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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 47  
San Francisco, den 07.12.2003
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Rundbrief


Abbildung [1]: "Dad's Bail Bonds"

Michael Wird jemand in Amerika wegen eines Verbrechens verhaftet, gibt es -- wie in Deutschland auch -- die Möglichkeit, dass der Untersuchungsrichter den Gefangenen bis zur eigentlichen Gerichtsverhandlung auf Kaution freigibt. Besteht keine direkte Fluchtgefahr, ist das durchaus üblich. Wegen Kleinigkeiten wie Marihuana-Besitzes sind etwa 5.000 Dollar beim Gericht zu hinterlegen, bei schwereren Verbrechen kann die Summe aber schnell mal 100.000 Dollar erreichen. Bei Michael Jackson waren es kürzlich 3 Millionen Dollar. Die Kaution gibt's zurück, wenn der Angeklagte zur Gerichtsverhandlung erscheint.

Wer das dringend benötigte Geld nicht hat oder von der Bank bekommt, für den gibt's in den USA eine spezielle Industrie: Die "Bondsmen", die "Bail Bonds" (Kautionsbürgschaften) ausstellen. Diese Kleinbetriebe siedeln sich üblicherweise rund um die Gerichte an. In etwas zwielichtigen Büros der Marke "Phil Marlowe" stellen sie den ebenfalls zwielichtigen Angeklagten gegen eine ordentliche Gebühr (etwa 10% der Kautionssumme) Bürgschaften aus. Um das Risiko im Rahmen zu halten, wird der Bondsman zunächst versuchen, Verwandte des Angeklagten und seinen Eigenbesitz einzuspannen, aber zu einem nicht unerheblichen Teil muss er dem Angeklagten wirklich trauen und ein kalkuliertes Risiko eingehen: Falls der Angeklagte nicht zur Verhandlung erscheint, muss der Bondsman dem Gericht die volle Kautionssumme zahlen.

Vor dem "San Francisco Criminal Court" in der Bryant-Street im SoMa gibt's ein paar Dutzend dieser kleinen Büros, die oft mit charmanten Schildern bei den bösen Jungs für ihre Dienste werben. Die Fotos für dieses Rundbriefthema hat der mit dem Fahrrad durchs SoMa rasende Rundbriefreporter mit zitternden Händen geschossen, denn die schrägen Typen, die dort zugange sind, lassen nicht mit sich spaßen. Die Firma "Bad Boys Bail Bonds" ist übrigens landesweit bekannt, die macht sogar Werbung im Fernsehen. Und sogar "Aladdin Bail Bonds" und "Dad's Bonds" gibt's!

Abbildung [2]: Die Kette "Aladdin Bail Bonds"

Abbildung [3]: "Bad Boys Bail Bonds"-Werbung im Fernsehen

Büchst der Angeklagte tatsächlich aus und erscheint nicht zum Verhandlungstermin, was in etwa 20% aller Fälle vorkommt, hat der Bondsman ein Problem und nur noch eine Chance: Er muss den Angeklagten innerhalb der so genannten "Grace Period" (in Kalifornien 6 Monate) herbeischaffen und bei der Polizei abliefern -- sonst wird's teuer. Für diesen Fall halten sich viele Bondsmen so genannte "Bounty-Hunter", verwegene Kopfgeldjägertypen, die im Ernstfall ausrücken und versuchen, den Ausgebüchsten mit Methoden hart am Rande der Legalität einzufangen und gegen eine vom Bondsman gezahlte Prämie (meist 10% der Kautionssumme) abzuliefern.

Da gibt es legendäre Gestalten wie Ray Hawkins, einen verwegenen Bounty-Hunter, der behauptet, in seinen mittlerweile 50 Dienstjahren 7000 Ausgebüchste eingefangen zu haben! Die professionellen Bounty-Hunter leisten ganze Arbeit: In 87 Prozent aller Fälle schleppen sie die Flüchtigen an. Und sie müssen nicht mal zimperlich mit ihnen umgehen: Nach einem Urteil des Supreme-Courts von 1873 dürfen die Bounty-Hunter den Kautionsflüchtling, der bis zur offiziellen Festnahme als eine Art Ware gilt, sogar bei sich daheim einsperren, bis sie ihn sicher bei der Polizei abliefern können.

Früher war das Bounty-Hunter-Geschäft relativ unreguliert, erst seit Januar 2000 gibt es in Kalifornien ein Gesetz für die Ausbildung von Bounty-Jägern. Es schreibt vor, dass der zukünftige Fänger einen 40-stündigen Kurs über Verhaftungstechniken absolviert, einen 12-Stunden-Gesetzeskurs mit Schwerpunkt Kautionsgesetz und eine 3-stündige Ausbildung zum Wachmann. Wieviele Bounty-Hunter es in den USA gibt, weiß man nicht genau -- die Schätzungen gehen von 1200 bis 7000.

In Kalifornien müssen Bounty-Hunter mindestens 18 Jahre alt sein (zum Vergleich: Erst ab 21 darf man Alkohol im Supermarkt kaufen), und ohne Dellen im polizeilichen Führungszeugnis. Um einen Flüchtigen festzunehmen, müssen sie nicht mehr als 6 Stunden vorher bei der Polizei Bescheid sagen. Sie dürfen auch nicht einfach willkürlich in irgendwelche fremden Wohnungen einsteigen oder die Leute mit Uniformen oder Erkennungsmarken täuschen. Spätestens 48 Stunden nach einer erfolgreichen Verhaftung müssen sie den Flüchtigen im Polizeirevier abgeben.

Abbildung [5]: "Dad's Bail Bonds" mit geöffneter Bar

Für Erfolg in diesem rauhen Geschäft braucht der Bounty-Hunter einen guten Draht zur Unterwelt und ein Händchen für den Umgang mit bösen Jungs. Er muss wissen, wo die Unterwelt-Bars sind, in der die schrägen Vögel abhängen. Er schnüffelt wie ein Privatdetektiv bei Angehörigen und verflossenen Freundinnen herum, die dem Vogel eventuell eins auswischen wollen. Er verstreut Gerüchte in der Unterwelt und bringt die aufgeschreckten Gauner dazu, bei getürkten Telefonnummern anzurufen, die dann wiederum das anrufende Telefon lokalisieren.

Einer der berühmtesten Bondsmen von San Francisco ist kein Mann sondern eine 60-jährige Frau namens Mackenzie Green von der Bail-Bond-Agentur "Mackenzie Green and Partner", die bekannt dafür ist, dass sie fast jede Bürgschaft übernimmt. Für den Fall, dass einer ihrer Klienten sich verdünnisiert, hält sie sich ein paar Muskelmänner als Unterstützung, geht aber nach wie vor -- für den "Kick" -- selbst auf Bounty-Jagd.

Habt auch ihr Abenteuerluft geschnuppert? Auf dem Internet gibt's ein Ausbildungsseminar zum Bounty-Hunter und sogar ein Zertifikat für das Bail-Enforcement-Training.

San Francisco Ansichten: Mission

Abbildung [6]: Reger Betrieb auf der Mission-Street

Eine der schönsten Errungenschaften in San Francisco ist die internationale Atmosphäre. Man kann innerhalb einer halben Stunde von Japan über Italien und China nach Südamerika fahren. Letzeres Viertel ist gleich bei uns um die Ecke und wenn man von unserem Noe Valley den Berg hinunter in die bunte mexikanische "Mission" steigt, glaubt man seinen Augen und Ohren nicht zu trauen: Alles spricht auf einmal spanisch, man fährt mit abgewrackten Autos, der Müll liegt auf der Straße und mexikanische Humpa-Dumpa-Musik tönt aus Wohnungen und Kneipen. Eine Taqueria neben der anderen bietet Tacos, Burritos, Fajitas und Chile Releno feil.

In der Mission wohnen seit Urzeiten hauptsächlich Leute aus Mexiko und anderen südamerikanischen Staaten: Nicaragua, Peru, Brasilien, Chile. Interessanterweise hat die Mission das wärmste Klima in San Francisco: Nie Nebel, und an manchen Sommertagen ist's tatsächlich so brüllheiß wie in Südamerika. Carlos Santana, die Gitarrenlegende, ist hier aufgewachsen.

Während des Dot-Com-Booms in den späten Neunzigern war die Mission ein ziemlich wildes Viertel, mit Schießereien in jeder Nacht. Bei den neureichen Yuppies galt es aber als extrem schick, sich Apartements in der Mission zu suchen und hypermodern einzurichten. Auf einmal standen zwischen den verbeulten Autos der alten Mission-Bewohner Daimler, Porsches und BMWs. Das wurde nicht gerne gesehen, denn das trieb die Mietpreise nach oben und vertrieb einige der ärmeren Alteingesessenen aus ihrem Viertel, das sie und ihre Familien seit Generationen bewohnt hatten.

Noch heute würde ich keine Nobelkarosse in der Mission parken -- an denen, die dennoch dort stehen, sieht man öfter mal unschöne meterlange Kratzer im Lack, die offensichtlich von verärgerten Leuten mit Absicht herbeigeführt wurden.

Abbildung [8]: Truck, Mission

Auch alternative Kleinbetriebe ließen sich in der Mission wegen der geringeren Mietpreise nieder: Zum Beispiel "Die Werkstatt", eine von einer Deutschen geleitete Motorradwerkstatt. Oder die Firma Timbuk2, die bei Fahrradkurieren beliebte Umhängetaschen herstellt, hat hier ihren Sitz. Jeder Hardcore-Fahrradfahrer in San Francisco trägt so eine. Das ist mehr als eine Tasche, das ist eine klare politische Aussage. Man kann sie in ausgewählten Geschäften in San Francisco kaufen, oder auf dem Web bestellen. Aber gefertigt werden sie: in der Mission.

Abbildung [10]: Auch alternative Internet-Organisationen wie die "EFF" haben ihr Domizil in der Mission aufgeschlagen

Und auch die Electronic Frontier Foundation hat ihren Sitz in der Mission. Das kleine ladenähnliche Büro dient als Zentrale der weltweit bekannten, etwas radikalen Organisation, die sich gegen jedwege Zensur im Internet zur Wehr setzt.

Abbildung [11]: Reklametafel auf Spanisch

Weil die meisten Leute in der Mission spanisch und viele kein Englisch sprechen, ist auch die Werbung an den Plakatwänden oder die Aushänge der Restaurants oft spanisch. Und wohl wegen der Nähe unserer Wohnung zur Mission bekomme ich öfter mal Werbebriefe der Telefongesellschaft in Spanisch (Abbildung 12).

Abbildung [12]: Bin ich Mexikaner oder was?

Was viele Europäer nicht wissen: in den USA gibt es diese sprachbasierte Zwei-Klassengesellschaft. Leute, die nur spanisch und kein Englisch sprechen, arbeiten typischerweise in Niedriglohnjobs: Als Autowäscher oder Küchengehilfe. Der Chefkoch in einem Restaurant muss zum Beispiel fließend spanisch sprechen, da die ganzen Postenköche zum Großteil kein Englisch können. Und während Kellner immer Englisch sprechen, kann es in preiswerteren Restaurants durchaus sein, dass der Gehilfe, der die geleerten Teller nach dem Essen abräumt (der "bus boy") eine auf Englisch gestellte Frage nicht versteht und den Kellner zu Hilfe holen muss.

Abbildung [13]: Auto mit Aufbau, Mission

Abbildung [14]: Viktorianische Häuser in der Mission

Wie in Südamerika üblich, schieben an heißen Tagen Eisverkäufer weiße Handkarren leise bimmelnd durch die Gassen. Uralte Pickup-Trucks mit riesigen von Amateurhand konstruierten Aufbauten kutschieren vorschriftenverachtend meterhohe Ladungen durch die Gegend -- in Deutschland würde so ein Unternehmen nach höchstens fünf Minuten Fahrzeit von der nächsten Polizeistreife aufgehalten.

Abbildung [15]: Der Eiskarrenmann mit Kundschaft

Abbildung [16]: Waschsalon mit Mural

Viele Hauswände zeigen so genannte "Murals", typisch südamerikanische Wandmalereien mit allerlei politischem oder religiösem Inhalt, die besonders bei Sonnenschein mit ihrer Farbenvielfalt dem Viertel seine besondere südliche Note verleihen.

Abbildung [17]: Eine kleine Taqueria

Die Taqueria "La Taqueria" nahe der Kreuzung Mission-Street und 26ster Straße serviert die besten Tacos der Stadt. Dazu bestellt man zunächst an der Kasse, kriegt eine Nummer und muss dann manchmal tierisch aufpassen, wenn diese versehentlich nur auf Spanisch aufgerufen wird. Der Taco-Koch, ein Mann mittleren Alters mit superstreng gekämmten pechschwarzen Haaren, arbeitet in einer Affengeschwindigkeit die Bestellungen ab. Es macht Spaß, ihm zuzusehen, wie er blitzschnell mit dem Messer Fleisch schneidet oder mit Löffeln in die sauber organsierten Beilagentöpfe fährt, um Guacamole, Salsa oder saure Sahne auf die kleinen schmackhaften Kunstwerke zu applizieren. An langen Biertisch-ähnlichen Bänken setzt man sich anschließend bunt gemischt mit anderen Leuten (sonst ein Unding in Amerika, wo jeder seinen eigenen Tisch hat) hin und verspeist die Leckerbissen in einem Riesentrubel mit herumrennenden Kleinkindern.

Abbildung [18]: Blick aus unserem Fenster in SF: Im Hintergrund die Bay-Bridge, im Vordergrund Teile des SoMas und der Mission

Abbildung [19]: "Copy-Controlled" schränkt Verbraucherrechte ein

Und noch ein Kommentar zum Thema: Warum Deutsche auf Ihre Rechte als Verbraucher verzichten und sich am Gängelband der Industrie führen lassen. Die Schallplattenindustrie steckt zur Zeit weltweit ziemlich in der Bredouille, da die Leute statt CDs zu kaufen lieber kostenlose Raubkopien vom Internet herunterladen. Was ist die Antwort der deutschen Schallplattenvertreiber darauf? CDs, die man nicht mehr auf dem Computer speichern kann. "Copy-controlled" heißt diese Volksverarschung. Leute, okay, ich weiss, ihr seid noch nicht soweit, aber versucht trotzdem, mir zuzuhören: In ein paar Jahren wird niemand wird mehr mit Silberscheiben hantieren, um Musik zu hören. Lasst ihr eure Autos vielleicht mit einer Kurbel an? Sind eure Handies so groß wie Ziegelsteine? Genauso lächerlich wird euch in ein paar Jahren das Abspielen von Musik-CDs vorkommen. Ich spiele Musik schon seit einiger Zeit nur über den Computer auf der Stereoanlage ab. Und natürlich nur Musik, die ich vorher legal gekauft habe -- damit habe ich kein Problem. So kann ich auf Knopfdruck in zehntausenden von Songs wühlen, sie zufällig abspielen oder nach Schmuse- oder Hammerfaktor bewerten und meine Auswahl entsprechend der Situation treffen. Auf einem einzigen Computer lassen sich so mehr als 5000 CD-Scheiben abspeichern. Dafür müsstet ihr nach eurer Steinzeitmethode ein extra Zimmer anmieten. Ich kann Songs auf tragbaren Geräten abspielen, die so groß wie eine Streichholzschachtel sind (z.B. der MP3-Player MuVo) und Stereoanlagen-Qualität liefern, selbst wenn man sie auf den Boden wirft -- weil keine rotierende Silberscheibe notwendig ist. Angelika hat so ein Teil, und ist sehr zufrieden damit. Oder hat jemand schon vom iPod gehört? Wer all das einmal erfahren hat, schaut nur noch lachend auf die offensichtliche Idiotie der armen CD-Abspieler herab.

Weil die Musik-Industrie zu dumm ist, ein Verfahren zu finden, das das bisher funktionierende System (Kopien für privaten Gebrauch und Freunde praktiziert, aber keine unbegrenzten Raubkopien) digital nachzubilden, schleichen sich immer mehr so genannte "Copy-Controlled" CDs auf den deutschen Markt. Dieses Verfahren schränkt die Rechte des Verbrauchers ein, der viel Geld für Musik zahlt und sie nicht voll nutzen kann, weil sich die Musik nicht mal auf dem eigenen Computer speichern lässt. Zurück in die Steinzeit, nur weil in der Schallplattenindustrie nur Holzköpfe arbeiten? I don't think so.

Leute, setzt euch zur Wehr! Lasst euch nicht von den Schallplattenfritzen verschaukeln. Macht's wie die Leute in Amerika: Kauft einfach diese CDs nicht mehr. Legt Wert auf eure Rechte. Das Resultat des Copy-Control-Irrwegs in den USA: Amerikanische Verbraucher forderten vehement ihre Rechte ein und diese CDs verschwanden mangels Absatz so schnell von den Regalen, wie sie gekommen waren. Nicht so in Deutschland: Die Deutschen haben scheint's kein Problem damit, gleichviel Geld für weniger Rechte hinzulatzen. Wacht auf! Wer solche CDs kauft, schlägt nicht nur seinen eigenen Anspruch auf vernünftig nutzbare Qualität in den Wind, sondern hilft auch noch mit, die Rechte anderer einzuschränken. Macht Schluss damit! Da müsst ihr noch viel lernen, meine Lieben.

TiVo Hacking

Abbildung [20]: Eine Instant Message (AIM-Nachricht) erscheint im Fernsehkasten dank Tivo!

Vor etwa zweieinhalb Jahren habe ich euch im Rundbrief 05/2001 den TiVo-Kasten vorgestellt, das Gerät, das in den USA einen zweiten Urknall in der Geschichte des Fernsehens verursacht hat. Ich würde mal schätzen, dass mittlerweile fast 50% aller Amerikaner wissen, was ein TiVo ist. Wisst ihr's? Falls nicht, würde ich vorschlagen, dass ihr schnell im alten Rundbrief nachlest, sonst verschlaft ihr die Revolution.

In Deutschland dauern Wunder ja immer etwas länger, aber inzwischen habe ich erfahren, dass es dort das Gerät gerade als Messeneuheit gibt! Willkommen in der Zukunft, liebe Freunde!

Wer nun freilich glaubt, mit dem Kauf eines TiVos mit uns gleichziehen zu können, hat sich geschnitten: Die zweieinhalb Jahre Technologievorsprung haben die Amis genutzt, um die Kiste aufzuknacken, in die computer-ähnliche (Linux!) Plattform unter der Haube allerlei selbstgeschriebene Software zu injizieren und die TiVos mit den abgedrehtesten Funktionen zu erweitern.

Das Ganze nennt sich "TiVo Hacking", aber dazu muss ich etwas ausholen. Da gibt es in der Presse diesen Begriff des "Hackers". Das ist im Sprachverständnis von Otto Normalverbraucher jemand, der illegal in fremde Computersysteme eindringt und Daten stiehlt oder sonstigen Schaden anrichtet. Professionelle Programmierer hingegen verwenden den Begriff anerkennend für ehrliche, talentierte Kollegen, während sie die Schlimmfinger "Cracker" nennen.

"TiVo Hacking" siedelt etwa in der Mitte: Man braucht etwas Bastel- und Programmiererfahrung, um einen handelsüblichen TiVo technisch aufzumotzen und mit inoffiziell entwickelter Software auf private Bedürfnisse anzupassen. "Modden" ist gerade mega-in, nicht nur beim Tivo, sondern auch auf den Spielkonsolen "Playstation" und "XBox". Die Firma TiVo erhebt den Zeigefinger und streicht die Garantie, wenn man die Kiste aufknackt -- man spielt also immer mit dem Risiko, seinen TiVo mitsamt lebenslangem Programmservice in einen 500-Dollar-Schrottklumpen zu verwandeln. Andererseits schaut TiVo aber mit einem zwinkernden Auge zu, denn die Masse an Talent, die hochkarätige Leute in den TiVo-Internet-Foren akkumulieren, um die revolutionäre Technologie auszureizen, könnte die kleine Firma nie bezahlen. Und sogar Bücher gibt es mittlerweile zum Thema (Abbildung 21)!

Abbildung [21]: Das derzeit beste Buch zum Tivo-Aufbohren

Beim Internet-Versteigerer ebay.com bieten professionelle TiVo-Aufmotzer, die neue TiVos kaufen, entsprechend den neuesten Untergrund-Erkenntnissen frisieren und dann an den Meistbietenden verhökern, ihre Erzeugnisse feil. Dank der (nach obiger Anleitung natürlich von mir eigenhändig) durchgeführten Modifizierungen kann unser TiVo 140 Stunden Fernsehen aufnehmen und hängt am Internet, sodass ich ihn sogar notfalls vom Büro oder einem Hotelzimmer aus programmieren kann. Und Abbildung 20 zeigt, wie unser TiVo sogar eine auf meinem Computer eingehende Kurznachricht (AIM) ins laufenden Fernsehprogramm einblendet. Da braucht man nicht mühevoll von der Couch aufzustehen, um nachzusehen wer da wieder was will!

Platte des Monats: Fountains of Wayne

Abbildung [22]: Fountains of Wayne: "Welcome Interstate Managers"

Die CD des Monats ist: "Welcome Interstate Managers" von "Fountains of Wayne". Darauf gekommen bin ich, weil hier im Radio gerade "Stacey's Mom" rauf und runtergespielt wird. Aber, Achtung: Wer nicht wie ich im Geiste 18 ist, dem kommt dieser Song der vier New Yorker wahrscheinlich unglaublich kindisch vor. Aber die Scheibe hat mehr: "Bought for a Song" oder "Supercollider" erinnern an die famose britische Combo Oasis, andere, wie "Fire Island", an die genialen Kompositionen von John Lennon. Megagut, sofort kaufen!

Weihnachtsstollen auf Umwegen

Bei unserem Japanbesuch letztes Jahr fiel uns mitten in Hiroshima die "Andersen Bakery" auf, die Backwaren deutschen Standards verkaufte. So etwas kommt in den USA ungefähr nur alle dreitausend Meilen vor. Um so erfreuter sahen wir zu, als in San Franciscos "Japantown" ebenfalls ein "Andersen" aufmachte. Die Verkäuferin dort gestand uns, selber gerne mal das Haupthaus in Hiroshima besuchen zu wollen.

Ende November gab's dort sogar deutschen Stollen, für 9 Dollar das Stück sogar relativ preiswert für eine so exotische Backware im Land des Hamburgers!

Abbildung [23]: Deutscher Stollen aus dem japanischen Laden in San Francisco

Abbildung [24]: Wasserfall im Zion National Park

Angelika Wir verreisen ja bekanntlich gern und dulden keine weißen Flecken auf unserer Landkarte. Wie manche von euch wissen, lernten wir uns anno dazumal in Las Vegas in einer Autovermietungsfirma kennen und fuhren mit einer spontan zusammengewürfelten Gruppe, bestehend aus 8 Leuten, durch die Nationalparks des amerikanischen Westens: Grand Canyon, Bryce Canyon, Canyonlands, Arches. Der Zion (sprich: "Sei-on") Nationalpark stand damals auch noch auf dem Programm, aber die Zeit wurde knapp und ein Wintersturm zog auf, sodass wir nur kurz durch den Park brausten. Ich glaube, wir schossen einige Fotos, aber die Erinnerung an diesen Park war mehr als verblasst. Das galt es zu ändern: Wir setzten uns also Anfang November ins Flugzeug nach Las Vegas, stiegen dort für zwei Nächte im Hotel MGM Grand ab, um dann von dort mit dem Mietauto zum Zion Nationalpark weiterzufahren.

Abbildung [25]: Reger Betrieb vor dem Kasino in Las Vegas

Vom MGM blickten wir auf das Motel 6, in dem vor fast 17 Jahren meine Freundin Marianne und ich nächtigten. Michael hatte sich mit seinem Studienkollegen Christian die Jugendherberge ausgesucht. Das MGM gab es damals noch gar nicht: Typisch Las Vegas, die eindeutig surrealste Stadt Amerikas, die sich stets im rasenden Tempo ändert. Nur eines zeigte für Las-Vegas-Verhältnisse bis vor kurzem Bestand: Die Show der deutschstämmigen Magier Siegfried und Roy. Ihr wisst schon, dass sind die mit den weißen Tigern. Seit fast 30 Jahren trat das Duo in Las Vegas auf, bis vor kurzem ein Tiger den dunkelhhaarigen Roy im Oktober auf der Bühne angriff und schwer verletzte. Ganz Las Vegas trauerte, als wir es besuchten.

Abbildung [26]: Den Roy von Siegfried & Roy hat der Tiger biss'n

Aber nun zum Zion: Die Landschaft des amerikanischen Westens fasziniert mich, seitdem ich sie 1987 das erste Mal sah. Das mag auch daran liegen, dass es in Europa nichts Vergleichbares gibt. Der Zion Nationalpark lässt sich durchaus als Gebirge beschreiben, hat aber mit den Alpen nichts gemein. Die gigantischen, schroffen Felsen schimmern rot, orange und ocker. Ein Fluss zwängt sich durch die gewaltigen Schluchten. Den Zion-Park muss der Besucher erwandern, um ihn richtig zu erleben. Das taten wir natürlich.

Abbildung [27]: Weeping Rock, der "weinende Felsen" im Zion-Park

Als absoluter Höhepunkt gilt die Wanderung mit dem poetischen Namen "Angel's Landing" (=Landeplatz der Engel). Dahinter versteckt sich ein recht beschwerlicher Aufstieg, der zunächst zum Aussichtspunkt "Scout's Lookout" und dann fast einen Kilometer über einen schmalen Bergkamm führt. Es wunderte mich etwas, dass die Parkbroschüren vehement unterstrichen, dass die letzte halbe Meile nichts für kleine Kinder und Leute mit Höhenangst sei. Arrogant -- obwohl ich ein rechter Schisser bin, wenn es um Höhen geht -- ignorierte ich die Warnung, weil ich es einmal wieder für eine übertriebene amerikanische Vorsichtsmaßnahme hielt.

Abbildung [28]: An dieser Kette hangelt man sich hoch

Abbildung [29]: Angel's Landing

Ha, das hielt solange an, bis wir Scout's Lookout erreichten und ich in der Ferne kleine Punkte auf einem haarnadeldünnen Grat herumklettern sah: Rechts und links ging es 500 Meter in die Tiefe. Bei den Punkten handelte es sich um "todesmutige" Wanderer, für die das Wort "Höhenangst" nicht existierte. Nach einem kläglichen Versuch, den Bergkamm doch zu bezwingen, deklarierte ich nach 100 Metern Scout's Lookout als meinen Gipfel. Für Michael, der ja bekanntlich das Abenteuer liebt, gab es kein Halten. So bezwang er, sich an Ketten langschängelnd den Gipfel, während ich mit den zarterbesaiteten Seelen am Aussichtspunkt zurückblieb und Gruselgeschichten austauschte. Zum Beispiel, dass letztes Jahr ein Mann seine Frau vom Bergkamm in die Tiefe schubste, um sie zu ermorden, nachdem er zuvor ihre Lebensversicherungssumme erhöht hatte.

Abbildung [30]: Allein am Gipfel: Der rasende Rundbriefreporter

Nach einer Stunde kam Michael wohlbehalten wieder zurückgestiefelt und präsentierte mir auf seiner digitalen Kamera einen Kurzfilm von Angel's Landing.

Video: Angel's Landing: Nichts für Leute mit Höhenangst

Schon beim Ansehen der Bilder schwindelte es mich. Als Michael mir dann noch erzählte, dass einige Wanderer an besonders engen Stellen auf dem Hintern rutschten, um weiterzukommen, dachte ich mir, man muss wirklich nicht alles live erleben.

Abbildung [31]: Valley of Fire -- eine surreale Landschaft

Auf der Rücktour vom Zion machten wir einen kleinen Abstecher in den wenig bekannten Valley of Fire State Park, der etwa 45 Autominuten von Las Vegas entfernt liegt. Eine bizarre Wüstenlandschaft mit Sandsteinformationen einschließlich prähistorischer Indianerzeichnungen erwartete uns. Die Felsen leuchteten in der Sonne Nevadas in den gigantischsten Farben. Also, liebe Rundbriefleser, falls ihr mal in der Gegend und des Glücksspiels müde seid, fahrt in diesen Park - ein absoluter Geheimtipp.

Abbildung [32]: Valley of Fire: Felsformen

Abbildung [33]: Prähistorische indianische Felsmalereien

Um den Park ausgiebig zu erkunden, übernachteten wir in dem nahe gelegenen "Overton", das neben einem Best Western Motel, einem Supermarkt und zwei Restaurants nicht viel an Aufregendem bot. Wenn wir durch die Weiten Amerikas reisen, haut mich stets aufs Neue um, in welchen Käffern (he, ich bin ein Stadtmensch) die Leute so leben. In Overton kommt hinzu, das es mitten in der Wüste liegt. Alles war staubtrocken und von einer gräulichen Schicht überzogen. Die Frage quälte mich, wie die Menschen es hier nur im Sommer aushalten, wenn das Thermometer in unerträgliche Höhen steigt.

Abbildung [34]: Das Wüstenmobil hinter dem Monstertruck

Der Besitz eines überdimensionierten Autos ("truck") mit Anhänger hilft in Overton scheinbar gegen aufkommende Langeweile. Auf dem Anhänger befindet sich meist ein Jeep-ähnliches Gebilde, mit dem man querfeldein durch die Wüstenlandschaft braust. Wer's mag! Aus Ermangelung von Alternativen gingen wir an einem Abend zum Chinesen und am anderen zu einem Diner namens "Sugar's" zum Essen. Dort fielen wir gleich unangenehm als Touristen aus der Großstadt auf, denn Michaels Kopf zierte keine Baseball-Kappe. Als er dann noch die Bedienung fragte, ob sie lokale Microbrews (=oft sehr gute Biere aus kleinen Brauereien) servierten, was mich vor Scham im Boden versinken ließ und diese ihn daraufhin anguckte, als käme er vom Mond, waren wir in dem Lokal vollends als Snobs verschrien. Nur gut, dass uns dort keiner kannte.

Lustig war auch, dass unsere erste Bedienung Michaels Bierbestellung nicht entgegennehmen durfte. Sie erklärte uns freundlich, dass sie noch nicht 21 sei, aber gerne ihre ältere Kollegin an unseren Tisch schicke. Ihr erinnert euch: Erst mit 21 darf man in den meisten Bundesstaaten Amerikas Alkohol kaufen. Dass das Mädel Michael sein Bier aber nicht einmal servieren durfte, wunderte uns dann doch etwas, denn der Bundesstaat Nevada -- schließlich liegt hier Las Vegas -- gilt eigentlich als eher locker, wenn es um "lasterhafte" Verhaltensweisen geht. Vergleichbare Strenge erlebten wir sonst nur in Utah, dem Bundesstaat mit extrem hohen Mormonenanteil, in dem der Zion Nationalpark liegt. Das Kaufen von Alkohol ist hier ähnlich limitiert wie in Finnland. Im Supermarkt gibt es z.B. Bier aber keinen hochprozentigeren Wein. Zurück nach Overton: Am nächsten Tag erwarben wir im Supermarkt eine Flasche Sekt und einige andere Dinge. Es stand ein blutjunger Hüpfer (scheinbar arbeiten in Overton nur Teenager) an der Kasse und als die Sektflasche den Scanner fast erreichte, stoppte die Kassiererin, rief ihre Vorgesetzte über die interne Sprechanlage und sagte, dass sie den Sekt nicht abkassieren dürfe, denn sie sei unter 21 ("under age" wie es hier heißt). Ahhhh!!!!

Bürgermeisterwahl in San Francisco

Abbildung [35]: Die beiden Bürgermeisterkandidaten in den CBS News, links Gonzalez, rechts Newsom

Nachdem wir uns gerade erst von dem Schock erholt hatten, dass "Mr. Terminator" den Staat Kalifornien regiert, brach in San Francisco der Wahlkampf aus. Die Stadt sucht einen neuen Bürgermeister, denn Willie Brown, der acht Jahre lang die Geschicke der Stadt lenkte, muss abdanken, so schreiben es die Wahlgesetze vor. Nun ist San Francisco von jeher eine Insel im amerikanischen Meer: liberal, ein wenig ausgeflippt, fest in demokratischer Hand, sozusagen eine Bush-freie Zone.

Das spiegelte sich auch in den Kandidaten wider. Von den aufgestellten sechs gehörte nur einer der republikanischen -- also konservativen -- Partei an und bekam prompt die wenigsten Stimmen. Matt Gonzalez, ein Grüner, der erst in letzter Minute in das Rennen um den Bürgermeisterposten einstieg, gilt hingegen als Kandidat mit dem linkesten Gedankengut. Gavin Newsom, Umfragen zufolge der Favorit, ist Demokrat, aber böse Zungen in San Francisco beschreiben ihn häufig als verkappten Republikaner - eine etwas überspitzte Charakterisierung. Der wohlhabende Geschäftsmann Newsom sieht sich selbst als Anhänger der politischen Mitte ("centrist") und vertritt vor allen Dingen die wirtschaftlichen Interessen der Firmen und Geschäfte in San Francisco.

Ins deutsche Parteiensystem übertragen wirkt er auf mich eher wie ein dynamischer FDP-Mann. Aber auch Newsom ergatterte am 3. November nicht die 50% der verlangten Stimmen, um die Wahl zu gewinnen. Da Gonzalez auf Platz 2, allerdings deutlich hinter Newsom (40000 Stimmen) landete, kommt es am 9. Dezember zur Stichwahl und seitdem scheint sich die Stadt in das Gonzalez- und das Newsom-Lager zu spalten.

Abbildung [36]: Newsom-Werbung

Gonzalez, der erst vor drei Jahren von der demokratischen Partei zu den Grünen wechselte, erinnert mich immer an Joschka Fischer in seiner Sturm-und Drangphase, als er noch in Turnschuhen und Jeans im Bundestag saß und jeder in Deutschland grüne Politiker belächelte. Die Grünen haben es nach wie vor schwer in Amerika, nur 1% der Wähler bekennen sich zu ihnen. In San Francisco sind's drei Prozent. Es käme also einer Sensation gleich, wenn San Francisco, einer an der Westküste nicht unbedeutenden Stadt, demnächst ein grüner Bürgermeister vorstände.

Ich glaube allerdings, dass für die Leute in San Francisco das grüne Parteibuch in den Hintergrund tritt. Es zählt allein die Zukunft der Stadt. Natürlich stehen durchaus "grüne" Ideen auf Gonzalezes Programm, z.B. verspricht er, zur Freude Michaels und der anderen eingefleischten Fahrradfahrer von San Francisco (eine durchaus nicht zu unterschätzende Truppe), die Fahrradwege, so genannte "bike lanes", in San Francisco flächendeckend auszuweiten. Die MUNI, der öffentlicher Verkehrsbetrieb, der Straßenbahnen, Busse und Cable Car unter sich vereint, soll nach Gonzalez von nun an für Senioren, Jugendliche und Behinderte nichts mehr kosten. Er setzt sich dafür ein, dass große Ladenketten aus San Franciscos Vierteln fernbleiben, ein heißes politisches Thema in dieser Stadt. Und er will größere Unternehmen stärker besteuern.

Abbildung [37]: Matt Gonzales auf Chinesisch mit Blick auf Alkatraz

Beliebt machte er sich beim hartarbeitendem Mann dadurch, dass er in seiner Funktion als amtierender Stadtrat das Volksbegehren unterstützte, den Mindestlohn in San Francisco auf $8.50 (zum Vergleich: der Mindestlohn in Kalifornien beträgt zur Zeit $6.75) heraufzusetzen, was die Wähler am besagten 3. November mit großer Mehrheit annahmen. Seine arbeitnehmerfreundliche Einstellung bringt ihm auch bei den in der Mission lebenden südamerikanischen Einwanderen Zustimmung ein. Außerdem spricht er spanisch, denn er ist in einem zweisprachigem Haushalt (spanisch - englisch) aufgewachsen, in der texanischen Stadt McAllen, die vier Meilen von der mexikanischen Grenze entfernt liegt. Später studierte er Jura an der renommierten Universität Stanford und arbeite als Pflichtverteidiger in San Francisco. Durch Zufall klickte ich neulich einmal durch die diversen Fernsehkanäle und blieb gebannt bei einer eigentlich langweiligen Stadtratssitzung hängen. Einer der Stadträte fiel durch seine charmanten, intelligenten, substanzhabenden Diskussionsbeiträge auf. Ihr habt es erraten: Ich war auf Matt Gonzalez gestoßen. Selbst seine politischen Gegner bemerken stets bewundernd, dass Gonzalez nicht käuflich ist, eine erfrischende Abwechslung, denn Willie Browns Vetternwirtschaft erlangte Berühmtheitsstatus während seiner Zeit als Bürgermeister.

Abbildung [38]: Ein kleines Wahlplakat im Fenster für Matt Gonzalez

Aber nocheinmal zurück zu Newsom: Es gibt nur ein Thema, das die Gemüter in dieser Stadt mehr erhitzt, als die Unzuverlässigkeit der MUNI: das Obdachlosenproblem. Bis jetzt versprach noch jeder Bürgermeisterkandidat, dieses Problem auf Dauer zu lösen und jeder scheiterte (einschließlich Willie Brown) kläglich daran. Newsom ging dieses Problem, schon liebäugelnd mit dem Bürgermeisteramt, in seiner Funktion als Stadtradt an mit seiner blumigen Kampagne "Care not Cash" (Frei übersetzt: Fürsorge statt Bargeld.), die die Stadt völlig polarisierte. Hinter der Kampagne verbirgt sich die Idee, für obdachlose Sozialhifeempfänger Bargeldauszahlungen drastisch zu reduzieren und durch Anspruch auf Hilfsleistungen wie Unterkunft, Essen, Drogenentzug zu ersetzen -- also sicherzustellen, dass das Bargeld nicht in Drogen und Alkohol umgesetzt wird.

Nun mag die Idee zunächst vernünftig klingen, bloß gibt es in San Francisco schon jezt nicht genug Obdachlosenheime geschweige denn günstigen Wohnraum oder Therapieplätze, vor allen Dingen für den hohen Anteil psychisch Kranker, die auf San Franciscos Straßen leben. Um es kurz zu machen: "Care not Cash" gelangte als Volksbegehren "Proposition N" im November 2002 vor die Wähler, erhielt fast 60% und endete gleich darauf in den Gerichtssälen. Dort gab es Schelte für Newsom, denn der Richter befand, nur der Stadtrat (und nicht ein Volksbegehren) könne darüber entscheiden. Nach einem ewigen juristischen Gezerre stimmte der Stadtradt erneut über "Care not Cash" ab - und zwar dagegen.

In Amerika stößt man übrigens in jedem Wahlkampf auf die so genannten "Endorsements" (= Befürwortung, Unterstützung). Zeitungen z.B. bekunden kurz vor der Wahl offen und sehr direkt in ihren Leitartikeln, für wen ihre Leser wählen sollen. Die Vorstellung, dass die Süddeutsche Zeitung hier schreiben könnte, "Wählt Schröder!", amüsiert mich dabei stets köstlich. Aber nicht nur Zeitungen "endorsen" bestimmte Kandidaten, sondern auch Gewerkschaften und alle möglichen anderen Interessengruppen. Zum wichtigen Teil eines jeden Wahlkampfes wird deshalb, wer wem die Zustimmung ausspricht. Al Gore und Willie Brown unterstützen z.B. Newsom, was viele Wähler ohne Frage beeinflusst. Wen ich "endorse", interessiert mal wieder niemand. Ein Elend! Ich will einen grünen Bürgermeister!

Aber egal ob es am 9. Dezember Newsom oder Gonzalez schafft, San Franciscos Bürgermeister wird ein junger Spund: Newsom ist 36 und Gonzalez 38.

Grüße aus der Stadt, die jung hält:

Michael und Angelika

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Spezialthemen:
USA: Schulsystem-1, Schulsystem-2, Redefreiheit, Waffenrecht-1, Waffenrecht-2, Krankenkasse-1, Krankenkasse-2, Medicare, Rente, Steuern, Jury-System, Baseball, Judentum
Immigration: Visa/USA, Warten auf die Greencard, Wie kriegt man die Greencard, Endlich die Greencard, Arbeitserlaubnis
Touren: Alaska, Vancouver/Kanada, Tijuana/Mexiko, Tokio/Japan, Las Vegas-1, Las Vegas-2, Kauai/Hawaii, Shelter Cove, Molokai/Hawaii, Joshua Nationalpark, Tahiti, Lassen Nationalpark, Big Island/Hawaii-1, Big Island/Hawaii-2, Death Valley, Vichy Springs, Lanai/Hawaii, Oahu/Hawaii-1, Oahu/Hawaii-2, Zion Nationalpark, Lost Coast
Tips/Tricks: Im Restaurant bezahlen, Telefonieren, Führerschein, Nummernschild, Wohnung mieten, Konto/Schecks/Geldautomaten, Auto mieten, Goodwill, Autounfall, Credit Report, Umziehen, Jobwechsel, Smog Check
Fernsehen: Survivor, The Shield, Curb your Enthusiasm, Hogan's Heroes, Queer Eye for the Straigth Guy, Mythbusters, The Apprentice, The Daily Show, Seinfeld
Silicon Valley: Netscape-1, Netscape-2, Netscape-3, Yahoo!
San Francisco: SoMa, Mission, Japantown, Chinatown, Noe Valley, Bernal Heights
Privates: Rundbrief-Redaktion
 

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Letzte Änderung: 11-May-2017