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  Rundbrief Nummer 51  
San Francisco, den 26.08.2004
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Abbildung [1]: Der neue Blick aus dem Fenster

Umziehen in den USA

Angelika: Wir wohnen ja bald schon 8 Jahre in San Francisco und hatten bislang noch nie die Wohnung gewechselt. Das lag zum einen an den unerschwinglichen Mieten in San Francisco und zum anderen an Michaels Weigerung umzuziehen -- ihm graute vor der vielen Arbeit. Dabei habe ich damals den Amerika-Umzug ganz alleine bewältigt, da Michael schon sieben Wochen vor mir abgezogen ist, mit nur zwei Reisetäschelchen bewaffnet!

Außerdem hingen wir sehr an unserer alten Wohnung. Der Blick war unbezahlbar und es war unsere erste Bleibe in San Francisco. Allerdings wurde der Platz in der Zweizimmerwohnung (in Amerika "One-Bedroom" genannt) wegen des über Jahre hinweg angehäuften Krempels denkbar knapp. Michael meint ja, dass er jedes Perl-Buch dieses Planeten besitzen muss und ich stehe mit meinen tausend und eins Schachteln, die mit meinen Fotos beladen sind, auch nicht nach.

Aber wer umzieht, will sich natürlich verbessern und so erstellten wir den folgenden Anforderungskatalog: Drei Zimmer ("Two-Bedroom" genannt), mit Balkon und bombastischem Blick sowie Garage (unverzichtbar im Parkplatznotstandsgebiet San Francisco) sollten es sein. Wir wollten im obersten Stockwerk des Gebäudes wohnen, damit uns im Erdbebenfall nicht der Nachbar auf den Kopf fällt.

Auch der Stampffaktor ist in amerikanischen Häusern diesbezüglich nicht zu vernachlässigen. Durch die leichte Holzbauweise hört sich normales Laufen schon wie Elefantentrampeln an. Wenn wir in einem zweistöckigen Motel absteigen, achten wir immer darauf, oben zu wohnen. Die neue Wohnung musste nicht auf die Straße sondern nach hinten rausgehen und in unserem geliebten Viertel "Noe Valley" liegen. Und die so genannte "Rent Control" brauchten wir auch noch. Sie sorgt dafür, dass die Miete stabil bleibt, wie schon einmal in Rundbrief 08/2000 beschrieben.

Abbildung [2]: Eine 4-Zimmer-(3-Bedroom)-Wohnung in der Mission ist zu vermieten ...

Lange Zeit hatten wir diese Liste als völlig unrealistisch abgehakt und hielten folgerichtig gar nicht Ausschau nach einer neuen Wohnung. Aber in den letzten Monaten tauchten in unserem Viertel immer häufiger "For-Rent-Schilder" (Zu Vermieten) an Haustüren und Fenstern auf. Das bedeutet nun nicht, dass die Mieten dramatisch gefallen sind, aber ganz so verrückt wie in den Dotcom-Boomzeiten ist die Situation in San Francisco nicht mehr. Man zahlt nicht mehr ein Vermögen für ein Rattenloch.

Das Prinzip des "For-Rent- Schildes" ist hier übrigens eine beliebte Variante, eine Wohnung an den Mann zu bringen. Auf dem Schild steht meist eine Telefonnummer, die der Wohnungssuchende anrufen kann, um mehr über die Wohnung zu erfahren und einen Besichtigungtermin auszumachen. Gerade in belebten Gegenden mit viel Fußvolk funktioniert das prächtig. Manche Wohnungen und Häuser stehen auch zum Verkauf bereit, auch dafür gibt es Schilder.

Und dann gibt es in San Francisco natürlich "Craigslist", eine richtige Institution, die nicht nur jeder kennt, der etwas verkaufen will, eine Arbeitsstelle sucht oder Kontakte knüpfen möchte, sondern auch jeder Vermieter und Wohnungssuchende weiß die Internetadresse "www.craigslist.org" auswendig.

Abbildung [3]: ... mit 2400 Dollar pro Monat allerdings nicht unsere Preisklasse.

Wie in einer Zeitung listet die Internetseite u.a. Wohnungsangebote. Craigslist startete übrigens 1994 in San Francisco damit, dass ein gewisser Craig Newmark (daher der Name) Auflistungen von Veranstaltungen in und um San Francisco per E-Mail an seine Freunde und Bekannten schickte. Die Liste erfreute sich großer Beliebtheit und wuchs ständig an, sodass mittlerweile 15 feste Mitarbeiter für Craig arbeiten. Die Zeitung "San Francisco Chronicle" brachte neulich ein lesenswertes Interview mit dem Lokalhelden. Es gibt "Craigslist" jetzt in 45 Städten der USA mit Ablegern in Kanada und England. Geld verdient die Internetfirma dadurch, dass Firmen und Arbeitgebern für das Auflisten eines Stellenangebotes $75 (in San Francisco) hinblättern müssen.

Eines Nachmittags im Mai schlenderten wir auf der 24ten Straße in unserem Viertel und sahen ein "For-Rent-Schild". Da auf diesem der gigantische Blick des Apartements angepriesen wurde, griff ich kurzer Hand zum Telefon und machte einen Besichtigungstermin aus. Und siehe da: Die Wohnung erfüllte unseren Anforderungskatalog und trumpfte auch noch mit einem offenen Kamin auf. Das überzeugte dann auch Umzugsmuffel Michael, denn der zündelt ja bekanntlich für sein Leben gern. Zudem war die neue Wohnung schon eine alte Bekannte: Von unserem alten Apartement aus konnten wir sie jahrelang sehen.

Da wir uns nach dem Besichtigungstermin ernsthaft für die Wohnung interessierten, füllten wir die hier übliche "Application" (Bewerbung) aus. Man gibt darauf in der Regel seinen Arbeitgeber, den monatlichen Verdienst, die Social Security Number (Sozialversicherungsnummer) und die Führerscheinnummer an. Der Vermieter hat das Recht, die Angaben zu überprüfen und den Credit Report (siehe Rundbrief 05/2004) einzufordern. Manche Vermieter verlangen auch, dass der potentielle Mieter den Credit Report gleich zum Besichtigungstermin mitbringt. Der Credit Report wurde Michael bei der Anmietung unserer ersten Wohnung übrigens fast zum Verhängnis. Frisch aus Deutschland kommend, war das nur ein weißes Blatt Papier. Gott sei Dank hatte der andere Bewerber damals eine Katze und der katzenlose Michael stach ihn deshalb aus. Dieses Mal klappte alles wie am Schnürchen und wir unterschrieben schließlich den Mietvertrag.

In San Francisco verpflichtet man sich in der Regel, die Wohnung für ein Jahr lang zu mieten, danach setzt eine monatliche Kündigungsfrist ein. Auch eine Kaution ("Security Deposit") wird gezahlt. Anderthalb bis zwei Monatsmieten sind üblich. Wie in Deutschland darf der Vermieter die Kaution einbehalten, wenn der Mieter die Wohnung beschädigt oder mit der Miete im Rückstand ist. Der Mieter erhält über die Jahre Zinsen auf die Kautionssumme. Das städtische "Rent Board" (Mieter-Amt) legt dabei den jährlichen Zinsatz fest.

Zieht man um, stellt man natürlich auch in Amerika für die Post einen Nachsendeantrag. Der United States Postal Service gibt sich dabei höchstmodern, denn die Adressenänderung kann über das Internet gegen eine Gebühr von $1 vorgenommen werden. Wer den Antrag direkt beim Postamt abgibt, zahlt allerdings nichts. Die meisten Postsendungen werden für ein Jahr lang kostenlos an die neue Adresse weitergeleitet. Bei Zeitschriften und Zeitungen ist das Ganze auf 2 Monate begrenzt. Und, oh Wunder oh Wunder, das Nachsenden der Post klappt sogar, aber das liegt an unserem klasse Briefträger George, der schon seit über 20 Jahren (ein absoluter Rekord für amerikanische Verhältnisse) in unserem Viertel arbeitet und weiterhin für uns zuständig ist. Hurra!

Jeder weiß, dass Amerika kein Meldegesetz hat. In Kalifornien muss man der Führerscheinstelle (DMV genannt) allerdings innerhalb von 10 Tagen seine Adressenänderung mitteilen. Und Greencard-Besitzer wie wir (ebenso wie Visumsinhaber) kommen nicht darum herum, ihre neue Adresse an die Einwanderungsbehörde zu schicken -- ebenfalls innerhalb von 10 Tagen.

Das Letztere sollte man übrigens tatsächlich nicht auf die leichte Schulter nehmen. Obwohl diese Verordnung schon ewig existiert, verfolgte die Einwanderungsbehörde Schlampereien diesbezüglich nicht. Nach den Terroranschlägen am 11.9.2001 wurden allerdings plötzlich Leute verhaftet, weil sie das Formular mit der Adressenänderung nicht an die Einwanderungsbehörde geschickt hatten, weil die Behörden diesen Verstoß als Vorwand nutzten, um Leute festzusetzen.

Abbildung [4]: Wohnung am Potrero Hill zu verkaufen

Das führte dann im Gegenzug dazu, dass alle Ausländer plötzlich wie wild ihre Adressenänderungen mitteilten und die Einwanderungsbehörde mit Formularen völlig zugeschüttet wurde. Ich schickte alles gleich per Einschreiben mit Rückantwort, damit wir auch ja beweisen können, dass wir den Kram rechtzeitg auf den Weg gebracht haben.

Nur gut, dass es das Internet gibt, denn die Formulare kann sich jeder vom Server der Einwanderungsbehörde runterladen. Hut ab, die meisten amerikanischen Behörden sind diesbezüglich wirklich auf Zack.

Michael: Nach fast acht Jahren USA haben wir schon geglaubt, uns könnte nichts mehr schocken. Man gewöhnt sich ja an vieles: Auf nichts ist hier Verlass. Dass etwas tatsächlich wie zugesagt funktioniert, ist die Ausnahme. Bestätigt mir irgendjemand etwas, habe ich es mir mittlerweile zur Angewohnheit gemacht, eine Notiz im Kalender anzulegen: Eine Woche später steht dann ein Eintrag, der mich daran erinnert, nachzuprüfen, ob das, was zugesagt wurde, auch tatsächlich stattgefunden hat. Zu 90% klappt das nicht, dann muss man den so genannten "Follow-up" durchführen.

Wenn man dann mahnt, muss man freundlich bleiben, denn niemand will an die eigene Schlamperei erinnert werden. Also nicht: "Wieso wurde das nicht erledigt?", sondern: "Hatten Sie Gelegenheit, sich XY zuzuwenden?" "Noch nicht? Hmm, denken Sie, Sie könnten diese Woche dazu kommen?" Man braucht dazu eine Eselsgeduld. Wer das nicht packt, sondern ausflippt, der läuft böse auf und kommt nicht weiter, da stellen sich die Leute stur.

Was allerdings beim Umzug passierte, haute uns beide um: Zwei Wochen vorher riefen wir bei der lokalen Telefongesellschaft "SBC" an, um zu beantragen, dass der Anschluss unter Beibehaltung der Nummer eine Straße weiter wandern sollte. "Kein Problem, erledigen wir!" hieß es und ich wurde stutzig. Warum geht das so einfach? "Muss ich wirklich nichts weiter machen, damit in vierzehn Tagen der Anschluss umgestellt wird?" "No, you're all set!". Glauben wollte ich das nicht ganz, aber gut.

Abbildung [5]: Michael hat ein Feuer im Kamin angezündet und sich gemütlich mit dem Laptop (Wireless Internet!) hingekuschelt.

Am nächsten Morgen war unser Telefon tot. Mit dem Handy rief ich bei der lokalen Telefongesellschaft an. Ja, der Anschluss wurde umgestellt. "Aber vereinbart war doch der 29. -- heute ist der 15." "Hmm, ja, Sie haben Recht, heute ist nicht der 29." "Richten Sie's?" "Klar, kein Problem, wo können wir Sie erreichen -- unter ihrer angemeldeten Telefonnummer?". "Nein. Deswegen rufe ich ja an." "Ach so." Gute Güte.

So ging das weiter. In der neuen Wohnung funktionierte weder das Telefon noch der DSL-Anschluss. Für beide musste ich bei zwei verschiedenen Firmen anrufen und stundenlang darauf beharren, dass nicht etwa mein Telefon oder mein DSL-Router defekt wären, sondern die Leitung schlicht nicht funktionierte: "Das kennen wir, das ist meist das Telefon." "Ich habe dieses Telefon seit sieben Jahren, es hat immer einwandfrei funktioniert." "Es könnte trotzdem kaputt sein." "Ich habe noch ein zweites, baugleiches Telefon. Das geht auch nicht." "Also gut, wir schicken jemanden vorbei, aber wenn's ihr Fehler ist, stellen wir's in Rechnung". Wahnsinn. Beim Kundendienst des lokalen Telefonmonopolisten "SBC" fühlt man sich wie in der DDR.

Aber dank der über viele Jahre gewachsenen Elefantenhaut eurer Amerika-Profis haben wir das Chaos Zug um Zug aufgeräumt. Im Zuge der Räumarbeiten wurden auch überflüssige Möbel verschenkt oder verkauft. Langsam zieht wieder Normalität ein. Aber in den nächsten zwanzig Jahren ziehe ich garantiert nicht mehr um.

Free Stuff

Abbildung [6]: Eine Kiste mit altem Klump vor die Tür gestellt ...

Amerikanern wirft man ja vor, exzessiv Müll zu produzieren. Das trifft oft zu, wenn man an den Platiktütenwahnsinn im Supermarkt und die in ländlichen Gebieten praktisch nicht vorhandene Mülltrennung denkt. Allerdings gibt es hier ein Wiederverwertungsverfahren, das ich aus Deutschland noch nicht kannte1: Man stellt altes Klump auf den Gehweg, macht einen Zettel dran, auf dem "Free Stuff" ("Das Zeug gibt's umsonst") steht und wartet ein, zwei Stunden.

1Gewährsmänner aus Berlin haben mir allerdings berichtet, dass es dort ähnlich funktioniert.

Am 15. August um 13:54 reproduzierten wir ein schon dutzendfach ausgeführtes Experiment nochmal für den Rundbrief: Eine alte Plastikkiste mit aus dem Umzug übriggebliebenen Dingen wurde auf den Gehweg vor dem Haus gestellt und ein Zettel drangemacht. In der Kiste befanden sich: zwei Drahtkörbe zum Einhängen in ein Regal, ein Abtropfgestell für Geschirr, ein altes Telefon und 50 Kugelschreiber, die ich mal als Werbegeschenk erhalten hatte.

Abbildung [7]: ... und eine Stunde später ist alles weg, samt Kiste!

Etwa zwei Stunden später, um 15:49:33 ging ich nochmals hinunter, und siehe da: Alles weg, einschließlich Kiste.

Einmal stellte ich einen Karton mit ausgelesenen deutschen Büchern hinunter und machte einen großen Zettel dran: "GERMAN LANGUAGE BOOKS", da der Inhalt nur für eine kleine Minderheit lesbar war und nicht jeder andere in die Kiste greifen sollte, um dies festzustellen.

Kurze Zeit später war die Kiste weg, und Angelika entdeckte zufällig auf der anderen Straßenseite einen Penner, der die Bücher auf dem Gehweg zum Verkauf anbot, und demonstrativ einen deutschen Krimi wie zum Lesen aufgeschlagen vor sich hielt. Leider hatte sie nicht den Mut, die Szene zu fotografieren.

Wenn man viel Zeit und Spaß daran hat, stundenlang auf dem Gehweg zu sitzen, kann man altes Zeug übrigens auch im Zuge eines "Garage Sale" loswerden. Da startet man einfach vor seiner Garage (wer keine hat, macht's einfach auf dem Gehweg) einen privaten Flohmarkt und verhökert das Zeug an Passanten und neugierige Insassen anhaltender Autos. Besonders am Wochenende ist dieses Geschäftstreiben sehr beliebt, da sieht man oft ein halbes Dutzend kreuz und quer geparkter Autos vor einigen Leuten mit auf dem Gehweg ausgebreiteten Ramsch. Es ist unfassbar, was sich alles verkaufen lässt, wahrscheinlich kaufen manche Leute das Zeug nur, um es wiederum bei ihrem "Garage Sale" weiter zu verkaufen.

Zwischenfall auf dem Netscape-Parkplatz

Abbildung [9]: Eine Gopher-Schlange auf dem Netscape-Parkplatz kriecht aus dem Gebüsch ...

Es war ein ganz normaler Arbeitstag im Juni, als ich frühmorgens um zehn Uhr routinemäßig mit dem Fahrrad in den Netscape-Parkplatz einfuhr. Ich wollte gerade die Tür zum Gebäude öffnen, als mir der Sicherheitsbeamte, der immer darauf achtet, dass auch jeder seine "Badge" (Firmenausweis) trägt, zu verstehen gab, dass sich auf dem Parkplatz eine Schlange befände. Und tatsächlich: Ein paar Meter weiter nur schlängelte sich eine etwa 2 Meter lange und drei, vier Zentimeter dicke gemusterte Schlange im Gebüsch!

Abbildung [10]: ... unter ein Auto ...

Schnell ging ich ins Gebäude, gab den Kollegen Bescheid, holte die Kamera aus dem Rucksack und schon stürmte alles raus, das Unikum zu bestaunen! Ein Fachmann unter den Leuten, die für die Gebäudewartung zuständig sind, stellte fest, dass es sich um eine so genannte "Gopher-Snake" handelte, also eine nicht giftige, Erdhörnchen vertilgende Schlange. Schnell wurde ein SUV vorgefahren, ein Billiardstock und ein Abfalleimer aus dem Spielzimmer geholt, und die Schlange nach einigem Hin und Her hineinverfrachtet.

Mein Vorschlag, sie einfach zu Microsoft zu fahren und auf dem Parkplatz loszulassen, wurde leider "aus juristischen Gründen" brüsk abgelehnt! Kein Humor, diese Amis!

Abbildung [11]: ... und wird schließlich von todesmutigen Sicherheitsleuten eingefangen.

Auf Landkreis- und Bundesstaatsebene (County/State) gibt es in Kalifornien ein lebhaftes System von Volksabstimmungen. Andauernd bringen gschaftige Leute Vorschläge für Gesetzesänderungen, so genannte "Propositions" ein. In der Stadt San Francisco stand zum Beispiel jüngst der Vorschlag zur Debatte, den Obdachlosen kein Geld mehr, sondern nur noch Essensmarken zu geben. Von den Interessengruppen werden in solchen Fällen junge Leute angeheuert, die auf den Straßen ortsansässige wahlberechtige Fußgänger anhauen und dazu überreden, ihre Adresse mit Unterschrift auf eine Liste zu setzen. Kommen eine bestimmte Anzahl gültige Unterschriften zusammen, darf bei der nächsten Wahl über den Vorschlag öffentlich abgestimmt werden.

Damit man die zum Teil komplexen Vorschläge nicht immer bis ins kleinste Detail erklären muss, geben die Verantwortlichen ihnen auf Landkreisebene Buchstaben und auf Bundeslandsebene Nummern. So wurde der Vorschlag gegen die Homo-Ehe als "Proposition 22" und das Obdachlosendebakel als "N" geführt. Auf meist an Straßenlaternen aufgehängten Miniwahlplakaten stehen dann Dinge wie "Yes on N, safer Taxies, safer Streets!" und der mündige Bürger muss wissen, was damit gemeint ist.

Abbildung [13]: Die Live-Übertragung der Stadtratssitzung mit einem Vertreter des Restaurantgewerbes im Vordergrund

Die Sitzungen der "Supervisors" werden übrigens live im Fernsehen auf lokalen Kanälen übertragen. Das kommt euch vielleicht total Plemplem vor, aber es ist höchst interessant, diesen extrem schlauen und engagierten Leuten bei diesen übersichtlichen Sitzungen zuzuschauen. Neulich stand in San Francisco ein Vorschlag zur Debatte, dass Restaurants wie in Los Angeles das Ergebnis der letzten Inspektion des Gesundheitsamtes gut sichtbar am Eingang aufhängen müssen: Dort steht dann ein "A", "B" oder ein "C" und der Kunde kann abschätzen, welchem Gesundheitsrisiko er sich beim Betreten des Etablissements aussetzt.

Was mich daran fasziniert, ist, wie freundlich und kollegial diese Leute miteinander umgehen: Es gibt zwar Konkurrenz und politische Spielchen, aber immer wieder wurden die Vertreter des Restaurantgewerbes freundlich mit "You Guys" angeredet, manchmal wurde sogar gelacht und es wird allgemein ausgesprochen sachlich diskutiert. Hut ab vor diesen Leuten, die setzen sich wirklich ein für ihre Stadt in Sitzungen, die oft bis spät am Abend dauern.

The Lost Coast II.

Abbildung [14]: Der PERL MAN rast entlang der Lost Coast

Die Stammleser werden sich erinnern, in Rundbrief 10/1998 haben wir schon mal von der "Lost Coast" berichtet, dem vom Highway 1 abgeschnittenen Küstenstreifen in der Nähe von Mendocino.

Weil's damals so schön war, haben wir's gleich nochmal gemacht: Diesmal sind wir wirklich menschenleere ungeteerte Feldwege direkt am Ozean entlanggebraust und der gute alte "PERL MAN" musste sogar ein kleines Bächlein durchqueren. Er hat zwar ein wenig geknirscht, als der Unterboden auf einem Felslein entlangglitt, aber er hat's ohne Ölwannenschaden überstanden. Zur Belohnung gab's daheim gleich eine Hand-Autowäsche.

Abbildung [15]: Ein Strand aus schwarzen Steinen

Die Strände der "Lost Coast" sind wirklich einmalig und im allgemeinen menschenleer, man trifft nur auf ziemlich große (20cm Durchmesser), fette, farbenprächtige angeschwemmte Seesterne, die man mittels eines Steckens wieder zurück ins Wasser schleudern kann, wenn man gut gelaunt ist. Seesterne heißen übrigens auf Englisch "Starfish" und nicht "Sea Star", wie Angelika einmal im Kindergarten zur Belustigung aller gesagt hat.

Abbildung [16]: Ein Seestern am Strand der Lost Coast

Allerdings könnt ihr vergessen, dorthin zu fahren: Letzte Woche war der Ort "Shelter Cove" an der Lost Coast im Fernsehen: Die Serie "Bay Area Backroads" berichtete detailliert darüber und, das war der Kicker, zeigte sogar unser "Captain's Lodge" genanntes Motelzimmer! Lost Coast ade, da seid ihr jetzt zu spät dran, sorry!

Göttliches Liebesgeflüster

Angelika: Auch nach fast acht Jahren USA fasziniert mich noch, wie sehr sich in der Sprache des Landes die Kultur widerspiegelt. So überrascht mich, wenn die Kinder im Tenderloin mir ein beherztes "I love you" ("Ich liebe dich.") zurufen, obwohl ich weiß, dass diese drei Worte eine inflationäre Anwendung im amerikanischen Englisch finden. Frau und Herr Amerikaner lieben demnach alles und jedes. Im Deutschen ist die Liebesbezeugung "Ich liebe dich!" dagegen recht bedeutungsschwer. Man verwendet sie sparsam, denn es kann auf das berühmte "Ich hab' dich lieb!" als Abstufung zurückgegriffen werden.

Amerikanische Politiker finden hingegen den Ausspruch "God bless America" klasse. Ohne den Segen Gottes endet keine Rede und kein Interview und das nicht erst, seitdem Bush Präsident ist. Schmunzeln musste ich allerdings, als Deutschlands neuer Bundespräsident Horst Köhler auf seine Amerika-Erfahrung zurückgriff und in seiner Antrittsrede Gottessegen über Deutschland niedergehen ließ.

Wahlkampf in Amerika: Bush versus Kerry

Obwohl der Parteitag der amerikanischen republikanischen Partei, an dem Bushs offizielle Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten erfolgt, noch aussteht, weiß jeder längst: Kerry tritt gegen Bush an.

Amerika verfügt bekanntlich über ein recht ausgeklügeltes, für Europäer äußerst verworren wirkendes Wahlsystem (Rundbrief 12/2000). Das geht schon mit den so genannten Primaries (parteiinternen Vorwahlen) los. Zwischen Januar und Juni des Wahljahres wird der offizielle Kandidat der einzelnen Parteien in fast allen amerikanischen Bundesstaaten durch Vorwahlen bestimmt.

Dies geschieht entweder durch "open primaries" (offene Vorwahlen) oder "closed primaries" (geschlossene Vorwahlen). Die offene Variante lässt jeden Wahlberechtigten seine Stimme für seinen favorisierten republikanischen oder demokratischen Kandidaten abgeben, während bei geschlossenen Vorwahlen der Stimmberechtigte eingetragenes Mitglied in der entsprechenden Partei sein muss, um an der parteininternen Vorwahl teilzunehmen.

Dann gibt es in einigen Bundesstaaten, wie zum Beispiel Iowa, die Alternative der "Caucuses". Unter "Caucus" müsst ihr euch Veranstaltungen auf unterer politischer Ebene vorstellen, in denen Delegierte gewählt werden, die dann einen bestimmten Wunschkandidaten auf den verschiedenen regionalen und überregionalen Parteitagen unterstützen.

Bis in die 60iger Jahre hinein gab es übrigens nur in 10 bis 12 Bundesstaaten Vorwahlen, die als reines Stimmungsbarometer vor den nationalen Pateitagen galten. Die Delegierten hatten das letzte Wort über die Nominierung des Präsidentschaftskandidaten. Heutzutage entscheidet sich alles am "Super Tuesday" im März, da dann die bevölkerungsstarken Bundesstaaten wie Kalifornien und New York ihre Vorwahlen abhalten. Die Nominierung auf den nationalen Parteitagen im Sommer mutiert deshalb immer mehr zum Formakt. Für die der republikanischen Partei Nahestehenden gab es dieses Jahr sowieso kein Kopfzerbrechen, denn Bush hatte in der eigenen Partei keinen Gegenkandidaten. Bei den Demokraten machte Kerry schließlich das Rennen, obwohl zunächst Howard Dean als Favorit galt.

Nun befinden wir uns also schon seit Monaten in dem auf Bildzeitungsniveau geführten Wahlkampf. Es ist zum Weinen. Zunächst gab es keine wichtigere Frage, als wer denn das bessere Haupthaar besitzt: Kerry oder Bush. Dann gingen einige eifrige, der Regenbogenpresse nahestehende Journalisten dazu über, zu spekulieren, ob sich Kerry mit Botox seine Falten wegspritzen lässt.

Auch die Frauen der beiden Kandidaten sind bevorzugte Opfer. Gilt Teresa Heinz Kerry für die konservative Presse doch als zu vorlaut und überhaupt als suspekt, da sie Millionenerbin des Ketchupimperiums Heinz ist. Laura Bush spielt hingegen bewusst das Heimchen am Herd.

Mittlerweile verlagerte sich die Schmierenkampagne dann aber doch auf mehr politische Themen. Da Bush sich als Kriegspräsident brüstet, der Amerika mit fester Hand vor Terroristen schützt, darf Kerry nicht nachstehen. Es gilt zu beweisen, dass er als Präsident die Rolle des Oberkommandierenden der Streitkräfte ausfüllen kann. Was kommt ihm da besser gelegen, als seine Vietnamerfahrung? Schließlich kehrte Kerry damals in den Siebzigern als dekorierter Soldat aus dem Kriegsgebiet zurück und hatte sich auch noch freiwillig gemeldet. Bush hingegen schob Dienst in der Nationalgarde auf amerikanischem Boden.

Ein Plus für Kerry, um Wählerstimmen bei den Vietnamveteranen zu sammeln. Mit Vietnam "hat's" der Ami eh. Das Trauma steckt ihm noch tief in den Knochen. Nun behaupten aber einige freche ehemalige Vietnamkameraden von Kerry, die sich den bezeichneten Namen "Swift Boat Veterans for Truth" gaben, in einem Fernsehspot, dass Kerrys Heldentaten nur heiße Luft sind. Die New York Times berichtete daraufhin, dass der Fernsehspot von Leuten mitfinanziert wurde, die der Bush-Familie nahestehen. So beschäftigt sich das Land also mit dem Wahrheitsgehalt alter Heldengeschichten, anstatt die aktuellen Themen zu diskutieren. Seufz!

Aber wer wird die Wahl gewinnen? Michael macht mich immer ganz verrückt mit seinen düsteren Prognosen, dass Bush haushoch als Sieger hervorgehen wird. Ich glaube, dass das Land völlig gespalten ist und es im November ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit äußerst knappen Wahlausgang gibt. Kerry stolpert nämlich über dieselben Steine wie Gore. Er will es allen Recht machen und wirkt dadurch völlig wischi-waschi -- ein Charakterzug, den die Amerikaner so gar nicht lieben.

Für viele Demokraten in San Francisco ist Kerry hingegen nicht links genug, obwohl die meisten hier jedem ihre Stimme geben würden, solange er nicht Bush heißt. Alles hängt von der Wahlbeteiligung ab, die in den USA in der Regel nur 50% beträgt. Die Demokraten versuchen vor allem, die Jungwähler an die Urnen zu bringen, denn die Wahlbeteiligung in der Altersgruppe der 18- bis 24- Jährigen ist miserabel. Bei der letzten Wahl 2000 betrug sie schlappe 36%.

In unserem Viertel sammeln schon seit Wochen junge Leute des "Democratic National Committee" (demokratisches nationales Komitee) Geld, um in den so genannten "swing states" (Bundesstaaten, die mal republikanisch, mal demokratisch wählen) von Tür zu Tür zu gehen und ihre Altergenossen zum Wählen zu animieren.

Die entscheidende Frage bleibt: Warum unterstützen noch immer so viele Amerikaner Bush? Selbst wenn man von dem außenpolitischen Disaster im Irak absieht, gibt es auch innenpolitisch genug zu bemängeln. Dem Durchschnittsamerikaner geht es unter Bush wesentlich schlechter: Er muss sich häufug mit einem schlechter bezahlten Job bei astronomisch ansteigenden Ausgaben im Krankheitsfall und hohem persönlichen Schuldenberg rumschlagen. Trotzdem folgen viele Bush wie dem Rattenfänger von Hameln. Ach, manchmal bringt mich dieses Land einfach zur Verzweifelung.

Copy-Protected CDs

Michael: Da habe ich in Rundbrief 12/2003 noch groß rumgetönt, dass amerikanische Verbraucher sich niemals kopiergeschützte CDs aufbrummen ließen, und zack! schnalzte mir die Realität ein nasses Handtuch auf den Rücken: Die neue CD des "Guns-'n-Roses"-Komposthaufens "Velvet Revolver" kann man nicht als MP3 auf dem Computer anhören und die Verbraucher stört's anscheinend nicht. Was für Schafe! Für "Velvet Revolver" bedeutet das natürlich das Aus -- zumindest auf meinem Plattenregal. Lebenslang!

Das Rundbrief-Topprodukt

Abbildung [17]: Das Rundbrief-Topprodukt: Der High-End-Handkarren

Bei einem Umzug Kisten zu schleifen, ist kein Spaß und geht schwer ins Kreuz -- es sei denn, man hat wie wir im Heimwerkermarkt "Home-Depot" einen Handkarren gekauft. Auf amerikanisch nennt man diese rollenden Helfer auch "Dolly", aber als ich den Baumarktverkäufer "Where might I find a dolly?" fragte, fragte der "A what??" zurück. Vielleicht lag's ja an meiner Aussprache, ich musste jedenfalls kurz umschreiben, dass ich so ein Dings wollte, mit dem man Sachen herumkarren kann. Ah, das verstand er und klärte mich darüber auf, dass "Hand Trucks" im letzten Gang im Regal neben den Mülltonnen zu finden seien. Ich wählte das Spitzenmodell für $39.99, das bis 600 Pfund schafft. Das ist Qualität! Er überstand selbst die tonnenschweren Umzugsgüter und steht jetzt auf dem Balkon. Denn zusammenfalten lässt er sich leider nicht!

Übrigens fällt mir im Baumarkt immer wieder auf, wie limitiert meine Englischkenntnisse selbst nach acht Jahren Amerika noch sind. Kurzer Test, bevor ihr lacht: Hobel? Feile? Normaler Schraubenzieher? Kreuzschlitzschraubenzieher? Na, seht ihr, das wisst ihr auch nicht.

"Plane", "File", "Flat head", "Phillips" heißen die Antworten. Die für europäische Ohren recht merkwürdige Bezeichnung für den Kreuzschraubenzieher ist übrigens vom Namen seines Erfinders, Henry F. Phillips, abgeleitet, der ihn im Jahre 1936 patentieren liess.

Neulich stand ich im Hardwarestore um die Ecke und wollte eine Kehrschaufel mit Besen kaufen, aber als ich nach dem Wort kramte, kam nur ein langsames "Ääääähhhh ..." heraus. Angelika hingegen verblüffte mit dem korrekten Ausdruck "dustpan", das hatte sie im Kindergarten gelernt, während dergleichen bei AOL doch seltener vorkommt.

Grüße aus der neuen Bude:

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017