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  Rundbrief Nummer 50  
San Francisco, den 18.05.2004


Abbildung [1]: Angelika sitzt unter der Palme

Angelika: Münchener fahren zum Skifahren in die Berge, Oldenburger zum Einkaufen in die holländische Stadt Groningen und Kalifornier zum Ausspannen nach Hawaii. Ihr ahnt es schon: Wir waren wieder auf Hawaii. Da wir mittlerweile schon jede der bewohnten hawaiianischen Inseln bereist haben, dachten wir uns, fangen wir mit "Big Island" wieder von vorne an. Nur zur Erinnerung: "Big Island" heißt offiziell eigentlich Hawaii. Da Hawaii aber auch der Sammelbegriff für die Inselgruppe ist sowie den Bundesstaat bezeichnet, spricht jeder von "Big Island". Der etwas fantasielose Name bezieht sich rein auf die Größe der Insel.

Abbildung [2]: Rote Blume im Gebüsch

Warum zieht es uns immer wieder nach Hawaii? Ganz einfach: Das Wetter ist bombig, der Ozean schön warm, die Strände können sich sehen lassen. Man braucht kein Visum oder lästige Impfungen, es gibt keine Malaria, jeder spricht englisch, die Landschaft offenbart sich exotisch ohne den Zusatz von lästigen, giftigen Schlangen oder sonstigem gefährlichen Getier. Das Schlangenargument steht vor allem Dingen bei Michael hoch im Kurs. "Schlänglein" sind nicht so sein Ding und ich erinnere mich an unsere Australienurlaube, in denen er mich auf Wanderwegen immer vorausschickte, um die Schlangensituation zu prüfen, denn Australien beherbergt bekanntlich die giftigsten Schlangen der Welt. Aber ich schweife ab.

Abbildung [3]: Palme am Strand

Lustigerweise liebte uns in diesem Urlaub das Kleingetier sehr. Es begann damit, dass ich im Ozean auf einen Seeigel trat. Ich dachte allerdings zunächst, dass ein spitzer, langer Dolch sich in meinen Fußballen gerammt hätte, um diesen zu spalten (ungelogen - so fühlt sich das an). Todesmutig zog ich den Stachel raus, konnte aber im aufgewühlten Ozean nichts sehen. Also humpelte ich aus dem Wasser und untersuchte meinen Fuß am Strand. Ich entdeckte einen leicht blutenden Schnitt. Ein cooler Surfer, der an unserem Strandplatz vorbeischlenderte, inspizierte meine Wunde und brachte die Seeigel-Theorie auf. Er erläuterte freundlich die auf der Insel praktizierten Behandlungsmethoden: Zunächst auf die Wunde pinkeln oder den Fuß in Essigwasser baden, um den brennenden Schmerz zu lindern, dann die Stachel mit einer Pinzette aus der Wunde prokeln. Krankenpfleger Michael, auch genannt "Rabiato", nahm sich der Entfernung der Stachel an. Am nächsten Tag war alles vergessen, nur dass die Leute, die mit mir im Ozean plantschten, sich wahrscheinlich etwas wunderten, warum die Frau im roten Bikini auf dem weichen sandigen Boden wie auf Eiern lief. Einmal auf einen Seeigel treten reicht.

Abbildung [4]: Mörderspinne am Mietauto. Angeblich nicht giftig.

Einige Tage später besuchte uns dann eine riesige Spinne, die die Fahrertür unseres Mietautos als lauschiges Plätzchen ansah. Michael taufte sie sofort "Mörderspinne". Und als ich ihm dann auch noch aus dem Reiseführer vorlas, dass es tatsächlich eine gefährliche Spinnenart auf Hawaii gibt, nämlich die "Schwarze Witwe" ("black widow spider"), gab es kein Halten mehr für Michael. Ansonsten teilten wir uns unsere Unterkunft aber nur mit den in den Tropen obligatorischen, insektenfressenden, völlig harmlosen Geckos, die auf Big Island leuchtend grün sind.

Abbildung [5]: Ein kleiner Gecko im Blumentopf auf der Terrasse

Michael: Ist völlig normal, dass Geckos in der Wohnung herumstreunen. Die putzigen eidechsenartigen Reptilien geben hin und wieder einen leisen froschähnlichen Laut wie "E-cko!" von sich, krabbeln auf Saugnapffüßen an den Wänden hoch, lungern bevorzugt in der Nähe von Lampen herum und schnappen sich mit eleganten Bewegungen lästige Stechmücken und anderes Ungeziefer. Ich achte immer darauf, dass genügend Geckos in der Wohnung sind. Nichts ist beruhigender, als in der Nacht eine Mücke schwirren zu hören und zu denken: Dich schnappt gleich der Gecko, bahahahaha!

Abbildung [6]: Angelika balanciert auf dem mit Lava zugebatzten Strand

Angelika: Big Island wirkt mit seinen unterschiedlichsten Landschaften fast wie ein Mini-Kontinent. Wo sonst findet man aktive Vulkane, weiße, schwarze und grüne Strände, Wiesen und Felder, üppigste tropische Vegetation auf der einen Seite und schwarze gehärtete Lava auf der anderen. Auf Big Island kapierte ich das erste Mal so richtig, was es mit Vulkanen auf sich hat und wie neue Erde ensteht. Ja, ich gestehe es, Erdkunde gehörte nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern in der Schule. Das mag auch daran liegen, dass mein Klassenlehrer Herr Senst uns zwar in der siebten Klasse mit den Begriffen von Endmoränen und den Auswirkungen der Eiszeit quälte, ich aber mehr mit meiner Wirkung auf das andere Geschlecht beschäftigt war.

Dass gewisser Herr Senst uns Vulkane näher brachte, daran erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich lernt man das sowieso schon in der Grundschule. Als wir an einem Papayafeld vorbeifuhren, tat ich meine Verwunderung darüber kund, wieso auf Lavaerde überhaupt etwas wächst. Michael hielt mir daraufhin den Vortrag, dass das die fruchtbarste Erde aller sei und man dies schließlich in der Schule lerne. Er kramte sogar noch den Namen dieses besonderen Bodens aus seinem Gedächtnis hervor. Hmm, ich dachte bisher immer, dass er seine Schulzeit fußballspielend auf der Straße und nicht in die Schulbücher vertieft verbrachte. Neben diesen geologischen Betrachtungen kommen einem auf Big Island auch immer philosophische in den Kopf, wenn sich zum Beispiel das zarte grüne Pflänzlein mutig den Weg durch die harten schwarzen Gesteinsmassen bahnt.

Abbildung [7]: Eine Plantage von Papaya-Bäumchen

Dieses Mal wanderten wir übrigens nicht zur fließenden Lava (vgl. Rundbrief 11/2000), da diese sich gerade nicht oberirdisch den Weg zum Ozean bahnte. Dafür fuhren wir zum "Lava Tree State Monument" (= Park der Lavabäume). Dort recken sich bizarr aussehende Lavabaumstämme gen Himmel. Sie entstanden 1790, als Lava durch diesen Regenwald floss. Teile der Lava erstarrte an den feuchten Baumstämmen und obwohl die Bäume selbst verbrannten, blieben die geformten Lavahüllen stehen. Es hätte mich in diesem Park auch nicht gewundert, wenn ein Dinosaurier um die Ecke gebogen wäre.

Abbildung [8]: Ein Baumstumpf aus Lava im Lava Tree Monument Park

Auf Big Island (und Hawaii im allgemeinen) fasziniert mich immer wieder aufs Neue wie amerikanisch es ist -- und dann wieder doch nicht: Es gibt das obligatorische amerikanische Fast Food, die gleichen Geschäftsketten sowie das identische Fernsehprogramm. Auch die Straßenschilder unterscheiden sich auf den ersten Blick natürlich nicht vom Festland, der zweite Blick offenbart es dann aber: Kealakekua, Laupahoehoe, Anaeho'omalu.

Abbildung [9]: Typisch hawaiianische Straßennamen

Der Tourist findet Resorts und Golfplätze, aber auch Überbleibsel uralter hawaiianischer Kultur, wenn er sich auf etwas abwegigere Pfade begibt. Wir wanderten zum Beispiel zur Opferstätte Mo'okini Heiau, die als einer der ältesten hawaiianischen Tempelanlagen gilt. Der durch Steinhaufen begrenzte Freilufttempel befindet sich an der zugigen Nordspitze der Insel und wir mussten einige riesigen Pfützen umgehen, um zu ihm zu gelangen. Die Überlieferung besagt, dass hier auch Menschen den Göttern geopfert wurden. Das glaubte ich sofort: Denn der Tempel liegt so weit vom Schuß, da sieht und hört niemand etwas.

Abbildung [10]: Panorama-Aufnahme der Opferstädte Mo'okini Heiau

Abbildung [11]: Pfütze vor Meer

Zurück zum heutigen hawaiianischen Lebensstil: Die Bewohner lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und geschafteln nicht ununterbrochen herum. So erlebten wir zum Beispiel wie ein typischer New Yorker Familienvater mit Frau und zwei Kindern an dem Strandverleih wilde Hektik verbreitete, weil er noch diesen und jenen Klappstuhl sowie Sonnenschirm brauchte. Das interessierte den Verleihtypen nicht die Bohne. Stoisch und wie in Zeitlupe reichte er ihm alles. Die Hektik prallte einfach an ihm ab. Auch dass um 11 Uhr morgens meist schon alle Sonnenschirme verliehen waren, setzt in Hawaii nicht unbedingt den amerikanischen Unternehmergeist in Gang, mehr Sonnenschirme zu kaufen, um mehr verleihen zu können. "Hang loose" (= locker bleiben) ist das Motto der Insulaner.

Abbildung [12]: Immer locker bleiben: Bierwagenfahrer in Hilo
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