dass nicht viel Fantasie dazu gehört, sich die Enge vor Augen zu führen. Am Friedhof angekommen, fallen uns die bunten auf Ketten aufgezogenen gefalteten Kraniche auf. Erst später erfahren wir ihre Bedeutung. In Japan herrscht der Glaube, dass wenn man 1000 Kraniche faltet, einem ein Wunsch frei steht, der dann in Erfüllung geht. Heute steht das Symbol der 1000 Kraniche auch für den Friedenwunsch: Nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima erkrankte ein japanisches Mädchen mit dem Namen Sadako an Leukämie. Sie begann, Kraniche zu falten, um sich Gesundheit zu wünschen, starb aber, bevor sie die 1000 Kraniche fertigstellen konnte. Daraufhin rief man viele Projekte in ihrem Namen ins Leben, um dauerhaften Frieden in der Welt zu schaffen.

Abbildung [4]: Papier-Kraniche
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Verlässt man das ehemalige Internierungslager, kommt man an einer Tafel mit folgender Inschrift vorbei:

"... May the injustices and humiliation suffered here as a result of hysteria, racism, and economic exploitation never emerge again..." (Mögen die Ungerechtigkeiten und Demütigungen, die hier als das Ergebnis von Hysterie, Rassismus und wirtschaftlicher Ausbeutung erlitten wurden, nie wieder in Erscheinung treten.)

Eine bessere Weihnachtsbotschaft gibt es meiner Meinung nach dieses Jahr nicht.

In diesem Sinne wünschen wir euch nachdenkliche, friedliche Feiertage!

Angelika und Michael

P.S.: Letzte Woche überreichten hier Amerikaner japanischer Abstammung Kraniche an muslimische Mitbürger, um ihre Solidarität zu zeigen.

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Letzte Änderung: 06-Jul-2008