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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 52  
San Francisco, den 29.11.2004
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Rundbrief


Abbildung [1]: Graffiti an der Bahnstrecke, South San Francisco

Die Mischung aus schmuckloser Industrie und Graffiti hat mich ja bekanntermaßen schon immer fasziniert. Ich erinnere mich gern an meinen ersten Besuch in New York City Mitte der Achtziger, als ich dieses Buch mit U-Bahn-Graffities in die Hand bekam, das mich nie mehr los ließ. Das war immer mein Traum von Amerika.

Abbildung [2]: Spedition, South San Francisco

In der Südstadt wohnen hauptsächlich Leute, die sich die Mieten in der Stadt nicht leisten können. Wer Bukowskis "Der Mann mit der Ledertasche" liest, kann sich vorstellen, was es bedeutet, in Niedriglohnjobs in Schlachthöfen und Speditionsunternehmen in South-City zu arbeiten.

Abbildung [3]: Industrieanlage, South San Francisco

Aber der amerikanische Traum wird hier genauso geträumt, wie überall anders auch: Die hauptsächlich asiatischen Bewohner schutteln wie die Blöden, um ihre Kinder auf gute Schulen zu schicken und um vielleicht irgendwann einmal in eine bessere Gegend zu ziehen.

"Südstadt verzäll nix" ist freilich ein Titel der Gruppe BAP aus Köln, die anno 1984 mal im kleinen Barbara-Saal zu Augsburg vor etwa 400 Leuten spielte -- und noch heute höre ich die Kompositionen des Herrn Niedecken gern. Zwar reißen sie mich musikalisch nicht mehr vom Hocker, aber nach meiner Theorie ist der Text im Deutschen so mächtig, dass er 80% eines Songs ausmacht. Ah, wenn das Album "Amerika" läuft, werden wir ganz sentimental, wenn wir auf die Skyline von San Francisco sehen.

Abbildung [4]: Schrottplatz, South San Francisco

Abbildung [5]: Die Baseball-Trainer stehen dreist außerhalb des erlaubten Bereiches

Das heißt allerdings nicht, dass es einen Mangel an Bürokratie gäbe: Bei Einrichtungen wie der Kraftfahrzeugmeldebehörde (DMV), dem Steueramt (IRS) und der Einwanderungsbehörde (INS) wiehert der Amtsschimmel, schlimmer, jawohl schlimmer als in Deutschland. Das realisieren viele Deutsche nicht, die annehmen, in Amerika sei alles effizienter und weniger bürokratisch.

Ähnliches gilt für Zeitabsprachen. Wer zu einer zwanglosen Party zur vereinbarten Zeit auftaucht, dem öffnen verständnislos blickende Leute mit Lockenwicklern im Haar die Türe. Natürlich ist das Essen noch nicht fertig und alles ist furchtbar peinlich. Also: Immer eine Stunde zu spät kommen. Oh, und wenn man eine Woche vorher zugesagt hat und dann am Tag zuvor nicht mehr anruft und bestätigt, dass man tatsächlich kommt, wird niemand mehr mit dem Erscheinen rechnen. Kommt man dann ohne Bestätigung tatsächlich wie zugesagt, ist kein Bier im Kühlschrank.

Als AOL im Jahr 2000 Netscape kaufte und wir auf dem Campus einzogen, prallten zwei Welten aufeinander: Bei Netscape war es üblich, zu Meetings 15 Minuten zu spät zu erscheinen. Teilweise war das dann so, dass ich allein im Besprechungszimmer saß, mit den Gesprächspartnern in Dulles per Telefon alles durchsprach und teilweise schon das Gespräch beendet hatte, als die ersten Netscapeler eintrudelten. Da machte ich mir natürlich einen Spaß daraus, demonstrativ "Alles bereits erledigt, Meeting beendet" zu sagen und in mein Cubicle zurückzumarschieren. Genützt hat's allerdings nicht viel.

Wie man den Job wechselt

Nach sieben Jahren bei AOL dachte ich mir: Wenn ich jetzt nicht kündige, muss ich in dem Laden bis zur Rente bleiben. Nun ist die Auswahl an erfolgreichen Firmen im Silicon Valley ziemlich groß und der Arbeitsmarkt wieder kurz vor dem Boomen, und so ergab es sich, dass die Firma Yahoo! (korrekt, mit Ausrufezeichen!) mit mir ein Telefon-Interview führte, Interesse zeigte und dann zu einem Vorstellungsgespräch einlud. Dort lief alles wie am Schnürchen, man kannte meine Perl-Module aus dem Internet und das Team und der Manager dort machten mir einen sehr kompetenten Eindruck. Kurz, wir wurden uns handelseinig, kurze Zeit später unterschrieb ich den Vertrag.

Doch wie kündigt man in einer amerikanischen Firma? Böse Zungen behaupten ja, dass ich nur so lange bei AOL geblieben bin, weil ich das Formular zum Kündigen nicht gefunden habe, aber das stimmt natürlich nicht. Man sagt einfach seinem Manager: "Ich bin nur noch zwei Wochen da." Das ist die so genannte "Notice" und man schickt sicherheitshalber noch eine Email mit folgendem Wortlaut an die Personalabteilung:

"The purpose of this email is to inform you of my resignation from my current position as [position] at [company]. My last day of work will be [mm/dd/yyyy]. I have accepted another position."

Das ist alles, zwei Wochen später ist man weg! Es gab natürlich noch viel zu organisieren, die Projekte mussten übergeben, ein "Brain Dump" für die Kollegen durchgeführt und allerlei Bürokram erledigt werden. Aber, man glaubt es kaum, es geht schon irgendwie. Es war natürlich nicht einfach, nach so langer Zeit, aber irgendwann muss man den Schlussstrich ziehen.

Bewirbt man sich bei einer Firma in Amerika, geht das am einfachsten, wenn man jemanden kennt, der schon dort arbeitet. Durch die massiven Entlassungen bei AOL in den letzten Jahren sitzen jetzt ex-AOLer überall im Silicon Valley: Bei Ebay, Paypal, Yahoo!, Amazon, Google, Adobe und vielen kleineren Firmen kann man sich zur Zeit recht einfach bewerben, wenn man seine Kontakte über die letzten Jahre gut gepflegt hat. Zum Teil sind so richtige Freundschaften entstanden, und wir treffen uns immer noch in recht regelmäßigen Abständen. Eigentlich sehr ungewöhnlich in Amerika, wo Arbeitskontakte sehr oberflächlich sind und sich kaum Leute finden, die wenigstens zusammen abends in die Kneipe gehen. Aber wir ex-AOLer sind zusammen durch dick und dünn marschiert, das schweißt zusammen.

Diplom- und Arbeitszeugnisse sind in Amerika viel weniger wert als in Deutschland. Klar, für einen Software-Entwickler-Job braucht man schon zumindest ein Diplomzeugnis (Bachelor oder Master) in Informatik oder einem anderen technischen Zweig. Die Details sind aber uninteressant, wichtig ist allein die Berufserfahrung und der persönliche Eindruck, den der Kandidat macht.

Aus diesem Grund legt man einem Bewerbungsschreiben niemals ein Zeugnis bei. Und auch kein Passbild oder Geburtsdatum, um Alters- und Rassendiskriminierung vorzubeugen. Statt dessen schickt man einen "Resume" wie in perlmeister.com/resume.html und bereitet sich dann auf einen Telefonanruf vor, der typischerweise eine Stunde dauert und vom einstellenden Manager geführt wird, der abklopft, was der Kandidat drauf hat. Klappt das, wird man eingeladen und spricht in der ersten Runde mit etwa 4-5 Leuten, jeweils etwa 30-45 Minuten lang. Darauf können noch weitere Runden folgen (bei Google habe ich gehört, sind's mehr als fünf).

Es gibt übrigens strenge Vorschriften, was der Einstellende in einem Job-Interview fragen darf und was nicht. Man darf nicht nach Alter, Religion, Ehestand oder Herkunftsland fragen. Nur "Sind Sie berechtigt, legal in den USA zu arbeiten?" ist erlaubt.

Am einfachsten klappt die Bewerbung, wenn jemand, der schon dort arbeitet, eine Empfehlung ausspricht. In Amerika wird sehr viel Wert auf persönliche Referenzen gelegt. So zahlen viele Firmen $1000, $2000 und sogar noch mehr, wenn ein Angestellter einen Kandidaten vorschlägt, der dann auch eingestellt wird.

Bei der Bewerbung gibt man dann auch etwa drei "Referenzen" an, Leute, die ein gutes Wort für einen einlegen. Und glaubt es oder nicht: Die einstellenden Manager rufen diese Leute meist tatsächlich an und fragen, ob der Kandidat ihrer Meinung nach etwas taugt.

Kurz vor dem Unterschreiben des Vertrags beauftragt die Firma dann einen Spezialisten für "Background Checks", der nicht etwa die Echtheit eines Diplomzeugnisses prüft, sondern einfach bei der Universität anruft und fragt, ob der Kandidat tatsächlich dort studiert hat. Und auch bei den angegebenen früheren Arbeitgebern ruft er an und prüft, ob der Kandidat auch wirklich dort gearbeitet hat.

Yahoo!

Abbildung [6]: Ein Gebäude der Yahoo!-Zentrale in Sunnyvale

Mir waren ja schon Gerüchte über Yahoo! bekannt, aber was ich dann am ersten Tag erfuhr, haute mich schon um. Mir kam es vor, als sei's auf einmal wieder 1996 und die Internet-Aufbruchstimmung auf ihrem Höhepunkt.

Beim Vertragunterschreiben war mir schon aufgefallen, dass die HR-(Human-Resources = Personalabteilungs-) Typen allesamt total unangepasste Leute sind. Äußerlich genau das Gegenteil von einem deutschen Personalchef, fast hippiemäßig, aber total auf Zack und professionell. Überhaupt sieht man diese Spezies neuerdings öfter in Spitzenfirmen im Valley: Alt-Hippies, Leute, die sicher in der Schule nicht die Besten waren, aber dann die Kurve gekriegt haben und ganz groß rauskommen.

Allgemein ist das Niveau bei Yahoo! ein ganzes Stück höher als bei AOL, da springen hochkalibrige Leute rum, man glaubt es kaum: Beim ersten Mittagessen in der Kantine wurde mir mit einem Dutzend anderer Leute ein "Jeremy" vorstellt, und ich dachte mir nichts weiter dabei, bis ich am nächsten Tag herausfand, dass es sich um den MySQL-Guru und -Schreiber Jeremy Zawodny handelte. Wahnsinn! Und auch PHP-Erfinder Rasmus Lerdorf, ein Däne mit kanadischem Pass, arbeitet in unserer Gruppe und geht regelmäßig zum Mittagessen mit! Das Signal zum Essengehen gibt übrigens jemand mit einer Ziehharmonika, die dann eine bestimmte Melodie spielt.

Abbildung [7]: Teil des Yahoo!-Campus in Sunnyvale

In der Einführungsklasse wurden wir aufgepeitscht, ja kein Blatt vor den Mund zu nehmen und forsch unsere Ideen durchzudrücken. Und als ich die ersten paar Male in der neuen Gruppe noch fragte: "Können wir das so machen?" und die Antwort immer "Ja, klar!" lautete, war ich doch überwältigt. Wer mich kennt, weiß, dass da unter Umständen etwas unorthodoxe Methoden drankommen.

Für Yahoo! statt für AOL zu arbeiten hat weiter den Vorteil, dass ich nicht mehr auf zweifelhafte Geschäftspraktiken wie zum Beispiel das massenweise Aussenden von CDs angesprochen werde. Vielmehr genießt Yahoo! das uneingeschränkte Vertrauen Vieler, ja die Leute lieben Yahoo! regelrecht.

Einmal verpasste ich den Paketboten zuhause, und rief daraufhin beim Paketdienst UPS an, um die Sendung nicht mehr in San Francisco, sondern im 50 Kilometer entfernten Sunnyvale in der Arbeit zustellen zu lassen (ja, sowas geht in Amerika!). Als ich die neue Adresse durchsagte und "Yahoo!" angab, rief die Telefondame erfreut: "Yahoo! I love it! I'm using it all the time!". Da war ich dann doch gerührt.

Und der Pförtner der Raketenfirma Lockheed Martin, durch deren Gelände ich mit Spezialgenehmigung mit dem Fahrrad brausen darf (viel sicherer als an den Autobahnabfahrten im Silicon Valley entlangzufahren), rief mir neulich, nachdem ich meinen Passierschein gezeigt hatte, lachend nach: "Yahoooooo!".

Das Wort beschreibt übrigens das Geräusch, das ein Jodler von sich gibt. So wurde bei Yahoo! vor einigen Jahren der Weltrekord im Massenjodeln (mit Guinness-Buch-Eintrag) aufgestellt, als alle Mitarbeiter sich in der Cafeteria versammelten und zusammen jodelartige Geräusche von sich gaben.

Abbildung [8]: Der Yahoo!-Campus mit Basketballfeld

Die Firmenpolitik ist darauf ausgerichtet, den Mitarbeitern eine Umgebung bereitzustellen, in der sie befreit an verrückten Ideen arbeiten können. Die Leute sind total motiviert, auf Email-Listen wird heftig diskutiert, wie man den Yahoo!-Service verbessern kann. Und im Falle geistiger und körperlicher Erschöpfung gibt es Ruheräume, in denen man ein Nickerchen machen kann.

Weiter stehen ein Fitness-Center, Basketball-Felder, Beach-Volleyballfelder mit Sand zur Verfügung. Zur Kaffeeversorgung gibts ein Cafe in denen Baristas (so heißen bei Starbucks die Kaffee-Zubereiter) einem Lattes, Espressos oder heißen oder kalten Chai zaubern. Und das Ganze kostet keinen Cent, man geht einfach mit seinem Becher hin!

Wer zuhause keine Zeit zum Waschen hat, kann seine Wäsche abgeben, die dann gegen geringe Gebühr an eine Wäscherei geht, die die Sachen dann prompt sauber und schön gebügelt zurückliefert. Einmal pro Woche kommt ein fahrender Frisör in einem omnibusartigen Mobil auf den Campus, der die Haare schneidet. Und sogar ein rollendes Zahnarztmobil kommt einmal die Woche angefahren, wenn man mal wieder keine Zeit hat, zum echten Doktor zu gehen. Da war ich aber bislang skeptisch und werde wohl weiterhin einen herkömmlichen Zahnarzt aufsuchen.

Oh, und zu meinem "Background-Check" gibt es noch etwas Lustiges nachzutragen: Der Spezialist hat tatsächlich bei meinen früheren Arbeitgebern und sogar im Prüfungamt meiner Uni angerufen! Und sogar die Polizei in München, die bestätigte, dass gegen mich nichts vorliegt. Und auch mein Credit-Report (Rundbrief 05/2004) wurde eingeholt, um zu sehen, ob meine Finanzen in Ordnung sind. Ich weiß das alles, weil ich (das kann man ankreuzen, wenn man sich mit dem Background-Check einverstanden erklärt) eine Kopie des Reports erhielt. Detailliert stand da drauf, dass sie's ewig bei der TU München im Prüfungsamt klingeln ließen und keiner abhob, zum Totlachen!

Das Rundbrief-Top-Produkt: Duraflame-Logs

Abbildung [9]: Der Duraflame-Log als Feuerholzersatz

Mit unserem neuen offenen Kamin in der Wohnung stellt sich die Frage nach der Feuerholzbeschaffung. Wohnt man nicht im Wald sondern in der Großstadt, ist es gar nicht so einfach, genügend Holz herbeizuschaffen und zu lagern! Für Großstadtkaminfeuerenthusiasten gibt es deswegen die "Logs" von Duraflame, die man einfach an der Papierhülle anzündet und die dann vier (!) Stunden ununterbrochen brennen und ein schönes, sauberes Feuer machen! Natürlich bei Costco im 9er-Pack gekauft.

Bahn frei für Angelika!

Rot versus Blau: Der Wahlausgang in Amerika

Abbildung [10]: Wahlplakat für Bush und Cheney

Angelika Gebannt verfolgten wir in der Wahlnacht am 2. November die amerikanische Landkarte und hofften, dass sich der Bundesstaat "Ohio" doch noch blau einfärbt und dem Präsidentschaftskandidaten Kerry zufällt, nachdem uns schon Florida im bösen Rot entgegen blinkte.

Denn die Farbe Rot steht für die republikanische Partei und Bush, während Blau den Demokraten Kerry repräsentiert. Wie passend, denn die Hochburgen der demokratischen Patei liegen am Wasser: den Küsten der West- und obereren Ostküste, den Gebieten um die großen Seen und nicht zu vergessen Hawaii. Aber aus der Traum: Wir müssen Bush für vier weitere Jahre mit knirschenden Zähnen ertragen. Seufz!!! Zwar gewann Bush nicht haushoch wie Michael in böser Weltuntergangsstimmung prophezeit hatte, aber er ergatterte dieses Mal nicht nur die benötigten Wahlmännerstimmen, sondern sackte 3.5 Millionen mehr direkte Stimmen ("popular vote") als Kerry ein.

Da tröstet auch nicht, dass im tiefblauen San Francisco fast 85% Kerry ihre Stimme gaben. Die Gelehrten streiten sich, warum Bush gewann. Die Debatte um die moralischen Werte steht hoch im Kurs. Der wiedergeborene Christ Bush, der seine Schäflein in der Landesmitte um sich schart, weil er gegen Abtreibung und gegen die Ehe für Homosexuelle wettert. Da spielt es dann keine Rolle mehr, dass diese Schäflein sich ihr eignes wirtschaftliches Grab schaufeln, indem sie für einen Präsidenten stimmen, der Reiche und Großunternehmen favorisiert und sich am liebsten gleich zum Kaiser krönen lassen würde. Gerechterweise ist zu erwähnen, dass das mechanische Einfärben der amerikanischen Landkarte zu groben Vereinfachungen führt. Nevada ging z.B. an Bush und leuchtet deshalb rot, aber der Wahlausgang war denkbar knapp: 51 Prozent wählten Bush, 49 Prozent Kerry. Ähnliches findet man auch in anderen Bundesstaaten. Lila wäre in vielen Fällen also die bessere Farbe.

Wie tragisch nur, dass Bush nun Oberwasser hat, denn auch in beiden parlamentarischen Häusern wurde die Mehrheit der republikanischen Partei ausgebaut. An die bevorstehenden Nominierungen zum obersten Gerichtshof unter Bush denke ich mit Grausen, denn die Richter werden auf Lebenszeit ernannt und prägen über Jahrzehnte die rechsstaatliche Landschaft.

Bitte lächeln: Einreise in die USA

Seit dem 30. September heißt es für deutsche Staatsbürger an dem Schalter der amerikanischen Einwanderungsbehörde: "Bitte recht freundlich!" Denn von jedem Reisenden aus Deutschland, auch wenn er nicht der amerikanischen Visumspflicht unterliegt, wird ein digitales Foto geschossen. Die beiden Zeigefinger müssen darüber hinaus für einen Fingerabdruck herhalten. Seit Ende Oktober braucht dann jeder deutsche Tourist für die visafreie Einreise außerdem einen maschinenlesbaren Pass. Das gilt für Babys und Kinder genauso wie für Erwachsene. Da ist er streng, der Ami!

Das amerikanische Krankenkassensystem

Abbildung [11]: Das Kaiser-Permanente-Krankenhaus in San Francisco

Jedes Mal, wenn wir mit amerikanischen Freunden zusammen sitzen, kommt irgendwann das Thema des desolaten amerikanischen Krankenkassensystems auf. Die besser informierten Amis wissen und neiden, dass es in fast allen europäischen Ländern eine gesetzliche Krankenkasse für alle gibt. Michael verdreht dann sofort die Augen, weiß er doch, dass ich stundenlang über dieses leidige Thema diskutieren mag.

Auch nach fast acht Jahren habe ich mich noch nicht an die Tücken des amerikanischen Gesundheitswesen gewöhnt. Bis dato war ich allerdings der festen Überzeugung, dass es in Deutschland nie soweit kommen wird, das amerikanische System, das affenteuer und schlichtweg eine Kastastrophe ist, zu übernehmen. Wenn ich mir allerdings die Entwicklungen in Deutschland z.B. bezüglich der Praxisgebühr, Internetapotheken und Leistungen beim Zahnarzt anschaue, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Michael und ich unken immer, dass wir, wenn wir mal nach Deutschland zurückkehren, uns gar nicht groß umstellen brauchen. Versteht mich nicht falsch: Klar braucht Deutschland Reformen, nur verstehe ich nicht ganz, warum man diesbezüglich nach Amerika schielt, dessen System schon seit Jahrzehnten mit dem Rücken zur Wand steht. Warum nicht nach Skandinavien schauen? Ich bin ja schwer dafür, dass jeder, der im deutschen Gesundheitsministerium Veränderungen nach dem amerikanischen Modell vorschlägt, mindestens einmal vorher zum amerikanischen Arzt und ins amerikanische Krankenhaus muss. Dazu gehört dann selbstverständlich, sich mit der amerikanischen Krankenkasse herumzuschlagen. Die würden nie mehr irgendwelchen Blödsinn verzapfen.

Abbildung [12]: Der Mann hat wohl keine Krankenversicherung

Wir haben es euch schon mehrfach vorgebetet: Es gibt Millionen - arbeitende - Amerikaner, die gar keine Krankenversicherung haben oder nicht ausreichend versichert sind. Zur Zeit besitzen 45 Millionen (oder 15.6 % der amerikanischen Bevölkerung) keine Krankenversicherung -- eine rekordverdächtige Zahl.

Das Heer der Nicht-Versicherten gab es schon immer. Aber der Anstieg liegt erstens an den Nachwirkungen der Wirtschaftsflaute, die erst langsam abebbt. Denn wer in Amerika den Job verliert, verliert auch die Krankenkasse des Arbeitgebers. Der Arbeitnehmer kann zwar freiwillig die Krankenversicherung weiterzahlen, was ich später noch genauer erkläre, das ist aber teuer und für viele, die über kein festes Gehalt mehr verfügen, nicht finanzierbar. Selbst wenn man Arbeitslosenunterstützung -- ja, auch die gibt es in den USA - bezieht, ist man nicht automatisch krankenversichert.

Zweitens steigt die Zahl der Amerikaner ohne Krankenversicherung, weil die Versicherungsprämien in den letzten Jahren explodiert sind. Viele kleinere und mittelständische Betriebe können sich diesen "Luxus" nicht mehr leisten und bieten ihren Angestellten keine Krankenversicherung mehr an. Andere Betriebe verteilen die steigenden Kosten vermehrt auf ihre Arbeitnehmer, was für diese z.B. zu höheren monatlichen Beiträgen und stärkerer Selbstbeteiligung führt. Das Problem am amerikanischen System ist aber, dass es Unternehmen (außer in Hawaii) völlig freigestellt wird, ob und unter welchen Konditionen sie ihren Mitarbeitern eine Krankenversicherung anbieten.

So kommt es, dass Firmen die Kosten für die Krankenkasse ganz, anteilig oder gar nicht übernehmen. Yahoo! finanziert z.B. bis dato alles für uns beide. Ab 2005 zahlen Michael und ich zusammen 20 Dollar im Monat, den Rest der Prämie sponsort Yahoo!. Bei AOL belief sich unser monatlicher Beitrag zum Vergleich auf 180 Dollar. Wir können bei Yahoo! zwischen zwei Krankenkassen und bei einer der Kassen wiederum unter drei verschiedenen Plänen, die sich hinsichtlich Praxisgebühr, Selbstbeteiligung, freier Arztwahl usw. unterscheiden, auswählen.

Prinzipiell gilt: Je besser die Firma, je besser die Wahlmöglichkeiten und Konditionen. Da die Firmen entscheiden, welche Krankenkasse und Modelle sie wählen, kommt es beim Arbeitsplatzwechsel in der Regel dazu, dass der Arbeitnehmer die Krankenkasse wechseln muss, was dazu führen kann, dass der Arzt, zu dem man ging, nicht mehr mit der neuen Krankenkasse verbandelt ist. Also nicht wie in Deutschland, wo der Arbeitnehmer bestimmt, in welcher Krankenkasse er sein möchte und diese, wenn er den Job wechselt, behält.

Abbildung [13]: McDonald's-Mitarbeiter haben keine Krankenversicherung und Hotelangestellte oft auch nicht

Übrigens stimmten bei der Wahl am 2. November die Kalifornier wieder über so manches Volksbegehren ab. Das Volksbegehren mit der Nummer 72 (Proposition 72) sollte Firmen in Kalifornien dazu verdonnern, ab 50 Mitarbeitern eine Krankenversicherung anzubieten und ab 200 Mitarbeitern 80 % der Prämie zu zahlen. Herr und Frau Kalifornier ließen sich leider von Arnie einlullen, der gegen das Volksbegehren wetterte und stimmten dagegen. Wie dumm muss man sein! Hawaii ist der einzige Bundesstaat, der schon seit 1974 ein ähnliches Gesetz wie die vorgeschlagene Proposition 72 besitzt. Kein Wunder, dass es uns dort so gut gefällt.

Abbildung [14]: Haupteingang des Kaiser-Permanente-Krankenhauses

Woran liegt es nun aber, dass in Amerika die Kosten im Gesundheitswesen explodieren? Wie in anderen Industrienationen auch werden die Leute immer älter und die High-Tech-Medizin immer besser, was zu neuen teuren Behandlungsmethoden führt.

Dann kommt hinzu, dass der Ami ja bekanntlich gern vor Gericht zieht. Die Ärzte fürchten hier nichts mehr, als etwas zu übersehen und eine Schadensersatzklage an den Hals zu kriegen. Deshalb schließen sie teure Versicherungen ab. Das Geld muss natürlich irgendwo wieder reingeholt werden.

Ich meine auch, dass die Angst vor Fehlern damit einhergeht, dass Ärzte hier furchtbar nach Schema F vorgehen. Wenn der Patient über die und die Symptome klagt, muss unbedingt das und das gemacht werden. Auch der automatische Griff zum Rezeptblock macht mich immer ganz fuchsig. Frei nach dem Motto: Der Patient ist nur glücklich, wenn ich ihm eine Pille verschreibe. Antibiotika gelten hier immer noch als Allheilmittel.

Natürlich zahlen die Versicherten für die Nicht-Versicherten mit. Auch in Amerika schwört die Ärztezunft den hypokratischen Eid und lässt keinen verbluten oder sterben. Die so genannten "Emergency Rooms" (vergleichbar mit den Notfallaufnahmen in deutschen Krankenhäusern) sind verpflichtet, jeden zu behandeln, der "mit dem Kopf unter dem Arm ankommt".

Viele Nicht-Versicherte gehen aber mit nicht gerade lebensbedrohlichen Erkrankungen in die "Emergency Rooms", weil sie nicht wissen, wo sie sonst hingehen sollen, was natürlich für die Allgemeinheit teurer kommt als ein Arztbesuch in einer Praxis. Natürlich werden auch die Patienten, die keine Versicherung besitzen, zur Kasse gebeten. Bloß wo nichts ist, da kann auch nichts geholt werden. Deshalb schraubt man die Rechnungen für die Versicherten gleich etwas höher, um den Verlust auszugleichen.

Die County Hospitals (Gemeindekrankenhäuser), d.h. öffentliche Krankenhäuser, schicken auch niemanden weg, der keine Krankenversicherung hat. In San Francisco fällt das "General Hospital" unter diese Kategorie. Die Krankenhausverwaltung handelt dann mit dem Patienten aus, was dieser zahlen kann, indem der Patient seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse offenbart.

Als letzter gewichtiger Grund für die Kostenexplosion ist der aufgeblähte Verwaltungsapparat der verschiedenen Krankenkassen zu nennen. Da es zig verschiedene Pläne gibt, die sich alle unterscheiden bezüglich Leistungen und Eigenbeteiligungen des Patienten, braucht man ein Heer von Leuten, die darüber wachen. Macht man einen Termin beim Arzt, fragt die Sprechstundenhilfe nicht nur, welche Krankenkasse man hat, sondern auch um welchen Plan der genannten Krankenkasse es sich handelt, wobei selbst die sich damit nicht auskennt, obwohl sie sich jeden Tag damit beschäftigt. Eine weitere beliebte Frage folgt auf dem Fuße: "Und müssen Sie nicht zuerst Ihren Hausarzt sehen, um eine Überweisung zum Spezialisten zu erhalten?" Aaaahhhhh!!!!

Abbildung [15]: Kaiser Permanente hat sogar einen eigenen Shuttle-Bus

Es bleibt also eine unlösbare Aufgabe, alle Krankenkassenpläne zu erklären. Aber ich will mich an den Hauptmodellen versuchen. Es gab einmal das folgende einfache Modell: Der Patient geht zum Arzt oder in das Krankenhaus seiner Wahl, die Krankenkasse zahlt den Satz, den der Arzt bzw. das Krankenhaus in Rechnung stellt abzüglich einer Selbstbeteiligung, die der Patient übernimmt. Das waren noch Zeiten.

Heute will die Krankenkasse Kosten sparen und verstärkt mitreden, was zum so genannten "Managed Care" führte. Dessen wichtigtes Prinzip ist es, dass die jeweilige Krankenkasse mit Ärzten und Krankenhäusern feste Gebührensätze aushandelt und der Patient in der Regel nur zu diesen Vertragsärzten und -krankenhäusern gehen darf. Auf den Abrechnungen, die der Patient von seiner Krankenkasse erhält, sieht man dann den Preisunterschied. Mein Internist berechnete z.B. für einen Besuch bei ihm mit Impfauffrischung $170. Er bekam aber nur $116, weil das dem vereinbarten Satz entsprach. Außerdem müssen bestimmte - meist die kostspieligeren - Behandlungsmethoden wie z.B. Operationen von der Krankenkasse genehmigt werden. Und da liegt der Hase im Pfeffer, denn die Krankenkasse ist nicht unabhängig. Schließlich will sie Profit machen.

Bei dem Modell der "Preferred Provider Organizations (PPO)" (preferred provider = bevorzugte Anbieter), was wir zur Zeit haben, darf ich prinzipiell jeden Arzt aufsuchen. Ich spare aber viel Geld, wenn ich zu dem Arzt gehe, der mit meiner Krankenkasse unter Vertrag steht. In der Regel schließen Ärzte und Krankenhäuser mit den verschiedensten Krankenkassen Verträge ab. Aber wie weiß ich, ob mein Arzt zum Verbund gehört? Die großen Krankenkassen verfügen online über ein Ärzte- und Krankenhausverzeichnis, das man abfragen kann. Das geht natürlich auch telefonisch, nur kostet das meist mehr Zeit, da man sich erst durch ein lästiges Telefonmenü drücken muss.

Selbst wenn ich einen Vertragsarzt wähle, wird eine Praxisgebühr (in Amerika "co-payment" genannt) fällig, und zwar bei jedem Arztbesuch und nicht so wie in Deutschland einmal im Quartal. Wir zahlen zur Zeit $15 (variert von Krankenkasse zu Krankenkasse) pro Praxisbesuch. Weiter gibt es eine jährliche Selbstbeteiligung, die in unserem Fall $250 Dollar pro Person beträgt und fällig wird, wenn wir Röntgenuntersuchungen, Operationen und der gleichen brauchen. Nach Abgleichen der Selbstbeteiligung zahlt unsere Kasse in diesen Fällen 90%. Wir berappen 10%. 10% von $ 1000 verschmerzt man, 10% von $100.000 nicht mehr so leicht, deshalb limitiert der Plan, wieviel wir pro Jahr maximal aus unserer eigenen Tasche zahlen müssen ("out-of-pocket maximum"): $1250 pro Person in unserem Fall. Die Praxisgebühr zählt allerdings nicht dazu.

Zur Veranschaulichung ein kleines Beispiel. Nehmen wir an, jemand wird krank und die Krankenhausrechung beläuft sich auf insgesamt 10.000 Dollar. Mit dem Yahoo!-Plan, den wir haben, zahlen wir $250 Selbstbeteiligung, bleiben $9.750. 10% Co-Insurance davon sind $975, also müssten wir $250 + $975 = $1225 selbst zahlen, da das Maximum ($1250) noch nicht erreicht ist.

Das "Point of Service (POS)"-Modell hingegen baut den Hausarzt als Koordinator ein, d.h. der Patient verpflichtet sich, immer erst zu seinem Hausarzt zu gehen, der ihn, wenn nötig, zu Spezialisten, die der Krankenkasse angeschlossen sind oder nicht, überweist. Auch hier fährt der Patient kostengünstiger, wenn der Hausarzt ihn zu Experten schickt, die mit der eigenen Krankenkasse unter Vertrag stehen ("in network"). Das Hausarztmodell ist meines Wissens ja auch in Deutschland wieder im Kommen. Die Idee ist, dass der Hausarzt die Fäden in der Hand hält, seinen Patienten kennt und so unnötige Spezialuntersuchungen verhindert.

Bei der dritten Variante, der "Health Maintenance Organizations (HMO)" darf der Patient nur Vertragsärzte oder Vertragskrankenhäuser aufsuchen, sonst zahlt die Krankenkasse nicht. Auch hier koordiniert der Hausarzt in der Regel die anstehenden Behandlungen. In Reinform geht es beim HMO sogar so weit, dass die Krankenkasse eigene Krankenhäuser besitzt und die Ärzte Angestellte der Krankenkasse sind wie z.B. bei Kaiser Permanente. Alles ist unter einem Dach. Braucht der Patient einen Spezialisten oder Labortests, reicht man ihn gleich innerhalb des Hauses weiter. Die freie Arztwahl ist zwar eingeschränkt, dafür übernimmt die Kasse 100% aller Kosten nach Bezahlen einer geringen Praxisgebühr. Viele Patienten lieben dieses Modell, weil es gerade abrechnungstechnisch recht einfach ist.

Ein weiteres Modell, das des "Self-Insured Health Plans" (Selbstversicherer), erfreut sich vor allen Dingen bei größeren Firmen wachsender Beliebtheit. Die Firma zahlt Geld in einen eigenen Topf ein und bestreitet daraus die Kosten für die eigenen Mitarbeiter im Krankheitsfall.

Der neueste Hit sind sie so genannten "Health Funds" (Gesundheitsfond), die verschiedene Krankenkassen in Verbindung mit den Arbeitgebern anbieten. Die Firma zahlt der Krankenkasse für den betreffenden Mitarbeiter eine bestimmte Summe pro Jahr, die dieser für anfallende Kosten im Krankheitsfall nutzt. Braucht er den Fond nicht auf, wird das Geld ins neue Jahr mitgenommen. Ist die Jahressumme ausgegeben, bestreitet der Arbeitnehmer zunächst eine höhere Selbstbeteiligung, bevor die reguläre Versicherung die weiteren Kosten übernimmt. Folgende Idee steckt dahinter: Der Patient als eigener Gesundheitsmanager, der entscheidet, wann und für was er Geld beim Arzt oder in der Apotheke ausgibt. Auch wir könnten wir diesen Plan ab 2005 wählen: Yahoo! würde für uns beide $1125 in den Fond einzahlen. Die Jahresselbstbeteiligung wäre nach Aufbrauchen des Geldes $750 für uns zwei.

In Amerika entscheidet sich der Mitarbeiter am Jahresende jeweils wieder neu, welches Krankenkassenmodell er für das kommende Jahr wählt. Das liegt auch daran, dass sich stets irgendetwas ändert. Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass Zahnarzt- oder Augenarzt- und Brillenversicherungen in der Regel von der Krankenkasse abgekoppelt sind.

Was macht nun aber der arme Tropf, der seinen Job verliert und damit die Krankenversicherung? Das COBRA-Gesetz (= Consolidated Omnibus Budget Reconciliation Act) kommt in den USA zu Hilfe. Das Gesetz besagt nämlich, dass der Arbeitnehmer in der Firmengruppenversicherung für 18 Monate freiwillig weiter versichert sein kann, wenn er die Firma verlässt (also auch wenn er selber kündigt), solange die Firmenversicherung für 20 oder mehr Mitarbeiter besteht. Nur zahlt er dann die Prämie aus eigener Tasche. AOLs Krankenversicherung (ohne Zahnarzt- und Brillenversicherung) hätte für uns beide unter COBRA $643 monatlich gekostet.

COBRA abzuschließen ist nicht nur sinnvoll, um im Krankenheitsfall abgesichert zu sein, sondern auch um keine Lücke im Versicherungsschutz zu haben, z.B. wenn man eine kreative Pause zwischen zwei Jobs einlegt. Das schützt einen davor, so genannte "Pre-existing conditions" aufgebrummt zu bekommen. Zu "Pre-existing conditions" zählen alle Krankheiten, die sechs Monate vor Aufnahme in eine neue Krankenkasse diagnostiziert oder behandelt wurden, was dazu führen kann, dass für diese Krankheiten 6-12 Monate lang erstmal keine Behandlung gezahlt wird.

Abbildung [16]: In eine Drogerie integrierte Apotheke: Walgreens

Die Apotheken ("pharmacies"), die sich in Supermarktketten wie z.B. "Safeway" oder Drogeriemärkten ("drugstores") wie "Walgreens" und "Rite Aid" befinden, verwunderten mich schon auf meiner ersten Amerikareise. Traditionelle Apotheken, wie sie Deutschland kennt, sind mittlerweile in Amerika vom Aussterben bedroht.

Jeder Tourist staunt über den 100er-Tabletten-Pack Aspirin im Supermarktregal, den der Kunde sogar zu einem ganz vernünftigen Preis bekommt. Ich behaupte aber frech, dass das Zeug nicht so stark ist wie in Deutschland, denn der Kopfschmerzgeplagte muss in der Regel zwei Tabletten schlucken, damit das Zeug wirkt. Verschreibungspflichtige Medikamente haben in Amerika völlige Mondpreise.

Die Pharmaindustrie nimmt es hier von den Lebendigen mit dem Argument, dass die hohen Profite genutzt werden, um neue Medikamente zu entwickeln und zu erproben. Ah ja! Wie wichtig also, dass die eigene Krankenkasse verschreibungspflichtige Medikamente bezahlt. Um Geld zu sparen, verdonnert einen die Krankenkasse meist dazu, das der Arzt wann immer vorhanden so genannte "Generics" verschreibt. Das bedeutet einfach, dass der Patient nicht das Medikament unter der Original-Handelsbezeichnung der Herstellerfirma erwirbt, sondern ein markenloses Produkt, das die gleichen chemischen Inhaltsstoffe besitzt, aber nur einen Bruchteil kostet.

Abbildung [17]: "Generics", Noname-Medikamente, die man wieder auffüllen kann.

Die Drogeriekette "Walgreens" gibt diese "Generics" in "schicken" orangen Plastikbehältern aus (siehe Abbildung 17). Nix mit Orginalverpackung oder dergleichen Luxus. Auch den klassischen, feingefalteten Beipackzettel sucht man vergeblich. Walgreens legt aber natürlich einen ähnlichen, selbstgefertigten Zettel bei, der beschreibt, wie sich das Medikament zusammensetzt, wie es einzunehmen ist und was es für Nebenwirkungen hervorrufen kann sowie wieviel die Versicherung für das Medikament zahlte.

Auch eine Rezeptgebühr ist zu berappen. Die Höhe variert je nach Krankenkasse und dem jeweiligen Plan, für den man sich entschieden hat. Bei unser neuen Krankenversicherung Aetna zahlen wir bei "Generics" 5 Dollar aus eigener Tasche und bei Markenpräperaten 15 Dollar, die wir aber nur bekommen, wenn es kein entsprechendes "Generic" gibt.

Recht praktisch und verbraucherfreundlich finde ich die Möglichkeit des "refill" (=Nachfüllen). Der Arzt schreibt dann auf das Rezept, wie oft man als Patient das Medikament wieder auffüllen darf, ohne ein neues Rezept vorzulegen. Das erspart lästige Arztbesuche, nur weil das Medikament, das man regelmäßig nimmt, zur Neige geht.

Zum guten Schluss bleibt nicht aus, noch ein wenig zu lästern. Ich bin jedes Mal geschockt, wie die Arztpraxen hier Aussehen im Gegensatz zu denen in Deutschland. Nix mit schickem Möbilar und geschmackvollem Wartezimmer. Die Behandlungszimmer sind oft Löcher, in denen gerade mal der Arzt und der Patient Platz finden -- zerschrammte und zerbeulte medizinische Schränke keine Seltenheit. Nun gestehe ich, dass ein Designer-Schreibtisch oder die Größe des Wartezimmers nichts darüber aussagt, wie gut die Behandlung ist. Aber den Gipfel der Geschmacklosigkeit stellen die Stoff- oder Papierkittel, die wie Krankenhausnachthemden aussehen, dar, die der Patient anzieht, damit er dem Arzt nicht splitternackt entgegen treten muss. Es lebe die amerikanische Prüderie. Sicher bin ich schon bei einigen amerikanischen Ärzte als schwieriger Patient verschrien: "Ach, jetzt kommt die schon wieder, die kein Antibiotika will und den 'Keuschheitskittel' hasst."

Die Platte des Monats

Michael Mann, das ist ja mal wieder ein Gemaule heute! Zur allgemeinen Beruhigung legen wir gleich eine Platte mit Guter-Laune-Musik auf. Lalalala ...

Abbildung [18]: "Smile", das neue Album von Beach-Boys-Onkel Brian Wilson

Was haben Manfred Deix (der österreichische Zeichner) und ich gemeinsam? Wir sind beide bekennende Fans der kalifornischen Gruppe "The Beach Boys". Jawohl, jetzt ist es raus! Ich bin ein Beach-Boys-Fan! Mir egal!

Landläufig herrscht ja die Meinung, dass die Beach-Boys nur Trallala-Musik produziert haben. Ich hingegen behaupte: Die Beach Boys sind eine der genialsten Bands aller Zeiten. Hinter all der Sommer-Sonne-Schnelle-Autos/Mädels-Fassade steckt der geniale Kopf Brian Wilson, der nicht nur Ohrwürmer komponiert, sondern auch komplizierte Melodien, auf die sonst keiner kommt.

Der Mann schwankt zwischen Genie und Wahnsinn. Die Platte "Pet Sounds" aus dem Jahr 1966 ist so knapp dazwischen. Die sollten sich alle angehenden Fachärzte für Schizophrenie anhören. Danach ist der gute Brian hin und wieder total abgedriftet. Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, in der wurde berichtet, dass er monate(!)lang einfach nicht mehr aus dem Bett aufgestanden ist. Teilweise kamen Reporter zum Bett und Brian Wilson gab gemütlich liegend Interviews. Das war übrigens ein sehr schönes und bequemes Bett, ich kann mich erinnern, dass ich beim Ansehen der Dokumentation zustimmend genickt habe.

Ich habe mir sogar mal für ein Heidengeld die so genannte "The Pet Sounds Sessions"-Doppel-CD gekauft, auf der ungefähr 60 steinalte Studiomitschnitte zu hören sind. Da wird teilweise 10 Sekunden lang ein Song gespielt, einer verhaut sich, und alles lacht und hört auf.

Jedenfalls hat Brian Wilson nach Jahrzehnten der Untätigkeit noch eine endgültige Platte herausgebracht: "Smile". Ein Meisterwerk. Das muss man sich ungefähr zehnmal anhören, dann kriegt man die ganzen Feinheiten mit und ist hingerissen. Das Aufstehen hat sich gelohnt.

Gruß aus'm Bett:

Michael und Angelika

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017