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  Rundbrief Nummer 74  
San Francisco, den 02.05.2008


Abbildung [1]: Der rasende Rundbriefreporter wird geblitzt.

Michael Während unseres nun mehr als 10 Jahre währenden USA-Aufenthalts hat noch keiner von uns ein Strafmandat bekommen. Gut, gut, Strafzettel wegen unerlaubten Parkens zählen jetzt mal nicht, das gehört in San Francisco zum Alltag wie Zähneputzen. Und direkt langsam fahren wir auch nicht, aber die Radarfallen am Rande der Autobahn sind so offensichtlich, dass nur geistig Abwesende sie nicht bemerken.

Automatische Kamera-Radarfallen sind in den USA illegal, aber leider gibt es immer mehr Blitzkästen an den Ampeln, die anscheinend wegen eines legalen Schlupfloches doch erlaubt sind. Und neulich flatterte glatt ein Brief des "Department of Traffic Enforcement" ins Haus, in dem stand, dass unser neues Auto, die sogenannte "Rakete" auf der Ostseite der Bay im Stadtteil Emeryville (Landkreis Alameda) bei Rot über eine Ampel gefahren sei.

Abbildung [2]: Die Abzocker-Kreuzung in Emeryville.

Dem Schreiben lag eine Internetadresse bei, auf der man ein Video ansehen konnte, das den Tathergang illustrierte. Und tatsächlich war darauf die Rakete zu sehen, gesteuert von Michael, der nach einem Einkauf bei Ikea schnell bei Rot rechts abgebogen war, was in den USA generell erlaubt ist. Allerdings muss man vorher, wie bei einem Stoppschild, kurz anhalten. Anscheinend wollte der Fahrer aber zum Tatzeitpunkt möglichst schnell heimfahren, um die neu erworbenen Ikea-Möbel zusammenzuklopfen. Jedenfalls hatte er die Regelung etwas zu großzügig ausgelegt und war kurzerhand ohne anzuhalten um die Ecke gebraust. Das Blitzvideo (siehe unten) habe ich gleich auf Youtube raufgespielt, wo ihr es euch gerne ansehen könnt. Auch ein Blitzfoto (Abbildung 1) lag bei. Angelika sitzt gut erkennbar auf der Beifahrerseite, allerdings ist ihr Gesicht durch einen weißen Kreis ausgeblendet. So schützen die verlotterten Blitzpolizisten die Privatsphäre, falls Ehemänner mit ihren Freundinnen durch die Gegend kurven.

Video: Der rasende Rundbriefreporter stoppt nicht, bevor er an einer roten Ampel rechts abbiegt.

Das "Ticket" war nicht ganz billig, 381 Dollar! Die Stadt Emeryville, ein durch und durch vergammeltes Eastbay-Rattenloch, braucht anscheinend jeden Cent und pumpt gerne unbescholtene Besucher aus der Weltstadt San Francisco an, die keine Zeit in dem gottverlassenen Nest verplempern wollen und zügig durchbrausen!

Abbildung [3]: Die Video-Kamera der Alameda-Polizisten

Na egal, man hat's ja. Aber das Problem an einem solchen Vergehen ist natürlich, dass man dafür einen Punkt in der kalifornischen Verkehrssünderkartei bekommt, was wiederum die Autoversicherung erfährt, die darauf kurzerhand die Haftpflichtprämien nach oben schraubt. Das macht teilweise tausende von Dollars im Jahr aus!

Abbildung [4]: Das Gericht zeigt sich gnädig und erlaubt den Besuch einer Verkehrsschulung, damit die Autoversicherung nichts von dem Vorfall erfährt.

Um dieses Unheil abzuwenden, gibt es die Möglichkeit, eine etwas höhere Gebühr zu zahlen ($410) und einen Tag in einem Straßenverkehrskurs ("Traffic School") abzusitzen. So spart man zwar direkt kein Geld, man bekommt dennoch einen Punkt, aber die Autoversicherung kriegt keinen Wind davon. Das geht allerdings nur, falls man den Trick in den letzten 18 Monaten nicht schon einmal durchgezogen hat.

Abbildung [5]: Das nimmersatte Gericht kassiert aber nochmal eine Extragebühr, wenn man zur Verkehrschulung geht.

Die Schulung dauert 8 Stunden und wird von darauf spezialisierten und lizensierten privaten Firmen abgehalten, die man aus einer Liste auswählen darf. Damit's den Leuten beim Pauken nicht langweilig wird, gibt es sogar Comedy-Schools, in denen Komödianten die trockenen Verkehrsregeln mit Humor vortragen! Ich persönlich sitze ja lieber zuhaus und trinke mein Bier, also habe ich eine Online-Schule ausgewählt.

Mit $20 per Kreditkarte schrieb ich mich in den Kurs ein und kriegte dann Seite um Seite Verkehrsregeln, Videos mit schlimmen Verkehrsunfällen und Animationen mit typischen Verkehrssituationen vorgespielt. Es geht hauptsächlich um die Folgen von Alkohl am Steuer, unkontrolliertem Rasen und dem sogenannten "Road Rage", bei dem die Leute am Steuer so wütend werden, dass sie auf andere Fahrer einbrüllen, sie mit obszönen Handgesten beleidigen (was in den USA nicht strafbar ist) und mit Pistolen aus dem Handschuhfach herumballern. Letzteres ist allerdings illegal.

Man kann den Kurs unterbrechen so oft man will, aber zusammengerechnet habe ich schon so acht Stunden vor dem Rechner verbracht. Man muss aufpassen wie ein Luchs und sich den Text auf den Seiten ganz genau durchlesen, denn nach jedem Kapitel findet eine Zwischenprüfung statt, bei der man 10 Multiple-Choice-Fragen ohne Fehler beantworten muss. Hat man eine oder mehrere falsch, kommen nochmal zehn teilweise unterschiedliche Fragen nach.

Damit die Verkehrsschule weiß, dass während der gesamten Zeit auch immer noch derselbe Prüfling vor dem Rechner sitzt und die Aufgabe nicht etwa an einen Kumpel übergeben hat, muss man am Anfang des Kurses zehn persönliche Fragen beantworten (Abbildung 6): Wieviele Geschwister man hat, welche Sportart man am liebsten mag, undsoweiter. In zufälligen Abständen kommt dann während des Kurses jeweils eine Frage hoch, und man muss binnen 90 Sekunden die richtige Antwort wissen. Da ich solche Fragen aus Sicherheitsgründen nie wahrheitsgemäß beantworte, musste ich die von mir gegebenen Antworten tatsächlich extern abspeichern!

Abbildung [6]: Zehn Fragen, deren Antwort man bei der Anwesenheitskontrolle wissen muss.

Vor der abschließenden Prüfung verlangen dann manche Gerichte, wie zum Beispiel der für meinen Fall zuständige Gerichtshof von Oakland, dass der Prüfling auch noch dem Namen nach identifiziert wird. Dazu kann man entweder zu einer zertifizierten Prüfstelle fahren, einen Ausweis vorlegen und den Test dort ablegen, oder sich Online mit Hilfe eines der drei großen Kreditbüros identifizieren lassen. Im Rundbrief 05/2004 haben wir schon mal über diese Institute berichtet, die ähnlich wie die Schufa in Deutschland die Kreditgeschichte jedes Bürgers minutiös verfolgen. Zur Identifizierung des Prüflings poppen dann drei Multiple-Choice Fragen hoch, deren Antworten eigentlich nur die Person weiß, auf deren Namen der Strafzettel ausgestellt wurde. Es wird zum Beispiel gefragt, bei welcher der folgenden vier Banken man einen Hauskredit aufgenommen hat. Oder was die letzten vier Zahlen der geheimen Social-Security-Nummer der Person sind, und die gesuchte Zahl ist wiederum aus einer Liste von vier vorgegebenen auszuwählen.

Die Fragen in der Abschlussprüfung sind nicht von Pappe. Eine war zum Beispiel: Wieviele tödliche Verkehrsunfälle gab es im Jahr 2005 in den USA, die durch Alkohl am Steuer verursacht wurden? Zur Auswahl stehen (a) 16.000, (b) 25.000, (c) 5.000 oder (d) 10.000. Oder: "Auf was müssen Sie achten, wenn ihr Auto liegenbleibt und Sie es neben der Straße parken?" Mögliche Antworten sind: (a) Auf hohes Gras achten, (b) den Kofferraum öffnen, (c) den Wagen in Richtung des entgegenkommenden Verkehrs abstellen oder (d) das Fernlicht einschalten. Wer da den Text vorher nicht durchgelesen hat, kuckt in die Röhre. Hättet ihr's gewusst? Die Auflösung gibt's im nächsten Rundbrief.

Die abschließende Prüfung habe ich dann mit 88% bestanden, 80% waren notwendig. Ich bin ja ein schlaues Füchslein, das sich Zahlen recht gut merken kann, aber wie das jemand schaffen soll, der etwas weniger in der Birne hat, ist mir schleierhaft. Nach bestandener Prüfung schickt die Verkehrsschule einem per Post ein offiziell aussehendes Papier-Zertifikat, das man nach Empfang wiederum per Post ans Gericht schickt. Dieses schließt dann das Verfahren ab und hält gegenüber der Versicherung die Klappe. Man kann online nachsehen, ob und wann das schließlich passiert. Hoffen wir mal, dass das klappt ...

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Letzte Änderung: 30-Apr-2018