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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 50  
San Francisco, den 18.05.2004
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Abbildung [1]: Lange kurze Hosen

Michael: Wer in den USA deutsche Badehosen trägt, verursacht Lacher der besonderen Art. Ich war mir dieser Tatsache lange Zeit nicht bewusst und ging oft in den typisch deutschen und knappen, auf amerikanisch "Speedos" genannten, Badehosen schwimmen. Ich erntete manchen merkwürdigen Blick.

Was ich nicht wusste, war, dass heterosexuelle Amerikaner nie etwas Knapperes als Badehosen im großzügigen Boxershorts-Format tragen. Alles andere ist zwar an heißen Tagen im Dolores-Park in San Francisco angesagt, wo sich die durchtrainierten Herren der Schwulenszene in der Sonne räkeln. Aber niemals würde es einem Durchschnittsamerikaner in den Sinn kommen, eine knappanliegende Badehose zu tragen.

Abbildung [2]: Im Dolores-Park sonnen sich hauptsächlich gutaussehende Männer

Auch die kurzen Hosen für Herren sind in den USA länger als in Europa. Für heterosexuelle Männer gilt: Fast bis zum Knie. Ab einer Handbreit über dem Knie würde ich die Grenze ziehen. In San Franciscos Castro-Distrikt bei uns um die Ecke sieht man allerdings auch gerne mal etwas knappere Bekleidungsstücke, gerne auch mal Hotpants, aber nur für den, der's mag!

An hauptsächlich von Amerikanern bevölkerten Touristenorten wie Hawaii, wo sich nur wenige Deutsche hin verirren, ist es ein Lacher sondergleichen, am Strand selbstbewusst schreitende typisch-Deutsche (TM) in Speedos zu beobachten, die den Unterschied noch nicht bemerkt haben! Und selbst Linux-Schöpfer Linus Torvalds, der bekanntlich auch schon lange in Amerika lebt, scheint sich dieser Tatsache noch nicht bewusst zu sein, wie die Bilder vom Linus Dunk beweisen. Zugegeben, man kriegt's ja nicht so schnell raus. Aber lustig ist es trotzdem!

Kampf dem Übergewicht: Die Atkins-Diät

Abbildung [3]: Die Imbisskette "Subway" hat ein neues "Atkins-friendly" Menü mit Salat

Angelika: Europäer lästern von je her über die dicken Amerikaner. Dass 2/3 der amerikanischen Bevölkerung sich mit Übergewicht durchs Leben quält und 1/3 davon im medizinischen Sinne als fettleibig gilt, ist auch hier in den USA kein Geheimnis.

Mittlerweile gibt es immer dickere Kinder, weil die Racker zu viel Fast Food essen und stundenlang vor dem Fernseher und Computer abhängen. Dass Kinder Altersdiabetes wegen schlechter Ernährungsgewohnheiten entwickeln, lässt sich fast schon als Trend bezeichnen. Verzweifelte Eltern versuchten deshalb zunächst, Mc Donald's zu verklagen, da die Fast-Food-Kette nicht eindeutig vor den Gesundsheitsrisiken ihrer Produktpalette warnt. Dieser typische amerikanische Weg, jeden vor Gericht zu ziehen, wirkt auf uns immer noch absurd.

Auch der Diätenwahn ist nicht neu. Jeder amerikanische Buchladen verfügt über eine ansehnliche Auswahl von Büchern, die helfen sollen, Pfunde zu reduzieren. Dann gibt es die diversen Talkshows, die dramatische Erfolgsgeschichten präsentieren: Menschen, die auf einmal dreimal in ihre alten Hosen passen, lächeln glücklich in die Kamera. Neuerdings findet man auch Unterhaltungssendungen, in denen gleich eine ganze Gruppe zusammen ihr Übergewicht bekämpft und dabei über Monate von Fernsehkameras begleitet wird.

Und an Theorien, warum Amerikaner immer mehr an Gewicht zulegen, mangelt es ebenfalls nicht. Es herrscht eine Vorliebe für große Portionen und Fastfood. Ungesundes Essen ist billiger als gesundes (was stimmt). Keine Zeit zum Kochen gesünderer Gerichte, mangelnde Bewegung, zu viel Fett im Essen, zu viel Kohlenhydrate. Und auf der Verpackung jedes Produkts stehen zwar Angaben über Kalorien, Kohlenhydrate etc. aufgedruckt -- aber diese beziehen sich immer auf eine sogenannte "Serviergröße" (service size), nicht auf die gesamte Packung. Wer dann die ganze Tüte Chips futtert, wundert sich warum er die zehnfache Kalorienmenge einwirft!

Die Angst vor dem hohen Fettgehalt in Lebensmitteln führte hier zum Boom der fettreduzierten Produkte. In jedem amerikanischen Supermarkt findet ihr fettarme Chips, Kekse und dergleichen. Es passiert mir hin- und wieder schon einmal, dass ich die falsche - fettreduzierte - Tüte greife. Ein Elend, denn das Zeug schmeckt einfach künstlich und endet bei uns meist in der Mülltonne. Mein Motto ist: Wenn schon Chips, dann auch die richtigen.

Abbildung [4]: Low-Carb-Kekse: 120 Kalorien, 9 Net Carbs pro "Serviergröße"

Aber die richtige Krise kriege ich immer vor dem Regal mit den Milchprodukten. Man braucht schon fast telepathische Fähigkeiten, um den Vollmilchjoghurt oder die Vollmilch zu finden. Es gibt in der Regel nur eine Sorte der "Vollfett-Variante". Alles andere ist fettreduziert (low-fat) oder fettfrei (non-fat). Nun weiß ich, dass dieser Trend mittlerweile auch Deutschland infiziert hat. Ich bete nur inständig, dass meine deutschen Lieblingschips verschont bleiben.

Seit einiger Zeit befindet sich Amerika in der zweiten Phase der Kampfes gegen das Übergewicht. Nicht mehr das "böse" Fett steht im Mittelpunkt der Debatten sondern die "gemeinen" Kohlenhydrate. Schuld daran ist der amerikanische Arzt Robert Atkins, der schon vor über 30 Jahren mit seiner kohlenhydrate-armen, aber fettreichen Diät die Ernährungswissenschaftler dieser Welt erschaudern ließ. Atkins geht davon aus, dass der Konsum von Kohlenhydraten die Insulinproduktion anregt, was nicht nur zu stärkeren Hungergefühlen aber auch zur Fetteinlagerung führen kann. Verzichtet man hingegen auf Brot, Nudeln, Reis und stark zuckerhaltige Getränke usw., verbrennt der Körper im Gegenzug Fett.

Kritiker der Atkins-Diät bestreiten das nicht unbedingt, stören sich aber an dem erlaubten Verzehr von Lebensmitteln mit starkem Fettanteil wegen des erhöhten Risikos für Herzerkrankungen. Tatsache ist aber, dass die meisten mit Hilfe von Atkins abnehmen. Viele Ernährungswissenschaftler führen die Gewichtsabnahme allerdings auf die reduzierte Kalorienzufuhr unter der Atkins-Diät zurück.

Wie dem auch sei: Seit 2-3 Jahren ist Atkins in aller Munde. Ich kenne einige Anhänger der Diät, was man immer daran merkt, dass bei diesen Leuten kein Brot auf den Teller kommt. Der Popularität dieser kohlehydrate-armen Ernährungsweise tat auch der mit bösen Gerüchten behaftete Tod von Robert Atkins im Jahr 2003 keinen Abbruch. Man munkelte, dass Atkins bei seinem Tod selber einige Pfündchen zu viel auf den Rippen hatte und als übergewichtig galt.

Auf jeden Fall wittern die pragmatischen amerikanischen Geschäftsleute klingelnde Kassen mit den Atkins-Fans. Mehrere Restaurant- und Fastfoodketten stellten sich bereits auf diese Kunden ein. So gibt es bei "Subway" and "TGI Friday's" ("Thank God it's Friday) Atkins-freundliche Menüs. Das New York Steak mit blauem Schimmelkäsekrümmeln wartet z.B. bei TGI Friday's mit nur schlappen 6 Kohlehydraten auf den Verzehr. Bei Burger King darf der Kunde von nun an auch fröhlich in den Hamburger ohne Hamburgerbrötchen beißen, den Hackfleischkloß mit Zutaten hält ein Salatblatt zusammen.

Abbildung [5]: Sogar Eis am Stiel gibt's als Low-Carb-Produkt mit Atkins-Stempel

Und selbst Hersteller diverser Schnäpse machen jetzt Werbung damit, dass ihre hochprozentigen Destillate keinerlei Kohlenhydrate enthalten! Darüber hinaus ziehen heimlich still und leise immer mehr Produkte mit reduziertem Kohlehydrate-Gehalt in die amerikanischen Supermärkte ein. Laut der Zeitschrift Consumer Reports gibt es mittlerweile 930 solcher Produkte auf dem amerikanischen Markt: Bier, Eis, Kekse, Kuchen - alles was das Herz begehrt. Die haben dann so nette Namen wie "Atkins Endulge" oder "Carb Smart". "Carb" bezieht sich dabei auf "carbohydrates" - der englische Ausdruck für Kohlenhydrate.

Selbst Coca-Cola kommt im Sommer mit einer neuen Cola auf den Markt, in der weniger Kohlenhydrate schlummern. Meist wird in den Produkten der Zucker durch Zuckeralkohole oder fermentierte Kohlenhydrate ersetzt, die angeblich die Insulinproduktion im Körper weniger ankurbeln als der reguläre Zucker. Die Packungen der "low-carb" (=wenig Kohlenhydrate) Produkte werben dann damit, wieviel Kohlenhydrate sich im Produkt verstecken, wobei im jetzigen amerikanischen Lebensmittelgesetz noch nicht definiert ist, was als niedrig anzusehen ist.

Überhaupt bedeuten wenig Kohlenhydrate im Produkt nicht unbedingt wenig Kalorien. Die Rechnung, dass es kein Problem ist, die kohlenhydrate-armen Kekse reinzuschlemmen, geht also nicht auf. Interessant finde ich an der ganzen Kohlehydrate-Geschichte, dass das Land wieder nach dem Motto "Ganz oder gar nicht" vorgeht. Da neigt der Herr Amerikaner doch immer etwas zum Extremen. Das begegnete uns schon bei dem Kampf mit den Rauchern in Kalifornien (mittlerweile darf nicht einmal mehr am Strand von Santa Monica geraucht werden). Und als er sich ersteinmal auf den Feind "Kohlenhydrate" eingeschossen hatte, gab's kein Halten mehr.

Postwesen in den USA

Abbildung [6]: Typische Hausbriefkästen. Das rote Signal zeigt an, dass der rechteste frisch frankierte Post für den Briefträger zum Mitnehmen enthält.

Michael: "Neither snow, nor rain, nor heat, nor gloom of night stays these couriers from the swift completion of their appointed rounds." (Weder Schnee, noch Regen, noch Hitze, noch finstre Nacht halten diese Kuriere davon ab, die Runden durch ihre zugewiesenen Zustellbezirke abzuschließen.) Das ist das offizielle Motto der amerikanischen Post (kein Witz!), auch United States Postal Service (USPS) genannt. Das Motto ist von den alten Griechen geklaut, 430 vor Christi schrieb diesen Satz der griechische Historiker Herodotus über die reitenden Boten von Xerxes, dem König von Persien.

Briefträger genießen in den USA nicht gerade den besten Ruf. In der Fernsehserie "Seinfeld" meldet sich der Postbote "Newman" bei Regen grundsätzlich krank, versteckt Säcke mit unerledigter Post im Keller und behauptet, Postleitzahlen wären bedeutungslos.

Aber es gibt auch positive Seiten: So kostet ein Brief, der nicht mehr als 2 Unzen (32g) wiegt, ganze 37 Cents, egal wohin in den USA, sogar nach Hawaii oder Alaska. Bei schwereren Sendungen spielt auch die Entfernung eine Rolle.

In Abbildung 6 seht ihr typische amerikanische Hausbriefkästen. Sie sind nicht abgesperrt, jeder kann die Klappe öffnen. Kommt der Postbote, öffnet er die Klappe und legt die Post hinein.

In den Städten gibt's auch gerne mal Briefkästen, die aussehen wie ihre deutschen Pendants, die aber einfach Löcher in der Wand sind, und die Post fällt nach dem Einwurf einfach im Hausinnern auf den Boden.

Abbildung [7]: Briefkasten direkt ins Haus hinein.

In Vororten oder ländlichen Gegenden fährt der Postbote übrigens mit einem rechtsgesteuerten Auto durch die Gegend. Das Lenkrad auf der rechten Seite haben eigentlich nur Autos in Ländern mit Linksverkehr, doch diese Spezialkonstruktion hat in den USA den Vorteil, dass der Postbote rechts ranfahren und ohne auszusteigen die Post in den Briefkasten werfen kann. Rechts vorne im Auto sitzend, kann er allerdings nur sehr schwer nach links hinten sehen, und deshalb verfügt das Postauto über mehrere überdimensionale Spiegel, damit der Fahrer das Ungetüm sicher von Briefkasten zu Briefkasten kutschieren kann.

Abbildung [8]: Der motorisierte Postbote wirft die Post vom Auto aus in den Briefkasten

Mit dem boomenden Ebay-Wesen verschicken immer mehr Leute ihren Krempel, den andere auf Auktionen ersteigert haben. Da hat sich die sonst eher antiquiert wirkende USPS etwas Neues einfallen lassen: Auf dem Internet, auf der Website usps.com kann man sich ein Mailing-Label mit Barcode erstellen, mit dem heimischen Drucker auf Papier oder selbstklebenden Etiketten ausgeben und sofort mit Kreditkarte zahlen. Gewicht und Abmessungen des Päckchens muss man dabei genau angeben, und die USPS-Website zeigt an, wieviel Porto das kostet. Bis zu einem Pfund sind's $4.50, bis zu zwei Pfund sind's $8.50 für die weitesten Entfernungen innerhalb Amerikas.

Mit dem durch den neuen Service erhältlichen Etikett mit aufgedruckter Tracking-Nummer kann man danach auf dem Internet verfolgen, wo das Paket gerade ist, und ob der glückliche Empfänger es bereits erhalten hat. Und dieser ursprünglich von der privaten Zustellerfirma UPS erfundene geniale Service kostet keinen Cent mehr!

Gibt man das Packerl dann bei der Post ab, muss man sich nicht in der Schlange anstellen, sondern schiebt es einfach dem nächsten Beamten zu, denn alles ist bereits erledigt. Oder, man gibt es einfach dem Postbeamten mit, der gerade im Haus die Post zustellt. Das ist übrigens in Amerika üblich: Der Briefträger trägt nicht nur Post aus, sondern nimmt auch frisch frankierte neue Post entgegen. In Großstädten ist das eher unbekannt, weil die Postboten dort total gestresst sind, aber in ländlichen Gegenden ist es ganz normal, dass man abgeschickte Post in den röhrenförmigen eigenen Briefkasten legt und das rote Signal wie in Abbildung 6 gezeigt hochbiegt. Bevor der Briefträger dann zugestellte Post hineinlegt, nimmt er die dort frisch frankiert bereitgelegte raus und gibt sie später im Postamt ab.

Für schwerere Pakete sind die "Ground"-Dienste von privaten Paketzustellern wie UPS und Fedex billiger als die amerikanische Bundespost. Statt mit dem Flugzeug schickt man schwere Last per "Ground", also Lastwagen quer durch den Kontinent und kann mit einer Tracking-Nummer verfolgen, wie das schwere Eisen durch die einzelnen Bundesstaaten gekarrt wird. Ein Höllenspaß! Ich habe zum Beispiel mal einen 20kg schweren Computer-Drucker auf Ebay an einen Herrn in New York City verkauft, der ohne Murren die 39 Dollar Fedex-Porto zahlte, und nach einer Woche und 3000 Meilen per Lastwagen den Drucker unversehrt erhielt.

Credit Report

Abbildung [9]: Die unabhängige Zeitschrift "Consumer Reports" berichtet über "Identity Theft"

Michael: In den USA werden die finanziellen Aktivitäten jedes Bürgers genauestens von drei privaten Firmen überwacht: Equifax, Trans Union und Experion. In Rundbrief 05/2001 habe ich das schon einmal kurz angerissen. Eröffnet man ein Bankkonto, beantragt eine Kreditkarte, oder nimmt ein Darlehen für's Haus auf -- zack! geht eine Meldung an die drei. Bewirbt man sich andererseits bei einer Firma um eine Stelle oder zeigt Interesse, eine neue Wohnung anzumieten -- zack! fragen die Firma oder der Vermieter bei den dreien nach, wie es denn so um die finanziellen Verhältnisse steht.

Außerdem erfahren die drei von jedem kleinen Fehltritt: Wenn man nur einmal vergisst, die monatlich erforderliche Zahlung an die Kreditkartenfirma zu überweisen, steht's sofort groß und breit im "Credit Report". Hat man wie der Durchschnittsamerikaner 10 Kreditkarten, zwei geleaste Autos und über die letzten 10 Jahre 3 Häuser finanziert, wird dieser Bericht schnell unübersichtlich.

Da es der Amerikaner gerne unkompliziert mag, generieren Finanzfirmen wie "Fair Isaac" einen sogenannten "Credit Score", eine Zahl zwischen 300 und 850, die die Kreditwürdigkeit einer Person angibt. Je höher die Punktzahl, desto besser: 300 deutet auf einen notorischen Bankrotteur hin, dem würde niemand trauen. Ab 720 umschwirren die Banken den Kunden allerdings wie Motten das Licht, dieser Wert zeichnet sorgfältig operierende Leute aus, deren Transaktionen schon einige Zeit erfasst wurden und nie Unregelmäßigkeiten zeigten.

Will man ein Haus kaufen und beantragt ein Darlehen, geht der Bankmensch zum Computer, holt den Score ein und bietet dem Kunden dann entsprechend einer hausinternen Tabelle, ähnlich wie folgender, den Zinssatz an:

Credit Score Zinssatz
720-850 5.73%
700-719 5.83%
675-699 6.39%
620-674 7.30%
560-619 8.66%
500-559 9.10%

Es zahlt sich also aus, seinen "Credit Report" in Ordnung zu halten und seinen "Score" zu kennen, das könnte in bare Münze umschlagen. Bei frisch in die USA umgezogenen Deutschen ist der Credit Report schlicht leer, und es ist nicht so einfach, eine Kreditkarte zu beantragen oder eine Wohnung anzumieten.

Der "Credit Report" wird unter der Sozialversicherungsnummer ("Social Security Number", SSN) einer Person geführt. Jeder Amerikaner hat so eine. Sie besteht aus 9 Ziffern, im Format XXX-XX-XXXX. Sie begleitet einen durchs ganze Leben, fast jeder kennt sie auswendig. Als Einwanderer kriegt man eine SSN zugewiesen, wenn man sich in den USA mit gültigem Arbeitsvisum bei der Social Security Administration meldet (siehe Rundbrief 01/1997).

Sie sollte geheim gehalten werden, denn sie dient auch zur Identifikation einer Person. Frage ich zum Beispiel mein Konto bei der Bank telefonisch ab, fragt mich die Automatenstimme nach den letzten vier Nummern meiner SSN, bevor sie die Kontodaten vorliest. Schickt man einen Antrag für eine neue Kreditkarte ab, muss die SSN drauf.

Abbildung [10]: Ein Lastwagenfahrer im Schönheitssalon? Da stimmt was nicht! Die citi-Bank wirbt für eine Kreditkarte mit Schutz vor Identity-Theft.

In Punkto Datenschutz kommt einem allerdings das nackte Grausen. Manche Krankenversicherungen übernehmen die SSN als Mitgliedsnummer und drucken sie auf die Karte drauf, so dass jede Arzthelferin sie sehen kann. Jedesmal, wenn ich für irgendeinen amerikanischen Verlag etwas schreibe und dafür Geld kassiere, muss ich meine SSN übermitteln, damit das steuerlich richtig abgerechnet wird. Neulich wollte eine Sekretärin sogar, dass ich ihr die SSN per Email schicke -- worauf ich einen länglichen Vortrag halten musste, dass der Text jeder normalen Email jedem zugänglich ist, der an einen Computer irgendwo zwischen Sender und Empfänger sitzt. Und sogar das Anmeldeformular für das Costco-Einkaufsparadies fragt nach der SSN, man hält's im Kopf nicht aus!

Diese totale Entwertung der SSN hat dazu geführt, dass man sehr genau überlegen muss, wem man seine SSN tatsächlich gibt. Auch wenn danach gefragt wird, muss man manchmal echt "Nein!" sagen. In den letzten Jahren registrierten die Behörden einen drastischer Anstieg von "Identity Theft"-(Identitäts-Klau)-Verbrechen. Weiß man jemandes SSN und kennt auch noch Namen und Adresse, ist es sehr einfach, Konten zu eröffnen, Kreditkarten zu beantragen und allerlei Schindluder zu treiben. Die Betroffenen merken das dann oft jahrelang nicht, bis eines Tages das böse Erwachen kommt, wenn überraschend hohe Rechnungen ins Haus flattern und der Ruf ruiniert ist. Es dauert oft Jahre, bis die Betroffenen den Schaden repariert haben.

Deswegen raten Verbraucherverbände und die unabhängige Zeitschrift "Consumer Reports" (ähnlich der Stiftung Warentest in Deutschland), man solle seinen "Credit Report" mindestens einmal pro Jahr bei den drei Kreditwächterfirmen abfragen. Das kostet $12.95 pro Firma (also insgesamt $38.85) und kann schnell übers Internet bei Firmen wie MyFico erledigt werden. Dort gibt man nicht nur seine SSN und die Nummer seines Führerscheins an, sondern muss auch eine Reihe trickreicher Fragen beantworten, damit sichergestellt ist, dass man auch wirklich derjenige ist, der man vorgibt zu sein.

Dort sieht man dann pro Kreditwächterfirma seinen Credit Score und alle Konten, Kreditkarten und Darlehen, die man je beantragt hat. Außerdem zeigt die Website eventuelle Unregelmässigkeiten an und gibt Tipps, wie man seinen Credit Score erhöhen kann.

Hat man zum Beispiel noch nie einen Kredit aufgenommen, sollte man einfach mal zum Spaß einen kleinen beantragen, ordnungsgemäss zurückzahlen und schon erhöht sich der Score. Frägt man den Credit-Report allerdings zu oft ab, verringert dies den Score, also Vorsicht!

Da die drei Firmen unabhängig voneinander arbeiten, ist es wichtig, alle drei abzufragen, um sicherzustellen, dass sich auch wirklich nirgends ein Fehler eingeschlichen hat, den man dann bei den entsprechenden Firmen reklamieren kann. Tilgen tun die Firmen Fehler übrigens meistens nicht, aber Kommentare dazu kann man anbringen.

Neuerdings werben sogar Kreditkartenfirmen damit, dass sie einen gegen Identitätsklau schützen, indem sie elektronisch überwachen, was man alles kauft und Alarm schlagen, falls das Verhaltensmuster sich abrupt ändert. Zeitungsanzeigen wie die in Abbildung 10 zeigen groteske Situationen: ein Lastwagenfahrer sitzt in Unterhosen und mit Getränkedose in der Hand im Friseursalon unter der Trockenhaube. Der Anzeigentext beginnt mit "Es kam uns auch komisch vor" und erläutert, dass auf der Kreditkarte eines Truckers plötzlich $5000 für einen Schönheitssalon abgebucht wurden und die Kreditkartenfirma einschritt. Im Fernsehen kommen Werbespots, in denen eine Oma im Liegestuhl mit der schrillen Stimme eines Teenagers redet, die erzählt, dass sie gerade einen Haufen Geld für Klamotten ausgegeben hat.

The Apprentice -- "You're fired!"

Und es gibt wieder eine neue Reality-Show: "The Apprentice", in der der Immobilien-Tycoon Donald Trump per Fernsehen einen CEO für eines seiner Unternehmen findet.

Abbildung [11]: Eine der Kandidatinnen: Minirock aus der Froschperspektive

Zuerst wurden die aus 215.000 Bewerbungen ausgefilterten 14 jung-dynamischen Kandidaten in zwei Teams aufgeteilt: 7 Frauen und 7 Männer formten jeweils eine Gruppe. Als Team mussten sie jeweils kleine Business-Aufgaben bewältigen wie eine Wohnung vermieten, Limonade auf der Straße verkaufen, ein Restaurant oder Casino für einen Tag führen, oder ein Golf-Tournament organisieren. Das verlierende Team musste mit dem jeweils vorher bestimmten Projektmanager und zwei weiteren Kandidaten im "Board-Room" vor Trump erscheinen, der dann jeweils jemanden dafür "feuerte".

Abbildung [12]: Die zwei Männer sind "Apprentice"-Kandidaten und verkaufen Limonade auf der Straße. Die Dame mit der Betonfrisur ist die Aktentaschenträgerin von Trump, die die Aktion überwacht.

Interessanterweise gewannen die Frauen eine Herausforderung nach der anderen, allerdings nach dem Motto "Sex Sells" -- im Planet Hollywood drängten sie sichtlich begeisterten männlichen Kunden teuren Schnaps auf, und ein Goldbarrenhändler blickte ängstlich in die Kamera, als sie verwegene exotische Tänze aufführten, um den Verkaufspreis zu drücken. Bei einer Siegesfeier schritt dann schließlich Trump ein und verklickerte dem Damenteam, dass sie es doch nicht nötig hätten, sich so zu prostituieren.

Abbildung [13]: Der gefürchtete "Board Room", in dem die Versager gefeuert werden

Es fällt auf, dass Trump ein erstaunlicher Manager mit ausgezeichneten Personalführungsqualitäten ist. Der lässt nichts anbrennen. Die Sendung ist eine effiziente Werbekampagne für sein Imperium, von dem böse Gerüchte behaupten, es stecke in finanziellen Schwierigkeiten. Es wird gnadenlos Schleichwerbung betrieben für seine Casinos, Immobilienunternehmen und sogar seine Geschäfts-Kumpels von irgendwelchen Werbeagenturen kriegen einen kostenlosen Auftritt zur besten Fernsehzeit.

Allerdings herrscht im Trump-Imperium anscheinend ein sehr autoritäres Klima. Den Trump reden alle mit "Mr. Trump" an, als wäre er der Kaiser von Amerika. Selbst seine beiden "Executive"-Aktentaschenträger, die angeblich einige seiner Betriebe leiten, überschlagen sich, ihren Boss vollzuschleimen. Dieses auf amerikanisch sogenannte "Brown-Nosing" war mir neu, mein Verhältnis zu verschiedenen Chefs war bisher eher kumpelhaft. Aber vielleicht bin ich auch von einer Internet-Company verwöhnt, und ich verkehre gewöhnlich nicht in den oberen Etagen. Bei den Speichelleckern im Trump-Imperium hielte ich jedenfalls keine zwei Tage durch. Und ich bin schon bald sieben Jahre bei AOL!

Abbildung [14]: Die Geste zu "You're fired!", wenn Donald Trump in "The Apprentice" jemanden den Laufpass gibt

Allerdings leidet Trump unter einem schlimmen Kuhgeschmack. Alles, was luxuriös erscheinen soll, wird auf Biegen und Brechen mit Gold und Plunder vollgeladen, jede seiner Abhängen sieht aus wie das Circus-Circus in Las Vegas. Und seine Frisur ist schon legendär schlecht. So schlecht, dass Late-Night-Showmaster David Letterman schon ein Quiz veranstaltete, bei dem Kandidaten bei halbverdeckten Fotos erraten mussten, welche Frisur einem Schimpansen und welche Donald Trump gehörte. Ganz schön schwierig!

Außerdem will er sich angeblich im Rahmen der allgemeinen Patent-Hysterie in Amerika den Ausdruck "You're fired!" patentieren lassen. Lest ihn jetzt noch schnell im Rundbrief, bevor die Rechtsanwälte des Trump-Imperiums einschreiten!

Boing-Bum-Tschack!

Wegen einer Empfehlung des Herrn Huber, der begeistert von einem Konzert der Gruppe "Kraftwerk" in Bayern berichtete und behauptete, so elegant wie die lasse nach wie vor keiner die Hochtöner schnalzen, kaufte ich eine Karte für ihr Konzert in San Francisco und war hingerissen!

Abbildung [15]: Die vier unbeweglichen Kraftwerker im Minimalismus

Die vier nicht mehr ganz jungen Deutschen, die sich musikalisch treu blieben, aber technisch statt der Riesencomputer konsequent auf Laptops umstellten, spielen nach wie vor wie die Roboter ihre elektronischen Kompositionen herunter. Kaum einer bewegt sich hinter seinem Stehpult. Sonst ist die Bühne leer. Gewaltige Videoprojektionen im Hintergrund. Im vorletzten Bühnenbild stehen plötzlich nicht mehr die Kraftwerker selbst auf der Bühne, sondern grazil sich bewegende Roboter! Musikalisch ist das meiste vorprogrammiert, aber wenn die Kraftwerker auf der Bühne stehen, variieren sie live genügend Details, dass jedes Konzert ein wenig anders wird.

Abbildung [16]: Kraftwerk geben ein Konzert in San Francisco

Das Publikum war eine interessante Mischung aus in San Francisco wohnenden Deutschen, Oberliga-Computer-Hackern (Brian Behlendorf habe ich erkannt) und schwarzen DJ-Typen.

Gerührt denke ich daran, dass ich ihre Platte "Trans Europa Express" aus dem Jahr 1977 noch als Vinyl-Scheibe besitze, die in der Nähe von Augsburg in einem Dachboden in einer Umzugskiste lungert!

Das Rundbrief-Top-Produkt

Abbildung [17]: Der Olympus VN-900 Voice-Recorder

Ha, schon wieder eine verrückte Idee! Allerdings kommen die besten Einfälle in den unmöglichsten Situationen und wenn man sie nicht sofort notiert, vergisst man sie so schnell wie sie kamen. Deshalb habe ich mir schon seit Jahren angewöhnt, jeden Hirnschwurbel sofort festzuhalten. Natürlich hat man nicht immer Stift und Papier dabei und wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt sause oder es in der Eisenbahn ruckelt, schreibt's sich schlecht. Deshalb führe ich seit geraumer Zeit immer ein kleines digitales Diktiergerät mit. Und zwar überall: auf Reisen, im Auto, auf dem Fahrrad, im Flugzeug und sogar im Fitnessstudio.

Auf den Voice-Recorder VN-900 von Olympus kann ich blitzschnell Kurznachrichten aufsprechen, die "das Digi", wie ich es nenne, dann in erstaunlicher Qualität digital festhält. Bis ich Zeit habe, sie in Projekte umzuformen und in meinen Terminkalender einzutragen. Das Digi kann ich mit einer Hand bedienen, ohne hinzusehen, und es speichert sogar Datum und Uhrzeit des Aufspruchs mit. Und dabei ist es nur unwesentlich größer als ein Einwegfeuerzeug, deutlich kleiner als selbst die kleinsten Mobiltelefone und kostet nur etwa 35 Dollar. Er speichert bis zu 100 Nachrichten, maximal 30 Minuten, aber soviele Ideen hat kein Mensch. Und die Batterien halten ewig. Gut, dass ich neulich eine Notiz draufgesprochen habe, das Digi als Rundbrief-Top-Produkt anzupreisen! Wenn ich mir übrigens das soeben geknipste Foto ansehe, frage ich mich, ob ich nicht als Hand-Model für die Werbeindustrie arbeiten sollte. Was sagt ihr?

Hawaii - Big Island

Abbildung [18]: Angelika sitzt unter der Palme

Angelika: Münchener fahren zum Skifahren in die Berge, Oldenburger zum Einkaufen in die holländische Stadt Groningen und Kalifornier zum Ausspannen nach Hawaii. Ihr ahnt es schon: Wir waren wieder auf Hawaii. Da wir mittlerweile schon jede der bewohnten hawaiianischen Inseln bereist haben, dachten wir uns, fangen wir mit "Big Island" wieder von vorne an. Nur zur Erinnerung: "Big Island" heißt offiziell eigentlich Hawaii. Da Hawaii aber auch der Sammelbegriff für die Inselgruppe ist sowie den Bundesstaat bezeichnet, spricht jeder von "Big Island". Der etwas fantasielose Name bezieht sich rein auf die Größe der Insel.

Abbildung [19]: Rote Blume im Gebüsch

Warum zieht es uns immer wieder nach Hawaii? Ganz einfach: Das Wetter ist bombig, der Ozean schön warm, die Strände können sich sehen lassen. Man braucht kein Visum oder lästige Impfungen, es gibt keine Malaria, jeder spricht englisch, die Landschaft offenbart sich exotisch ohne den Zusatz von lästigen, giftigen Schlangen oder sonstigem gefährlichen Getier. Das Schlangenargument steht vor allem Dingen bei Michael hoch im Kurs. "Schlänglein" sind nicht so sein Ding und ich erinnere mich an unsere Australienurlaube, in denen er mich auf Wanderwegen immer vorausschickte, um die Schlangensituation zu prüfen, denn Australien beherbergt bekanntlich die giftigsten Schlangen der Welt. Aber ich schweife ab.

Abbildung [20]: Palme am Strand

Lustigerweise liebte uns in diesem Urlaub das Kleingetier sehr. Es begann damit, dass ich im Ozean auf einen Seeigel trat. Ich dachte allerdings zunächst, dass ein spitzer, langer Dolch sich in meinen Fußballen gerammt hätte, um diesen zu spalten (ungelogen - so fühlt sich das an). Todesmutig zog ich den Stachel raus, konnte aber im aufgewühlten Ozean nichts sehen. Also humpelte ich aus dem Wasser und untersuchte meinen Fuß am Strand. Ich entdeckte einen leicht blutenden Schnitt. Ein cooler Surfer, der an unserem Strandplatz vorbeischlenderte, inspizierte meine Wunde und brachte die Seeigel-Theorie auf. Er erläuterte freundlich die auf der Insel praktizierten Behandlungsmethoden: Zunächst auf die Wunde pinkeln oder den Fuß in Essigwasser baden, um den brennenden Schmerz zu lindern, dann die Stachel mit einer Pinzette aus der Wunde prokeln. Krankenpfleger Michael, auch genannt "Rabiato", nahm sich der Entfernung der Stachel an. Am nächsten Tag war alles vergessen, nur dass die Leute, die mit mir im Ozean plantschten, sich wahrscheinlich etwas wunderten, warum die Frau im roten Bikini auf dem weichen sandigen Boden wie auf Eiern lief. Einmal auf einen Seeigel treten reicht.

Abbildung [21]: Mörderspinne am Mietauto. Angeblich nicht giftig.

Einige Tage später besuchte uns dann eine riesige Spinne, die die Fahrertür unseres Mietautos als lauschiges Plätzchen ansah. Michael taufte sie sofort "Mörderspinne". Und als ich ihm dann auch noch aus dem Reiseführer vorlas, dass es tatsächlich eine gefährliche Spinnenart auf Hawaii gibt, nämlich die "Schwarze Witwe" ("black widow spider"), gab es kein Halten mehr für Michael. Ansonsten teilten wir uns unsere Unterkunft aber nur mit den in den Tropen obligatorischen, insektenfressenden, völlig harmlosen Geckos, die auf Big Island leuchtend grün sind.

Abbildung [22]: Ein kleiner Gecko im Blumentopf auf der Terrasse

Michael: Ist völlig normal, dass Geckos in der Wohnung herumstreunen. Die putzigen eidechsenartigen Reptilien geben hin und wieder einen leisen froschähnlichen Laut wie "E-cko!" von sich, krabbeln auf Saugnapffüßen an den Wänden hoch, lungern bevorzugt in der Nähe von Lampen herum und schnappen sich mit eleganten Bewegungen lästige Stechmücken und anderes Ungeziefer. Ich achte immer darauf, dass genügend Geckos in der Wohnung sind. Nichts ist beruhigender, als in der Nacht eine Mücke schwirren zu hören und zu denken: Dich schnappt gleich der Gecko, bahahahaha!

Abbildung [23]: Angelika balanciert auf dem mit Lava zugebatzten Strand

Angelika: Big Island wirkt mit seinen unterschiedlichsten Landschaften fast wie ein Mini-Kontinent. Wo sonst findet man aktive Vulkane, weiße, schwarze und grüne Strände, Wiesen und Felder, üppigste tropische Vegetation auf der einen Seite und schwarze gehärtete Lava auf der anderen. Auf Big Island kapierte ich das erste Mal so richtig, was es mit Vulkanen auf sich hat und wie neue Erde ensteht. Ja, ich gestehe es, Erdkunde gehörte nicht gerade zu meinen Lieblingsfächern in der Schule. Das mag auch daran liegen, dass mein Klassenlehrer Herr Senst uns zwar in der siebten Klasse mit den Begriffen von Endmoränen und den Auswirkungen der Eiszeit quälte, ich aber mehr mit meiner Wirkung auf das andere Geschlecht beschäftigt war.

Dass gewisser Herr Senst uns Vulkane näher brachte, daran erinnere ich mich nicht. Wahrscheinlich lernt man das sowieso schon in der Grundschule. Als wir an einem Papayafeld vorbeifuhren, tat ich meine Verwunderung darüber kund, wieso auf Lavaerde überhaupt etwas wächst. Michael hielt mir daraufhin den Vortrag, dass das die fruchtbarste Erde aller sei und man dies schließlich in der Schule lerne. Er kramte sogar noch den Namen dieses besonderen Bodens aus seinem Gedächtnis hervor. Hmm, ich dachte bisher immer, dass er seine Schulzeit fußballspielend auf der Straße und nicht in die Schulbücher vertieft verbrachte. Neben diesen geologischen Betrachtungen kommen einem auf Big Island auch immer philosophische in den Kopf, wenn sich zum Beispiel das zarte grüne Pflänzlein mutig den Weg durch die harten schwarzen Gesteinsmassen bahnt.

Abbildung [24]: Eine Plantage von Papaya-Bäumchen

Dieses Mal wanderten wir übrigens nicht zur fließenden Lava (vgl. Rundbrief 11/2000), da diese sich gerade nicht oberirdisch den Weg zum Ozean bahnte. Dafür fuhren wir zum "Lava Tree State Monument" (= Park der Lavabäume). Dort recken sich bizarr aussehende Lavabaumstämme gen Himmel. Sie entstanden 1790, als Lava durch diesen Regenwald floss. Teile der Lava erstarrte an den feuchten Baumstämmen und obwohl die Bäume selbst verbrannten, blieben die geformten Lavahüllen stehen. Es hätte mich in diesem Park auch nicht gewundert, wenn ein Dinosaurier um die Ecke gebogen wäre.

Abbildung [25]: Ein Baumstumpf aus Lava im Lava Tree Monument Park

Auf Big Island (und Hawaii im allgemeinen) fasziniert mich immer wieder aufs Neue wie amerikanisch es ist -- und dann wieder doch nicht: Es gibt das obligatorische amerikanische Fast Food, die gleichen Geschäftsketten sowie das identische Fernsehprogramm. Auch die Straßenschilder unterscheiden sich auf den ersten Blick natürlich nicht vom Festland, der zweite Blick offenbart es dann aber: Kealakekua, Laupahoehoe, Anaeho'omalu.

Abbildung [26]: Typisch hawaiianische Straßennamen

Der Tourist findet Resorts und Golfplätze, aber auch Überbleibsel uralter hawaiianischer Kultur, wenn er sich auf etwas abwegigere Pfade begibt. Wir wanderten zum Beispiel zur Opferstätte Mo'okini Heiau, die als einer der ältesten hawaiianischen Tempelanlagen gilt. Der durch Steinhaufen begrenzte Freilufttempel befindet sich an der zugigen Nordspitze der Insel und wir mussten einige riesigen Pfützen umgehen, um zu ihm zu gelangen. Die Überlieferung besagt, dass hier auch Menschen den Göttern geopfert wurden. Das glaubte ich sofort: Denn der Tempel liegt so weit vom Schuß, da sieht und hört niemand etwas.

Abbildung [27]: Panorama-Aufnahme der Opferstädte Mo'okini Heiau

Abbildung [28]: Pfütze vor Meer

Zurück zum heutigen hawaiianischen Lebensstil: Die Bewohner lassen sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen und geschafteln nicht ununterbrochen herum. So erlebten wir zum Beispiel wie ein typischer New Yorker Familienvater mit Frau und zwei Kindern an dem Strandverleih wilde Hektik verbreitete, weil er noch diesen und jenen Klappstuhl sowie Sonnenschirm brauchte. Das interessierte den Verleihtypen nicht die Bohne. Stoisch und wie in Zeitlupe reichte er ihm alles. Die Hektik prallte einfach an ihm ab. Auch dass um 11 Uhr morgens meist schon alle Sonnenschirme verliehen waren, setzt in Hawaii nicht unbedingt den amerikanischen Unternehmergeist in Gang, mehr Sonnenschirme zu kaufen, um mehr verleihen zu können. "Hang loose" (= locker bleiben) ist das Motto der Insulaner.

Abbildung [29]: Immer locker bleiben: Bierwagenfahrer in Hilo

Nachtrag zur Homo-Ehe

Wir berichteten im letzten Rundbrief ja ausführlich über die Ausgabe von Heiratsurkunden an gleichgeschlechtliche Paare in San Francisco (Rundbrief 03/2004). Über 4000 Paare konnten heiraten, bevor der kalifornische oberste Gerichtshof am 11. März diesen Akt des zivilen Ungehorsams zunächst stoppte. Wie schon angekündigt bereiten sich Befürworter und Gegner der gleichgeschlechtlichen Ehe auf einen länglichen Rechtsstreit in Kalifornien vor. Im Bundesstaat Massachusetts hingegen ist der Traum der Homo-Ehe seit dem 17. Mai Wirklichkeit. Homosexuelle Paare erhalten den Trauschein mit allen Rechten und Pflichten, die in Massachusetts auch heterosexuellen Paaren gewährt werden. Das Ganze hat allerdings einen Pferdefuß, denn das Parlament drückte durch, dass im Jahr 2006 die Wähler darüber abstimmen, ob die Homo-Ehe in Massachussets Bestand haben wird. Aber bis dahin läuten auf jeden Fall die Hochzeitsglocken.

Aktuelles zum Krieg

Seit Wochen sind die Zeitungen voll von Abhandlungen und Diskussionen über die Folter, die amerikanische Soldaten im Irak verübten. Schlaue Köpfe diskutieren darüber, wie es dazu kam und was man dagegen unternehmen sollte. Politiker, Psychologen und Philosophen und das normale Fußvolk melden sich zu Wort. Auch an einer Bandbreite von Reaktionen mangelt es nicht: tiefste Empörung, Beschwichtigungen, Schuldzuweisungen. Überrascht war ich über das Verhalten der amerikanischen Soldaten nicht, denn auch in anderen Kriegen wie z.B. im ehemaligen Jugoslawien kam es immer wieder zu völlig unmenschlichen Verhaltensweisen von allen möglichen Seiten. Tatsache bleibt, dass ein demokratischer Staat schon verloren hat, wenn er Krieg als ein legitimes, politisches Mittel ansieht.

Grüße aus San Francisco, der Stadt mit der absoluten Mehrheit gegen Bush:

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-May-2017